FYI.

This story is over 5 years old.

News

Unter dem Banner des IS in Österreich

Unter dem Schutz ihrer Anonymität hat sich ein österreichischer IS-Sympathisant bereiterklärt, ein exklusives Interview mit uns zu führen.
10.9.14

Am 2. April 2014 veröffentlichte das International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (kurz: ICSR) einen Report über europäische Kämpfer in Syrien. Hinter der Zeile Austria stand eine schlichte „1". Angesichts der Tatsache, dass für Deutschland die recht ungenaue, aber bedeutend größere Zahl von „3 bis 40" angegeben war und in Schweden TV-Teams schon die Eltern toter Dschihadisten besucht hatten, war klar, dass es eine Geschichte hinter dieser schlichten Zahl „1" geben musste. In Großbritannien hatte sich VICE bereits sehr ausgiebig mit Menschen beschäftigt, die den Luxus der westlichen Welt hinter sich ließen, um in den heiligen Krieg zu ziehen.

Meine Versuche, auch in Österreich Kontakte zu IS-Kämpfern aufzubauen, waren anfangs vergeblich. Durch soziale Netzwerke und Anrufe bei diversen Institutionen konnte ich keine Syrienkämpfer aus Österreich ausfindig machen. Angesichts vieler Facebook-Postings war aber klar, dass die „1" am Wachsen war. Ich kontaktierte oft ganz unscheinbar wirkende Facebook-Profile—Freunde von Freunden eines Likes unter einem Terrorvideo. In den seltensten Fällen bekam ich Antwort. Trotzdem war schon Anfang August die Zahl der Österreicher, die für den IS kämpften, auf 130 angewachsen. Dies bestätigte mir Mag. Alexander Marakovits, Leiter der Abteilung I/5 des Innenministeriums. Des Weiteren sei ein Drittel davon bereits nach Österreich zurückgekehrt. Sie waren es, zu denen ich Kontakt suchte.

Am 18. August meldete sich um 7:52 Uhr morgens F. Abu Omar (Name von der Redaktion geändert) bei mir. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon nicht mehr mit einer Antwort gerechnet—und noch weniger mit dem, was später noch kommen sollte. Abu Omar hatte ich geschrieben, nachdem wir von unseren Kollegen in London gehört hatten, dass angeblich auch ein Österreicher für den IS kämpfen solle. Mich interessierte es aber nicht unbedingt, mit irgendjemandem in Syrien zu chatten und Geschichten zu hören, die weder belegt noch überprüft werden könnten.

Vielmehr wollte ich Kontakt zu Personen suchen, die aus dem Grauen in Syrien wieder zurück gekommen sind und bei uns wieder Müll trennen müssen, oder 20 Sorten Brot beim Billa schlichten, während sie unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. Auch wenn das Grauen in Syrien für uns einem schwarzen Abgrund gleicht: Viele werden laut Innenministerium aus diesem Dunkel wieder auftauchen und zurückkehren. Die Zivilgesellschaft muss sich also nicht nur fragen, wer warum für einen Gottesstaat kämpfen will und wie deren Gerechtigkeitssinn ausschaut—mindestens genauso wichtig ist die Frage nach dem Verbleib derer, die aus dem Krieg und seinen Ideologien heimkehren.

Anzeige

Nach kurzem Hin- und Her-Geplänkel auf Facebook, wo von F. Abu Omar die gleichen Plattitüden (wie der Verweis auf das Islamzentrum in Wien) rausgehauen wurden, die später so ähnlich auch im Boulevard landeten und uns als Information verkauft wurden, bat er mich auf WhatsApp umzusteigen. In dieser Woche hatte er bereits einmal sein Facebook-Profil gewechselt, was aber seiner Popularität im Netz keinen Abbruch tat. In seinem letzten Status-Update hatte er sogar gefragt, ob jemand ihm eine neue Handynummer zur Verifikation und Anmeldung seines neuen Profils borgen könnte.

F. Abu Omar bewegte sich mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein im Netz, obwohl ihm komplett klar sein musste, dass er unter Beobachtung der Exekutive stand. Das macht nur jemand, der sich sicher fühlt. Gleichzeitig war Abu nie sicher genug, um mir etwas über sich selbst oder den Krieg zu erzählen. Und das nicht, weil ihm die Sprache dazu fehlte. Er kann gut formulieren, hält sich kurz und benutzt viele Idiome: Meine anfängliche Frage nach Kontakten wurde zum Beispiel folgendermaßen abgelehnt: „Wenn ich dich unterstützen würde und damit Schaden bei Muslimen anrichten würde, kostet (mich) das Kopf und Kragen […]"

Neben dem sporadischen Kontakt zu ihm und meinen Versuchen, irgendetwas hinzubekommen, das journalistisch über Kaffeesudlesen und Sensationsgeilheit hinausgeht und Abu als Quelle nicht gefährdet, kamen auch Rückmeldungen, die in Richtung Kooperation gingen. Einmal stand ich gerade in der U-Bahnstation Schottentor und eine Menschenmenge blickte gebannt auf die Info-Screens, wo Terrorvideos gezeigt wurden.

Anzeige

Sie wurden auf einer Pressekonferenz gescreent, wo CIA-Chef Chuck Hagel meinte, während er quasi direkt ins Bild der wartenden U2-Passagiere blickte: „ISIS ist organisierter und besser ausgestattet als jede andere Gruppe zuvor. Sie ist weit mehr als eine Terror-Organisation. Sie ist eine große Bedrohung." Ich erinnere mich noch immer daran, dass in diesem Augenblick eine gewisse Angst zwischen den Infoscreen-Zuschauern inmitten der stickigen Nachmittags-Luft des Bahnsteigs lag. Ähnlich wie bei 9/11. Ich musste Abu einfach fragen, was ihn eigentlich antreibt.

Abu schickte mir auf die Frage nach seiner Motivation an diesem Tag folgendes Audiofile von sich: „Hamdullilah, die westlichen Regierungen sollen uns auch fürchten. Das ist ein großer Erfolg von uns, dass die westlichen Regierungen uns fürchten. Und vor allem die, die die Macht haben, wie die USA, Frankreich, Großbritannien, China, Russland."

Ich weiß nicht, ob das Audiofile am Anfang unter Umständen abgebrochen war—zu unpersönlich kam mir die Antwort vor. Aber die meisten seiner Nachrichten klangen nach PR-Wiederholungen einer offiziellen Linie, irgendwo zwischen dem Image einer Straßen-Gang und einer Corporate Identity einer Firma. Wirklich neue Informationen—abseits von dem, was der IS von sich selber zeigt, oder was von den Massenmedien hier reproduziert wird, um Stimmungen der Leserschaft zu bedienen—bekam ich allerdings nicht. Nach nochmaligem Nachfragen, und meiner Ermunterung, er könne ja lediglich etwas rein Privates preisgeben, um nicht Dritten zu schaden, bekam ich eine negative Antwort: Er müsse leider ein Interview mit VICE ablehnen. Das „Medienministerium" hätte es ihm verboten.

Anzeige

Irgendwann stand ich auch mit Abu endgültig in einer Sackgasse. Ich denke, es war ihm einfach nicht möglich, sich frei von der Leber weg mit jemandem zu unterhalten, oder er hatte schlichtweg keine Lust dazu. Außerdem wollte ich nicht sein Vertrauen missbrauchen und ohne Erlaubnis oder Absprache effekthascherische Screenshots als Interview verkaufen.

Ich war zu wenig an dem inzwischen altbekannten Bild des IS interessiert, das permanent vermittelt wird: „Wir sind brutal und ihr müsst Angst haben." Um hinter die Corporate Identity vom IS zu schauen, musste ich verstehen, wie deren Ideologie von innen her aussah. Ich wollte wissen, ob der Islamische Staat wirklich nicht nur aus kompromisslosen Kriegern bestand, die Menschen schlachten, sondern ob auch all die anderen Geschichten über Zwangskonvertierungen und dem Verkauf von Frauen als (Sex-)Sklaven der Wahrheit entsprechen.

Denn auch, wenn ihre Brutalität und ihre Terrorakte nicht bezweifelt werden können, bedeutet das im Umkehrschluss nicht automatisch, dass jede weitere Anschuldigung ohne jeden Zweifel wahr sein muss. Angesichts der momentanen Lage muss die Frage gestellt werden, ob die Stimmungsmache gegen den Islamischen Staat und sein Abstempeln als das absolute Böse wirklich ihren Zweck erfüllen, wenn Details daran unwahr sind und so weiter die Seriosität der Medien untergraben wird. Außerdem ebnet eine schlechte Berichterstattung auch den Weg für rassistische Gewalt hier in Österreich. Zum Beispiel, wenn wie kürzlich einer Frau wegen ihres Kopftuchs ins Gesicht geboxt wird.

Man sollte doch eigentlich glauben, die westliche Zivilgesellschaft hätte genügend logische Argumente gegen einen radikalen, autoritären Gottesstaat—auch ganz ohne Dämonisierungen. Neben feinen, sich der Komplexität nähernden Berichten wie im News oder am Blog von Robert Misik treibt der Schrecken des IS auch bei Journalisten Stilblüten. So tweetete Isabelle Daniel von Österreich kürzlich ein Statement, in dem persönliche Abneigungen mit journalistischem Arbeitsethos verwechselt werden.

Anzeige

Letzten Montag wurde mir dann eine österreichische Telefonnummer zugesteckt. Unsicher, ob es eine Falle sei, unterdrückte ich meine Nummer und rief an. Ein Mann hob ab und ich fand mich in Erklärungsnot, was ich überhaupt wolle.

Es endete nach 48 Stunden bei einer sicheren Messenger-App und einer Lektion darüber, was der IS wirklich will, beziehungsweise, wie der IS in der Community gesehen wird. Mir wurden zu meinen Fragen zur aktuellen Politik des IS YouTube-links unterteilt in „Lektionen" geschickt. Die Person, die mir postete, nannte sich Abdulmalik und ist genau wie F. Abu Omar ein junger Mann aus Österreich.

Abdulmalik wohnt am Bodensee und hat, wie auch viele seiner muslimischen Altersgenossen, ein anderes Bild vom IS als das, was in den Medien abgebildet wird.

Irgendwann schrieb Abdulmalik, er würde kommen, sagte aber nicht wann. Er war vorsichtig. Letzten Freitag bekam ich in der Früh über eine sichere Kommunikations-App plötzlich die Nachricht, ich könne für ein Gespräch an die Neue Donau zum Islamischen Zentrum kommen. Abdulmalik und einer seiner Brüder erklärten sich bereit, unter Schutz ihrer Identität mit uns zu reden. Herausgekommen ist ein Interview von der anderen Seite der Medienberichterstattung—und vor allem ein Interview, das man vor einem Jahr auch noch mit F. Abu Omar hätte führen können. Hier mitten in Österreich. Auf Wunsch von Abdulmalik haben wir seine Stimme verfremdet.

Jakob ist nicht auf Twitter, aber per Mail für Feedback zu erreichen.