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Kultur

Le Corbusier war Faschist und ist heute der Stolz der Regierung Baden-Württembergs

Gerade wurden zwei Häuser des Architekten in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung zum Weltkulturerbe ernannt. Und Politik und Medien applaudieren einem Nazi.

von Paul Garbulski
19 Juli 2016, 8:00am

Foto: Wikimedia commons | Gemeinfrei

Wenn du von deinem Fahrrad Schutzbleche, Gangschaltungen, Licht und sogar Bremsen abmontierst, weil dir diese puristische Ästhetik gefällt, dann hat auch er einen Anteil zu deinem Fixie-Wahn beigetragen. Wenn deine Zimmereinrichtung nur aus einer Matratze, einem Schrank und dem MacBook auf einer gläsernen Tischplatte besteht, dann ist auch erbewusst oder unbewusstQuell deiner innenarchitektonischen Minimalismus-Bestrebungen. Mit "er" ist der Schweizer Architekt Le Corbusier gemeint (eigentlich: Charles-Édouard Jeanneret-Gris).

Er gilt als Urvater der Moderne und könnte getrost als die Fleischwerdung der Sentenz "Weniger ist mehr" angesehen werden. Le Corbusier hat mit Stuck, Gold und der schwülstigen Überfrachtung von Räumen Schluss gemacht. Schau dir allein die Wohnungen der Cité Radieuse in Marseille an—die Entwürfe dazu sind fast 100 Jahre alt:

Den Kern des Entwurfs für dieses Zimmer hat Le Corbusier bereits 1925 in Paris mit dem Pavillon de l'Esprit Nouveau vorgestellt | Foto: imago | Panoramic

Kein Wunder, dass Stuttgarts Politgrößen nun vor Entzücken fast Kopf stehen, denn zwei Le-Corbusier-Häuser in der Weißenhofsiedlung wurden gerade zum Weltkulturerbe erklärt. Baden-Württembergs neue Wirtschaftsministerin, Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), spricht von einem "großartigen Erfolg für ganz Baden-Württemberg". Und weiter: "Wir können stolz auf das vielfältige kulturelle Erbe Baden-Württembergs sein." Le Corbusier sei eine Ikone und auch die ARD Tagesthemen berichten von ihm in den höchsten Tönen: Er sei ein "Visionär" und "Kosmopolit" gewesen. Er war allerdings auch Faschist. Nur das vergaß die Nachrichtensendung zu erwähnen.

Es gibt Briefe von ihm an seine Mutter, in denen seine Gesinnung bestens zum Vorschein tritt: "Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist", schreibt der Architekt, "kann Hitler sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas." Ein Antisemit war Le Corbusier auch: "Die Juden haben jetzt eine schwere Zeit. Ich bin manchmal zerknirscht darüber. Aber es scheint, als hätte ihre Geldgier das Land korrumpiert."

Wir stehen hier vor der Frage, ob die Gesinnung eines Künstlers sein Kunstwerk korrumpiert. Ist Kunst oder Architektur weniger wert, wenn sie von einem Faschisten stammt? Oder ist das Kunstwerk als eine eigenständige und von ihrem Erzeuger unabhängige Entität zu betrachten? Wäre van Goghs Sternennacht weniger Kunstwerk, wenn wir erfahren würden, dass der Niederländer mit Vorliebe Kinder getötet und aufgegessen hat?

Foto: Wikimedia | Gemeinfrei

Ob gute Kunst schlechter wird, wenn sie von "bösen Menschen" gemacht wurde, ob Moral bis ins Kunstwerk hineingreift und wie eine Ethik der Ästhetik überhaupt aussehen kann, das alles sind Fragen, die leicht den Rahmen von Doktorarbeiten zu sprengen vermögen und hier in einem Artikel kaum zu beantworten sind—doch sie müssen es auch nicht.

Die hier geäußerten Bedenken setzen einen Schritt vor alledem an. Um darüber debattieren zu können, ob die antisemitische oder faschistische Gesinnung eines Le Corbusiers oder Ezra Pound oder eines Wagners deren Œuvrer schmälert, ist es notwendig, um ihre Gesinnung erst einmal zu wissen.

Dieses Bewusstsein zu schärfen oder gar erst zu schaffen, ist auch Aufgabe der Medien. Dies bedeutet natürlich nicht, dass man sich wie ein klugscheißerisches Arschlochkind aufführen muss und immerzu "Le Corbusier war ein Fascho" schreit, sobald sein Name fällt. Aber in einem Bericht wie dem der Tagesthemen, wo er als visionärer Kosmopolit abgefeiert wird, wäre ein kleiner Halbsatz als Verweis auf seine Schattenseite nicht verkehrt.

Und dann bleibt es auch jedem selbst überlassen, wie er sich gegenüber derartiger Kunst positioniert; ob also Le Corbusiers Werk unantastbar bleibt oder es wie für den Architekturhistoriker Pierre Frey eine Art räumliche Eugenik darstellt, betrieben von einem rabiaten Antisemit, der, ohne mit der Wimper zu zucken, auch für Hitler gebaut hätte.

Und wer weiß, was ein Le Corbusier, Céline oder Wagner in ihrer Freizeit so getrieben haben, der wird auch auch verstehen, warum der begnadete Pianist Chilly Gonzales auf sein Klavier spuckt, wenn ihn jemand aus dem Publikum darum bittet, ein Stück von Wagner zu spielen.

Paul schreibt auch über Erdbeeren oder exzessive Junggesellenabschiede. Ihr könnt seine Texte auch lesen, wenn ihr ihm auf Twitter folgt.

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