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Popkultur

‚Fast & Furious 7‘ ist der deprimierendste Action-Film aller Zeiten

Warum Paul Walkers Tod der Actionreihe viel mehr Tiefgang verleiht—und die Kinobesucher zum Weinen bringt.

von Lisa Ludwig
02 April 2015, 2:40pm

Foto: © Universal Pictures

The Fast and the Furios ist seit jeher eine Actionreihe, die auf drei elementaren Säulen beruht: schnelle Autos, markige Typen und Nahaufnahmen von Frauenärschen. Man bekommt sinnentleerte One-Liner um die Ohren geballert, weil lange Gespräche zwischen all den Explosionen komplett untergehen würden, und manchmal, in den wenigen ruhigen Momenten, fragt man sich, ob Michelle Rodriguez eigentlich die einzige Frau in Hollywood ist, die auch in einer Gruppe von Testosteron-Kloppern noch der ultimative Badass-Charakter ist. Teil 7 der Reihe hat mit Jason Statham als Oberbösewicht auch noch die menschgewordene Splitterbombe engagiert und im Allgemeinen ließe sich sagen: Wer sich für zweieinhalb Stunden lang den Kopf vom Adrenalin freispülen lassen will, der kann mit diesem Film eigentlich so gar nichts falsch machen.

Wäre da die Hintergrundgeschichte zur Entstehung des Films nicht.

Alle Fotos: © Universal Pictures

2013 verstarb Hauptdarsteller Paul Walker bei einem Autounfall. Ein Freund von ihm verlor bei 160 Stundenkilometern die Kontrolle über den Porsche, kam von der Straße ab und kollidierte mit einem Baum. Der Schauspieler und sein Fahrer waren sofort tot. Fast & Furious 7 war zu diesem Zeitpunkt erst zur Hälfte abgedreht, ausgerechnet eine Filmreihe über illegale Autorennen und gefährliche Stunts sollte also der letzte Streifen sein, in dem Walker zu sehen sein würde. Im Film enden nur die Bösewichte am Straßenrand. Wenn das Auto des Helden explodiert, hat der längst spektakulär das Weite gesucht.

Kann man unter diesen Umständen überhaupt Spaß im Kino haben?

Im Saal scheint erst einmal alles wie immer. Teenager kicherten, lasen sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten vor und schrien sich dann quer durch den Kinosaal zu, dass man jetzt „endlich die Fresse halten" solle. Denn selbst zu den Kino-Stoßzeiten sind die endlosen Werbevorspänne auch irgendwann mal vorbei. Wir sehen also, wie Jason Statham jede Menge Dinge tut, die wahnsinnig gefährlich und maskulin aussehen, aber absolut keinen Sinn machen. Zum Beispiel das halbe Krankenhaus in die Luft zu jagen, um den Ärzten genug Angst zu machen, damit die sich auch WIRKLICH gut um den verletzten Bruder kümmern. Wir sehen Vin Diesel, wie er Vin-Diesel-Kram macht (Autorennen, an der Kamera vorbeistarren, stark aussehen), und The Rock, der den Sturz aus der Glasfront eines mehrgeschossigen Gebäudes überlebt. Ich möchte nicht zu sehr in die Handlung einsteigen, denn darum geht es nicht. Nur ein paar Schlagworte: Rache. Verfolgungsjagden zwischen Helikoptern und Autos. Halbnackte Frauen, die lachen, tanzen oder Männer anbeten.

Bei besonders spektakulären Stunts schallt ein atemloses „Ja, man!" durch den Saal und auch der raplastige Soundtrack wird mit wohlwollendem Kopfnicken quittiert. Niemand scheint daran zu denken, dass der gutaussehende blonde Typ auf der Leinwand nicht mehr lebt. Dass er dem Supersportwagen im Real-Life eben nicht mehr in letzter Sekunde entkommen ist, bevor der in Flammen aufging. Die Filmemacher haben aber auch einen herausragenden Job gemacht. Es fällt nicht auf, dass Walker in einigen Szenen nicht mehr selbst vor der Kamera stehen konnte.

Und plötzlich kippt sie doch, die Stimmung. Pauls Figur telefoniert mit seiner Frau vor einem wichtigen und—natürlich—gefährlichen Einsatz. „Ich liebe dich" klinge zu sehr „nach Abschied" heißt es in der Szene, und von Abschied will niemand sprechen. Es soll doch das letzte große Abenteuer werden, bevor sich der Ex-Polizist endgültig im Vorstadthäuschen mit Garten und Minivan zur Ruhe setzen kann. Es ist eine Szene, die im Film gut ausgehen wird—natürlich. Aber sie zwingt einen so sehr, an das schlechte, „echte" Ende von Walkers letzter Fahrt zu denken, dass der junge Mann neben mir plötzlich in Tränen ausbricht.

Er reibt sich auch dann noch die Augen, als sich die Protagonisten im sonnendurchfluteten Abu Dhabi von einer abstrusen und komplett unrealistischen Action-Sequenz in die nächste katapultieren. Und auch die fröhlichen Zwischenrufe sind verstummt. Plötzlich sind wir trotz CGI-Explosionen und durchchoreographierter Kampfszenen in der Realität angekommen, sensibilisiert für jede einzelne Szene, in der Paul Walker der einzige Hauptcharakter ist, der nur verschwommen im Hintergrund steht.

Als die letzte große Mission vorbei ist, schnürt einem die allgemeine Happy-End-Stimmung geradezu die Luft ab. Wortlos starren Walkers Mitstreiter auf ihn und seine Film-Frau, wie sie am Strand mit dem gemeinsamen Sohn spielen. Als wollten sie sich jedes Bild so sehr einprägen, dass es für immer im Kopf bleibt. Plötzlich steht Vin Diesel auf, steigt in seinen Wagen und fährt weg. Er will sich nicht verabschieden, weil das hier kein Abschied ist, sagt er—und er hat Recht. An einer Kreuzung wird er von Walker eingeholt. Die beiden lassen die gemeinsame Zeit Revue passieren, versichern sich, dass das hier nicht das Ende ist, weil sie Brüder sind und so viel gemeinsam durchgemacht haben. Dann trennen sich ihre Wege.

Die Kamera entfernt sich, folgt dem weißen Wagen des verstorbenen Schauspielers, wie er sich eine einsame Straße in Richtung Sonne entlang schlängelt. Eine Gruppe von Teenagern hinter mir johlt gegen das beklemmende Gefühl im Kinosaal an. „Für Paul" flackert über die schwarze Leinwand, dann kommen die Credits. Die Leute verlassen ihre Sitze, größtenteils schweigend. Was gibt es jetzt auch zu sagen? Paul Walker ist mit 40 Jahren gestorben—in einem Sportwagen. Seinen letzten großen Stunt hat er nicht überlebt. Im echten Leben lässt er eine Tochter im Teenager-Alter zurück, das Happy End mit Minivan, Kind und Haus in einem beschaulichen Vorort von Los Angeles gibt es nur im Film.

Wenn es nicht so zynisch klingen würde, müsste man sagen, dass das tragische Ableben des Schauspielers die Actionreihe, die ihn so berühmt gemacht hat, zu einer komplett anderen Qualität verholfen hat. Die Gefahr ist plötzlich real, die Verbindung zwischen den beiden Hauptcharakteren wirkt ungleich tiefer. Mich wundert es nicht, dass Vin Diesel bei einem Screening von Fast & Furious 7 beinahe geweint hat. Der Film gibt Paul Walker ein Ende, wie man es jedem Verstorbenen nur wünschen kann. Eine Fahrt ins Licht, den Blick ruhig nach vorne gerichtet, im Reinen mit sich selbst. Und der Gewissheit, dass das noch lange nicht das Ende und kein Abschied für immer ist.

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