Diese Blutschwestern wollen mit dir über Menstruation reden

Jedes Mädchen hat sie, aber keiner will darüber reden. Die Menstruation ist ein Tabu. Diese drei Studentinnen finden, dass wenn man offen über Drogen und Sex reden kann, man auch über Blut reden sollte. Ausserdem entwickelten sie ein neues Produkt...

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Juli 22 2013, 2:39pm

Als ich den Satz las: „Ruby Cup ist eine Menstruationstasse aus medizinischem Silikon, die sich 10 Jahre wiederverwenden lässt“, dachte ich eher an einen Scherz, als an die Lösung eines gesellschaftlichen Problems.

Bis ich Maxie Matthiessen, Julie Weigaard Kjær und Veronica D' Souza traf. Die drei Studentinnen wollen daraus einen Konkurrenten zum Tampon machen und kreierten damit einen Heilsbringer und eine Bohème-Binde zugleich: In Kenia ermöglicht das kleine Gummiding tausenden Mädchen in die Schule zu gehen und in Europa entwickelte es sich unverhofft zum Lifestyle-Produkt mit Bio-Gütesiegel. Jetzt kommt die „Tasse“ auch nach Deutschland, darum gab mir Maxie gleich mal eine blutige Gebrauchsanweisung mit auf den Weg.

VICE: Was sagst du, wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst? 
Maxie Matthiessen: „Ich arbeite mit Menstruationsblut“ ist nicht unbedingt das, was ich über meinen Beruf erzähle, wenn gerade jemand isst. „Menstruationstasse“ klingt auch noch komisch, aber „Frauenhygiene“ ganz unverfänglich und wenn ich dann von dem großen Problem hinter unserem Produkt erzähle, dann sind die Leute ganz interessiert.

Welches gesellschaftliche Problem kann man denn mit einer Menstruationstasse lösen?
In Afrika gehen Millionen Mädchen nicht mehr regelmäßig zu Schule, wenn sie ihre Periode bekommen, da sie sich keine Binden leisten können. Aus Angst, im Unterricht durchzubluten und sich zu blamieren, bleiben sie lieber gleich zu Hause. Selbst in Kenia gibt es inzwischen die Schulpflicht. Ein großer Fortschritt, aber für viele Mädchen dort scheitert der Besuch an etwas, dass für uns selbstverständlich ist. So selbstverständlich, das die UN dieses Problem erst im Jahr 2008 erkannte. Wir wollten das mit einem Produkt lösen und haben eine Menstruationstasse entwickelt. 

Maxie Matthiessen (29), Julie Weigaard Kjær (29) und Veronica D' Souza (29) gründeten und entwickelten zusammen die „Ruby Cup“.

Das klingt irgendwie nach Tasse im Schlüpfer – wie genau funktioniert das?
Das ist ein kleines Gefäß aus medizinischem Silikon, man faltet es mit den Fingern zusammen und führt es ein. Im Körper entfaltet es sich dann, erzeugt ein Vakuum und fängt das Blut auf, acht Stunden lang. Weil man es dann nur ausspülen oder –wischen muss, kann man es immer wieder verwenden, zehn Jahre lang. So lange müssen sich also die Mädchen keine Sorgen mehr darum machen, ob sie in die Öffentlichkeit gehen können, wenn sie ihre Tage haben. 

Habt ihr das Produkt auch selbst getestet?
Ja, sogar selbst designt und entwickelt. Wir hatten mehrere Entwürfe, die wir dann an uns selbst getestet haben – ein längerer Entwicklungsprozess, denn das geht ja schließlich nur alle vier Wochen.

Inzwischen verkauft ihr das Produkt nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa. Toiletten gibt es hier an jeder Ecke, die Frauen haben mehr Geld für Hygieneartikel – was könnte jemanden dazu bewegen, eine Menstruationstasse zu benutzen?
Sie ist umweltfreundlicher und gesünder. Anders als bei Tampons gibt es keine Parfüme, keine Chemikalien und keine Bleichmittel. Viele Frauen vertragen Tampons nicht, für die ist das eine gute Alternative. Unser Produkt ist ein bisschen wie Apple: Erstmal fremd, aber dann wird man ein riesiger Fan. Man braucht zwar erst etwas Übung beim Einsetzen, aber das war das erste Mal beim Tampon ja auch so. Nach zwei, drei Malen geht das einfach, und man leert das Blut dann in der Toilette aus.

Klingt blutig.
Sagen wir mal so: Mit der Menstruationstasse kommt eine Frau mehr in Kontakt mit ihrem Körper. Aber auch das ist unser Anliegen, wir wollen das Thema Menstruation enttabuisieren. 

Wir reden offen über Sex, Drogen – und ausgerechnet die jahrtausendealte Menstruation bezeichnet ihr als Tabu?
In Afrika kann man es durchaus noch als Tabu bezeichnen, und auch in Europa ist es oft noch eine Sache, derer man sich schämt. From Tabu to Treasure, ist unser Credo, wir wollten das Besondere daran betonen. Das mussten wir erst in Afrika lernen, dort wollte die Tasse nämlich erst mal keiner haben.

Obwohl sie umsonst war?
Auch die armen Frauen in den Slums wollen kein Arme-Leute-Produkte. Sie wollen ihre Periode mit genauso viel Stil haben wie reichere Frauen. Also änderten wir unsere Strategie und fragten die Frauen selbst, was sie sich wünschen. Sie wollten etwas Wertvolles, in edler Verpackung. Zusammen kreierten wir die Ruby Cup, samt Seidensäckchen, in Pink. Und umsonst gibt es das Produkt auch nicht mehr, sondern für einen symbolischen Preis, der deckt zwar unsere Kosten nicht, aber erhöht die Wertschätzung.

Symbolisch zahlt man auf lange Sicht aber keine Mieten. Wie verdient ihr dann Geld?
Wir haben mehrere internationale Preise bekommen, das gab uns Startkapital und lockte Investoren. Der europäische Markt finanziert den afrikanischen Markt quer, hier ist das Produkt teurer, aber für jedes hier verkaufte Produkt spenden wir eines an ein kenianisches Schulmädchen. 

Funktioniert dieses Geschäftsmodell in der kapitalistischen Geiz-ist-geil-Gesellschaft überhaupt?
Unser Produkt ist immer noch günstiger als ein Jahr lang Tampons oder Binden zu kaufen – aber ich denke, es geht nicht nur um den Preis. Viele Frauen solidarisieren sich gerne, und schenken ihrer afrikanischen Schwester auch eine Ruby Cup. Wir konnten den Verkauf in Europa durch den Onlineshop seit Januar um 400 Prozent steigern. Nach zwei Jahren in Kenia bin ich jetzt nach Berlin gezogen, um unsere Idee in Deutschland bekannter zu machen. Wir würden gerne mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, das auch einen sozialen Fokus hat oder Bio-Produkte vertreibt. 

Würdet ihr Euch eher als Wohltäter oder als innovative Unternehmer bezeichnen?
Wir wollten Gutes tun—aber daran natürlich auch verdienen. Ende dieses Jahres wollen wir unsere Kosten vollständig decken können. Wir nennen das „soziales Unternehmertum“, doing well by doing good. Julie, Veronica und ich haben das in Dänemark zusammen studiert. Dabei haben wir uns kennengelernt, dieses gesellschaftliche Problem entdeckt und wollten es ihm Rahmen einer Masterarbeit lösen.

Das scheint geklappt zu haben.
Naja, die Praxis hat die Theorie überholt: Die Masterarbeit ruht, aber das Unternehmen läuft.

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