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Wie zur Hölle kam die Freikirche ICF zu einem Sendeplatz auf Super RTL?

Ich habe mir die aktuelle Sendung angeschaut und mir Gottes Plan für mein Leben zeigen lassen.
7.7.15
Foto von ICF Television

Denke ich an Super RTL, denke ich an Darkwing Duck, die Gummibärenbande und Arnold, den Football-Schädel. Heute kommt mir die allesentscheidende Frage „Mama, darf ich TV schauen?"—wenig überraschend—nicht mehr über die Lippen. Super RTL ist aus meinem Wahrnehmungshorizont verschwunden.

Vor einigen Tagen aber bin ich wieder über Super RTL gestolpert—an einem unerwarteten Ort. Auf der Homepage von ICFTelevision sah ich, dass die wöchentliche Fernsehsendung der Freikirche nicht nur auf Bibel TV, dem Seriensender Anixe und Star TV, sondern auch auf dem Lieblingssender meiner Kindheit über den Bildschirm flimmert.

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Jeden Montag um 04:00 Uhr kommen Frühaufsteher in den Genuss einer halbstündigen Predigt des ICF-Gurus Leo Bigger. Der Ostschweizer steht seit 1994 an der Spitze der Freikirche und hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist: Eine Pop-Kirche für Jugendliche und junge Erwachsene mit 50 Gemeinden allein in Europa. Die wöchentlichen Gottesdienste in Zürich besuchen bis zu 2.500 Anhänger. Die in den Predigten vertretenen Werte sind trotz modern gehaltener Ästhetik konservativ. Homosexualität? Von Gott nicht vorgesehen. Sex vor der Ehe? Von Gott nicht vorgesehen.

Seit einigen Jahren—schon im Juni 2013 warb ICF auf Facebook für die Ausstrahlung—überträgt auch Super RTL die Predigten. Ich habe mir die Sendung „Gottes Plan" letzte Woche angeschaut und nach göttlichen Botschaften Ausschau gehalten. Spoiler alert: Gefunden habe ich vor allem halbgare Lebensweisheiten und schlechte Vergleiche.

Das Intro

Schon hier wird klar: Die nächste halbe Stunde ist Feel Good-Atmosphäre angesagt. Zu Musik irgendwo zwischen Emo-Gedöns und Stadionrock sehe ich ein durch Instagram-taugliche Filter soft gemachtes Konzert—tumblr gefällt das! Die Hände des Publikums gehen nach oben (zu Gott?), alle haben Spass.

Die Moderatorin

Alle Fotos: Screenshots von ICF Television

Tiziana Strehler war wohl die Streberin im halbtägigen Workshop „Moderieren für Dummies". Mit übertriebener Gestik und eindringlichen Worten („Du kannst die Kirche und Gott heute nochmal ganz neu erleben!") begrüsst sie mich neben einer blond gelockten Comic-Papp-Figur. Später stellt sich heraus, dass die gelockte Pappige die biblische Esther darstellen soll. Tiziana lässt mich noch wissen, dass Leo Bigger mir gleich erzählen wird, dass Gott auch einen Plan für mich hat und übergibt mich mit einem ins Gesicht gepressten Lächeln ihrem Guru. Ich bin gespannt!

Der Guru

Mit einem „Jede gute Geschichte endet mit einem … Happy Ending!" führt mich der ICF-Guru gleich zu Beginn durch das Tal der schlechten Anglizismen hinauf auf den Berg der guten Laune. Obwohl er ein Jahr älter ist als mein Vater, sieht Leo aus wie ein SRF-Moderator in der H&M-Version. Die schwarz glänzende Lederjacke und die von Löchern zerfranste Blue Jeans verleihen ihm zusammen mit krass coolen Anglizismen ein zwanghaft auf Linie der jugendlichen Corporate Identity von ICF getrimmtes Image.

Das Problem

Leo erzählt gerne Geschichten. Zum Beispiel diese: Eine Schwimmerin wollte 34 Kilometer von der Küste Kaliforniens zur Insel Santa Catalina schwimmen. Irgendwann verdunkelte Nebel die Sicht („eine sehr unkrasse Eigenschaft von Nebel", wie er meint), die Schwimmerin gab nach 15 Stunden auf. Zurück am Festland merkte sie: Ihr hätten nur noch 800 Meter zum Ziel gefehlt … Damn.

Natürlich erzählt Leo diese Geschichte nicht ohne Grund. Der Nebel ist—Surprise, Surprise—ein Symbol! Ein Symbol dafür, dass wir im Leben von Zeit zu Zeit unser Ziel aus den Augen verlieren. Und endlich hat mich Leo da, wo ich hinsollte: Bei der Bibel. Im Buch Esther lässt uns Gott nämlich wissen: „Don't give up!"—„Wenn du das tust, was nur du tun kannst (ja, er sagt das so), dann wird Gott das tun, was nur Gott tun kann"

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Leo zitiert aus einer Bibelstelle, in der Esther und ihr Freund Mordechai (auch eine biblische Comic-Papp-Figur) erfahren, dass sie und alle anderen Juden am nächsten Tag tot sein werden—„das ist keine gute Botschaft!" Der Tod ist ihr Nebel. Jetzt brauche ich mich nur noch zu fragen, was meine Ausgangssituation ist, „wo du voll unterwegs mit Gott bist" und plötzlich vom Nebel gestoppt werde.

Die Lösung

Egal wie dieser Nebel aussieht, ob ich keine Kinder bekommen kann, ob ich todkrank bin—Leo (und somit auch Gott) kennt eine Lösung. Ich muss nur drei Schritte befolgen:

1. Halt deinen Traum vor Augen

Leo rät, das persönliche Ziel in einen Bilderrahmen zu stellen. In seinem Rahmen: Eine happy Family! Und ein Haus! Beim Bild im Rahmen geht es nicht darum, wie realistisch die Umsetzung ist. Auch Leos Familie ist schliesslich nicht immer happy, aber er wünscht sich das—„und logisch muss Gott ein Wunder machen!" Wieso? Weil Leo betet, betet, betet.

2. Bete für ein Wunder

Gott weiss, was wir in unseren Bilderrahmen malen. Wieder eine Geschichte: Leo hat irgendwo gelesen, dass ein Kind seinen toten Goldfisch wieder lebendig gebetet hat. Und was man irgendwo liest, das stimmt natürlich auch und reicht als Beweis für Gottes Macht und Grosszügigkeit—denn: „Gottes Wunder sind normal."

3. Gehe den ersten Schritt

Viele wüssten nicht, was wahrer Glaube ist. Glaube sei nicht nur beten, beten, beten—sondern auch handeln. Leo zeigt das an Papp-Esther vor: „Sünde ist so: Ach, ich habe mich vergriffen an einer Frau—du hast so schöne rote Lippen, da ist es einfach über mich gefahren!" Wirklich gute Christen bitten Gott deswegen nicht nur um Verzeihung, sie wenden sich von der Sünde ab und gehen einen komplett anderen Weg weiter. So weit, so gut.

Das iPad

Ein modernes Unternehmen braucht moderne Technik. Leo zeichnet auf einem iPad ein paar Kreise. Damit will er mir sagen, dass ich meine Wohlfühlzone durch meinen immer weiter wachsenden Glauben erweitern könne. Auch hier hat er natürlich gleich wieder ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel parat: „Am Anfang habe ich zehn Prozent (von meinem Geld) gegeben (ich nehme an, an seine Freikirche)—heute sind zehn Prozent für mich … ich denke: so wenig?!"

Das Happy Ending

„Hier ist ein krasses Wunder!", teast mich Leo an. Und enttäuscht mich gleich wieder: Wie überlebten Esther und ihr Papp-Kollege den bevorstehenden Tod durch einen mörderischen König? Der König konnte nicht mehr schlafen. Leo meint, wegen einem „krassen Wunder" von Gott. Ich meine, vielleicht weil er nicht geahnt hat, dass er einmal Teil von Leos Geschichten sein würde. Leo schreit: „EIN MANN KANN NICHT SCHLAFEN—WAS FÜR EIN SPEKTAKULÄRES WUNDER!"

Die Party

Würden sich an den ICF-Partys wahrscheinlich nicht wohl fühlen: Die Besetzer in Zürich.

„Lasst uns Jesus einen Applaus geben! Dass er unsere Geschichte beendet mit einer Wundergeschichte! Come on Church!" Die Church applaudiert und ich werde dort entlassen, wo mich Leo vor einer halben Stunde an der Hand genommen hat: Bei der schmierigen Playback-Performance einer Christen-Band.

Nach dieser halben Stunde bin ich froh, den passend zur Corporate Identity zwanghaft jungen und fröhlichen Mittvierziger Leo hinter mir lassen zu können. Ich habe gemerkt: Nicht umsonst kritisiert die Sektenfachstelle Infosekta das ICF, weil die Predigten wenig mit der individuellen Situation der Gläubigen zu tun hätten. Viele könnten Leos Botschaften nicht umsetzen und suchten die Gründe dafür bei sich selbst—bei ihrem mangelnden Vermögen oder ihrem zu schwachen Glauben. Wenn Leo Bigger predigt, man könne alles erreichen, wenn man nur genug betet, bedient das genau diese Schiene.

Dass die Sendung auf Super RTL läuft, macht das Ganze nicht wirklich besser. Zwar läuft sie am Montag vor Sonnenaufgang und erreicht vermutlich nicht viel mehr Leute als mein jämmerlich verkümmerter Instagram-Account—trotzdem bleibt die Frage: Wie zur Hölle kommt eine stockkonservative Freikirche zu einem Sendeplatz auf einem Kindersender?

Sebastian die Beichte abnehmen kannst du auf Twitter: @nitesabes

Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: Screenshot von ICF Television