Die Geschichte des Burka-Pornos hat ein neues Kapitel
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Die Geschichte des Burka-Pornos hat ein neues Kapitel

Wir haben uns mit der Produzentin von ‚Women of the Middle East' unterhalten.
10 August 2015, 5:46am

Im November veröffentliche das Porno-Unternehmen BangBros ein Video, in dem die libanesische Christin Mia Khalifa und die Kubanerin Juliana Vega ein muslimisches Mutter-Tochter-Duo darstellen, das sich Khalifas Biker-Freund vornimmt. Das Besondere dabei: Während der ganzen Szene tragen die beiden Frauen Hidschābs. Das als Mia Khailfa is Cumming for Dinner betitelte Video ist unseres Wissens nach die erste im großen Stil produzierte und verbreitete Porno-Szene, in der ein islamisches Kopftuch als Requisite herhalten musste. Wie zu erwarten war, erlangte die Szene sofort Berühmtheit und löste im Internet eine Lawine der heiligen Entrüstung aus. Die meisten Artikel über Khalifa beschäftigten sich vor allem mit dem Hass, der ihr entgegenschlug. Aber es wurde auch viel darüber spekuliert (unter anderem auch bei VICE), ob der Erfolg von Mia Khalifa is Cumming to Dinner vielleicht den Weg für eine neue Welle an professionell produzierten Hidschāb-Pornos bereiten würde.

Und genau das ist jetzt eingetreten: Women of the Middle East von PornFidelity wurde am 5. August veröffentlicht und ist der erste Porno in Spielfilmlänge, bei dem Hidschābs und Niqabs im Fokus stehen. Und obwohl das ganze Projekt als ein Schritt weg von muslimischer Kleidung als abstrakte Porno-Requisite angepriesen wird, ist es trotzdem so kultursensibel, wie man es sich vorstellt.

In den Monaten nach Khalifas Szene entwickelte sich im Strudel des Schleier-Schweinkrams ein erschreckender Trend: Im Gegensatz zu Amateur-Schleier-Pornos, die noch als Ausdruck muslimischer Sexualität oder als Einblick in die Realität von ausgesprochen konservativen Gesellschaften angesehen werden können, verkam der Hidschāb bei den Mainstream-Schleier-Pornos zu einem voreingenommenen Symbol für die „prüde Frau aus dem Nahen Osten", die vom weißen Mann sexuell gesehen erobert oder befreit werden muss.

Man muss Women of the Middle East jedoch auch zugute halten, dass hier eine etwas andere Herangehensweise gewählt wird. In jeder der vier Szenen kommt ein anderer Schleier—Hidschāb, Niqab, Khimar oder Burka—vor und es wird ein gesellschaftlicher Kommentar zu verschiedenen Aspekten des Status' der Frauen in der islamischen Welt abgegeben.

Wenn einem das für einen Porno jetzt als ein bisschen zu ambitioniert vorkommt, dann ist das auch verständlich, denn ein wenig Skepsis ist hier auf jeden Fall angebracht. Zwar will das Skript den Status quo der Dominanz des weißen Mannes über dunkelhäutige Frauen mithilfe einer Szene voller dominanter verschleierter Frauen auf den Kopf stellen, aber dann kommt das Ganze doch ziemlich ungeschickt rüber. Das Endergebnis mag vielleicht nicht gerade ein Streifen sein, in dem eine prüde, einen Hidschāb tragende Frau einen Gangbang mit aggressiven Amerikanern hat, mutet dann aber trotzdem noch wie eine Fetisch-Fantasie mit weißem Retter-Komplex und einem ganzen Haufen arabisch-muslimischer Stereotype an.

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Die Previews des Films beginnen alle mit einem Vorwort der nicht-muslimischen Produzenten, die darin Schleier unmissverständlich zu einem Zeichen der weiblichen Unterdrückung im gesamten Nahen Osten erklären und ein Verbot fordern. Dieses Intro gibt dann den Ton für einen Film an, der munter eine breite Palette an unterschiedlichen Kulturen, Kleidungsstilen und gesellschaftlichen Umständen zu einem großen Potpourri an reduktionistischen Vorurteilen vermischt. Im Grunde ist Women of the Middle East also ein Paradebeispiel für die banale Ignoranz gegenüber dem Fördern von engstirnigem Gedankengut.

Wir haben Kelly Madison, das Mastermind hinter dem Konzept, dem Skript und dem Casting von Women of the Middle East, zum Gespräch gebeten. Während des Interviews wurde schnell deutlich, dass sich kein Mitglied des Produktionsteams großartig um kulturelle Feinfühligkeit oder grundlegende Recherche geschert hat. Wir haben Madison gefragt, was sie über die Hidschāb-Porno-Welle denkt, wie sie zu den gesellschaftlichen Kommentaren und zur Darstellung des Schleiers steht und wie die Zuschauer den neuen Film ihrer Meinung nach aufnehmen werden.

VICE: Warum hast du dich gerade jetzt dazu entschieden, einen Porno mit Verschleierung zu machen?
Kelly Madison: Mein Mann und ich unterhielten uns über den Mia-Khalifa-Zwischenfall. Zuvor hatte sie bei Twitter vielleicht ein paar Hundert Follower, aber nach ihrer Szene explodierte ihr Account quasi. Zwar zog das Ganze auch ein bisschen Kritik nach sich, aber wir dachten uns: „OK, das ist ein klarer Wegbereiter. Aber wie gehen wir das Ganze an, ohne einfach nur eine verschleierte Frau einen Gangbang machen zu lassen?"

Ich wollte etwas Klügeres. Leider sind Pornos nicht sehr intelligent. [lacht] Mein Ziel war ein Produkt, das auch ein bisschen meine eigene Meinung vertritt: Das, was man mit diesen Frauen macht, ist nicht cool. Gleichzeitig sind sie aber auch wunderschöne, sexuelle Menschen und ich will hübsche Frauen aus dem Nahen Osten in einem Porno zeigen.

Glaub mir, das Schwierigste an der ganzen Sache war das Casting. Im Nahen Osten gibt es nicht viele Frauen, die in Pornos mitspielen wollen.

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Khalifa wurde aufgrund ihrer Szene auch mehrfach bedroht. Hatten eure Darstellerinnen deswegen irgendwie Angst, als sie bei dem Projekt mitmachten?
Als ich mit Nadja Ali ins Gespräch kam, war sie total begeistert, weil ich das Ganze auf eine relativ harmlose Art und Weise darstellte, mit der selbst ihre pakistanischen Landsmänner leben können. Sie musste jetzt ja auch keine Gangbang mit fünf Schwarzen durchziehen oder so. Ihre Szene ist wirklich nicht sehr anstößig. Ihr männliches Gegenstück [Kellys Ehemann, der Regisseur Ryan Madison, ist in jeder Szene zu sehen] wird genau wie sie als Saudi dargestellt, also hat die Szene gar keinen total kontroversen oder verrückten Anstrich. Darüber war Nadja sehr glücklich.

Ansonsten war jeder gleich mit an Bord. Die Darstellerinnen mochten das Projekt und hatten beim Dreh eine Menge Spaß. Ich würde auch niemals jemanden zu etwas zwingen, das er oder sie nicht machen will.

Was genau können wir von Women of the Middle East erwarten?
Zuallererst will ich hier klarstellen, dass ich hier nicht so eine Tragödie wie die von Charlie Hebdo heraufbeschwören will. Unsere vier Szenen repräsentieren im Grunde verschiedene Frauen aus verschiedenen Regionen des Nahen Ostens—und damit auch verschiedene Vorstellungen. Natürlich versuchen wir auch, mit den unterschiedlichen traditionellen Gewändern auch ein wenig anzuecken. Ich habe den Dreh mit folgendem Gedanken begonnen: Für die Frauen aus dem Nahen Osten ist der Schleier nicht nur ein Symbol der Unterdrückung der sexuellen Freiheit, sondern auch ein Symbol solcher Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigung oder häusliche Gewalt.

Es geht darum, den Schleier abzulegen. Ich will hier nicht den gesamten Islam verteufeln, sondern zeigen, dass Frauen sexuell unterdrückt werden, wenn sie ihren Körper nicht zeigen dürfen und versteckt werden. Wir dachten uns, dass man dieses Tabu ansprechen sollte—inklusive sozialkritischen Untertönen.

In der ersten Szene befindet sich Karmen Bella in einer Art Rebellenlager irgendwo im vom Krieg zerrütteten Afghanistan. Natürlich geht es dort nicht so grausam und verrückt zu wie beim Islamischen Staat, denn das will ich auf keinen Fall glorifizieren. Das Ganze mutet eher wie eine weibliche Robin-Hood-Überläufer-Gruppierung an, die gegen die Führungsriege kämpft, weil die Hilfsgelder in die eigene Tasche stecken und gleichzeitig Frauen und Mädchen unterdrücken.

Ich dachte mir: „Ich mache jetzt einfach mal was Verrücktes und lasse Karmen nur einen Niqab tragen." In ihrem Lager hat sie auch einen Typen wie einen Hund angekettet, der anfangs natürlich erstmal unterwürfig agiert. Aber das Ganze ist ja ein Porno und keine Gesellschaftsdokumentation. [lacht] Also verstehen sie sich irgendwann ganz gut, stoßen auf gemeinsame Interessen und dann springen sie auch schon miteinander in die Kiste. Aber auf diese Art und Weise wollte ich darstellen, wie die Frau das Sagen hat—und (abgesehen von dem Niqab) zwar splitterfasernackt. Allein das ist schon irgendwie aufsehenerregend, vor allem in den USA.

„Das soll natürlich ein bisschen schockieren, aber gleichzeitig auch die Fantasie anregen."

Spielt in allen Szenen die Frau die dominante Rolle?
Jede Szene ist anders. In der zweiten äußern wir uns zu Saudi-Arabien und den dortigen verrückten Gesetzen. Frauen dürfen dort zwar nicht Auto fahren, aber es ist kein Problem, sie zu vergewaltigen oder zu schlagen. Sie haben einfach keine Rechte. Also läuft die Szene folgendermaßen ab: Nadia spielt eine kleine, alte Hausfrau, die für ihren Mann alles machen würde. Sie schleicht sich aus dem Haus und fährt mit dem Auto weg. Als ihr Mann das herausfindet, ist er natürlich richtig sauer und droht damit, sie zu schlagen und zu steinigen. Sie meint dann: „Nein, nein, nein, ich habe nichts falsch gemacht!" Schließlich findet er nach der „Bestrafung" im Bett dann heraus, dass sie nur schnell zur Reinigung gefahren ist, damit er nach dem Abendessen frische Kleidung bereitliegen hat. Deshalb fühlt er sich dann auch richtig mies.

Das sind wohl die beiden sozialkritischsten Szenen. In einer anderen spielt Arabelle Raphael die Hauptrolle und sie ist zufällig halb Perserin, halb Tunesierin. Also habe ich gesagt: „Alles klar, hier müssen wir einen klassischen Bauchtänzerinnen-Porno machen." In der vierten Szene habe ich dann mit Nikki Knightly noch etwas auf Film gebannt, das man nicht so oft sieht: Prostitution im Nahen Osten.

Ich habe da jetzt nicht wirklich viel Recherche angestellt—ich meine, es ist ja nur ein Porno. Allerdings fand ich dennoch heraus, dass die Prostitution in Ländern wir Jordanien oder dem Libanon aufgrund der ganzen Flüchtlingen zugenommen hat. Die müssen halt auch irgendwie Geld verdienen. Aber auch im Irak ist wegen des Kriegs die Prostitution auf dem Vormarsch.

In unserer Szene taucht Knightly in einer kompletten Burka auf. Diese Gegenüberstellung war irgendwie cool: Sie ist eine Prostituierte, muss sich in der Öffentlichkeit aber trotzdem voll verschleiern. Das soll natürlich ein bisschen schockieren, aber gleichzeitig auch die Fantasie anregen. Im Grunde haben wir mit diesem ganzen Konzept einfach nur ein wenig Spaß und zeigen, dass diese Frauen nicht nur verhüllt, sondern auch sexuell aktiv sind.

Schleier sind inzwischen ja schon ziemlich lange in aller Munde. Wieso gibt es dann erst jetzt einen vollverschleierten Porno?
Wenn irgendjemand etwas Neues macht, dann liegt immer eine gewisse Energie in der Luft. Wir schauen ja ständig, was unser Umfeld so macht, und kopieren uns gegenseitig. So läuft es in der Industrie eben. Deshalb haben wir nach Khalifas Szene so schnell wie möglich unseren Film gedreht, damit wir als Allererstes so ein Großprojekt machen und veröffentlichen.

„Die Auswahl der Kostüme war super. Einige sind wirklich originalgetreu, aber ein paar habe ich bestimmt auch voll versaut. Die Herausforderung hat mir dennoch viel Freude bereitet."

Als Khalifa Hidschāb-Pornos berühmt machte, dachte jeder, dass es dabei nur um Unterdrückung gehen würde. Wird es in Zukunft mehr von deinen Werken oder mehr Szenen mit unterdrückerischen Elementen geben?
Ich glaube, es gibt einen Haufen Produzenten, die für den Schockeffekt die Darstellerin einfach nur mit einem Niqab bekleiden und dann einen Gangbang machen lassen. Die wollen einfach nur schnell ein bisschen Kohle machen und fertig. Das soll jetzt allerdings nicht heißen, dass bei mir keine finanziellen Interessen da waren ...

Dein Video beginnt mit einer expliziten Botschaft gegen die Verschleierung, „Legt euren Schleier ab, er ist ein Symbol der Unterdrückung" oder so ähnlich. Aber was ist mit den Frauen, die ihren Schleier freiwillig tragen?
Ich kann in einem Porno natürlich nicht alles sagen, was ich sagen will. Ich drehe ja schließlich keine Dokumentation über die Unterdrückung der Frauen.

Vielleicht baue ich im zweiten Teil eine Szene ein, in der die Frau verschleiert bleiben will—so nach dem Motto „Hey, zieh deine Burka aus! - Nein, das will ich nicht."

Aber selbst wenn ein paar Frauen sagen, dass sie ihre Burkas nicht ausziehen wollen, dann liegt das daran, dass sie in diesem Fall in der Öffentlichkeit sexuell belästigt oder geschlagen werden würden. Als Frau, die in ihrem Heimatland alle Freiheiten genießt, will ich ihnen da deswegen nicht widersprechen. Ich will jetzt allerdings auch nicht in ein politisches Amt gewählt werden. Ich will einfach nur einen Porno drehen, der die Leute unterhält und erfreut.

Schöner Nagellack

Ein zweiter Teil? Heißt das, dass die vorab gezeigten Szenen ein Erfolg sind?
Ja, der Online-Traffic ist ziemlich steil nach oben gegangen. Am Anfang dachte ich noch, dass wir mit dem ganzen Projekt unsere Abonnenten vergraulen würden, aber ich habe bis jetzt noch kein negatives Feedback bekommen.

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Willst du sonst noch irgendwas zu deinem Film sagen?
Pornos sind Fantasie und machen Spaß. Einige der hübschesten Frauen der Welt kommen aus dem Nahen Osten. Da ist es für mich als Produzentin natürlich besonders angenehm, genau diese Frauen auf eine schöne Art und Weise als sexuell aktive Menschen in traditionellen Gewändern zu zeigen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Pornos einen doch sehr einschränken, weil man so seine Gesellschaftskritik nicht wirklich zum Ausdruck bringen kann. Deshalb finde ich es ziemlich cool, wenn ich hiermit etwas bewegen kann. Gleichzeitig darf ich mich aber auch nicht zu sehr auslassen, denn ich will die islamische Bevölkerung auf keinen Fall irgendwie vor den Kopf stoßen.

Das ganze Projekt hat mir viel Spaß gemacht. Die Auswahl der Kostüme war super. Einige sind wirklich originalgetreu, aber ein paar habe ich bestimmt auch voll versaut. Die Herausforderung hat mir dennoch viel Freude bereitet.