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Ein Straßendealer aus Amsterdam erzählt von 40 Jahren im Geschäft

Dennis verkauft seit 40 Jahren Kokain auf den Straßen Amsterdams. Wir haben uns mit ihm über sein Leben und seine Karriere unterhalten, und darüber, wie sich der Drogenmarkt im Laufe der Jahre verändert hat.

von Thijs Roes
30 März 2015, 1:35pm

Seit Monaten warnen in ganz Amsterdam große Matrixschilder Passanten: "IGNORE STREET DEALERS". Jemand in der niederländischen Hauptstadt verkauft weißes Heroin als Kokain, was bereits bei drei Touristen eine tödliche Überdosis zur Folge hatte. Nur etwa einen Meter von einem dieser Schilder entfernt versuchte Dennis vor Kurzem, mir "Coca, Coca" zu verkaufen.

Ich ignorierte ihn nicht. Stattdessen unterhielt ich mich mit ihm über den momentanen Drogenmarkt und sein turbulentes Leben. Dennis hat mehr Zeit im Gefängnis verbracht als ich in der Tram, und das Drogengeschäft hat sich im Laufe der letzten 40 Jahre vor seinen Augen drastisch gewandelt.

VICE: Wie stehst du dazu, dass einer deiner Kollegen Heroin als Kokain verkauft?
Dealer Dennis: Ich finde es unmenschlich, so einen Trick abzuziehen. Das Zeug bringt einen um. Ich verstehe nicht, warum er das tut. Aber es schadet nicht wirklich meinem Geschäft oder sowas. Die Touristen ignorieren die Schilder größtenteils, also hat es keine Auswirkungen auf mich. Manche Dealer verkaufen jetzt Test-Sets zu ihrem Kokain, aber ich mache das nicht.

Wie bist du Koksdealer geworden?
Als ich 17 war, spielte ich sehr gut Fußball. Ich hatte auch Erfolg, bis ich ein Mädchen schwängerte. Danach ging alles schnell bergab. Ich kam nicht mit der Verantwortung klar und wollte nicht akzeptieren, dass ich ein Kind hatte. In der Zwischenzeit konsumierte ich immer mehr und fing an, auf der Straße zu verkaufen.

Wie funktionierte der Verkauf?
Ich kannte Leute, die das Zeug kiloweise zu einem guten Preis herumliegen hatten. Ich verkaufte es auf dem Zeedijk, mitten in Chinatown in der Nähe des Rotlichtbezirks. Ich verdiente jede Menge Geld—ein Gramm Koks brachte damals etwa 300 Gulden. Es war leicht verdientes Geld, Tag und Nacht gab es Kundschaft. Amsterdam war Ende der 80er wirklich eine Drogenstadt.

Ist es das nicht immer noch?
Nicht so sehr wie damals. Es ist furchtbar geworden hier draußen auf der Straße. Die Leute verkaufen allen möglichen Scheiß. Zum Beispiel Lidocain. Wenn du dir das aufs Zahnfleisch tust, dann betäubt es ein wenig, genau wie Kokain. Diese betrunkenen englischen Touristen tun immer so, als würden sie was spüren, aber in Wirklichkeit bewirkt es kaum etwas.


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Wie war es, als du das erste Mal verhaftet wurdest?
Je mehr du verkaufst und je mehr Umsatz du machst, desto mehr wirst du dich fühlen, als wärst du unverwundbar. Bis ein Zivilbulle mir eines Tages auf die Schulter tippte und ich ins Gefängnis musste. Es war allerdings nicht mal halb so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte so: Oh, das ist alles? Das Gefängnis war wie ein Hotel! Und es gab dort so viele Drogen, noch mehr als draußen. Als ich rauskam, machte ich mir Gedanken, wie ich sichergehen konnte, dass ich nicht noch mal verhaftet werde.

Du hast also deine Vorgehensweise geändert?
Zuerst hatte ich meine ganzen Drogen bei mir und verkaufte sie selbst. Danach hatte ich Leute, die für mich arbeiteten: Einer hatte die Drogen bei sich, der andere hielt nach Kunden Ausschau und ich sammelte das Geld ein. Wenn sie mich aufgabelten, dann konnten sie mir nicht wirklich was anhaben, weil ich nichts dabei hatte. Aber ich kümmerte mich gut um meine Kundschaft. Nicht wie diese Typen, die ihre Konsumenten ausnutzen, weißt du. Manchmal zahlte ich jemandem ein Hotelzimmer, wenn sie nicht wussten wohin, oder ich gab ihnen etwas Essen, wenn sie eine harte Zeit durchmachten. Ich war auch recht locker wenn es ums Geldverleihen ging.

Lief das Geschäft damals gut?
An guten Tagen verdiente ich 1500 bis 2000 Gulden. Aber ich kostete auch selber hin und wieder noch ein wenig. Und hin und wieder wurde ich auch verhaftet, doch ich verbrachte nie mehr als zwei, vielleicht vier Monate im Gefängnis. Ab einem gewissen Zeitpunkt versanken die Niederlande plötzlich im Kokain, was einen starken Preissturz verursachte. Plötzlich ging Koks nur noch für 25 Gulden das Gramm weg. Trotzdem lief alles eigentlich noch relativ gut—bis der Euro eingeführt wurde.

Der Euro?
Ja! Niemand hatte mehr Kohle, nachdem wir den Euro bekamen. Die Polizei wurde plötzlich auch viel strenger und brachte überall Kameras an. Bevor du dich versahst, warst du wieder eingesperrt. Ich saß viel mehr. Der Euro hat das Geschäft wirklich zerstört.

Hast du zu dieser Zeit noch selbst konsumiert?
Ich war seit etwa neun Jahren mit einer Frau zusammen, die ich auf der Straße kennengelernt hatte. Ich sagte ihr: "Hör zu, ich werde mich um dich kümmern, aber ich komme gerade aus dem Gefängnis und nehme Drogen. Also bitte, ich will wirklich keine Kinder." Eines Tages kam ich heim und sie sagte mir, sie sei schwanger. Ich bekam Panik. Ich sagte ihr, dass ich kein Kind wollte, und sie verließ mich.

Hast du deswegen Schuldgefühle?
Absolut. Ich schäme mich für meinen Drogenkonsum. Ich will nicht, dass meine Kinder mit einem drogenabhängigen Vater aufwachsen. Als sie mich verließ, bin ich einfach zerbrochen. Ich rauchte jeden Tag Koks. Ich wachte auf und rauchte und rauchte einfach nur. Ich wollte niemanden sehen, zahlte meine Rechnungen nicht mehr, häufte Schuldenberge an. Ich habe immer noch damit zu kämpfen.

Konsumierst du noch genau so viel?
Nein, ich habe vor etwa zwei Jahren aufgehört. Meine Mutter wurde krank und brauchte meine Hilfe. Ihr halber Körper ist gelähmt und sie kann sich nicht alleine hinsetzen oder aufrichten oder aufs Klo gehen. Ich habe mich nützlich gemacht, indem ich mich um sie kümmerte. Ich kümmere mich jetzt jeden Tag um sie; manchmal koche ich ihr ein gutes surinamisches Essen, das mag sie viel lieber als traditionelle niederländische Kost. Bevor sie krank wurde, waren wir zusammen in Surinam und ich war eine Woche lang clean, obwohl es dort eine Menge Drogen gibt. Jemand in unserem Hotel fragte, ob ich Drogen in die Niederlande mitnehmen wollte. Ich sagte: "Komm schon, ich bin mit meiner Mutter hier."

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Welche sind die größten Veränderungen, die du im Drogengeschäft miterlebt hast?
Die Leute strecken ihr Zeug mehr und mehr. Die Qualität hat einfach nur abgenommen. Früher hatten die surinamischen Dealer das beste Koks, aber die Zeiten sind vorbei. Die Marokkaner haben jetzt das Geschäft übernommen—von denen hole ich auch mein Zeug. Und manchmal verkaufe ich Mehl oder Backpulver.

Mehl? Du hast mir "Coca, Coca" angeboten. Hättest du mir eine Mogelpackung verkauft?
Nein, nein. Das verkaufe ich nur betrunkenen Briten. Dir begegne ich vielleicht wieder. Du wirkst wie ein netter Typ, aber man weiß nie, wer ein Messer oder eine Pistole dabei hat. Ich habe meistens sowohl Kokain als auch Mehl dabei und entscheide spontan, was du bekommst. Es ist ein wenig wie ein Zaubertrick, haha.

Ich sehe es als Drogenprävention. Viele Touristen kommen hierher, nur um Drogen zu nehmen, nicht um die Schönheit der Niederlande kennenzulernen oder ein Stück Käse zu probieren. Ich halte sie davon ab, im Urlaub Drogen zu nehmen, indem ich ihnen falschen Shit verkaufe. Und man kann nicht von einem bisschen geschnieften Mehl sterben, von daher halte ich das für eine gute Lösung.

Warum suchst du dir nicht einfach einen Job?
Würde ich gern, aber das Sozialamt ist der Meinung, ich hätte Sozialleistungen missbraucht, weil ich falsches Dope verkauft habe, während ich Hilfe bezog. Also schulde ich ihnen ungefähr 40.000 Euro. Und ich muss immer noch Wasserrechnungen, Krankenversicherung und Miete aus meiner Suchtzeit zurückzahlen. Ich bekomme Sozialhilfe und habe etwa 60 Euro in der Woche, die ich für Essen und Sachen wie ein Paar Schuhe ausgeben kann. Ich hörte vor zwei Jahren mit den Drogen auf, aber diese Schulden gehen nicht einfach so weg.

Wie geht es deinen Kindern?
Sehr gut. Ich habe vier, mit drei verschiedenen Frauen. Meine jüngste Tochter hatte diese Woche Geburtstag, das war schön. Nur mein ältester Sohn weiß von meiner Vergangenheit. Er macht sich sehr gut in seinem Studium und so. Ich fühle mich schlecht, weil ich früher nicht für ihn da war, aber ich bin heute sehr stolz auf ihn.

Hast du jemals daran gedacht, einen Lieferservice zu starten, anstatt auf der Straße zu verkaufen?
Ich habe Angst, dass ich wieder anfangen würde zu konsumieren, wenn ich das Zeug zu lange bei mir hätte, also will ich nichts Großes mehr machen. Das hier ist alles in sehr kleinem Rahmen. Ich verkaufe am Wochenende ein oder zwei Gramm, nur damit ich in der Woche einen Zehner mehr zum Ausgeben habe.

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