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Martin Heidingsfelder: Ja, jede Menge. Gerade lasse ich einen verstorbenen, sehr bösen prominenten Menschen bearbeiten. Es interessiert mich, ob es im Wesen von Menschen liegt, grundsätzlich unredlich zu sein. Ohne das wissenschaftlich untersucht zu haben, tendiere ich zu einem vorsichtigen Ja.Haben Sie manchmal Bedenken, dass Ihre Prüfergebnisse negative Auswirkungen auf die Überprüften haben könnten?
Ja, die habe ich. Aber es ist nicht unmoralisch, auf moralische Verfehlungen hinzuweisen.Haben Sie Mitleid mit den Betrügern?
Eigentlich nicht. Dies sind im juristischen Sinne keine Kriminellen. Die meisten kommen aus Ihrem Schlamassel relativ milde raus.Welchen Stellenwert hat ein akademischer Titel Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft?
Einen viel zu hohen.Aber ist eine Gesellschaft ohne Betrug nicht langweilig?
Es ist auf jeden Fall die bessere Gesellschaft. Wir würden die Juristen alle arbeitslos machen, wenn wir uns richtig verhalten würden. Das wäre doch eigentlich ein ganz guter Zustand. Heute entscheidet: Wer hat den besseren Anwalt oder mehr Geld in der Hinterhand, um Prozesse zu führen.Weshalb ein Doktortitel für Politiker auch so wichtig ist?
Dass Politiker mit Doktortitel mehr Stimmen erhalten als diejenigen ohne, sieht jeder. Es gibt ja Universitäten, an denen auffällig viele politische Nachwuchskräfte bei immer den gleichen Professoren promoviert haben. Solchen Universitäten ist der eigene Ruf auch ziemlich egal. Hauptsache, der Draht zur Regierung stimmt.Was würde aus einem Plagiatsjäger, wenn es keine Plagiate mehr gäbe?
Dann hätte ich ein ganz großes Ziel erreicht. Es gab jahrzehntelangen Missbrauch und den decken wir auf. Die jetzige Generation an Wissenschaftlern wird sehr viel vorsichtiger sein beim Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten. Aber nicht zu untersuchen, ist ein ganz fatales Signal. Dies widerspricht dem Wissenschaftsethos. Es ist nicht so, als hätte man gar nichts gefunden bei Lammert und Steinmeier.Was haben Sie bei diesen beiden gefunden?
Beim Herrn Steinmeier wurde nicht gründlich untersucht. Diese mangelnde Gründlichkeit ist der eigentliche Skandal der Affäre Steinmeier. Mir geht es nicht um meine geschäftliche Zukunft. Mich würde es mehr freuen, wenn die Wissenschaft transparent arbeitet und genau festlegt, was ist ein Plagiat und was ist kein Plagiat. Ab wann Schluss ist und eine Arbeit mit Ungenügend bewertet wird. Aber die Wissenschaft schweigt zu diesen ganzen Plagiatsskandalen. Die Auseinandersetzung mit Plagiaten wurde im Moment eingestellt. Man greift die Plagiatssucher an, obwohl man den Plagiatoren angreifen müsste. Das Volk liebt den Verrat, den Verräter liebt es nicht.