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Wir haben mit der US-Moderatorin gesprochen, die für Marihuana gekündigt hat

Charlo Greene erklärt uns, warum sie vor laufender Kamera ihren Job als Nachrichtensprecherin geschmissen hat.

Patrick  McGuire

Patrick McGuire

Sonntagabend moderierte Charlo Greene, eine Nachrichtensprecherin für den amerikanischen Sender KTVA, einen Beitrag über die Bemühungen zur Legalisierung von Marihuana in Alaska. Plötzlich schmiss sie geradezu filmreif alles hin. Charlo hielt sich nicht mehr ans Skript und erzählte den Zuschauern vor laufenden Kameras, dass sie die Vorsitzende von Alaskas einzigem Cannabis-Club sei und die Nachrichtenwelt hinter sich lassen würde, um ihre ganze Energie in die Legalisierung von Marihuana in dem US-Staat aufwenden zu können. Mit sofortiger Wirkung hat für Charlo ein neues Leben begonnen: Sie steht nun an der Spitze der Bewegung und leitet weiterhin die einzige Gras-Apotheke in ganz Alaska. Bevor sie aus dem Bild trat, fügte sie noch hinzu: „Fuck it, I quit.“ (Scheiß drauf, ich kündige.)

Wie zu erwarten war, ging der Clip der Nachrichtensendung mit seiner Mischung aus Gras, unerwarteten Schimpfwörtern im Live-Fernsehen und der Aufregung um eine Kündigung dieser Art viral. Aus diesem Grund haben wir uns mit Charlo in Verbindung gesetzt, um mit ihr über die Beweggründe für den inzwischen schon legendären Ausstieg aus der Nachrichtenwelt, über ihren Cannabis-Club und über die Legalisierungs-Bewegung in Alaska zu reden. 

VICE: Wann habt ihr mit dem Cannabis-Club angefangen?
Charlo Greene: Wir haben am 20.4.2014 eine Gewerbelizenz erhalten.

Wie läuft das Geschäft?
Das Geschäft läuft super! Es läuft auf jeden Fall gut genug, um mich nicht schlecht zu fühlen, obwohl ich gerade eine Karriere aufgegeben habe, für die ich jahrelang hart arbeiten musste.

Was hat dich dazu bewegt, auf so eine außergewöhnliche Art und Weise zu kündigen?
[lacht] Ich wollte die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Als Journalist weiß man, dass wir alle ersetzt werden können. Die Leute werden dich, mich oder irgendeinen anderen Journalisten wohl nicht wirklich vermissen. Warum sollte ich dann meine Situation nicht dazu nutzen, um mir für meinen nächsten Lebensabschnitt die beste Ausgangsposition zu verschaffen?

Wie hat man im Studio auf deinen Abgang reagiert?
Zum Glück ist das alles Sonntagabend passiert, denn da halten sich die meisten Mitarbeiter in den unteren Studios auf. Ich habe meine Live-Sendung in den oberen Studios aufgenommen, deshalb habe ich nicht mitgekriegt, was in der eigentlichen Redaktion abging. Ein paar höhere Tiere in meinem Stockwerk haben aber irgendwie Panik bekommen. Die Telefone haben nicht mehr aufgehört zu klingeln und ich wurde hinausbegleitet. Das war’s. 

Und seitdem hat es auch keine weiteren Konsequenzen gegeben?
Meine Biographie und so weiter wurden von der Website gelöscht, aber ansonsten hat man mich nicht mehr kontaktiert. 

Das ist gut. Hast du die Twitter-Nachricht des Senders gesehen? Darin steht, dass du gefeuert wurdest. 
[lacht] Ja. [lacht] Die habe ich gesehen. Ziemlich dumm. 

Ich finde sie doch ziemlich lächerlich. 
[lacht] Ja, und dann noch die ganze Unterstützung für mich … Lies dir doch mal die ganzen Antworten auf die Nachricht durch, die sind immer gleich: „Nein, das habt ihr falsch verstanden. Sie hat gekündigt. Wir haben es alle gehört und gesehen.“

Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen in dieser Sache hinter mir stehen. Irgendwie habe ich etwas gemacht, das wir alle irgendwann schon mal machen wollten—einfach Folgendes sagen: „Scheiß drauf, ich bin raus. Das hier ist richtig dumm. Ich mache jetzt was anderes. Ich werde mein eigener Chef. Ich werde etwas verändern, weil ich die Möglichkeit dazu habe.“

Wie bist du überhaupt zum Cannabis gekommen?
Ich stamme aus Alaska. Hier raucht jeder Gras, das ist einfach so. Zum ersten Mal habe ich Marihuana in der High School ausprobiert und damals hat es mir überhaupt nicht getaugt. Also habe ich Gras komplett ignoriert und dafür umso mehr Alkohol getrunken—was hier in Alaska übrigens auch ein großes Problem ist. Auf dem College bin ich dann an einem Punkt angekommen, an dem ich so viel Alkohol konsumiert habe, dass ich bei keiner Vorlesung mehr anwesend war. So habe ich ein ganzes Semester in den Sand gesetzt und musste anschließend extra viele Kurse belegen. Außer beim Sport bin ich überall durchgefallen—da habe ich aber auch nur bestanden, weil ich dem Kursleiter Leid tat.

Mir wurde klar, dass ich mit dem Laster Alkohol nicht zu der Person werden würde, die ich sein wollte. Ich musste mir also etwas anderes suchen, das vielleicht nicht so schädlich ist—so kam ich wieder zum Marihuana. Nach einem komplett verhauenen Semester habe ich die darauffolgenden mit Bravour bestanden und mein Studium schließlich sogar cum laude abgeschlossen. Das verdanke ich dem Gras-Konsum! Ich habe mich dadurch Zuhause hingesetzt und wirklich zusammengerissen. Cannabis hat bei mir nie einen Kater verursacht und ich habe mich durch die Droge auch nie hinters Steuer gesetzt und eine Familie überfahren oder so. 

Charlo umgeben von ihren Pflanzen. Foto: Facebook

Gibt es für deinen Konsum medizinische Gründe oder machst du das nur zur Entspannung?
Meiner Meinung nach ist Entspannung hier ein witziger Ausdruck, denn wer sagt denn, dass es einen Unterschied zwischen dem Rauchen eines Joints mit seiner entspannenden Wirkung und dem Einschmeissen einer Zoloft-Tablette gibt? Zweitgenanntes würde man ja auch nicht als „entspannend“ bezeichnen—wobei, ihr wahrscheinlich schon …

Ich verstehe schon, was du meinst. 
Ich mache es also aus medizinischen Gründen. Das ist wohl bei fast jedem hier der Fall. 

Viele Leute sind mit der Cannabis-Situation in Alaska nicht vertraut. Erkläre doch mal kurz, wie es um die Bemühungen zur Legalisierung steht. 
Umfragen zeigen, dass die Unterstützung zurückgeht. Deswegen habe ich mich auch gegen meine Nachrichten-Karriere entschieden. Bei gleichbleibendem Rückhalt hätte ich einfach weiter hinter den Kulissen agiert und sicher gestellt, dass die Panikmache und die von den Journalisten oft nicht überprüften Falschinformationen nicht Überhand nehmen. Ich hätte einfach dafür gesorgt, dass der Kampf fair ausgetragen wird. Die Umfragen haben jedoch gezeigt, dass die Panikmache Wirkung zeigt. Also bin ich abgetreten, um den Einwohnern Alaskas zu zeigen, was hier wirklich auf dem Spiel steht und welche Möglichkeit wir haben. 

Blickst du optimistisch in die Zukunft? 
Na klar. Wenn du dir mal unsere Facebook-Nachrichten, die Kommentare und die E-Mails ansiehst, dann wirst du feststellen, dass sie von Leuten kommen, denen das Wählen bis jetzt egal war. Es heißt immer: „Ihr beweist Mut und ich lasse mich deswegen für die Wahl registrieren. Gemeinsam schaffen wir das, ich stehe hinter euch.“ So wissen wir, dass wir die Dinge wieder auf den richtigen Weg bringen und unser Anliegen unterstütz wird, Marihuana am 4. November in Alaska legal zu machen.

Sehr schön! Was ist deine Lieblingssorte?
Meine Lieblingssorte? Das ist wohl Jack Herer—einfach ein Klassiker. 

Auf jeden Fall. Dein Cannabis-Club ist bis jetzt nur privaten Mitgliedern vorbehalten, oder?
Ja, bis wir über die Legalisierung abstimmen. Der medizinische Teil wird sowieso immer weiter laufen. Natürlich gibt es auch Pläne, die Dinge zu erweitern und im Einzelhandel Fuß zu fassen. Wir müssen jedoch sicherstellen, dass die medizinischen Marihuana-Konsumenten nach der Legalisierung nicht über den Tisch gezogen werden. Unsere Initiative macht keinen Unterschied zwischen medizinischen Konsumenten und den Leuten, die Gras zur Entspannung rauchen.

Damals im Jahr 1998 ist medizinisches Marihuana in Alaska legal geworden und auch 16 Jahre später wurde vom Staat noch kein System aufgebaut, da auch ranzukommen—sprich: Gras-Apotheken sind immer noch nicht erlaubt. Schon damals wurden die medizinischen Konsumenten verarscht. Das wird kein zweites Mal passieren, dafür werde ich persönlich sorgen. 

Ausgezeichnet! Hast du noch irgendwelche Tipps für die Leute, die ihren Job ganz spektakulär kündigen wollen?
Lasst es richtig krachen. Wenn du schon gehst, dann geh mit einem Knall. Warum auch nicht? Dein Job ist wahrscheinlich eh scheiße, also versuche, noch so viel wie möglich für dich selbst rauszuschlagen. Wenn du durch deine Arbeit an Informationen gelangst, die vielleicht für deine nächsten Schritte hilfreich sind, dann hol sie dir! Du bist sowieso nur ein kleines Zahnrad in dieser großen Maschine—du weißt, dass man dich ersetzen kann, denn du wirst auch so behandelt. Also ersetze sie zuerst. Sei mutig und riskiere mal was. Und stelle sicher, dass du dich danach auch gut fühlst.