Neue Studie: Kein Land in Europa ist so schwul, lesbisch und trans wie Deutschland

Aber nicht alle sind gleich LGBT. Gerade zwischen alten und jungen Menschen fand die Studie erstaunliche Unterschiede heraus.

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17 Oktober 2016, 10:00am

Foto: Grey Hutton

Gaydar hin oder her. Niemand weiß genau, wie viele Schwule, Lesben und Transpersonen es tatsächlich gibt. Weder auf der Welt noch in Europa oder in Deutschland. Seit Jahren geistern Zahlen durch die Welt, die mehr oder weniger widersprüchlich sind. Immer wieder wird von zehn Prozent der Gesamtbevölkerung gesprochen, vielleicht eine falsche Interpretation der Kinsey-Studie von 1948. Heute veröffentlicht das Berliner Meinungsforschungsinstitut Dalia Research die Ergebnisse einer neuen europaweiten Umfrage, die etwas mehr Licht ins Dunkel unserer sexuellen Vorlieben bringen soll. Insgesamt wurden im August fast 12.000 Europäer über web-basierte Geräte (also Smartphones, Tablets und Rechner) im Rahmen einer Umfrage namens EuroPulse befragt, die viermal im Jahr stattfindet und unter anderem von der Oxford University und der Bertelsmann Stiftung genutzt wird.

Und das Ergebnis: Deutschland ist das queerste Land Europas.

7,4% der befragten Deutschen definieren sich als LGBT, damit ist Deutschland europäischer Spitzenreiter. Die Studie ist bemerkenswert, weil die Ergebnisse so viel höher sind als die, die es bisher gab, und weil Zahlen erhoben wurden, von denen wir bis jetzt keine Ahnung hatten. Im Jahr 2000 kam eine Emnid-Umfrage für Deutschland noch zu einem völlig anderen Ergebnis. 1,3% der Männer bezeichneten sich damals als schwul, 0,6% der Frauen als lesbisch. Zur Bisexualität gibt es praktisch keine Zahlen, genauso wenig zu Trans-Personen.

Die neue Umfrage ändert das: Die Befragten sollten angeben, ob sie sich als LGBT identifizieren und eine Frage beantworten, die auf der Kinsey-Skala basiert: "Welche der folgenden Antworten beschreibt deine momentane sexuelle Orientierung am besten: nur heterosexuell; hauptsächlich heterosexuell, ab und zu homosexuell; sowohl homo- als auch heterosexuell; hauptsächlich homosexuell, ab und zu heterosexuell; homosexuell; asexuell; keine Antwort."

Im europäischen Durchschnitt bezeichnen sich 5,9% der Befragten als LGBT und sogar 8,6% der Befragten antworten, dass sie nicht ausschließlich heterosexuell sind. Dazu kommen noch 1,4%, die sich als asexuell definieren.

In Deutschland sind es deutlich mehr: 10,9% der Befragten sehen sich als nicht ausschließlich heterosexuell. Insgesamt 6,8% geben an, sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Neigungen zu haben. Wenn man sich das Ganze nach Geschlechtern getrennt anschaut, sehen sich 8,4% der Frauen und 6,4% der Männer als LGBT. Frauen scheinen grundsätzlich ein kleineres Problem damit zu haben, homo- oder bisexuellen Sex zu haben als heterosexuelle Männer. Schon 2015 wurde eine Studie veröffentlicht, die belegen sollte, dass bei vielen Frauen die Grenzen zwischen Hetereo- und Homosexualität häufig fließend sind, was sich auch darin zeigt, dass viele Frauen gerne lesbische Pornos gucken.

Laut der Dalia-Studie sind in Deutschland 2016 insgesamt 3,3% der Bevölkerung homosexuell. 3,1% der befragten Männer sind schwul, 3,5% der befragten Frauen lesbisch. 2016 definieren sich also fast dreimal so viele Menschen als LGBT wie noch vor 16 Jahren. Eine Erklärung für diese Zahlen könnte auch in der neuen Umfragetechnik liegen. Schon seit Jahren werden klassische Meinungsforschungsinstitute kritisiert, weil sie hauptsächlich auf Anrufe im Festnetz setzen. Blöd nur, dass immer weniger Menschen Festnetzanschlüsse haben. In dieser neuen Umfrage wurden Nutzer über Online-Kampagnen befragt, die hauptsächlich mobil beantwortet wurden.

Die Verteilung von LGBT-Menschen zwischen Stadt und Land in Deutschland ist weniger eindeutig, als man erwarten könnte. Offenbar flüchten weniger LGBT-Menschen, als man annehmen würde, aus der Provinz in die Metropolen. 7,6% der sich selbst als LGBT-identifizierenden Personen leben in der Stadt und immerhin doch 6,8% auf dem Land.

Bei der Aufteilung nach Alter sind die Unterschiede drastischer: 11,2% der befragten Deutschen zwischen 15 und 29 definieren sich als LGBT, allerdings nur 5,7% der 30-49-Jährigen.

Die Ergebnisse der Studie, vor allem wenn man sie mit den Emnid-Zahlen von 2000 vergleicht, zeigen, dass es zumindest in Deutschland vielleicht etwas einfacher geworden ist, nicht zum großen Club der Heterosexuellen zu gehören. Besonders die hohe Zahl der Jüngeren, die sich als LGBT identifizieren, zeigt, dass sich die Gesellschaft doch etwas geöffnet hat. Das wird besonders deutlich, wenn man die Zahlen in Deutschland mit denen von Ungarn vergleicht, laut der Umfrage das Land mit dem niedrigsten LGBT-Anteil der Bevölkerung mit nur 1,4%. Es gibt vermutlich wenig Gründe anzunehmen, dass es in Ungarn tatsächlich so viel weniger Menschen gibt, die lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* geboren werden. Das Problem dürfte eher sein, dass sie sich nicht trauen, sich so zu definieren, geschweige denn offen zu leben. LGBT sind in Ungarn immer wieder extremen Anfeindungen ausgesetzt. Also auch wenn es in Deutschland und einigen westeuropäischen Ländern einfacher geworden ist, sich zu outen und nichtheterosexuell zu leben, gibt es auch noch eine Menge Arbeit, damit er Rest Europas mitzieht.

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