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Würde Ägypten doch nur mehr Filme über Terror und Kebab machen!

Dank der repressiven ägyptischen Regierung sind die einzigen Filme, die heute in „Egyptwood" gedreht werden, beschissene Remakes von beschissenen amerikanischen Filmen.
4.6.12

Ich bin ebenso angepisst wie froh, dass der Film Wer weiß, wohin? aus dem Libanon und nicht aus Ägypten kommt. Der Film, der im März bei uns im Kino lief und im Juli auf DVD rauskommt, ist das orientalische Gegenstück zu The Avengers—nur ohne atemberaubende Spezialeffekte, Riesenbudget und Superhelden. Die Story handelt von muslimischen und christlichen Frauen in einem kleinen Dorf, die versuchen, ihre Männer davon abzuhalten, einen Glaubenskrieg zu starten. Es ist aber trotzdem eine Komödie. Oder zumindest irgendeine Art von selbstkritischer Satire. Oder eben eine brillante Weise, auf die ganzen kaputten Dinge im Nahen Osten hinzuweisen. Lasst euch auf keinen Fall von den Rotten Tomatoes-Kritiken verwirren, der Film wird anderenorts ziemlich hoch gelobt—beispielsweise beim People’s Choice Award des Toronto Film Festivals (meistens ein guter Hinweis, wenn es in Richtung Oscars geht). Mal ganz abgesehen davon, dass eine arabische Frau den Film gemacht hat.

Diese Art von Film kann in Ägypten nicht gemacht werden. Adel Imam, seines Zeichens Schauspieler, der in einigen kritisch intelligenten Filme über die Rolle von Religion und Politik mitgespielt hat, wurde eingesperrt, weil er den Islam beleidigt habe—was auch immer das heißen mag. (Anmerkung: Adel Imam ist selbst gläubiger Muslim.) Er wurde wegen seiner Darstellungen in Filmen wie Morgan Ahmed Morgan, El Erhabi und meinem persönlichen Lieblingsfilm Al-irhab wal kabab zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Al-irhab wal kabab heißt wörtlich übersetzt „Terror und Kebab“ (unter dem Namen ist der Film auch in Deutschland bekannt), aber du kannst ihn auch einfach den großartigsten Film aller Zeiten nennen. Er ist witzig, politisch und anders als andere geniale Filme, macht er dich hungrig. Der Protagonist der Story, Ahmed (gespielt von Adel Imam), will seine Kinder auf eine andere Schule schicken und muss dafür die Mogamma besuchen. Die Mogamma ist das in Kairo gelegene Zentralverwaltungsgebäude Ägyptens, aber eigentlich der kafkaeske Alptraum eines Ortes, der getränkt ist in frisch ungeduschtem menschlichen Elend. Doch Ahmed ist geduldig und wartet brav ab, bis er an der Reihe ist und ihn ein fauler Regierungsbeamter empfängt, der es vorzieht, Arbeit durch Gebete zu vermeiden. (Allah sieht Produktivität nicht so gerne.) Die Fantasie vieler Menschen ist es ja, einem Polizisten (oder Wächter) die Waffe während eines Handgemenges zu entreißen—und genau das tut Ahmed, nur um dann fälschlicherweise als Terrorist zu gelten. Er nimmt das Gebäude zwar unter Belagerung, aber das Einzige, was er für seine „Geiseln“ verlangt, ist Kebab—weil es dunkles Fleisch in Ägypten ungefähr so oft gibt wie den Ramadan. Terror und Kebab hatte alles: einen politischen Unterton, der die Regierung für die fehlenden Strukturen und Mangel an Religiosität kritisiert, Humor verbunden mit einem liebenswürdigen Protagonisten, und sogar Essensrezepte. „Egyptwood“ macht solche Filme nicht mehr. Und es wird weiterhin unmöglich sein, da das islamistisch dominierte Parlament erst kürzlich einen Gesetzesentwurf vorgestellt hat, mit dem die Filmindustrie noch weiter zensiert werden soll (Allah verachtet ganz offensichtlich auch die Darstellung von Kussszenen und Umarmungen). Das heißt also, dass anstatt bahnbrechender Filme wie Terrorismus und Kebab uns nun aus Ägypten schale Remakes bescheuerter amerikanischer Filme erwarten. Ich habe fünf ägyptische Remakes mit ihren amerikanischen Originalen verglichen. Überraschenderweise kann Egyptwood bei einigen dieser Filmen Hollywood ausstechen. Gut, die weiblichen Charaktere haben einen einstelligen IQ und dein Videoklub von damals aus der 6. Klasse hätte die Spezialeffekte ohne Probleme besser hinbekommen. Aber wenn du einmal davon absiehst, dann bringen die ägyptischen Remakes einen nicht zu verleugnenden Schwung mit sich, die den amerikanischen Originalen gänzlich fehlt. Einige bringen mich sogar zum Heulen, als ob die fehlende Kreativität meines Landes mir gerade in meine etwas größere Titte geschlagen hätte. Ägypten: El Hob Keda vs. Amerika: Sind wir schon da?

Zusammenfassung: Ich kann nicht fassen, dass die Originalversion des Filmes überhaupt gedreht wurde, mal ganz abgesehen von der viel späteren arabischen Version. Die ägyptische Fleischwerdung von Sind wir schon da? schafft es, verzückenderweise die Beschissenheit des Originals noch zu toppen, indem sie ein Musical draus gemacht haben. Ich würde lieber Ice Cube zuhören, wie er seine verstaubten Raps aus seinem verkrusteten Arschloch in ein Mikrophon furzt, als mir diesen regierungsfreundlichen, Familien bespaßenden Kelch voll Scheiß reinzuziehen, zu dem dieses Musical mutiert ist. Spoiler Alert: Dieser Film stinkt zum Himmel. Oomph Factor: Jeder, der sich geweigert hat, Geld, Zeit oder Gesundheit zu verschwenden, um diesen Film zu sehen. (Was steht bei Spoiler Alert?) Ägypten: Al Jeans vs. Amerika: Pretty Woman

Zusammenfassung: Die Ägypter waren nicht mal in der Lage, ein eigenes Filmplakat zu entwerfen. Die Story ist exakt die gleiche wie im Original. „Al Jeans“ heißt wörtlich übersetzt „Die Jeans.“ Aber wenn du wie ein ungebildeter Araber sprichst und weiche Gs nicht richtig aussprechen kannst, dann klingt „El Gens“ wie „AIDS“, oder was du dir eben schlussendlich holst, wenn du eine Prostituierte fickst, was dich dann mit einer deutlich anderen Stimmung zurücklässt als das weichgespülte Happy End, das Julia Roberts jungen, leicht zu beindruckenden Gemütern in den 90ern angedreht hat. Spoiler Alert: Der reiche, gut aussehende—und eigentümlich galante—Millionär verliebt sich in die Idee, Körperflüssigkeiten mit Hunderten Fremden auszutauschen, und verstört das Bild von wahrer Liebe für Frauen aus der ganzen Welt für immer. Oomph Factor: Dick, äh, Richard und Julia können sich verpissen. Zumindest weiß unser ägyptischer Freund, dass der Blowjob gerade mit der süßen Möglichkeit einer lebensbedrohenden Krankheit geliefert werden könnte. Ägypten: Nems Bond vs. Amerika: Austin Powers

Zusammenfassung: Nems Bond wollte eigentlich später mal ein James Bond-Remake werde, als es aufwuchs, aber seine Eltern hatten leider zu wenig Kohle. Es wollte Autoexplosionen. Es wollte auch Drei-Buchstaben-Akronym-Spezialeffekte wie etwa CGI. Es wollte heiße Babes in Bikinis. (Eigentlich hat es die auch—braun ist das neue blond, für den Fall, dass du Nadine Labaki nicht gesehen hast—doch haben sie ihre Bikinis gegen aufreizende kurze Röcke getauscht.) Aber das kleine Budget zwang Nems Bond dazu, eine Halb-Komödie ohne wirkliche Substanz zu werden. Sorry, ägyptisches Kino: Satire braucht Referenzpunkte, und der einzige, den ihr hier habt, ist, wirklich verdammt langweilig zu sein.

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Spoiler Alert: Es gab leider auch kein Geld für Fembots.

Oomph Factor: Mein Land enttäuscht mich. Foxxy Cleopatra schlägt Cleopatras Nachfahren.

Ägypten: Bali Balek vs. Amerika: Face/Off

Zusammenfassung: Lasst mich das hier einleiten mit einem Fun Fact: Ich hasse Nicholas Cage. Ich könnte ja sagen, er sei durchschnittlich, aber das wäre ein Kompliment. Er hat genau ein Darstellergesicht und das trägt er die ganze Zeit—dieses Arschloch. Die Tatsache, dass ich Bali Balek,  das ägyptische Remake von Face/Off hasse, sagt also einiges. Natürlich fehlt dem ägyptischen Kino die Technologie oder, ähm, Kreativität, um eine Gesichtstransplantation in einem Film zu zeigen. Die Budgetknappheit hat also die Story in eine Komödie über eine Gehirntransplantation verwandelt, was wirklich verdammt noch mal überhaupt keinen Sinn macht und noch dazu billig gestohlen ist—DOPPELT GESTOHLEN ist das Ganze sogar—ein fiktiver Plot einer Seifenoper, der in einer amerikanischer Sitcom gezeigt wird. (Ich meine die Folge von Zeit der Sehnsucht aus Friends, wo Joey eine Rolle durch eine Hirntransplantation zu „Jessica“ wird.) Spoiler Alert: Kein John Travolta dabei. Oomph Factor: Vergebe ich an Arschlochgesicht. Ägypten: Morgan Ahmed Morgan vs. Amerika: Rodney Dangerfields Back to School

Zusammenfassung: Hier haben wir einen Fall, bei dem das ägyptische Remake deutlich besser ist als das Original. Dies war zudem einer der Filme, der Adel Imam in den Knast gebracht hat. Das Remake ist nicht genau wie das Original. Adel Imam spielt einen korrupten und ungebildeten Geschäftsmann—ganz einfach, weil jeder in Ägypten mindestens schon drei mal so einem begegnet ist—, der zurück an die Universität geht, um seinen Abschluss zu machen. Der Film hat jede Menge kultureller Untertöne, etwa, dass die Reichen und Ignoranten mehr Kontrolle in diesem Land haben, als irgendjemand wirklich gerne zugeben würde. Spoiler Alert: Die Figur macht ihren Abschluss, aber der Schauspieler wird verhaftet. Ironie in Reinform. Oomph Factor: Ach nee, Ägypten! Rodney, du bekommst keinen Respekt und das mit Grund. Adel Imam muss in den Knast, weil unsere Version so „anstößig“ ist. Musste Rodney Dangerfield jemals ins Gefängnis für seine Kunst?