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Vice Blog

Mein Leben ohne Alkohol

Es hat lange gedauert, bis ich mich damit abfinden konnte, Alkohol nicht zu vertragen. Aber inzwischen muss ich mir keinen Mut mehr antrinken und das hat schon was.
12.9.15
Foto: Eneas De Troya via flickr

Gestern war ich zu einer kleinen Feier auf der Dachterrasse einer Freundin eingeladen. Im Vorhinein wurde ich schon rücksichtsvoll nach meinen Trinkvorlieben gefragt, worauf ich meine übliche Antwort gab: Wasser passt schon.

Während für die anderen die Wassermelonen-Bowle bereit steht, schenke ich mir also ein kaltes Glas Leitungswasser ein. An einem lauen Sommerabend auf einer Dachterrasse trinkt es sich auch davon recht nett. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Ja, ziemlich sicher sogar! Ich beobachte den Konsum meiner Mitmenschen im Laufe des Abends und überlege manchmal, wie es mir wohl nach dem dritten Glas Bowle gehen würde. Vermutlich hätte ich schon nach dem ersten Glas Bauchkrämpfe bekommen. Irgendwann kommt dann die Frage „Und warum trinkst du eigentlich nichts?"

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Ich stamme aus einer Stadt am Land, die so klein ist, dass man sich wundert, wie diese überhaupt ihr Stadtrecht erhalten konnte. Dort gibt es diese typischen Festln, wo die Leute sagen, ohne Alkohol hält man das eh nicht aus. Wenn wir draußen fortgehen, biete ich mich gerne als Autofahrerin an. Oftmals ist es allen im Vorhinein schon klar, dass ich fahre. Und das stört mich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil.

Im Laufe der Zeit habe ich bemerkt, dass meine autofahrenden Freunde meist grantig und angepisst in der Ecke stehen und den Abend nicht wirklich genießen können. Während ich auf der Tanzfläche abgehe, ist ihnen alles peinlich und am liebsten wollen sie schon um 2:00 Uhr wieder heimfahren.

Fahre ich jedoch mit dem Auto, sinkt nicht nur die Peinlichkeitsgrenze meiner alkoholtrinkenden Freunde, sondern ich bin meist kabarettreifer Unterhaltung ausgesetzt und komme selten vor 5:00 Uhr ins Bett. Und ich kann mich am nächsten Tag an alles erinnern! Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Mitmenschen erst durch Alkohol auf mein Level auf der „Scheiß dich nicht an"-Skala kommen. Ob das jetzt bedenklich sein sollte, sei mal dahingestellt.

Während ich mich in Kaffeehäusern und Restaurants darüber ärgere, 3 Euro für Mineralwasser zu zahlen und dies meist zähneknirschend dann doch mache, komme ich auf Partys mit deutlich weniger Geld aus. Dort zahle ich meist nur Bechereinsatz für das Leitungswasser. (Eigentlich müsste ich mir schon Unmengen an Geld erspart haben, aber das scheitert leider an allem anderen.)

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Ich lebe nicht alkoholfrei, weil ich Straight Edge bin oder Alkohol so wahnsinnig schlimm finde, sondern, weil ich Nahrungsmittel-Intoleranzen habe, die mich schon bei einem kleinen Glas Lychee-Sekt, einem Achterl Rot oder einer Flasche Bier wie einen Luftballon aufgehen lassen. Das heißt aber nicht, dass mich der Alkoholkonsum anderer Menschen in meiner Gegenwart stört.

Seitdem ich 17 bin habe ich—bis auf ein paar kläglich gescheiterte Versuche—keinen Alkohol mehr getrunken, nun bin ich 24. Genauso, wie Alkohol für viele Menschen zu einer gelungenen Party gehört, tut er das für mich eben nicht. Wenn Fremde danach fragen, habe ich oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Heute weniger als früher.

Wenn man jung ist und keinen Alkohol trinkt, wird man oft komisch angesehen. Es wird einem immer suggeriert, dass das doch vollkommen abwegig ist. Früher habe ich also immer die Ich-bin-Autofahrerin-Karte ausgespielt, denn da gab es keine Fragen. Wenn ich jedem, der danach fragt, meine halbe Lebensgeschichte erzählen würde, um der Person dann noch einmal zu versichern, dass ich ganz sicher keinen Alkohol trinken kann, würde ich wahrscheinlich alt dabei werden—und irgendwann frustriert von jeder Art von menschlicher Kommunikation sein. Heute frage ich mich eher, was mit den Leuten nicht stimmt, wenn ich wieder einmal von jemandem „Wie hältst du das nur aus?" höre.

Wenn ich mir die Menschen ansehe, die nach zwei Stunden auf einer Party schon in einer Ecke schlafen, Schlägereien anzetteln oder bereits draußen kotzen, zweifle ich ehrlich daran, ob ich irgendetwas verpasse. Andererseits würde ich gerne ein Glas Rotwein trinken können, ohne rot anzulaufen. Alkohol ist in Österreich ganz einfach Teil der Gesellschaft. Keinen Alkohol zu trinken befördert einen ein Stück weit ins Abseits. Aber eben auch nur dann, wenn man es zulässt.

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Sicher, mit Wasser auf einen Geburtstag anzustoßen fühlt sich saukomisch an, weil wir Prosten mit Alkohol gelernt haben. Mittlerweile ist das alles aber vollkommen irrelevant für mich, genauso wie für meine Freunde. Ich habe es aufgegeben, Fremden zu erklären, dass das „Eh alles nicht so arg ist" und, dass man ohne Alkohol genau so viel Spaß haben kann.

Nach der Frage „Und warum trinkst du eigentlich nichts?" folgt meist eine ziemlich komplizierte Erklärung meinerseits und ein dementsprechend entgeisterter Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Danach folgt das Standardprozedere: mein Gegenüber zählt diverse Alkoholsorten auf und ich erkläre, warum genau ich diese nicht vertrage.

Ich muss mir keinen Mut antrinken, um den scharfen Typen an der Bar aufzureißen, ich mache es ganz einfach.

Alkoholfrei zu leben hat für mich auch Vorteile—es steigert, so absurd das klingen mag, mein Selbstbewusstsein. Ich muss mir keinen Mut antrinken, um den scharfen Typen an der Bar aufzureißen, ich mache es ganz einfach. Gleichzeitig kann ich Alkohol aber auch nicht als Ausrede für mein Verhalten vorschieben.

Mein Lebensstil hat mich zu einer guten Beobachterin gemacht und es ist immer wieder interessant zu sehen, wie sich betrunkene Menschen verhalten, wenn man sie im nüchternen Zustand kennt. Meistens werden sie nicht nur redseliger und draufgängerischer, sondern auch ein bisschen überheblich und sogar narzisstisch. Genau genommen gibt es bei Alkoholisierten die ganze Bandbreite an Charaktereigenschaften zu entdecken, die nüchterne Menschen um jeden Preis unterdrücken oder ins Private verbannen: von weinerlich über aggressiv bis zu sehr, sehr müde und unendlich angestrengt von allem und jedem.

Einen Freund von mir habe ich wöchentlich—und das über ein halbes Jahr lang—im angetrunkenen Zustand getroffen. Ich hielt ihn für den witzigsten und exzentrischsten Typen, der mir je über den Weg gelaufen ist, nur um eines Nachmittags zu merken, wie schüchtern und zurückhaltend er im nüchternen Zustand ist.

Eigentlich sollte ich jetzt eine Conclusio schreiben, vielleicht sogar ein bisschen die Moralkeule schwingen und euch zur kritischen Auseinandersetzung mit Alkohol raten, als wüsstet ihr das nicht schon längst. Die Wahrheit ist, dass es mich nicht einmal mehr ansatzweise juckt, ob ich Alkohol trinken kann, oder nicht. Es hat lange gedauert, das behaupten zu können. Und ja, es ist wirklich nicht so schlimm.


Titelbild: Eneas De Troya | flickr | cc by 2.0