Alle Fotos: Tereza Mundilová

"Ich will nicht von Rassisten oder Verrückten gewählt werden" – Ralf Stegner im Interview

Der stellvertretende SPD-Chef bekommt fast täglich Todesdrohungen. Wir haben mit ihm über den neuen Hass der Deutschen gesprochen.

Alle Fotos: Tereza Mundilová

"Geistiger Brandstifter" nennt ihn die Junge Freiheit, für Lutz Bachmann und seine Fans heißt er einfach nur "Pöbel-Ralle": Kaum ein Politiker macht die Rechten so wütend wie Ralf Stegner von der SPD. Der stellvertretende Bundesvorsitzende und Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein geht die AfD so hart an wie nur wenige Spitzenpolitiker.

Das hat seinen Preis. "Du elendes Arschloch wirst dabei langsam krepieren"; "muslime und linke gehören ins gas"; "ich werde dir den kopf vom corpus abtrennen"—das sind Auszüge aus E-Mails und Kommentaren, die Stegner täglich bekommt. In den vergangenen Monaten landeten Tausende Beschimpfungen, Gewaltfantasien und Todesdrohungen in seinen Postfächern.

Stegner ist seit 25 Jahren Politiker, hat etwas Vergleichbares aber selbst noch nie erlebt. Wir haben ihn kurz nach den US-Wahlen getroffen, um mit ihm über Hasskommentare, Donald Trump und den Sex-Appeal der ältesten Partei Deutschlands zu sprechen.

VICE: Sie bekommen Mails, in denen steht: "Es wäre wünschenswert, dass Herr Stegner sich umbringt!" Was fühlen Sie, wenn Sie so was lesen?
Ralf Stegner: Meine Facebook-Seite sieht durch die ganzen Hasskommentare teilweise aus wie eine Nazi- und Verrücktenseite. Aber allein wegen der schieren Anzahl solcher Posts und Mails kann man schon sagen, dass ich abgestumpft bin. Wenn ich das lese, fühle ich inzwischen nicht mehr so viel.

Zeigen Sie die Kommentare an?
Ja, wenn ich bedroht werde. Beleidigungen melde ich meist nicht. In diesem Jahr habe ich etwas mehr als 50 Anzeigen erstattet. Einer hatte gepostet: "Du Ausländerfreund, geh doch in den Wald und häng dich auf". Der hat das unter seinem richtigen Namen geschrieben, es war ein Unternehmer mit 400 Mitarbeitern. In allen Schichten gibt es Leute, die einen Dachschaden haben. Bei solchen Drohungen freue ich mich dann, wenn ich vom Gericht die Nachricht bekomme, Herr X—meistens sind das ja Männer—muss ein paar hundert Euro Strafe an eine Flüchtlingsinitiative zahlen.

"deine ermordung steht unmittelbar bevor, also empfehle ich dir linkes dreckschein , dich vom leben zu verabschieden."

E-Mail von Dienstag, 24. Mai 2016, 09:09 Uhr

Die Masse an hasserfüllten Nachrichten, die Verachtung, ist das neu für Sie?
Absolut. Es hat seit Aufkommen der AfD eine sehr starke Verrohung stattgefunden. Wenn Pegidioten Politikern den Tod wünschen und andere im Netz hetzen, dann zieht das irgendwann Brandanschläge nach sich. Auch das erleben wir ja seit Monaten. Solche Hasskriminalität richtet Schäden in den Köpfen an.

Was meinen Sie mit Schäden in den Köpfen?
Wir reden ja mittlerweile vom postfaktischen Zeitalter. Auf manchen Seiten leben die Leute weitgehend unter sich ihre Verschwörungstheorien aus. Fakten spielen da keine Rolle. Aber wenn jemand überzeugt ist, Mecklenburg-Vorpommern steht kurz vor der Islamisierung, dann muss ich sagen: Geh zum Arzt, vielleicht gibt's da eine Therapie. Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz erschlagen zu werden, ist höher, als in Schwerin einen leibhaftigen Islamisten zu treffen. Ein Dialog mit Argumenten ist da nicht mehr möglich. Das reicht in Kreise hinein, die das eigentlich intellektuell begreifen müssten. Und das ist bedrohlich.

Wie ist es Ihrer Meinung nach so weit gekommen?
Es ist normal, dass Menschen Angst vor Veränderung haben. Die Globalisierung löst sehr viel Verunsicherung aus, die Welt verändert sich schneller, im riesigen Informationsangebot fehlt vielen die Orientierung. Und diffuse Ängste erleichtern es jenen, die falsche, aber vermeintlich einfache Antworten liefern—also allen, denen Fakten völlig wurst sind. Aber die Wirklichkeit ist oft komplex. Deshalb können Politiker, die ihre Verantwortung ernst nehmen, diese einfachen Antworten nicht geben. Das macht es uns in der Konkurrenz schwer, aber verständlich reden müssen wir schon.

Sie und Ihre Kollegen werden von den Leuten, die sie meinen, "Volksverräter" genannt. Warum, denken Sie, fühlen die sich von Ihnen verraten?
Das ist schlicht Spinnerei, weil sich da Leute als "das Volk" ausgeben, die nur einer von vielen kleinen Teilen des Volkes sind. Dass in Amerika ein Milliardär, der keine Steuern bezahlt und der New Yorker Schickeria angehört, behauptet, "Ich bin einer von euch", das hat mit "dem Volk" soviel zu tun wie ein Elefant mit einer Mücke. Menschen wählen sogar Leute, denen sie inhaltlich gar nicht zustimmen, zeigen Wahlanalysen. Nach dem Motto: Ich weiß, die sind gegen den Mindestlohn, gegen die Besteuerung von Reichen, die haben kein Interesse, mich sozial abzusichern—aber es ist mir egal, solange die "denen da oben" eins auswischen. Worauf sollen aber redliche Politiker setzen, wenn nicht auf gute Argumente? Das macht das Postfaktische so bedrohlich—und zwar für die Menschen selbst.

"Du elendes Arschloch wirst dabei langsam krepieren, vielleicht wirst du auch nur zum Krüppel geschossen. Kannst ja schon mal bei Schäuble nachhaken, wie du aufs Klo kommst. Und kein Personenschutz wird dir helfen."

E-Mail von Freitag, 7. Oktober 2016, 18:58 Uhr

Geben Sie also auf, diese Leute zu erreichen?
Ich will nicht von Rassisten oder Verrückten gewählt werden. Diese Leute gehe ich mit aller verbalen Härte an. Niemals darf der Eindruck entstehen, Politiker, würden dem nicht deutlich widersprechen. In Hamburg saß ich auf einem Podium zu dem Buch AfD: Bekämpfen oder ignorieren?, an dem ich mich beteiligt hatte. Im Publikum waren 95 Prozent Rechte. Jedes Mal, wenn wir etwas gesagt haben, haben die versucht, das niederzubrüllen: "Ihr habt doch in der DDR schon mitgeschossen!" Den Menschen zu erzählen, dass die SPD damals verboten war, hat überhaupt nichts genützt. Aber um alle, die ich noch erreichen kann, kämpfe ich.

Ein Video von der Veranstaltung am 27. September in der Hamburger "Elbarkaden Lounge"

In den letzten Minuten haben Sie für diese Leute Worte benutzt wie "Dachschaden", "Spinnerei", "Pegidioten". Machen Sie es nicht noch schlimmer, wenn Sie als Spitzenpolitiker diese Menschen weiter herabwürdigen?
Ich halte es für erforderlich, dass man sich klar ausdrückt. Ich rede mit jedem ernsthaft, der Sorge um seinen Arbeitsplatz hat, die Ausbildung der Kinder, oder den die Globalisierung beunruhigt. Wenn jemand sagt "Ich finde Ausländer einfach scheiße", dann sollte man sich dem nicht mit intellektueller Politiksprache stellen.

Haben Sie eine Einschätzung, wie viel Prozent der Bevölkerung "verloren" sind, wie viele Sie mit Fakten und Argumenten nie erreichen werden?
Es gibt einen hohen einstelligen Prozentsatz, die haben sich verabschiedet und lehnen auch Demokratie ab. Und dann sind da Menschen, die haben den Eindruck, die Politik kümmere sich nicht um sie. In Teilen ist die Kritik auch berechtigt: Die Schere zwischen arm und reich ist größer geworden. Wir haben absurden Reichtum und in Teilen absurde Armut. Das darf nicht so bleiben.

Aber wie halten Sie die Leute, mit denen man noch reden kann, und die "Verlorenen" auseinander?
Wenn Leute hinter einer Naziflagge hinterherlaufen, finde ich es falsch, so zu tun, als wüssten die nicht, was sie täten. Und die kann und will ich nicht erreichen.

"bevor ich es vergesse, werde ich dich vor deiner ermordung stundenlang foltern!"

E-Mail von Dienstag, 24. Mai 2016, 09:09 Uhr

Aber es scheint immer mehr Menschen zu geben, denen das nichts ausmacht, hinter solchen Fahnen herzulaufen. Wäre es nicht sinnvoll, denen andere Angebote zu machen?
Aber definitiv nicht solche, wie sie die CSU macht. Wenn der CSU-Generalsekretär sagt "Wir sind nicht das Sozialamt der Welt", dann ist das original NPD. Das funktioniert nicht. Wenn man die Parolen übernimmt, wählen die Leute das Original.

Hat sich denn Ihr Blick in den letzten Monaten auf die Bevölkerung gewandelt, wenn Sie sagen, ein bis zu zweistelliger Prozentsatz der Menschen besteht aus Verrückten und Idioten?
Dass wir in Deutschland noch mal derart über Antisemitismus und fremdenfeindliche Gewalt reden müssen, das hätte ich nicht erwartet. Dass ein gewisser Anteil der Bevölkerung empfänglich ist für Nazi-Propaganda, das wussten wir seit Jahren durch Studien der Ebert-Stiftung. Die Ausdrucksweise ist neu und auch, dass sich die Leute trauen, das laut auszusprechen.

Als Sigmar Gabriel SPD-Parteivorsitzender wurde, hat er gesagt, er will hingehen, wo es dreckig ist und stinkt. Wann waren Sie da zuletzt, wo es stinkt?
Es geht eben darum, dahinzugehen, wo ganz normale Leute gehen, die ganz normale Probleme haben. Ich bin viel unterwegs. Bundesweit, Stadt, Land, 3 Leute oder 100—egal. Gerade in Wahlkämpfen bekommen Sie alles direkt ab, auch die Unterschiede: In Rheinland-Pfalz kamen einem Leute entgegen und haben gesagt: "Mensch, ich habe jetzt jahrelang CDU gewählt, aber eure Spitzenkandidatin gefällt mir besser." In Sachsen-Anhalt haben die Leute manchmal gebrüllt: "Du Lump, ich wähl sowieso AfD!" Ich kenne die Realität und sie passt nicht in Schubladen.

Und was antworten Sie jenen, die nicht brüllen, aber verängstigt sind?
Ich sage, dass ich leidenschaftlich für ein faires Gesundheitssystem kämpfe, für Alleinerziehende, dafür, dass Reiche nicht noch reicher werden und Arme ärmer. Gerade bei jungen Menschen sehe ich, dass sie globale Gerechtigkeitsfragen umtreiben. Das sieht man am Erfolg von Justin Trudeau in Kanada, Bernie Sanders in den USA oder Jeremy Corbyn in England. Politiker, die die Menschen mit ihren Ideen von sozialer Gerechtigkeit begeistern.

Wo ist denn dann der Bernie Sanders der SPD?
Wahr ist, wir haben derzeit keinen 75-Jährigen Sozialisten wie Sanders, der die jungen Leute in Scharen anzieht. Ich kann mich selbst für meinen Teil nur leidenschaftlich einsetzen, und das sechseinhalb Tage jede Woche, überall in der Republik.

Bei Brexit, Trump und Co. verbauen die Alten gerade die Zukunft der Jungen. Was können junge Leute dagegen tun?
Sich engagieren und wählen gehen. Die Älteren gehen nämlich wählen. Und wenn du nichts tust, kommen eben Brexit und Trump heraus.

Braucht es gerade nicht mehr, als nur zur Wahl zu gehen? Eine neue Jugendbewegung?
Wählen ist besser, als nichts zu tun. Zur Zeit treten viele in Parteien ein, um etwas zu tun gegen die Spaltung, die da passiert und für Demokratie. Aber ja: Viele Initiativen gingen von jungen Leuten aus, die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Friedens-Bewegung und die Anti-Globalisierungsbewegung. Ich glaube, für eine Bewegung für Demokratie und gegen Rassismus wäre es Zeit und sie hätte Erfolg.

Was finden Sie besser: Einen 18-Jährigen, der sich nicht für Politik interessiert, oder einen 18-Jährigen, der in die AFD eintritt?
Ich bin leidenschaftlicher Parteipolitiker und würde eigentlich nur meine Partei empfehlen. Aber an sich ist mir jeder, der sich politisch interessiert, lieber als einer, der nix tut oder sich eben rechts orientiert. In die AFD einzutreten, finde ich zum Kotzen.

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