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Raymond Pettibon: Oh, klar. Sicher. Z. B. dieses Bild von dem Typen, der auf der riesigen Welle surft? Warum hast du dich entschieden, das zu zeichnen?
Ich bin in der Nähe vom Strand aufgewachsen. Die Gewalt am Strand kann manchmal schlimmer sein als die Gewalt auf der Straße. Locals werden von den meisten Surfern auf der Welt verachtet und gehasst. Es gibt gute Tage, aber wenn es lange keine Wellen gibt, sitzt du das ganze Jahr am Strand und betest, dass endlich welche kommen. Dann ziehst du los und versuchst anderen Leuten ihre Wellen streitig zu machen. Ich liebe die konzentrischen Farblinien. Mir wird manchmal vorgeworfen, dass ich diese Art Struktur von dir geklaut hätte.
Es gibt ja eigentlich gar keine Originale. Es gibt den originalen Stil oder Fingerabdruck von jemandem, der das erste Mal eine Linie in seinem eigenen speziellen Stil zeichnet, aber das war’s auch schon.

Es gibt nicht allzu viel dazu zu sagen, bis ich eine Vorstellung davon habe, wohin es sich entwickeln wird und was es bedeutet. Im Moment sind es einfach nur ein paar Typen, die einen menschlichen Körper tragen?
Ja, er könnte verletzt sein, oder sogar tot. Entstehen diese Sachen einfach in deinem Kopf oder basieren sie auf fotografischen Vorlagen?
Das hier ist auf jeden Fall von einem Foto, das ich projiziert habe. Das mit der großen, in Tinte gemalten Form und den leichten Pinselstrichen ist interessant. Was ist da los?
Das kam aus einem Werbeprospekt für einen Zahnarzt oder vielleicht auch für Rachenoperationen. Ich habe es einfach so zusammengefügt. Dann kann es immer sein, dass es funktioniert oder auch nicht. Ich habe viele Zeichnungen, die halbfertig sind und noch eine Menge Arbeit brauchen oder neu überdacht werden müssen. Die hier ist noch nicht fertig. Ein Künstler, den ich bewundere, und der mich beeinflusst, ist Milton Caniff. Von ihm sindTerry und die Piraten und Steve Canyon. Er war ein Meister, der einen sehr kräftigen Pinselstrich hatte.
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Wellen. Das ist für mich ganz normal. Ich bin mit Blick aufs Meer aufgewachsen—ich meine nicht mit einem echten vom Strand aus, sondern mit Bildern in Surfmagazinen. Das ist die Art Bilder, die für viele Leute, zumindest hier in der Gegend, wie Pornografie ist. Obwohl es sicher ein paar Jahre her ist, seit ich eine gezeichnet habe, gibt es immer noch Leute, die sie sehen wollen. Ich mag Wellen in Bildern, aber in letzter Zeit zeichne ich sie nicht mehr so gerne. Jedes Mal, wenn ich nicht weiß, wie sie aussehen werden, ist das eine Qual oder eine Herausforderung. Hast du jemals Secret Identity gesehen, diese Sammlung von Schwarz-Weiß-Illustrationen, die Joe Shuster für Pornohefte machte, nachdem er bei Superman rausgeflogen und sich mit DC Comics verstritten hatte? Viele deiner Zeichnungen erinnern mich an die Art, wie er schwarze Tusche gebraucht.
Nein. Die Figuren sehen alle ziemlich wie Superman oder Lois Lane und Jimmy Olsen und Perry White aus, aber sie erniedrigen sich gegenseitig sexuell. Es gibt Maschinen, um Leuten den Hintern zu verhauen, Männer in Kapuzen, gefesselte Menschen und eine Menge Peitschen. Es ist alles sehr seltsam und verstörend.
Wow. Das klingt wie die Tijuana Bibles. Man kann Shuster kaum einen Vorwurf daraus machen, denn sowohl er als auch Jerry Siegel wurden von der Comicindustrie ziemlich übel behandelt und sie waren damals ja fast noch Kinder. So etwas erleben zu müssen, nachdem man etwas wie Superman geschaffen hat—das eine solche Resonanz erzeugt hat und so einflussreich und wichtig für die Kultur war … das ist schon etwas anderes, als einfach nur sauer auf seinen Boss zu sein. Ich bin sicher, dass das einer der Gründe für Shusters Frustration war, und die Sexsachen sind wahrscheinlich sowieso viel näher an Supermans wahrem Charakter und seiner Persönlichkeit dran. Kannst du dich noch erinnern, wie es war, als du das erste Mal ein Comic gelesen hast?
Mein Vater hatte eine Handvoll Comics aus der Zeit vor der Einführung der Zensur und er holte sie ein- oder zweimal im Jahr heraus. Das war immer ein cooles Ereignis. Waren es Sachen von EC Comics?
Nicht von EC, aber in einem ähnlichen Stil—Horror- und Detektivsachen. Es war auch nur eine Handvoll. Davon abgesehen, las ich nicht viele Comics. Ich habe vielleicht ein paar wenige Male welche gekauft oder gelesen, aber als Kind war ich kein großer Comicleser oder Teil der Comicfangemeinde. Natürlich ist meine Kunst stark an Comics angelehnt. Ich mag viele Comickünstler und Autoren, usw., aber es ist auch irgendwie eine universelle Sprache. Sie lässt sich leicht reproduzieren, passt sich auch gut an die praktischen Aspekte des Kunstmachens an und eignet sich gut zum Schreiben und Geschichtenerzählen. Comics sind ein guter Ort, um sich Dinge abzuschauen, wenn man zu zeichnen anfängt, besonders wenn man keine formelle Kunstausbildung hinter sich hat. Aber meine Arbeit beruht natürlich auch auf anderen Dingen—wie die von jedem anderen auch.
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Sagen wir mal mit zwölf. Ich habe recht viel gezeichnet. Es wurde schnell ein täglicher Teil meines Lebens. Am Anfang zeichnete ich politische Karikaturen für Zeitungen. Hat dir dein Vater das Zeichnen beigebracht? Ich weiß, dass er Maler war.
Oh nein. Er war ein Autor und er unterrichtete Englisch. Viele seiner Bilder waren sehr gut, finde ich. In meinem Fall sind das sicher Einflüsse, derer ich mir nicht mal richtig bewusst bin. Und wie ist es mit deiner Mutter? Hat sie dich bei deiner Kunst unterstützt?
Eine direkte Unterstützung meiner Kunst, im Sinne eines Mentoring, gab es bei mir nicht. Ich weiß auch nicht, ob man das wirklich versuchen sollte, denn was können Eltern schon tun? Es ist leicht, einem Kind beizubringen, wie man Fahrrad fährt, aber Zeichnen oder andere Kunstformen sind Sachen, die in die Hose gehen müssen, bis ein Kind seine eigene Art Linien und Figuren zu zeichnen gefunden hat. Wenn die Eltern sich da einmischen, ist es für beide Seiten frustrierend. Ich habe mich nie neben die Kinder gesetzt, mit denen ich arbeite, und ihnen gesagt, was sie tun sollen. Ich gebe ihnen lediglich ein Thema vor. Gab es für dich als Kind besondere visuelle Bezugspunkte?
Ich bin nicht sicher, ob es die gab. Ich kann mich an keine Schlüsselmomente in meiner Kindheit erinnern, wo sich der Schleier von meinen Augen hob und ich die Welt sah, oder mir die Dinge auf eine neue Art und Weise vorstellte, die ich direkt als Kunst umsetzen konnte. Ich war eher an Sprache und Literatur interessiert und bin das in vieler Hinsicht immer noch. Wann hast du deinen Namen von Ginn zu Pettibon geändert?
Mein Vater gab immer allen komische Spitznamen, also wurde ich immer Pettibon genannt. Mein Bruder war Tiger—du weißt schon, diese Art Namen. Er nannte mich Pettibon nach diesem Football-Spieler John Petitbon.
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Nie. Und ich würde jetzt auch nicht mehr damit anfangen. Aber warst du nicht mit deinem Bruder Greg in einer Band, bevor Black Flag gegründet wurden?
Das hat wohl mal jemand irgendwann behauptet, ja. Und wie alles, was jemand über jemand anderen behauptet, wurde es endlos wiederholt und nachgeplappert und in der ganzen Welt herumerzählt. Ich habe die Basslinien für ein paar der frühen Songs gelernt, das stimmt, aber das war’s auch schon. Ich hatte weder das Interesse noch die Zeit noch die Fähigkeit oder das Talent, irgendetwas aus der Musik zu machen. Wenn ich es richtig verstehe, ist Musik machen auch nur ein winziger Teil dessen, was das Dasein als Rockstar ausmacht. Ich vermute mal, ich hatte genug Respekt vor der Musik und wahrscheinlich auch den Fans, um das Ganze Musikern zu überlassen. Ich bin über die Jahre in verschiedenen Bands gewesen und hatte Bandprojekte und ich singe manchmal. Ich bin in der unglücklichen Lage, eine wunderschöne lyrische Tenorstimme zu haben, aber es gibt da draußen einfach nicht genug spontane Chöre oder Orchester. Gitarristen, Drummer oder Bassisten, mit denen du jammen kannst, findest du dagegen an jeder Ecke, also merkt man bei meinen musikalischen Arbeiten und meinen Auftritten kaum was von meinem Talent als Sänger. Ich habe auch ein paar Aufnahmen gemacht, aber hauptsächlich, weil ich mich dazu überreden lassen habe. Heute gibt es wohl kaum mehr als eine Handvoll Leute, die nicht irgendwas aufgenommen oder eine eigene Platte oder Kassette rausgebracht haben. Es gibt heutzutage einfach keinen Grund mehr, nicht irgendwann mal eine eigene CD aufzunehmen. Hattest du, als sich Black Flag gründeten, schon begonnen, diese aggressiven und provokanten Bilder zu zeichnen? Wie z. B. das mit dem riesigen Teufel, der einen Bullen durch die Luft wirft?
Die Zeichnung handelt davon, wie es ist, im gottverdammten Los Angeles aufzuwachsen. NWA und Black Flag waren sich da in ihrer Botschaft und ihrer realistischen Ästhetik sehr ähnlich. Black Flag entstand in einer Zeit, als in L.A. unbewaffnete Schwarze erschossen wurden. Jede Woche gab es ein oder zwei Schießereien, mal mit Jüngeren, mal mit Älteren. Alles, was wir machten, war, die Realität zu beschreiben, ohne uns selbst zu zensieren. Die Einstellung der Leute zielte damals darauf ab, alles durch die rosarote Brille zu sehen, was auch nicht allzu schwer ist, wenn man die L.A. Times und die anderen Zeitungen hinter sich hat. Sie waren der Meinung, dass man, wenn man Angel Dust raucht, übermenschliche Kräfte hat und eine echte Gefahr ist. Ich habe also keine Karikaturen oder zugespitzten Cartoons gemalt. Ich habe es einfach so abgebildet, wie es die Polizei darstellte—als ob irgendein Typ mithilfe der Kraft von etwas Phencyclidin zu einer Naturgewalt werden könnte und so in der Lage wäre, einen Polizeiwagen durch die Luft zu schleudern. Ich frage mich, ob es OK ist, wenn eine Zeitung mir sagt, dass jemand dazu fähig ist, ein Polizeiauto anzuheben und durch die Luft zu schleudern. Dass jemanden zu würgen, nichts anderes ist als eine Umarmung am Flughafen, um seine Frau oder seine Eltern zu verabschieden. Und so was steht im Nachrichtenteil der New York Times? Alle Nachrichten, die sich halt drucken lassen.
Das ist echt widerwärtig und rhetorisch. Sie stellen diese absurden Behauptungen über Menschen und Rassen auf, reine Fantasiekonstrukte, die den Gesetzen der Physik widersprechen und zur Rechtfertigung von Kriegen dienen. Sie führen diese Sachen nicht nur ein, sondern pushen sie dann auch noch und schaffen so die Basis für militärische Aktionen. Meine Art, mich gegen diese Dinge zu wehren, ist das Medium, in dem ich arbeite, und zu dem Cartoons und Comics gehören. Egal ob es gerahmt in einem Museum oder einer Galerie hängt, oder an einem Telefonmast oder an der Wand eines 15-Jährigen, der noch nicht mal sein erstes Black Flag-Tattoo hat, oder wo auch immer.
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Mein Bruder war in der Band und leitete die Plattenfirma. Die Grafiken für die 45er-Platten und die Flyer und solche Sachen waren meist erstmal zweitrangig, und ich war dann derjenige, der das übernahm. Ich konnte halt zeichnen und das war auch schon alles. Und was war mit dem Logo von Black Flag? Für mich ist es im Kopf fast so präsent wie das McDonald’s-Logo …
Wenn du hundert Illustratoren beauftragen würdest, ein Logo für eine Band namens Black Flag zu machen, würde die Hälfte von ihnen genau dasselbe machen, nur besser. Ich bin als Werbegrafiker überhaupt nicht geeignet. Die Höhe der Balken war nie ebenmäßig. Die meisten Illustrationen von Flaggen sind geschwungene Linien. Deine hat etwas Starres und Einschüchterndes.
Und es suggeriert Bewegung und Macht, wie Kolben, zum Beispiel. Der Name kam auch von mir. Ich bin politisch ziemlich links und ich bin kein Mensch, der mit Farben arbeitet, oder war es zumindest damals nicht. Wenn ich’s gewesen wäre, hätte ich vielleicht Red Flag vorgeschlagen, aus ästhetischen Gründen und wegen dem, wofür es steht. Impliziert es auch etwas wie die Anbetung des Bösen, oder etwas in der Richtung? Nicht, dass ich damit sagen will, dass du diese Idee gutheißt, aber vielleicht ist es eine Art Kommentar zu der Seltsamkeit von Flaggen und der Idee, ihnen die Treue zu schwören?
Nein. Eine schwarze Flagge ist das Symbol des Anarchismus und das allein ist genug, um dem Durchschnittsbürger Angst einzujagen und Visionen des Chaos und Aufruhrs heraufzubeschwören. Beim Anarchismus geht es darum, Bomben zu legen, und das ist nichts, was ich gutheiße. Ich will keine neue Welt auf der Asche der alten errichten. Meine Politik kommt eher aus der extremen Ökonomie des freien Marktes, wie sie von der UCLA propagiert wird. Frieden und Gewaltlosigkeit. Ich bin für die friedliche Koexistenz und dafür, sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Es ist wie mit Hunden. Wenn du ihnen eine längere Leine gibst, werden sie ihr Verhalten anpassen, und genauso kommt die Gesellschaft besser zurecht, wenn man sich nicht einmischt. Ich könnte anfangen zu randalieren, aber die Gefahr in den Knast zu kommen ist es nicht, die mich von irgendwas abhält. Es interessiert mich ganz einfach nicht.
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