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Lamy-Füller, Art Attack und Bernd das Brot: Warum suhlen wir uns so gern in der Nostalgie?

Bei Twitter trendet gerade der Hashtag GrowingUpGerman, unter dem Kindheitserinnerungen gesammelt werden. Wehmut wird scheinbar nie langweilig.

von Sofia Faltenbacher
04 Juli 2016, 10:13am

Trotzdem wird auch der hundertste Artikel tausendfach gelikt und geteilt. Comedians wie Luke Mockridge bauen ganze Karrieren auf die 90er-Sehnsucht. Und wenn auf einer Party der Grüppchen-Smalltalk stecken bleibt, muss man nur das Stichwort "RTL-Nachmittagsprogramm" fallen lassen.

Plötzlich unterhalten sich alle über Dragonball und Pokémon mit einem Enthusiasmus, den eine Diskussion über den Brexit nur selten hervorruft. Diese Nostalgie gibt es nicht nur in Deutschland: Einer der ausgebuchtesten Samstag-Brunches in Williamsburg, Brooklyn, ist ein All-You-Eat-Cornflakesbüffet mit einem dreistündigen Cartoon-Marathon: Hey Arnold, Doug, Garfield.

Heute war einer der beliebtesten Hashtags auf Twitter #GrowingUpGerman mit bereits über 26,5 Tausend Tweets, in denen sich durch die 90er und die frühen 00er Jahre durchnostalgiert wird: Angefangen bei Bibi Blocksberg und Casio-Uhren bis zu Pacman und Wrestlingkarten.

Dieser Hashtag hat einen unglaublichen Sog: Ich hangelte mich von einem Tweet zum nächsten, von einer schönen Erinnerung zur anderen und vergaß zwischen "Ja genau, den Titelsong von Schloss Einstein kann ich immer noch mitsingen" und "Ich habe ganz vergessen, was für seltsame Frisuren die Menschen damals hatten", dass ich gerade am Laptop eine Arbeitsmail schreiben wollte.

Die Psychologin Erica Hepper von der Universität Surrey in England hat erforscht, wer sich besonders oft nostalgischen Erinnerungen hingibt. Es sind junge Erwachsene: Die Sehnsucht nach vergangenen Momenten nimmt im mittleren Alter ab und steigt dann im hohen Alter wieder. Ausgelöst wird Nostalgie von Sinneseindrücken: Musik, Geräusche und Gerüche von "früher" können uns in dunklen Momenten aufheitern.

Wir bedienen uns ihnen aber nicht nur, wenn es uns schlecht geht. Daniel Rettig, Autor des Buches Die guten alten Zeiten. Warum Nostalgie glücklich macht, beschreibt: Unsichere Zeiten befördern Nostalgie. Gemeinsame Erinnerungen an eine Zeit, die noch einfach war, sind auch eine Ausflucht aus einer kompliziert scheinenden Welt. "Nostalgie ist ein bittersüßes Gefühl", sagt er. "Rückblickend setzen wir die rosarote Brille auf. Die Bitterkeit liegt darin: Wir wissen, dass diese Zeit nicht wiederkehrt. Sie zeigt uns, dass wir alle nicht ewig leben. Menschen und Momente gehen, aber Erinnerungen bleiben."

Kein Wunder, dass wir am See statt über Politik zu diskutieren, lieber über die Themen reden, die uns schon auf dem Schulhof beschäftigten. Damals, als es keine Rolle spielte, welche Abschlüsse und Jobs man hat, sondern nur zählte, wer den seltenen Happy Hippo im Überraschungsei bekam. Es ist seltsam: Als Achtjähriger sehnte man sich danach, bei den Großen mitzumischen. Ist man fast groß, will man in eine Welt zurück, in der das größte Problem war, das richtige Überraschungsei zu erwischen.

Was Sofia im Jetzt beschäftigt, schreibt sie auf Twitter.

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