Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Stuff

GHB liebt mich und macht mich immer wieder bewusstlos

Drei Mal wurde mir GHB in den Drink gemischt. Drei Mal war's ein Horrortrip. Eine Anleitung, wie dir nicht das Gleiche passiert.

von Nadja Brenneisen
13 August 2014, 9:14am

Titelfoto von Nadja Brenneisen

Meiner Meinung nach nehmen nur kranke Menschen freiwillig GHB, da die Droge enorm schwierig zu dosieren ist. Dagegen benutzen noch kränkere Menschen die Chemikalie vorwiegend, um Frauen oder Männer zu betäuben und dann zu vergewaltigen. In den letzten eineinhalb Jahren habe ich drei Mal eine derartige Dosis GHB abbekommen, dass ich jedes Mal mindestens K.O. gegangen bin. Aus meinen Fehlern kannst du jetzt lernen.

Foto: Matthias Ripp | Flickr | CC BY 2.0

Erste Lektion: Drinks gibt's ab jetzt nur noch auf ex. Alternative: Den Deckel vom nächsten Frappuccino bei Starbucks aufheben und zum Schutzschild gegen „Liquid X" umfunktionieren.

Das erste Mal zusammengeklappt bin ich in einem Laden in Zürich, in den ich niemals freiwillig gegangen wäre. Die Bar erschien mir als der geeignetste Ort dafür, doch noch einen guten Abend zu erleben. Während meinem Abstecher auf die Toilette muss jemand meinem Drink eine weitere Substanz beigemischt haben.

Nachdem ich meinen Cocktail geleert hatte, war mir nach Tanzen. Ich war echt gut drauf. Die Lichtpunkte am Boden waren bunter als zuvor und schienen lustige Kreise zu ziehen. Ich tanzte mit ihnen, in ihnen, was plötzlich heftige Übelkeit auslöste. Ich natürlich ab aufs Klo.

Auf der Toilette bin ich dann zusammengeklappt. Dieses Erlebnis war eigentlich ein Glücksfall. Es hat mich relativ  schonend darauf vorbereitet, wie böse GHB sein kann. Dein von GHB verwirrter Verstand kann nämlich ziemlich übel ausgenutzt werden.

Foto: Lorraine. | Flickr | CC BY 2.0


Zweite Lektion: So toll ein Typ auch sein mag, teste seinen Background. Und trink aus seinem Glas.

Stell dir vor, du lernst einen Typen kennen. Er ist ganz OK, hat dich aber noch nicht ganz überzeugt. Also gehst du auf ein paar Dates. Gibst ihm die Chance, sich als guter Fang zu offenbaren. Oder auch nur als lohnender One-Night-Stand. Hätte ich Grips und wäre auf Sex aus, könnte ich mir irgendwo ein bisschen Charme abringen. Aber ich bin halt nicht ganz so kaputt, wie es mein Date von damals ist.

Wir tranken Weißwein bei ihm zu Hause. Irgendwie schmeckte der Wein salzig. Aber wir aßen schließlich auch Salzstangen dazu. Eine Serviette fiel zu Boden. Ich wollte sie aufheben. Doch irgendwie schaffte ich es nicht. In meinem Kopf war ich absolut klar, meinen Körper hatte ich aber nicht mehr unter Kontrolle. Ich wollte etwas sagen, aber meine Zunge war zu schwer. Eine Glaskugel hatte sich über mich gestülpt und dämpfte alle Geräusche, die aus einer anderen Welt zu mir drangen. Und dann hatte ich plötzlich den größten Penis, den ich je gesehen habe, vor der Nase baumeln.

Foto: weegeebored Flickr | CC BY-ND 2.0

Wie groß er wirklich war, lässt sich schwer sagen. Jedenfalls hat er mir Angst gemacht. Im Nachhinein habe ich mir für mein waches Handeln gratuliert. Ich erkannte das Gefühl sofort—dasselbe wie damals. Ich wusste auch, dass es verdammt schnell geht, bis man die Nase gegen den Boden presst. Mein Körper wollte mir aber noch immer nicht gehorchen.

Was dein Hirn im Notfall alles bewerkstelligen kann, ist großartig. Meins hat mich gerettet. Ich habe mich so fest zusammengerissen, wie ich nur konnte, und meinem Kopf befohlen, sofort die Beine funktionstüchtig zu machen. Irgendwie bin ich zur Toilette gekommen, habe die Tür zugemacht und Schlüssel umgedreht. Die Fliesen waren hart und haben mir eine Gehirnerschütterung samt Platzwunde verschafft. Das psychische Down und den temporären Verlust des Vertrauens in die ganze Menschheit addierte ich erst am folgenden Tag zur Schadensbilanz.

Foto: Derrick TysonFlickr | CC BY 2.0

Dritte Lektion: Nutz deine Krankenkasse! Ein Arzt kann dir tatsächlich dein Leben erleichtern. Oder retten.

Gruseliger geht's immer. An Halloween hatte mein bester Freund zur Party geladen. Eine Freundin und ich hatten uns einen Drink geteilt, der mir ein schlecht verkleideter Spider-Man in die Hand gedrückt hatte. Schon bald war der Konsens, noch weiterzugehen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon grundlos aggressiv.

Ich bin eine friedliche Person. Normalerweise. Ich erinnere mich an den Abend nur noch schwammig. Wie wenn man einen Film in brüchigem, hie und da stockenden und wieder schneller laufenden Zeitraffer sieht. Irgendwie hab ich auf dem Weg mit einem Schwulen so heftig rumgeknutscht, dass mir danach der Mund wehtat.

Foto: rosmary | Flickr | CC BY 2.0

Ein Einkaufswagen ist irgendwo aufgetaucht. Den habe ich mittig auf die Straße gestellt, was dem vorbeifahrenden Autofahrer nicht gerade gelegen kam. Als er dies artikuliert hatte, bin ich auf ihn losgegangen. Verbal und mit ein paar Tritten gegen das Auto. Im Club bin ich dann entweder rausgeflogen oder selber gegangen, so genau weiß ich das nicht mehr. An die Ereignisse danach erinnere ich mich gar nicht mehr.

14 Stunden später kam ich bei in meiner Wohnung zu mir. Meine Mitbewohnerin hatte mich hinter dem Club aufgelesen und heimgebracht. Ich fügte die Puzzlestücke der vergangenen Nacht zusammen: Es waren immer Leute bei mir gewesen. Das war das Einzige, das mich für den Augenblick interessierte.

Es ging mir verdammt schlecht. Mein Herz hämmerte gegen den Brustkorb, nur um gleich wieder auszusetzen. Ich hatte Todesangst und einen Kopf, der zu explodieren drohte. Übelkeit wäre eine Untertreibung für die Bezeichnung meiner Brechanfälle. An diesem Tag konnte ich nicht mal einen Schluck Wasser zu mir nehmen. Die nächsten drei Tage waren grausam.

Foto von Nadja Brenneisen

Und dann stand meine Freundin, mit der ich den fatalen Drink geteilt hatte, vor der Tür. Sie war mit dem gleichen fiesen Schädel und fehlenden Erinnerungen an den Abend aufgewacht. Während sie am nächsten Morgen halb bewusstlos zum Klo wankte, schlich sich gerade Spider-Man aus ihrem Bett und der Wohnung.

Das Gemeine ist, dass du dich nicht schützen kannst. Also gilt es, präventiv zu handeln. Es hat mir den Arsch gerettet, dass ich bereits wusste, wie GHB wirkt und schmeckt. Nimm dir einen Freund, informiere dich und teste das Zeug auf Geschmack und Wirkung.

Foto: Alyssa L. Miller | Flickr | CC BY 2.0

Hoffe auf diese Strohhalme. Vertrau niemandem. Keinen Kostümierten, keinen charmanten Dates. Und wenn es dich doch erwischt hat und du nach dem Aufwachen leidest: Geh ins Krankenhaus. Ein bisschen intravenöse Flüssigkeit und Medikamente helfen, wenn du denkst, dass du stirbst. Und sterben tust du im Krankenhaus wahrscheinlich nicht. Wenn du dich nicht medizinisch versorgen lässt, kann es passieren, dass deine Lungen nicht mehr mitmachen oder du an deiner Kotze erstickst.

Tagged:
Zürich
Drogen
Vergewaltigung
Sexismus
Prävention
ghb
K.O.-Tropfen
Vice Blog
horrortrip