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Die Steroid-Epidemie

Im Vereinigten Königreich nehmen bis zu eine Million Menschen illegalerweise Steroide. Wir haben mit Experten gesprochen und dabei untersucht, welche Rolle die Muskeldysmorphie—aka Adonis-Komplex—dabei spielt.

von Maya Oppenheim
25 November 2015, 5:00am

Der Steroidspezialist Dave Crossland

In Großbritannien ist der Steroideinsatz auf dem aufsteigenden Ast. Bis zu eine Million Menschen nimmt im dort illegalerweise Steroide. In bestimmten Gegenden ist die Zahl der Steroidkonsumenten im Laufe des vergangen Jahrzehnts laut diversen Spritzentauschprogrammen um 600 Prozent gestiegen. Während wir alle mit den Klischees des Steroidgebrauchs—rasende Aggressionen, schrumpfende Hoden und explodierende Muskeln—vertraut sind, kennt man die konkreten körperlichen und psychischen Folgen dieser Mittel eher nicht.

Anabole Steroide ahmen die Wirkung von Testosteron nach und regen damit das Muskelwachstum an—so trainiert man härter und schneller. Diese Stoffe haben aber auch gravierende Nebenwirkungen, darunter alles von einem hohen Blutdruck und Herzproblemen über Hodenschwund und Erektionsstörungen bis hin zu Zeugungsunfähigkeit, niedrigem Sexualtrieb und Aggressionen. Wenn man noch jung ist und Steroide nimmt, kann außerdem noch die körperliche Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt und das Wachstum behindert werden.

Woran liegt nun der Anstieg des Steroidmissbrauchs? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten und man argumentiert auch damit, dass in bestimmten Fällen Muskeldysmorphie—in Deutschland auch oft als Adonis-Komplex bezeichnet—eine Rolle spielt. Das heißt, dass sich die Betroffenen trotz ihres mehr als durchtrainierten Körpers als zu schmächtig und schwach ansehen. Da ihnen selbst die kleinste Abweichung von ihrer Idealvorstellung auffällt, beschäftigen sich diese Menschen übertrieben viel mit ihrem Aussehen und ihren vermeintlichen Makeln.

Der Body Dysmorphic Disorder Foundation zufolge betrifft diese Störung zehn Prozent der Briten, die ins Fitnessstudio gehen.

Der Steroidspezialist Dave Crossland meint, dass Steroideinsatz und Muskeldysmorphie Hand in Hand gehen können. „Der Gebrauch von Steroiden kann die Probleme mit dem eigenen Körperbild verstärken", erklärt er. „Wenn man sein Aussehen mithilfe von chemischen Hilfsmitteln verbessert, dann gibt man sich mit einer schlechteren Statur nicht mehr zufrieden."

Der 44-jährige Crossland kennt sich mit den Gefahren von Steroiden bestens aus. „Mit 19 habe ich solche Mittel zum ersten Mal genommen. Dabei bin ich so weit gegangen, wie ich es für richtig hielt. Davor hatte ich eigentlich keine gute Meinung zu diesem Zeug", erzählt er mir. „Als ich 24 war, hat sich mein linker Brustmuskel komplett losgelöst und ich wandte mich langsam vom Training ab. Mit 38 haben ich dann wieder Steroide genommen und da ist mir auch aufgefallen, wie schlecht die Leute über diese Mittel Bescheid wissen und wie häufig man sie inzwischen einsetzt."

Obwohl Crossland derzeit keine Steroide nimmt, haben sie ihn doch durch einen Großteil seines Lebens begleitet und erst vor sechs Monaten durchlief er einen niedrig dosierten Steroidzyklus. „Ich wiege 180 Kilogramm und liege damit gut 92 Kilo über meinem Idealgewicht. Ich bin wohl einer der stämmigsten Männer in Großbritannien und vielleicht auch darüber hinaus. Das heißt jetzt nicht, dass ich die gleiche Muskelqualität wie ein professioneller Bodybuilder besitze, aber die körperlichen Dimension sind definitiv gleich", erklärt er. „Mein Armumfang beträgt 65 Zentimeter.

Ich esse täglich sieben oder acht Mahlzeiten, denn nur so kann ich meine Körpermasse beibehalten. Die letzten beiden Mahlzeiten muss ich dabei förmlich in mich reinzwingen—ich fülle meinen Mund mit Essen und schlucke das Ganze dann zusammen mit viel Wasser runter. Nur so krieg ich überhaupt noch was in mich rein."

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Crossland zufolge ist ein Leben mit seinen Körpermaßen nicht einfach. „Das bestimmt einfach meinen kompletten Alltag. Ich kann morgens nicht einfach aufstehen und mir denken: ‚Weißt du was, heute lass ich mich davon mal nicht nerven.' Ich muss jeden Morgen um sechs Uhr aus dem Bett, um zu essen", erzählt er mir. „Bei einem Bluttest hatte mein Natriumspiegel einen normalen Wert. Ich brauche jedoch das Drei- oder Vierfache davon—und das gilt für alles, was ich mache."

Mit seiner Größe fallen Crossland ganz alltägliche Dinge schwer. „Ich passe in kein Auto und in keinen Bus. Das Gleiche gilt für Flugzeuge und Toilettenkabinen. Ich muss immer Behinderten-WCs benutzen", meint er. „Auf der Straße werden mir oft Sachen wie ‚Presswurst' und so weiter hinterhergerufen. Die Leute scheinen auch zu glauben, dass ich so etwas wie öffentliches Eigentum bin, denn sie kommen ständig zu mir her und fummeln an meinen Armen herum. Ich fühle mich dann immer wie eine Zirkusnummer. Es stellen sich wirklich Leute neben mich und machen Fotos, weil sie es so komisch finden, wenn ich einfach nur aus meiner Tupperdose esse."

Eine Untersuchung von Sky News hat ergeben, dass es allein in Großbritannien bis zu eine Million Menschen geben könnte, die illergalerweise Steroide nehmen. Crossland geht allerdings davon aus, dass diese Zahl viel höher ausfällt: „Ich glaube, es sind eher zwei Millionen. Die meisten offiziellen Statistiken stammen von Spritzentauschprogrammen, aber nur 30 bis 40 Prozent der Steroidkonsumenten machen von solchen Angeboten Gebrauch."

Letztendlich werden Steroide im Vereinigten Königreich immer noch als sogenannte „Class C drug" eingestuft und man darf sie damit nur nehmen, wenn ein Arzt sie verschreibt. „Mir ist ein Fall bekannt, in dem ein Steroidhändler für zwei Jahre ins Gefängnis musste. Man kann nicht einfach so in irgendein Fitnessstudio spazieren und Steroide kaufen", erklärt Crossland. Deswegen sehen sich viele Leute im Internet um. Dort gibt es allerdings nicht nur spezialisierte Websites—ein Großteil der Dealer ist inzwischen auch auf Facebook unterwegs. „Dort wird man schnell fündig, denn die Verkäufer haben oft ein Bild von Steroiden als Profilfoto. Dazu kommen noch die privaten Gruppen, in denen man seine Mittel beziehen kann", meint er.

Durch die steigende Allgegenwärtigkeit von Steroiden wird auch die Klientel immer breitgefächerter, als man vielleicht annimmt. „Eine Zielgruppe, an die viele Leute nicht denken, sind wohlhabende und angesehene Männer zwischen 40 und 50, die vielleicht gar nicht ins Fitnessstudio gehen. Sie werden immer älter und damit sinkt auch ihr natürlicher Testosteronspiegel. Also schauen sie sich online nach Lösungswegen um", erklärt Crossland. „Ich treffe immer wieder Leute, deren Partner nichts von ihrem Steroidgebrauch wissen. Sie müssen sich dann immer wieder neue Ausreden für ihr Versagen im Bett einfallen lassen."

Crossland glaubt, dass auch die Medien für den rapiden Anstieg des Steroidgebrauchs im Vereinigten Königreich verantwortlich sind. „Der gesellschaftliche Druck, ein bestimmtes Aussehen zu haben, ist massiv. Ich denke, dass Männer mit diesem Umstand nicht so gut klarkommen, weil das für sie eine ganz neue Situation ist. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass man in unserer Gesellschaft bei der kleinsten Sache direkt zu irgendwelchen Mittelchen greift, dann versteht man auch, warum sich so viele Leute für Steroide interessieren", meint der Spezialist. „Aber warum sind wir jetzt schon an einem Punkt angekommen, an dem 17- oder 18-Jährige große Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen, nur um in einem T-Shirt gut auszusehen? Man jagt hier keinem Weltrekord hinterher. Hier geht es auch nicht darum, die Nummer Eins zu sein. Hierbei handelt es sich nur um ganz normale junge Menschen, die von der Gesellschaft akzeptiert werden wollen."

Geschichten über 13 Jahre alte Jungs, die Steroide nehmen, machen uns klar, dass der Gebrauch dieser Mittel nicht mehr nur auf Weltklasse-Athleten und Bodybuilder beschränkt ist. Die Regierungseinrichtung Public Health England gibt zu, dass die Verwendung von Steroiden ein wachsendes Problem darstellt, und fordert die lokalen Behörden dazu auf, Spritzentauschprogramme sowie ärztliche Untersuchungen anzubieten. Immerhin ist HIV-Ansteckungsrate bei Steroidnutzern mit 1,5 Prozent genauso hoch wie bei Heroin-Konsumenten. Dazu kommt noch, dass Steroide nicht nur in immer größeren Dosen genommen werden, sondern auch noch über immer länger werdende Zeiträume hinweg. Früher waren Zyklen von sechs bis acht Wochen die Norm, aber inzwischen ist es schon gar nicht mehr außergewöhnlich, wenn man ständig Steroide nimmt.

Und trotz alledem meint Gary Beeny, ein Mitarbeiter einer Steroidklinik in Manchester, dass die meisten Steroidnutzer nicht mal daran denken würden, einen Fuß in eine solche Klinik zu setzen. „Für jeden Patienten, den ich behandle, gibt es da draußen einen ganzen Haufen anderer Typen, die aufgrund des Stigmas niemals hierher kommen würden", erklärt er. „Sie fühlen sich im Beisein von Heroin-Konsumenten nicht wohl und sind wegen der Illegalität ihres Handelns vorsichtig."

Und dennoch ist die Zahl der Steroidnutzer, die sich an Kliniken wenden, im Laufe der vergangenen Jahre stetig gestiegen. „In den 90ern haben nur fünf Prozent unserer Patienten Steroide genommen. Jetzt sind es rund 50 Prozent. Dieser Trend ist im ganzen Land zu beobachten", erzählt mir Beeny. „Bei uns gibt es zwei Arten von Steroidnutzern, nämlich zum einen die Bodybuilder und zum anderen die, die aus ästhetischen Gründen nur unter der Woche trainieren und am Wochenende dann fortgehen. Einer meiner Kollegen bezeichnete diese Leute mal als ‚Discopumper'. Diese Gruppe macht uns mehr Sorgen, weil sie natürlich Alkohol trinken und vielleicht auch Kokain nehmen."

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Genauso wie Crossland geht auch Beeny davon aus, dass Muskeldysmorphie beim Anstieg des Steroidgebrauchs eine Rolle spielt. „Wenn ich zu jemandem sage, dass er massive Arme hat, dann heißt es oft: ‚Nein, die sind noch nicht groß genug. Ich muss viel mehr trainieren.' Das ist doch quasi die Definition von Muskeldysmorphie", erklärt er. „Wenn man sich erstmal in den Kopf gesetzt hat, an Muskelmasse zuzulegen, dann gibt es kein Ende mehr."

Neben einem verzerrten Selbstbild gehören auch noch exzessives Trainieren, eine falsche Priorisierung des Trainings, Essstörungen, ständiges Betrachten im Spiegel und Steroidnutzung zu den Symptomen von Muskeldysmorphie. Die Kombination von ästhetischer Fixiertheit und übertriebenem Perfektionismus kann zu Depressionen und Angstzuständen führen. Obwohl man bisher nur relativ wenig über diese psychische Störung weiß, geht man beim britischen Gesundheitsdienst davon aus, dass Muskeldysmorphie genetisch bedingt sein oder durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn verursacht werden könnte. Außerdem glaubt man, dass mehr Leute daran leiden, die im jungen Alter gehänselt oder missbraucht wurden.

Wenn man bedenkt, dass bei einer Studie herausgefunden wurde, dass 31 Prozent der britischen Männer mit ihrem Körper unzufrieden sind, dann überrascht es wohl kaum, dass sich einige dieser Männer mit Mittelchen helfen, die den Weg zu ihren Zielen beschleunigen.

An dieser Stelle ist es überflüssig zu erwähnen, dass die Gründe für Steroidmissbrauch vielfältig und komplex sind. Und dennoch ist es kaum zu übersehen, dass die leichtere Beschaffung von Steroiden zusammen mit dem steigenden gesellschaftlichen Druck in Bezug aufs Aussehen dazu geführt hat, dass sich ein einstmals offenes Geheimnis der eng zusammenstehenden Bodybuilding-Community zu einem Lifestyle von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten entwickelt.

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