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Popkultur

Rory von 'Gilmore Girls' ist eigentlich ziemlich ätzend

Ihr privilegierter Lifestyle hat sie zu einer heuchlerischen, undankbaren und verzogenen Durchschnittsjournalistin mit schlechtem Männer- und noch schlechterem Buchgeschmack gemacht.

von Koty Neelis
24 November 2016, 1:01pm

Illustration: Xavier Lalanne-Tauzia

In meiner Post-Präsidentschaftswahl-Depression habe ich mich Dingen zugewandt, die mich glücklich machen. Ich bestellte mir an einem Abend genug Essen für eine ganze Woche und machte mich als Einstimmung auf das anstehende Serienrevival, Gilmore Girls:A Year in the Life, bei Netflix an einen ausgedehnten Gilmore Girls-Marathon. Während ich Stunde um Stunde vor der heiß geliebten Kultserie meiner Teenagertage verbrachte, fiel mir allerdings zunehmend eine Sache auf, die die meisten Menschen über Rory Gilmore, Lorelais Tochter und das jüngere der beiden Titel-Girls, offensichtlich vergessen haben: Sie ist verdammt ätzend.

Es tut mir leid! Ich weiß, es tut weh. Während ich mir weiter Episode über Episode anschaue, kann ich es selbst noch kaum fassen. In den frühen 2000ern war die von Alexis Bledel gespielte Figur noch eine Heldin, zu der du leicht aufschauen konntest, wenn du selbst Bücher, Pizza und bedenkliche Mengen an Kaffee mochtest. Das war wohlgemerkt in einer Ära, bevor diese Dinge Persönlichkeitseigenschaften in Twitter-Bios oder Bumble-Profilen wurden. Ihr dabei zuzuschauen, wie sie die Kleinstadt Stars Hollow verlässt, um ihren Ivy-League-Bestrebungen in Yale nachzugehen, machte dir Mut. Sobald du diesen nostalgischen Fiebertraum aber als solchen erkennst und aufhörst, die ganzen bescheuerten Clickbait-Listicles zu lesen, erkennst auch du, dass Rory furchtbar ist. Und hier ist warum:

Sie ist Lorelai eine furchtbare Tochter

Wir alle wissen, dass Lorelai (Lauren Graham) nicht nur irgendeine Mutter ist. Sie ist eine coole Mutter. Aber die Grenzen ihrer Freundin/Eltern-Dynamik verwischen oft und Rory nutzt diese Beziehung aus. Ob sie jetzt ihre Großeltern zu Lorelais Abschluss einlädt oder entgegen den Bitten ihrer Mutter zu Anna Nadrinis Laden geht, Rory kennt schlicht und einfach keine Grenzen. Nicht nur respektiert sie Lorelais Grenzen nicht, sondern sie ist obendrein egoistisch und scheinheilig. Sie rastet aus, wenn ihre Mutter nicht auf ihre Beziehungsratschläge hört. Weißt du noch, wie sie in der siebten Staffel zu Lorelai sagt, sie solle es mit Christopher (David Sutcliffe) langsam angehen, und dann durchdreht, als sie in Paris heirateten? Andersherum lässt sie sich von Lorelai nichts sagen, wenn diese ihre Bedenken zu Rorys vielen zweifelhaften Beziehungsentscheidungen äußert.

Für einen vermeintlichen Bücherwurm liest Rory nur Mist

Ayn Rand? Sakrileg? George W. Bushism: The Slate Book oft he Accidental Wit and Wisdom of our 43rd President?? Für jemanden, der angeblich ein totaler Bücher-Nerd ist, würdest du von ihr schon erwarten, dass sie sich auch etwas außerhalb der üblichen High-School-Literatur bilden würde—insbesondere fernab von semilustigen Sinnsprüchen des ehemaligen Präsidenten.

Sie hat nicht nur einen schlechten Büchergeschmack, auch ihre Männer sind im besten Fall Mittelmaß

Die Sache mit Jess (Milo Ventimiglia) kann ich schon irgendwie nachvollziehen. Aber Dean (Jared Padalecki)? Logan Huntzberger (Matt Czuchry)? Ihr erster Fehler war es, einen Typen zu daten, dessen Nachname wie eine überteuerte Ketchup-Marke aus dem Bioladen klingt. Zu ihren anderen Fehlern gehört, mit verheirateten Männern zu schlafen (siehe unten) und dauernd unnötig in die Länge gezogene Beziehungen mit unbeständigen Männern zu führen, die ihr ständig wehtun.

Sie war sauer auf ihren Großvater, weil der ein Treffen in Yale angeleiert hatte, sie aber nicht das richtige Outfit trug

Ich verstehe schon das Bedürfnis, sich auf ein derartiges Treffen angemessen vorbereitet zu fühlen. Aber kannst du nicht einfach die Klappe halten und dich darüber freuen, dass sich dein Großvater so sehr für dich ins Zeug gelegt hat? Ich konnte an keiner Stelle weniger mit Rory und Lorelai anfangen als in dem Moment, als sie wütend vom Yale Campus stürmen, weil sie es einfach "nicht fassen" können, dass Richard die Frechheit hatte, so etwas Furchtbares zu tun, wie sicherzugehen, dass sie auf einer Ivy-League-Uni landet.

Sie ist zurück nach Stars Hollow, nur um mit ihrem verheirateten Ex zu schlafen

Wirklich? Konnte sie im College niemanden finden? Es musste unbedingt Dean, ihr eher zweckmäßig verheirateter High-School-Ex mit der grauenvollen Frisur sein, mit dem sie ihre Jungfräulichkeit verliert? Und dann spielt sie danach auch noch "The Candy Man Can" aus Charlie und die Schokoladenfabrik. Denn: "Was ist heißer als Candy?"

Abgesehen davon: Eine reiche Yale-Studentin, die mit einem verheirateten Kleinstadtbewohner schläft und ihm sein Leben versaut, ist vielleicht eine angemessene Heldin für einen Ayn-Rand-Roman, aber eine ziemlich schräge Wahl für eine Serie, die gute Laune machen soll.

Sie hat eine Yacht geklaut und ihr Studium abgebrochen, nur weil der Vater ihres Freundes meinte, dass sie eine schlechte Journalistin sei

Es ist natürlich doof, wenn dir jemand sagt, dass du in deinem Traumjob eine Niete bist. Aber seien wir realistisch, Mitchum (Gregg Henry) hatte Recht. Während alle ihre Freunde Anstalten machen, sich über den Sommer ein Praktikum zu verschaffen, fliegt Rory stattdessen mit ihrer Großmutter nach Europa. Als sie dann endlich eine Stelle an Land gezogen hatte (und das auch nur durch ihren Freund), hat sie die ganze Zeit damit verbracht, persönliche Assistentin zu spielen und den anderen in den Hintern zu kriechen, anstatt selbst rauszugehen und spannende Themen zu finden.

Sie ist ein Paradebeispiel für das Privileg der weißen Oberschicht

Was an Rorys Charakter mit am meisten aufregt, ist ihre Unfähigkeit zu erkennen, welche Privilegien sie eigentlich besitzt. Sowohl Rory als auch Lorelai sind der Meinung, mehr zur Arbeiterklasse zu gehören, weil sich Lorelai über die Jahre hinweg bewusst von Richards und Emilys Geld distanziert hat. Wenn es jedoch nötig ist, dann haben die beiden plötzlich kein Problem mehr damit, das Geld der Familie anzunehmen—zum Beispiel wenn Schulgebühren anfallen, wenn man Bock auf ein neues Auto hat, wenn das Studium in Yale bezahlt werden muss, wenn man Urlaub in Europa machen will und so weiter.

Am Ende der siebten Staffel macht sich Rory auf, um über den Präsidentschaftswahlkampf des damals noch als Senator tätigen Barack Obama zu berichten. Vorher hat sie das Angebot ihrer Großeltern, ihr eine Wohnung in New York zu bezahlen, enttäuscht ausschlagen müssen, weil sie die New York Times nicht als Praktikantin will. Sowohl Rory als auch der Rest der Gilmores waren von ihrem hohen Ross aus so verblendet, dass es ihnen gar nicht erst in den Sinn gekommen war, Rory könnte das wertvolle Praktikum nicht bekommen. Nein, sie würde auf jeden Fall bei der Zeitung arbeiten, "denn sie ist ja Rory".

Wird sich Mitchums Verdacht, dass Rory gar nicht als Journalistin geeignet ist, jetzt als wahr herausstellen? Hat Rory dann ein Jahrzehnt lang hart gearbeitet, um das traditionell niedrige Einkommen eines Journalisten einzustreichen, oder hat sie sich stattdessen immer auf das Geld ihrer reichen Großeltern verlassen? Am Ende der siebten Staffel lehnt Rory Logans Heiratsantrag ab, um ihre Unabhängigkeit nicht zu verlieren. Dabei scheint es sehr unwahrscheinlich, dass sie sich jemals von ähnlichen Privilegien trennen wird, die sie durch ihre Großeltern sowie ihren stinkreichen Vater hat.

So erinnert Logan Rory auch daran, dass sie zur reichen Oberschicht gehört, auf eine Elite-Universität geht und ihre Großeltern ein ganzes Gebäude nach ihr benannt haben. Ihr privilegierte Lifestyle, mit dem sich Rory eigentlich nicht identifizieren will, ist genau die Sache, die sie zu dem gemacht hat, was sie ist: eine heuchlerische, undankbare und verzogene Durchschnittsjournalistin mit schlechtem Männer- und noch schlechterem Buchgeschmack.

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