8 Lives by Windows 8 feat. Nychos

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8 Lives by Windows 8 feat. Nychos

NYCHOS ist Österreichs wohl bekanntester Street-Artist und auch international eine der absoluten Größen auf dem Gebiet. Wir haben uns mit ihm über seine Kunst, Sakrilege und Spongebob unterhalten und ihn im Rahmen von 8 Lives mit einem Windows 8-Device...
19.8.13

Fotos: Marko Mestrovic

NYCHOS ist Österreichs wohl bekanntester Street-Artist und auch international eine der absoluten Größen auf dem Gebiet. Sein Stil ist so selbstständig wie authentisch, sein Design erinnert an Doktoren, die auf dem Operationstisch Comicfiguren sezieren oder Klischees auseinandernehmen, um ihre Innereien offenzulegen und seine Kunst geht immer über bloße Coolness hinaus.

Kürzlich hat der gefeierte Künstler für Nikelodeon sogar Spongebob Schwammkopfs Brustkorb geöffnet und damit für Cartoon-Fans wohl in etwa dieselbe Art von Sakrileg begangen, wie seinerzeit Michelangelo mit dem Aufschneiden des menschlichen Körpers. Aber auch das ist weniger Zufall, als vielmehr künstlerisches Kalkül, wie er uns im Interview erzählt.

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Aktuell ist Nychos in aller Welt unterwegs und belebt mit seinen Ideen Mauern und Leinwände von Detroit über Kopenhagen bis Wien Mariahilf. Dabei wird er von einem Kameramann begleitet, der alle wesentlichen Eindrücke festhält und darüber hinaus an einer Doku über das weltumspannende Street Art-Projekt arbeitet (auch dazu mehr im Interview und in den kommenden Monaten).

Genau wie Microsoft ist auch NYCHOS immer auf der Suche nach Innovationen und Herausforderungen und geht auf dem Weg zum besten Ergebnis keine Kompromisse ein. Im Rahmen von 8 Lives haben wir ihn einen Tag lang bei der Arbeit im Atelier und in der Galerie begleitet und mit einem Windows 8-Device ausgestattet: einem Lenovo Yoga 13. Das Gerät durfte er, wie alle Teilnehmer von 8 Lives, natürlich behalten. Dafür durften wir ihn auch mit Fragen löchern. Das Ergebnis des Gesprächs lest ihr hier – und die Ergebnisse seines 8 Lives-Projektes gibt es im Herbst zu sehen.

Foto: Facebook

Hi Nychos! Wie geht’s dir?

Gut, danke. Ich bin derzeit ständig unterwegs zwischen den Städten und Kontinenten und durchgehend auf Reisen rund um die Welt. Alles sehr spannend, weil ich viele verschiedene Arbeiten von Detroit über New York bis Kopenhagen machen kann.

Wie wichtig ist bei deinen Arbeiten eigentlich das Material, das du verwendest?

Kommt drauf an, woran ich gerade arbeite. Als ich angefangen habe, war es im Wesentlichen nur der Bleistift – sozusagen die Essenz der Gestaltung. Was für mich anfangs total anstrengend war, war das Farbenmischen. Das hat mich per Zufall zur Spraydose gebracht. Für manche wirkt die Verwendung von Farbe beim Sprayen viel komplizierter als das Mischen von Farben in der Malerei, aber für mich war das ganz und gar nicht so. Ich habe mich hingestellt und einfach etwas Großes, Buntes gesprayt.

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Hast du beim Sprayen einen weniger perfektionistischen Anspruch an das Material als etwa bei Acrylfarben?

Ich glaube, dass es mit Sprayfarben fast noch schwieriger und der Anspruch damit fast noch höher ist. Das kommt aber vermutlich auf die persönlichen Vorlieben an. Mein Anspruch ist jedenfalls auch beim Sprayen immer sehr perfektionistisch.

Wie hast du das Sprayen eigentlich gelernt?

Ich hab es gemacht wie ich es immer mache: Ich habe mich einen Winter lang hingesetzt und mir alles selbst beigebracht. Dasselbe war es auch bei der Verwendung von Design-Programmen. Ich habe zwar eine Ausbildung als Grafikdesigner, aber damals haben wir nicht wirklich gelernt, wie man zum Beispiel Illustrator verwendet. Ich habe das abseits der Ausbildung zuhause gelernt. So hab ich das mit Acryl auch gemacht. Mit der Spraydose hat es noch ein bisschen länger gedauert – du musst viel öfter raus und ausprobieren. Obwohl der Lernprozess selbst viel schneller geht, weil du schneller ein Ergebnis siehst und deine Ideen unmittelbarer umsetzen kannst.

Heißt das, man bekommt auch direkteres Feedback?

Ja, du weißt einfach gleich, was funktioniert und wie etwas aussieht. Bei Acryl dauert alles Ewigkeiten.

Macht Sprayen für dich einen Unterschied in Bezug darauf, wie leicht du Dinge einfach stehenlassen kannst? Oder hast du gleich viel überarbeitet wie bei Acryl?

Ich habe immer schon viel überarbeitet. Es ist nur ein schnellerer Prozess, das ist der einzige Unterschied. Das und dass Sprayen mir einfach viel mehr Spaß gemacht hat.

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Woran liegt das?

Malen mit Acryl ist schon ein sehr einsamer Prozess. Du sitzt die ganze Zeit, als würdest du vorm Computer arbeiten – bei der Spraydose müssen viele Dinge schnell gehen und du bist mit deinen Freunden draußen. Egal, ob es nur um Graffiti-Tags oder künstlerisches Sprayen ging, du hast einfach Spaß.

Fällt es dir schwer, die beiden Disziplinen unter einen Hut zu bringen?

Man muss da für sich selbst die Brücke zwischen den Gattungen finden – und sich einfach immer daran erinnern, was man eigentlich wollte. Ich habe mit Comiczeichnen und Graffiti begonnen, weil ich Kunst machen wollte. Bei anderen sehr talentierten Leuten bemerke ich, dass sie irgendwann nur noch Vandalen sind.

Was, denkst du, ist der Grund dafür?

Das kommt natürlich immer auf die Person an. Viele wollten nur noch herumschmieren und konnten mit dem künstlerischen Background gar nichts anfangen. Denen ging es mehr darum, auf ein gewisses Zerstörungslevel zu kommen. Es gibt natürlich auch umgekehrte Fälle: Leute, die über Graffiti zu ihrem Ausdruck gefunden und sich zu richtig guten Künstlern entwickelt haben

Muss es für dich eine Absicht hinter deiner Kunst geben?

Mir ist die künstlerische Weiterentwicklung persönlich einfach sehr wichtig. Es muss authentisch sein – du darfst dich selber dabei nicht vergessen.

Ist dir wichtig, dass die Menschen deine Absichten verstehen oder ist das egal?

Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass sehr viele Menschen nicht verstehen, was meine Absichten sind. Am Interessantesten finde ich immer die Reaktionen der Leute, die mit meiner Kunst nichts anfangen können. Man merkt sehr schnell, was für ein Mensch der Betrachter ist, wenn er vorbeikommt und ich noch neben dem Bild stehe und einen Haifisch aufgeschnitten habe, der ein Menschenskelett verdaut. Du siehst sofort, wer sich mehr damit beschäftigt und wer einfach nur auf Abwehrkurs geht und losschreit: „Oh Gott, ist das hässlich! Wie kann man überhaupt so etwas Furchtbares malen?“

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Zählt für dich mehr der Arbeitsprozess oder die Auseinandersetzung der Leute mit deiner Kunst?

Beides. Für mich zählt natürlich der Prozess selbst auch, wobei der gar nicht unbedingt erst beim Handwerklichen anfangen muss. Ich arbeite die Ideen oft auch nur im Kopf aus, nicht am Papier. Ich sehe das Kunstwerk innerlich schon vor mir und male es dann einfach nur noch hin – das werden oft die besten Bilder. Aber die Auseinandersetzung mit meiner Kunst ist mir auch extrem wichtig.

Einmal wurde ich zum Beispiel in ein Münchner Kloster eingeladen, um was zu machen. Da hatte ich bereits den Vorsatz, irgendwas Kritisches zu machen. As ich dann im Auto von Berlin nach München fuhr, habe ich im Radio gehört, dass die katholische Kirche in Deutschland Menschen, die ausgetreten sind, keine kirchliche Bestattung auf einem Friedhof mehr erlauben will. Deshalb habe ich in den Kuhstall des Klosters einen Sarg gemalt, der aufbricht und aus dem ein Skelett in Lederhosen steigt. Aus seinen Taschen quillt das Geld und darüber schwebt der heilige Geist, während auf einer Banderole steht: „Memento Money“. Das konnte ich ihnen durchaus als positive Kritik verkaufen, obwohl man es auch ziemlich negativ verstehen hätte können.

Hat das auch mit deinem comichaften Stil zu tun?

Mein Stil entschärft die Botschaften natürlich ein bisschen und macht sie zugänglicher, auf jeden Fall. Die Mönche selbst hatten mit dem Skelett eigentlich weniger Probleme. Sie wissen, dass nur unser Glaube daran schuld ist, wenn wir das Skelett automatisch als etwas Negatives und Böses verstehen. In Wirklichkeit ist es nur das Gerüst unseres Körpers.

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Das erinnert ein bisschen an Leonardo da Vinci, der damals Probleme bekam, weil man aus Sicht der Kirche nicht in den Körper reinschauen durfte.

Genau. Diese Haltung der Kirche ist auch einer der Gründe, warum das Körperinnere als verpönt und grauslich gilt. Es herrscht ein gewisses Ehrfurchtsempfinden. Bei mir ist das weniger so – ich habe meinem Vater schon früh dabei zugesehen, wie er Tiere ausgenommen hat.

Was hat dein Vater gemacht?

Mein Vater war Jäger, genau wie schon mein Großvater. Deshalb interessiert es mich auch, woher Dinge und Tiere kommen und wie sie von Grund auf aussehen.

Was du machst, ist auf gewisse Weise ja auch Sezierarbeit.

Als ich früher bei der Jagd mit war, habe ich den Körper von Tieren so erlebt: Da fallen Eingeweide raus, Hunde rutschen darauf aus, überall stinkt es bestialisch und als kleiner Bub denkst du dir da nur: „Dafuq?“

Trotzdem hast du kein Problem mit Fleischessen.

Ich habe letztes Jahr einen Thunfisch gemalt, der ein Menschenmaki in der Hand hielt. Deshalb fasse ich auch keine Thunfisch-Makis an – weil die meisten ignorieren, dass China und Japan hier Krieg um den letzten verbleibenden Fisch führen. Und deshalb halte ich auch nichts von Pseudovegetariern, denen Kühe leidtun, die aber kein Problem damit haben, Fische zu quälen. Aber die Jagd aus meiner Kindheit war weit weniger bestialisch: Da hat man Tiere geschossen, nachdem sie ein erfülltes, natürliches Leben hatten und anschließend jeden Bestandteil weiterverwertet, es selbst gehäutet, verkocht und so weiter.

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Ist es für dich okay, wenn jemand Thunfisch isst, solange er weiß, was im Hintergrund abläuft? Oder findest du es in jedem Fall falsch?

Eigentlich ist es zu dem Zeitpunkt auch schon egal, weil der Thunfisch ja bereits getötet und verarbeitet wurde. Dann wäre es aus rein pragmatischer Sicht eine Verschwendung, ihn nicht zu essen. Ich würde ihn aber nie kaufen – weder als Maki noch in der Dose.

Wie bist du eigentlich zu Comicfiguren gekommen?

Ich fand schon als Kind die Frage interessant, wo Spongebob eigentlich Knochen in seinen dünnen Beinen hat oder wie es unter seiner Schwammhülle aussieht. Mich hat auch beschäftigt, wie Arielle bitte aufs Klo gehen soll? Immerhin hat sie keine Körperöffnungen.

Meerjungfrauen werden manchmal auch als Symbol für weibliche Unterdrückung gesehen, weil sie nur eine Art von Sexualakt ausführen können.

Das ist generell sehr interessant, wenn man Comicfiguren auf diese Art ansieht und auseinandernimmt.

Was ich auch sehr interessant an deiner Arbeit finde: Dadurch, dass deine Objekte eigentlich schon zerlegt sind, macht man die umgekehrte Arbeit wie sonst und baut sie im Kopf wieder zusammen.

Ja, dadurch hat man beim Betrachten mehr Denkarbeit und das ist mir auch sehr wichtig. Mir geht es bei meiner Kunst ganz und gar nicht um Eye-Candy. Ich mache keine Kunst, um etwas Schönes zu machen, das Außenstehende als künstlerisch wertvoll betrachten, weil es irgendwelche einfachen Prinzipien entspricht und zum Beispiel genügend Schwarzweiß drin vorkommt. Mir geht es schon um Schönheit – aber um Schönheit bei der Entdeckung. Ich habe mich einmal mit einem Freund ins Anatomy Training Center eingeschlichen und ich fand es auch sehr schön, mal zu sehen, wie der Mensch wirklich funktioniert. Das ist zwar auch ästhetisch und schön, aber nicht gefällig oder nett.

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Ist Technologie – wie Computer und Internet – für deine Arbeit wichtig?

Ohne Technologie ist es auf jeden Fall schwieriger. Mit dem Bleistift stößt man schnell an seine Grenzen. Mit Malerei gibt es bereits weniger Grenzen, aber trotzdem kann man nicht alle Bereiche seiner Kunst abdecken. Natürlich arbeite ich auch mit Technologie und benutze für meine Arbeit auch den Computer.

Du hast jetzt von Microsoft im Rahmen von 8 Lives einen neuen Lenovo Yoga 13 bekommen. Kannst du vielleicht kurz sagen, welche Features du hier am ehesten nutzt?

Ich finde vor allem die Touch-Funktionen beim neuen Windows 8 super, weil man dadurch sein Gerät viel intuitiver benutzt als bisher. Auch, dass der Lenovo einerseits als Laptop und andererseits als Tablet verwendet werden kann, kommt einem sehr entgegen; so passt sich der Computer dem Leben an und nicht umgekehrt. Was meine Arbeit angeht, nutze ich den Lenovo  am ehesten, um die verschiedenen Entwicklungsstufen meiner Bilder festzuhalten und auch gleich direkt während der Arbeit zum Beispiel mit Kunden abzustimmen.

Ich habe gehört, du planst auch eine Doku zu deiner Arbeit. Kannst du dazu schon ein bisschen was erzählen?

Was ich dazu auf jeden Fall sagen kann: Vieles von dem, wovon ich hier so erzählt habe, wird es dort zu sehen geben. Das Ganze wird vermutlich am Stairway to Heaven in Hawaii enden – so stelle ich mir das zumindest vor. Wenn alles so läuft, wie geplant, werden dort auch alle Künstler anwesend sein, die im Lauf der Doku zu sehen sind. Das Ergebnis wird dann zirka im April oder Mai vorliegen.

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Noch kurz zu Rabbit Eye Movement. Kannst du uns kurz erklären, was es damit auf sich hat?

Rabbit Eye Movement ist einfach ein sehr spannendes Art Collective – ein Netzwerk an Artists, das zwar sehr viel Energie kostet, aber auch extrem viel Energie für den einzelnen bringt. Inzwischen haben wir mit der Mithilfe von Warsteiner und Montana hier auch einen Art Space eingerichtet – gewissermaßen das Zuckerl obendrauf, da wir hier befreundeten Künstlern eine Bühne bieten können. Solche Strukturen sind natürlich überlebenswichtig als Künstler und geben einem auch Rückhalt. Ohne die richtigen Leute und die richtigen Ausstellungsorte verliert sich sonst die Kunst ziemlich schnell wieder im Nichts, weil es einfach zu wenig Orte und Netzwerke gibt, die Street Artists und Künstlern wie mir helfen, ihre Werke zu bewahren. Vielleicht wollen wir uns auch gerade deshalb überall verewigen. Eine solche Aktion war zum Beispiel ein Riesending, das ich im Pressraum des Weinguts Oggau gemeinsam mit meinem Künstler-Kollegen Flying Fortress gemacht habe.

Was zählt bei deiner Kunst eigentlich mehr – Inspiration oder Handwerk?

Viele Leute haten zum Beispiel über Banksy ab, weil er angeblich so schlechte Schablonen macht. Ich denke mir dann nur, ihr habt es einfach nicht kapiert. Es geht eben nicht nur ums Handwerk – du musst einfach etwas spüren dabei.