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Was der Trololo-Typ sonst noch für Schätze in seinem YouTube-Account hortet

Meme-Mäzen oder YouTube-Jux? Wir zeigen euch seine besten 5 Videos.
6.6.12

Am 4. Juni 2012 hat Eduard Khil endgültig das Leben selbst getrollt und sich vom Antlitz dieses verwirrten Ameisenhaufens namens Erde, die ohne ihn ein bisschen zynischer und desolater zurückbleibt, geschlichen (hier unser Nachruf). Am Ende hatte der Gute  einen Schlaganfall, im Zuge dessen er sich massive Gehirnschäden einfing und schließlich ins Koma fiel, nur um nicht mehr aufzuwachen. Für uns wird er trotzdem auf ewig der leichtfüßig Trololo-Mann bleiben, der selbst ohne Text noch besser singen und auch ohne Drogen die Augen noch weiter aufreißen konnte als jeder andere, der in der UdSSR irgendwas mit Musik zu tun hatte und dafür nicht in den Gulag marschierte.

Zugegeben: vielleicht ist sein Liedgut ein bisschen sehr unpolitisch und womöglich war Eduard Khil gar nicht "so froh, nachhause zurückzukehren", wie der Titel des lyrics-losen Trololo-Songs es nahelegt, aber in einer Zeit, wo Leute einander je nach geografischer Ausrichtung das Gesicht oder das Gehirn wegfressen und Politik wahlweise mit Club Mate oder Weißbier betrieben, ist man manchmal auch ganz froh über ein bisschen eskapistische Einfachheit, und die hatte niemand so gut drauf wie der Feschak mit dem Muränen-Mündchen und den Clockwork Orange-Äuglein.

Dass Eduard Khil heute diesen Platz im Meme-Olymp hat, ist dabei vor allem einem YouTube-User zu verdanken: Real Papa Pit heißt der Typ, der 2009 das Trololo-Video hochgeladen hat – und weil das auch irgendwie seine 15 Minuten Ruhm sein sollten (oder zumindest sein 15-Sekunden-Eck von Khils 15-Minuten-Kuchen), habe ich mich diesmal investigativ-journalistisch extraweit aus dem Fenster gelehnt und den YouTube-Account von Real Papa Pit nach weiteren Juwelen durchsucht. Das Ergebnis liest sich zwar wie das Psychogramm eines Attentäters, aber da sich das Psychogramm eines Attentäters nie wie das Psychogramm eines Attentäters liest, finde ich das eigentlich ziemlich beruhigend.

Hier kommen die Top 5 der besten Videos aus dem Sumpf von Real Papa Pits YouTube-Channel, in keiner bestimmten Reihenfolge:

1. "DER PRÄSIDENT UND DER AMAZONAS: ERDBEEREN"

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Eins gleich vorweg: Ich spreche kein Russisch und beherrsche auch kein Kyrillisch. Für mich sind diese Dinge genauso fremdartig wie faulige Eier als Nachmittags-Snack (pfui, Peru, pfui!) oder Gras, das einfach nicht high macht (pfui, Israel, pfui!). Entsprechend hilflos bin ich auch, wenn es um die Entschlüsselung von Botschaften geht, deren Ausdrucksseite auch nur eine dieser beiden Eigenschaften aufweist (also das mit Russisch und Kyrillisch, nicht mit den fauligen Eiern und dem Anti-High-Cannabis). Daher ist meine Prothese, mit der ich sprachlich fast bis Potato zählen kann, natürlich Google Translate. Diesem magischen Service zufolge bedeutet der Titel dieses YouTube-Clips übersetzt soviel wie "Der Präsident und der Amazonas: Erdbeeren", was auch ziemlich genau das ist, was ich mir zu dem Video gedacht habe. Fragt mich nicht, welcher Präsident in diesem Lied aus welchem Grund was genau mit welcher Art von Erdbeeren auf dem Amazonas macht, aber das hier hat es wirklich mehr als verdient, diesen tapferen Techno-Apolegeten im Alter denselben Erfolg einzubringen, von dem auch Eduard Khil netterweise ohne irgendeine Art von neuer Arbeit überrascht wurde.

2. "TROLEANA HILDEGARD EDSGORV"

Dieses recht ereignisfreie Video namens "Troleana Hildegard Edsgorv" ist eine Abwandlung des "Mereana Mordegard Glesgorv"-Memes, bei dem es um eine Art paranormales Pseudo-Phänomen geht: Wer das Video eines starrenden Mannes in seiner Vollversion bis zu Ende ansieht, den soll großes Unglück ereilen (hier die etwas ausführlichere Erklärung). Ich bezweifle zwar, dass der Trololo-Mann irgendjemandem Unglück beschert, wenn man ihm dreißig Sekunden beim Schauen zuschaut, aber natürlich gibt es trotzdem auch eine Version des urbanen Videomythos mit seiner Grusel-Visage im 18-Bilder-pro-Sekunde-Vintage-Look.

3. "CHAINS OF ROCK"

Gefängnis-Revolte mit Sowjet-Style: Dieses monotone, fast monochrome Bildbeispiel in Entschleunigung und Unterwältigung kommt daher wie der berühmte Apple-Spot aus 1984 (oder, wenn wir schon dabei sind, eine Brutalski-Version von 1984 selbst) und heißt laut Google Translate auf Deutsch soviel wie "Chains of Rock". Das ist kein Scherz – Google Translate lässt sich partout nicht nehmen, dass "Chains of Rock" der deutsche Name für dieses Ding ist. Ich habe Google Translate mit der Bitte um eine Stellungnahme kontaktiert, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels war das Programm zu keinem Kommentar bereit.

4. "VUVUZELA HOMOSEXUALITÄT"

Mehr zum Thema Gefängnis-Tristesse, aber diesmal mit der nötigen Portion sprachloser Sperrigkeit, um auch in Europa Erfolge zu feiern: Das ist der Clip mit dem vermeintlichen Titel "Vuvuzela Homosexualität", der scheinbar von einer Gruppe leicht schüchterner Männer handelt, die alle ein bisschen still sind, weil ein Typ mit Blockflöte (nicht Vuvuzela! aber das ist, glaube ich der Clou!) im After vor ihnen herumkriecht und sie außerdem bei jeder Bewegung von einem stoischen Huhn beobachtet werden, das gerade versucht, mittels Method Acting der Quintessenz von Helen Mirren auf die Spur zu kommen. Ich habe gehört, dass alleine der Name des Videos bei dreimaligem, lautem Vorsagen ein Dimensionstor öffnet, durch welches der Clip quasi direkt auf die Sendefrequenz von Arte gebeamt wird.

5. "SCHULE IN OMSK"

Hier stimmt zumindest schon mal der Titel, weil er im Original schon Englisch ist und ich mich deshalb nicht von Google Translate foppen lassen muss. Sonst stimmt mit diesem Videoclip aber so ziemlich gar nichts. "Schule im Omsk" ist wie Salad Fingers mit weniger Drogen und mehr Depri: eine desolate, post-kommunistische Cartoon-Bestandsaufnahme von einem Ort, der wie die Ausnüchterungszelle einer tschechischen Polizeistation anno 1997 am Tag nach einem illegalen Rave wirkt – also vielleicht doch mit Drogen, aber wenn, dann nur mit den übelsten. Mit 28.000 Views hat dieser Clip nach Trololo wahrscheinlich auch am Ehesten das Prädikat Breakout-Video verdient, und wenn ihr ein Faible für Filmmaterial habt, das genauso farblos ist wie ein osteuropäischer Holzsarg auf der Innenseite – und auch mindestens genauso beklemmend –, dann seid ihr sicher die nächsten Wirte für diesen Virus und werdet bis heute Abend locker 10 neue Träger damit angesteckt haben:

Soviel also zu Real Papa Pit und seiner Treffsicherheit in Sachen Internet-Sensationen. Aber um fair zu bleiben: Wie viele Memes habt ihr schon ins Rollen gebracht? Eben. Und auch wenn das übrige Treibgut auf seinem Channel schnell den Eindruck aufkommen lässt, der echte Pit-Papa habe womöglich nur Scheiße an die Wand geworfen und geschaut, was kleben bleibt, hat er am Ende immer noch ein Trololo mehr auf seinem Karma-Konto als wir Hater alle zusammen. Und auch das Erdbeeren-Lied mit dem Amazonas-Präsidenten könnte es über die 10.000-Views-Grenze schaffen, wenn nur alle lang genug daran glauben, dass Eurotechno bei irgendwem wieder im Kommen ist. Aber es ist ja auch noch nicht aller Ostblock-Memes Abend und ich habe da so ein dumpfes Gefühl, dass demnächst etws ganz Großes in der Form von tschechischen Puppenmärchen das Netz fluten wird. Also, falls ich es jemals übers Herz bringe, den Schulkollegen wieder zu kontaktieren, der diese verdammten Gruselvideos noch auf Kassette bei sich rumliegen haben müsste. In diesem Sinne:

Meme on und Mahalo!