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Zu Besuch in Amerikas erster Kotbank

Als Entschädigung bekommen Spender 40 Dollar pro Haufen, aber es nicht so leicht, Spender zu werden. Es ist schwieriger, als in Harvard angenommen zu werden.

von Luke O'Neil
05 Februar 2015, 1:24pm

Röhrchen mit Fäkalien zur Transplantation. Foto: Cjc2nd | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Fast jeder, der schon mal geschissen hat, hat wahrscheinlich schon mal an der Angst gelitten, die einen befällt, wenn man drauf und dran ist, in ein Meeting oder auf ein Date zu gehen, und sich Sorgen macht, vielleicht mittendrin eine Pause einlegen zu müssen, um einen abzuseilen. Kacken ist vielleicht natürlich, aber es ist nicht immer willkommen. Doch letzte Woche befiel mich eine andere Art von Sorge um eine bevorstehende körperliche Leistung: Was, wenn ich dort ankam, wo ich hin musste und dann nicht kacken konnte?

Ich war unterwegs zu OpenBiome, einer Einrichtung, die Menschen für Scheiße bezahlt, und ich war verdammt nervös. „Wird es mich weniger männlich wirken lassen, wenn ich meine Aufgabe nicht machen kann?", sorgte ich mich. Taylor Swifts „Shake It Off" lief im Auto, was bei dem Thema nur passend schien.

OpenBiome ist Amerikas erste „Kotbank", die Stuhlproben sammelt, um Clostridium difficile-Infektionen besser behandeln zu können. C. diff, wie es oft abgekürzt wird, ist ein Bakterium, das Magen-Darm-Probleme verursacht, und einer der am weitesten verbreiteten Krankenhauskeime. Für die meisten Infizierten, die damit leben, kann es ein Albtraum sein, das Haus zu verlassen. Eine der effektivsten Methoden zur Behandlung der Infektion ist die sogenannte fecal microbiota transplantation (FMT), etwa „fäkale Darmfloratransplantation"—oder auf gut Deutsch: sich den Haufen einer anderen Person in den Arsch injizieren.

Auch wenn das eine ziemlich krude Art ist, es auszudrücken, ein großer Teil der frühen Experimente mit Fäkaltransplantaten wurde mit genau solchen Do-It-Yourself-Methoden durchgeführt, wie VICE vor ein paar Monaten berichtete. Während Krankenhäuser in verschiedenen amerikanischen Städten medizinisch fundiertere Prozeduren entwickelt haben—entweder mit Endoskopie, Nasenschlauch oder Kapsel—so sind Fäkaltransplantate noch immer sehr spezialisierte Behandlungen und die Wartezeit bei der Spendersuche kann das Leiden der Patienten verlängern. Der Grund, warum es so lange dauern kann, ist, dass der Prozess zur Sicherung und Verarbeitung einer gesunden Spende mühsam und voller bürokratischer Verzögerungen ist. Du kannst nicht einfach jede x-beliebige alte Scheiße nehmen. Du brauchst 1A-Premiumwürste in Reinform.

Und dafür gibt es OpenBiome. Die Nonprofit-Organisation wurde 2013 am MIT von einer Gruppe Freunde gegründet, unter der Leitung von Matt Smith, einem Postdoktoranden, und James Burgess, der vorher für das landwirtschaftliche Entwicklungsprogramm der Bill & Melinda Gates Foundation arbeitete. Durch das Sammeln, Verarbeiten und Lagern eines Probenbestands hoffen sie sicherzustellen, dass es genug Kacke gibt für alle, die welche benötigen.

Die Idee entstand, als ein Familienmitglied eines der Forscher eine schlimme C. difficile-Infektion erlitt. „Er war wegen eines Routineeingriffs an der Gallenblase im Krankenhaus und kam mit einer Infektion wieder heraus, die er nicht loswurde", erzählte mir Burgess. „Nach sieben Antibiotika-Kuren ging es ihm elend und er war sehr krank. Er war ein junger Mann in den Zwanzigern und weil wir es aus erster Hand mitbekamen, anstatt nur akademisch darüber zu lesen oder nachzudenken, sahen wir hier dringenden Handlungsbedarf. Das war bevor Fäkaltransplantate an vielen Orten erhältlich waren. Er arbeitete im Gesundheitswesen und wusste von FMT, aber er fand keinen Arzt, der ihn damit behandeln wollte."

Bei dem Arzt in New York, wo er lebte, gab es eine sechsmonatige Wartezeit. Und so behandelte er sich zu Hause mit der Stuhlprobe eines Freundes und einem Mixer.

„Das durchzumachen ist eine ziemlich schreckliche Erfahrung, wenn du mich fragst. All das durchmachen zu müssen und dann am Ende muss man es sich in den Hintern stecken", sagte Burgess. „Ich denke, es hat uns ziemlich die Augen geöffnet. Hier war diese Idee, über die wir nachdachten, und sie hatte das Potential, wirklich vielen Menschen zu helfen."

OpenBiome hat seine zwei Räume in einem unscheinbaren Büro in Medford, Massachusetts, in der Nähe der Tufts University, wo viele ihrer Spender herkommen. Auf der anderen Seite der Auffahrt gibt es ein Fitnessstudio und eine trostlos aussehendes, schneebedecktes Parkhaus. Im Hintergrund rast ein Pendlerzug die Gleise entlang in Richtung Boston. Drinnen sieht das Büro aus wie jedes andere Startup-Unternehmen: Leute in ihren Zwanzigern sitzen in der Gegend verteilt und arbeiten an Laptops, alle tragen Hoodies und alle wirken wirklich enthusiastisch. Als ich dort war, lagen überall im Büro verteilt Behälter mit indischem Lieferservice-Essen, was mir so schien wie das Äquivalent einer Samenbank, die Pornos bereithält (tatsächlich war es nur das Mittagessen). Das Team saß in einem Konferenzraum und arbeitete daran, auf den letzten Drücker einen Förderantrag fertigzustellen. Alle lachten. Fast alle sind Kanadier, was vielleicht erklärt, warum sie so gastfreundlich zu mir waren.

Man muss irgendwie schon lachen, sagten mir die meisten Teammitglieder. Das ist ein ernstes gesundheitliches Problem, bei dem sie den Menschen helfen, aber letztendlich haben sie immer noch einen Kühlschrank voll mit Kacke. „Sogar diejenigen unter uns, die keine Wissenschaftler sind, haben ihren Filter verloren", sagte Carolyn Edelstein, ihres Zeichens Managerin für globale Partnerschaften. „Unsere Spender, alle hier glauben an die Mission. Klar ist es oberflächlich betrachtet ein komisches Konzept, aber es verbessert spürbar Leben und ich denke, das ändert die Grundhaltung gegenüber dem, was wir jetzt tun."

Burgess und Edelstein halten ein Plakat mit von Kacke inspirierten Zeichentrickfiguren | Foto: Autor

Dieser lebensverändernde Schiss kann allerdings nicht von jeder beliebigen Person kommen. Die Spendeprozedur, überwacht von Zain Kassam, einem Gastroenterologen und Internisten, ist ausgesprochen streng.

„Es ist schwieriger, als in Harvard reinzukommen", sagte Edelstein während wir den 109-schrittigen Fragebogen durchgingen, den Bewerber ausfüllen müssen. Das kommt nach einem Online-Test mit 11 Punkten, bei dem 55 Prozent durchfallen. Weitere 65 Prozent fliegen nach einem klinischen Gespräch raus. Am Ende gelangen etwa 4 Prozent der Menschen, die den Prozess antreten, an den Punkt, wo sie tatsächlich spenden.

Einige der Dinge, auf die getestet wird, sind die typischen übertragbaren Erreger, auf die man auch bei Blutspenden testet, aber es wird auch nach Krankheiten wie Morbus Crohn und Reizdarm Ausschau gehalten. Alle, die Medikamente gegen Angstzustände und Depressionen nehmen, oder die Probleme mit Diabetes oder Übergewicht haben, werden auch ausgeschlossen.

„Wenn du jemals etwas auch nur ansatzweise Interessantes getan hast, kannst du wahrscheinlich kein Spender sein", witzelte Edelstein.

Der Grund dafür ist, dass jeder Schritt in dem Prozess zunehmend teurer wird. Der Stuhl muss zur ersten Untersuchung geschickt werden. Danach müssen zusätzliche Blutproben entnommen werden. Sie wollen ihre Zeit und ihre Ressourcen nicht auf jemanden verschwenden, der nicht fest entschlossen ist—scheiß' oder hör auf, den Topf zu besetzen, wenn man so will. Als Entschädigung bekommen Spender 40 Dollar pro Haufen, mit einem 50-Dollar-Bonus, wenn sie 5 Mal die Woche kommen. Es kostet sie insgesamt etwa 5.000 Dollar, einen Spender zu finden.

„Wir wollen, dass sie so häufig wie möglich reinkommen", sagte mir Burgess. „Sie dazu zu bringen, vier Mal die Woche statt drei Mal die Woche zu kommen, hält uns vom Bankrott ab."

„Scheiße ist für euch buchstäblich Gold", scherzte ich.

„Es ist wertvolles Zeug! Ein paar Mal sind uns schon die Bestände ausgegangen und die Nachfrage von Krankenhäusern steigt rapide. Das ist sehr schlecht, wenn bei jemandem die Behandlung verschoben wird. Für uns ist das wichtig."

Und wie funktioniert das Ganze jetzt eigentlich? „Studien haben gezeigt, dass eine Stuhlprobe von einer gesunden Person, wenn sie in den Darm eines Patienten transplantiert wird, mit ihren Bakterien die gesunde Mikroflora wiederherstellt", erkärte Edelstein. „Im Grunde genommen treten die Bakterien aus dem Spenderstuhl in einen Wettstreit mit der Infektion und gewinnen. Die Bakterien kommen gegen diese Ladung gesunder Bakterien nicht an."

Foto vom Autor



Patienten, die seit Monaten krank sind, fühlen sich manchmal bereits nach einem oder zwei Tagen besser.

Bei OpenBiome gibt es augenblicklich etwa 16 aktive Spender. Bisher können sie etwa 2.300 Behandlungen verzeichnen und die Proben gingen an ein klinisches Netzwerk aus 185 Krankenhäusern in 28 US-Bundesstaaten und 5 Ländern. Offenbar wächst der Kackemarkt.

Aber sie haben dabei auch festgestellt, dass nicht alle Menschen gleich kacken. Manche sind Morgenscheißer, andere sind Abendscheißer. Inzwischen sammeln sie auch Daten für die Erforschung der verschiedenen Schiss-Arten, die sie von Spendern erhalten. Bis dato wog die größte abgelieferte Ladung 581 Gramm. „Ich glaube, 100 Gramm haben etwa die Größe eines Apfels", sagte Edelstein. „Das ist also wie etwa sechs Äpfel in einem Haufen, um sich das mal vorstellen zu können."

Danke dafür.

Eine größere Probe ist nicht nötig, aber sie erlaubt größere Effizienz bei der Vorbereitung einer Behandlung. Der rekordbrechende Spender wirkte recht gleichgültig, als er die Probe abgab, sagte sie. Nur ein gewöhnlicher Tag im Kackebüro.

So lange ich denken kann, habe ich es geliebt zu kacken, und habe, wie die meisten jungen Mädchen, oft davon geträumt, meine Exkremente zu Geld zu machen.

Unten im Labor behandeln sie die Stuhlproben in einer biologischen Sicherheitswerkbank mit einem Luftvorhang, was die Kontamination in beide Richtung verhindert. Vorher werden sie mit einer Kochsalzlösung gemischt und durch eine Maschine gejagt, die in der Fachsprache wahrscheinlich nicht „Kackestampfer" heißt, aber im Grunde genau das tut.

„Sie kommt mit einer Konsistenz raus, die an einen Schokoshake erinnert", sagte Burgess. Dann wird sie in einer Plastiktüte mit einer Art Sieb behandelt, wodurch die nicht verwendbare Flüssigkeit herausgefiltert wird und Mais und andere unverdaute Reste zurückbleiben. Dann wird alles in Flaschen gefüllt und monatelang bei minus achtzig Grad Celsius in einer Gefriertruhe gelagert, wo sie dann darauf warten, dass die Spender eine weitere Runde Tests bestehen. Wenn alles gut geht, werden sie in Kisten mit Trockeneis gepackt und zum landesweiten Einsatz versandt. OpenBiome ist auch dabei, ein Kapsel-Liefersystem zu perfektionieren, das—welch Überraschung!—eine weitaus angenehmere Art ist, Scheiße zu sich zu nehmen, als sie in den Hintern geschossen zu kriegen.

Burgess vermittelt den Eindruck, dass alles ziemlich simpel ist. „Die Komplexität liegt darin, mit den Spendern umzugehen, gesunde Menschen zu finden und bei bester Gesundheit zu halten. Jeder kann Kacke quirlen—das haben wir nicht erfunden. Das Schwierige ist es, gute Spender zu finden, und so viel Kacke von ihnen zu bekommen wir nur möglich."

OpenBiomes Kacke-Kapseln | Foto: Autor

Seit es in letzter Zeit etwas mediale Aufmerksamkeit für OpenBiome gab, rennen ihnen potentielle Spender praktisch die Tür ein, um in Erwägung gezogen zu werden. „Wir werden im Moment von Menschen aus dem ganzen Land mit E-Mails bombardiert", sagt Daniel Martin, ein weiteres Teammitglied. „Die Leute sagen so: ‚Hey, ich hab etwas Kot, krieg' ich Geld?'" Eine E-Mail hat es dem Team ganz besonders angetan: „So lange ich denken kann, habe ich es geliebt zu kacken, und habe, wie die meisten jungen Mädchen, oft davon geträumt, meine Exkremente zu Geld zu machen", stand darin.

Ich habe es auch schon immer geliebt zu kacken. Und ich kann das auch ziemlich gut. Bin ich einer der Spitzenscheißer des Großraums Boston? Vielleicht, aber das kann ich nicht selbst beurteilen. Das Team gab mir die nötige Ausrüstung, um es selbst auszuprobieren, um im Namen des Journalismus zu sehen, wie es ist, wenn jemand spendet. Aber nachdem ich herausfand, dass sie meine Spende nicht für die Forschung verwenden konnten, war ich nicht mehr ganz so scharf darauf .

Jedenfalls stellte ich die Kackvorrichtung auf den Rand der Toilette und wartete auf Inspiration. Dann saß ich da und dachte darüber nach. Die Vorstellung, dass etwas, das ich jeden Tag tue und als etwas völlig Selbstverständliches sehe, potentiell Leben retten könnte, machte mich zu angespannt, um mich der Situation zu stellen.

„Ich konnte nicht", sagte ich, als ich mit einer leeren Schüssel herauskam. Das ist OK, sagten sie mir, das passiere vielen Leuten beim ersten Mal. Aber ich glaube, sie wollten mich damit nur aufmuntern.

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