FYI.

This story is over 5 years old.

LEGAL HIGHS

(Halb-)Legale Räusche: Muskatnuss

Muskatnuss ist ein legales Gewürz, aber auch ein gefährlicher MAO-Hemmer, der euch gemeinsam mit Wodka 10 Zentimeter über dem Boden rotieren lässt, bis ihr euch in einer wabernden Chemiewolke auflöst.
26 September 2014, 9:15am

Foto: Derrick Tyson | flickr | CC BY 2.0

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in ihren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir ab heute die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs“ aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Den Anfang macht ein Klassiker: Muskat.

Während andere in ihrer Schulzeit versucht haben, Mentos mit Cola in ihrem Mund zum Explodieren zu bringen, habe ich mit meinem besten Freund und meiner besten Freundin Muskatnuss geraucht. Damit will ich nicht sagen, dass wir irgendwie cooler waren—im Gegenteil, wir waren die noch viel erbärmlicheren Nerds, weil es weder zu ehrlicher Idiotie mit Squirt-Cola noch zum Besorgen echter Drogen fähig waren.

Stattdessen haben wir uns auf dem Balkon der Wohnung ihrer Eltern gegenseitig die Füße massiert, Wodka-Apfelsaft aus blumig bedruckten Kindertassen getrunken und anschließend kleine Muskatnuss-Späne in einen Joint gebröselt, mit denen wir uns fast umgebracht hätten. Wie ich erst ein paar Jahre später erfuhr, als das Studieren ethnobotanischer Fachpublikationen zur Partyvorbereitung gehörte wie bei anderen das Auftragen von Eye-Liner, wirkt Muskatnuss oder Myristicin nämlich als MAO-Hemmer.

Das hat nichts mit Chinakommunismus und Kulturrevolution zu tun, sondern ist ein Akronym für Monoamino-Oxidase—und falls euch das nichts sagt, müsst ihr eigentlich nur wissen, dass der Stoff eine Art Türsteher unseres Immunsystems ist, den man besser nicht in die Pause schicken sollte, ohne zu wissen, was in seiner Abwesenheit für Gesindel in den Club namens Dein Körper will.

Es ist ziemlich erstaunlich, welche Lebensmittel man alle nicht mehr verträgt, wenn man MAO-Hemmer intus hat. Die Liste beinhaltet Käse, Spinat, Chianti, Fleisch und ist insgesamt so lange, dass jede Drogen-Website am Ende empfiehlt, lieber gleich einen Tag zu fasten, als etwas Falsches zu erwischen. Das ist vielleicht übertrieben, aber angesichts der Tatsache, dass ein bisschen drogenfreundliche Nachlässigkeit hier das Risiko von TOD—dem erklärten Freund aller (halb-)legalen Drogenspäße—mit sich bringt, vielleicht auch gar nicht so blöd.

Im Fall von Muskatnuss und Wodka war jedenfalls ein psychonautischer Schlägertrupp im Anmarsch auf unseren Club. Uns, die wir uns gerade betrunken die Zehen kneteten, während wir das Zeug inhalierten, war das natürlich unbekannt. Ehrlich gesagt weiß ich aber nicht, ob dieses Wissen wirklich irgendwas geändert hätte. Schließlich waren wir in Depressionen schwelgende Teenager, die anstatt ordentlich feiern zu geben (oder eben Mentos-Cola-Explosionen zu basteln) lieber in schweigender Verbundenheit auf dem Balkon saßen und auf die orangefarbenen Wolken und lilafarbenen Dämpfe des Chemiewerks starrten. Wir waren so etwas wie der verspätete Breakfast Club für die österreichische Pampa, nur dass uns niemand ein-, sondern wir uns selbst ausgesperrt hatten und am Ende niemand Sex bekommen sollte.

Foto: tippi t | flickr | CC BY 2.0

Ich weiß noch, dass wir uns über Cyberpunk unterhalten und große Pläne geschmiedet haben, die mit Y2K, dem Papst und Graffiti zu tun hatten und vermutlich sogar in der heutigen Nacherzählung noch strafbar wären. Von der Muskatnuss merkten wir aber wenig bis nichts. Oder zumindest dachte ich das, weil ich auch mit Wodka noch nicht so viel Erfahrung hatte und es mir wie ganz normale Spirituosen-Betrunkenheit vorkam, dass ich 10 Zentimeter über dem Boden rotierte und mich in den wabernden Chemiewolken auflöste.

Der Logik des Abends folgend setzte ich mich auf dem Nachhauseweg ein paar Mal neben die Bänke diverser Bus-Wartehäuschen und kam mit leicht angeschlagenem Steißbein an so mancher Werbetafel zum Lehnen, bevor mich zu meiner großen Überraschung meine Eltern zu Hause mit Gulasch empfingen. Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass es schon gegen Mitternacht und niemand außer mir wach war. Tatsächlich war es gerade erst Hauptabendprogrammzeit und ich hatte ziemlich viel Mühe, beim Auslöffeln des Gulaschs den Teller zu treffen.

Nachdem ich zirka mit der halben Portion fertig war, bemerkte ich, dass mich meine Mutter die ganze Zeit über anstarrte. Ich denke, meine Eltern haben mich davor noch nie betrunken gesehen. Als ich gerade zu meiner Verteidigung irgendwas davon lallen wollte, dass wir wenigstens nicht mit irgendwelchen Junkies unterwegs gewesen waren, sagte sie plötzlich: „Bist du heute schon so müde?“ Ich nickte erleichtert, während mir wahrscheinlich ein bisschen Gulasch aus dem Mund lief, ließ mir den Teller abservieren und legte mich in mein kleines Nerd-Bettchen, wo sich die Welt noch zirka drei Stunden drehte, während ich von Wodka und Füßen träumte.