FYI.

This story is over 5 years old.

Popkultur

Ich habe eine Facebook-Gruppe für Rassisten getrollt

Wie pöbelnde Vollidioten zu jüdischen Homosexuellen wurden, die Michelle Obama und Hillary Clinton lieben und sich für die Rechte von Schwarzen und Muslimen einsetzen.
6.8.15
Das neue Gruppenbild. Screenshot: bereitgestellt vom Autor

Das Konföderierten-Facebook ist ziemlich einfach zu finden. Klicke einfach auf einen beliebigen Artikel über eine Polizeischießerei und scrolle dann runter bis zu den Kommentaren. Da dort meistens auf die Facebook-Accounts der Leute verlinkt wird, muss man einfach nur jemanden mit der Konföderierten-Flagge als Profilbild raussuchen, der seine rassistische Meinung kundtut, sich das dazugehörige Profil anschauen und auf „Freund/in hinzufügen" klicken.

Anzeige

Jeder Mensch, der im Konföderierten-Facebook unterwegs ist, scheint Freundschaftsanfragen von fremden Person ohne Zögern anzunehmen—dieser Umstand kann wohl auf die guten Manieren der Südstaaten zurückgeführt werden. Deine Freundschaftsvorschläge werden sich dann in einen endlosen, faszinierenden Strudel aus Leuten mit Namen wie Prepper Jeff oder Amanda Rebel verwandeln. Klicke einfach immer weiter auf „Freund/in hinzufügen" und ehe du dich versiehst, wird deine Timeline von fremdenfeindlichen Minion-Memes und rassistischen Looney Tunes-Bildern überschwemmt.

Wie vorherzusehen war, sind die meisten Posts im Konföderierten-Facebook stolze Zurschaustellungen der Konföderierten-Flagge—egal ob nun als Tätowierung, in Hochzeitsfotos, umgeben von brennenden, blauen Totenköpfen oder als Heckscheibenverzierung von Pick-up-Trucks. Aber dann haben die Leute auch Angst davor, dass Präsident Obama sie für ihre rassistischen Facebook-Posts verhaften könnte, oder sie werden sauer, wenn man sie als Rassisten bezeichnet.

So langsam fühlte ich mich doch ziemlich vor den Kopf gestoßen und gestresst und meine Freunde beschwerten sich auch schon darüber, dass alle ihnen vorgeschlagenen Facebook-Profile jetzt eine Konföderierten-Flagge als Profilbild hatten. Viele meiner neuen Online-Bekanntschaften waren froh darüber, mich in ihren Reihen zu haben—schaut euch zum Beispiel mal dieses wunderschöne Bild von einem sich verbeugendem Pferd an, das mir jemand geschickt hat—, andere wiederum nicht wirklich (ein Typ meinte zu mir, ich solle mich verpissen und dem Islamischen Staat beitreten).

Anzeige

Gerade als ich dabei war, die Facebook-Freundschaft zu all diesen Leuten zu beenden und mit dem Trinken anzufangen, wurde ich in eine 2.500 Mitglieder große Gruppe namens „confederate pride, heritage not hate." eingeladen.

Die Gruppe bestand eigentlich auch wieder nur aus dem ganzen alten Palaver über Southern Pride und die Konföderation, gespickt mit ein paar Hasstiraden von einer Handvoll überzeugter Stormfront-Rassisten und Neonazis. Ich fügte ein paar meiner wirklichen Freunde hinzu und wir fingen prompt damit an, die Gruppe richtig aufs Korn zu nehmen.

Zwar ist diese Tatsache schon weitergehend bekannt, aber die Leute, die ihre Identität um einen 150 Jahre alten Grund zur Versklavung von Menschen herum aufbauen, kennen sich mit dem Internet wirklich nicht sehr gut aus. Der Gründer der Gruppe hatte zum Beispiel keine Ahnung, dass jedes Mitglied das Gruppenbild nach Belieben ändern konnte. Also haben meine Freunde ihre eigenen hinzugefügt.

Dann …

Und schließlich …

Irgendein Typ namens Chris beschuldigte mich, ein getarnter Bewohner der nördlichen US-Bundesstaaten zu sein.

Chris war von meiner Unterstellung, dass er aus dem Norden kommen würde, so angepisst, dass er nicht nur Bilder von den ganzen (nicht-nördlichen) Flaggen an seinem Truck postete, sondern auch allen Gruppenmitgliedern seine Telefonnummer mitteilte und verlangte, dass ihn ein Admin anruft, um seine Südstaaten-Überzeugung zu überprüfen.

Unser Freund Lowen rief natürlich sofort bei Chris an, um der ganzen Sache auf den Grund zu gehen. Dabei gab er sich als ein Typ namens Roger aus, der gehört hatte, dass Chris aus dem Norden der USA stammen würde und der Gruppe nur zu Troll-Zwecken beigetreten wäre. Verständlicherweise war Chris darüber nicht sehr glücklich und behauptete, den US-Bundesstaat Texas in seinem ganzen Leben noch nie verlassen zu haben. „Roger" meinte dann, dass Chris angeblich die Staatsflagge von Maine oder New York an seinen Truck gehängt, bei Dunkin' Donuts gearbeitet und zweimal Barack Obama gewählt hätte (und zwar in einem Wahllokal in Brooklyn). Chris war sehr wütend darüber, dass man solch böse Gerüchte über ihn verbreiten würde, und meinte zu Roger, dass dank seinem Freund da oben den Trollen eine Gefängnisstrafe sicher wäre.

Munchies: In den Südstaaten isst man auch mal Erde

Natürlich waren diese ganzen Scherze für den alleinigen und überforderten Gruppen-Admin viel zu viel und er schien auch keine Ahnung zu haben, wie man das Gruppenbild schützt oder die Trolle bannt, deren Anzahl inzwischen schon fast so groß war wie die der Rebellen. Also bot ich ihm im Schock-Strategie-Stil meine Hilfe beim Beseitigen dieser selbst fabrizierten Krise an. Der unglückselige Admin ist auf diese Masche natürlich voll reingefallen.

Als ich schließlich frei über die Gruppe bestimmen konnte, entschied ich mich dazu, eine neue Richtung einzuschlagen. Die Konföderierten-Flagge war meiner Meinung nach zu einem überflüssigen Markenzeichen verkommen. Diese ganze Geschichte von wegen „The South will rise again!" und so weiter hat dank den ganzen unentschiedenen Wählern ebenfalls ausgedient. Also stand ein kompletter Neuanstrich auf dem Programm. Nach eingehenden Fokusgruppen-Tests entschloss ich mich dazu, die Gruppe auf LGBT-Rechte, Michelle Obama, das Judentum, interkulturelle Ehe und die erfolgreiche Juche-Ideologie auszurichten. Und so wurde aus „confederate pride, heritage not hate" die Gruppe „LGBT Southerners for Michelle Obama and Judaism."

Schließlich postete der von allen geschätzte @BrooklynJuggler ein tolles Comic von Benjamin Marra, in dem eine Gruppe Rapper Neonazis und Ku-Klux-Klan-Mitglieder niederschießen. Dieses Bild wurde natürlich sofort ganz oben fixiert.

Juggler verpasste der Gruppe auch gleich eine eigene URL, um unseren neuen Fokus ordnungsgemäß zu repräsentieren. Diese URL kann laut Facebook-Vorgaben nicht mehr geändert werden.

Traurigerweise war nicht jeder mit diesen Änderungen einverstanden. Mehrere Gruppenmitglieder wollten wissen, was es mit diesem „quier stuff" [sic!] auf sich hätte, und drohten damit, die Gruppe zu verlassen. Also machte ich 50 weitere Freunde zu Admins, um den Übergang auch wirklich ordentlich durchzuführen.

In den ersten paar Stunden lief alles reibungslos. Während meine Freunde und ich uns über unsere Sabbatpläne und unsere Partner anderer Hautfarbe unterhielten, hatte ich das Gefühl, endlich einen Platz im Konföderierten-Facebook gefunden zu haben, an dem ich mich wohl fühlte. Aber dann kam der Original-Admin zurück und fing damit an, unser Werk zu zerstören.

Das löste unter den Dutzenden Admins einen erbitterten Machtkampf aus, bei dem die Gruppe und ihr Zweck mehrere Veränderungen durchmachen mussten—dabei kamen nicht alle dieser Veränderungen so gut an.

Im Laufe des Tages verlor die Gruppe immer mehr Mitglieder, bis Facebook sie schließlich komplett löschte. Ich habe zwar immer noch meine Dutzenden Konföderierten-Facebook-Bekanntschaften, aber selbst die verlassen mich inzwischen, weil ich angefangen habe, unter jeden ihrer Status-Updates zu schreiben, dass ich ein illegaler Einwanderer wäre. Ein Typ hat mir sogar schon damit gedroht, mich bei den Behörden zu melden.

Und trotz alledem lebt die Geschichte der Südstaaten der USA in Gruppen wie „strait souther confederate nation", Southern Pride, Pride of the Southern Heritage oder Tausend andere Kombinationen der Worte „Southern", „Confederate", „pride", „heritage", „NOT HATE", „DEFINITELY NOT RACIST" und „flag" weiter.

Mein Dank gilt allen Menschen, die an diesem Werk mitgearbeitet haben.