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Ich wäre in Afghanistan beinahe in die Luft geflogen

Ben Anderson hat uns heute eine Email über Joao Silva geschickt, einen angesehenen Fotografen, der letztes Jahr mit einem Spähtrupp der US Marines in Südafghanistan beide Beine verloren hat.
21.1.11

Ben Anderson, der Typ, der für die VBS Shows Inside Afghanistan und Obama’s War verantwortlich ist, hat uns heute eine Email über Joao Silva geschickt, einen angesehenen Fotografen, der letztes Jahr mit einem Spähtrupp der US Marines in Südafghanistan beide Beine verloren hat. Wir haben uns mit Ben über seinen beinahe Tod und über Joao unterhalten.

Vice: Also Ben, wo warst du als sie dich letzten Monat fast in die Luft gejagt hätten?

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Ben Anderson: Wir waren in Sangin, dem wohl gefährlichsten Gebiet in Afghanistans gefährlichster Provinz Helmand.

Ok - und die Briten hatten sich schon von dort verabschiedet, richtig?

Ja. Die haben die Kontrolle an die US Marines übergeben und deshalb war ich auch da. Ich hab da drei Wochen mit einer Einheit namens Three Five Marines verbracht und bin erst vor einer Woche wiedergekommen.

Hast du Aufnahmen für eine neue Show gemacht?

Ja, das war für ein Doku namens Panorama, die bald rauskommt.

Du warst nah dran in die Luft zu fliegen – was ist an diesem Tag passiert?

Eine große Sache in Afghanistan ist der Einsatz von IEDs (unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen) der Taliban. Wir waren in einer Gegend, in der die Briten schon die IED's, als auch die Taliban aus dem Weg geschafft haben sollten. Sie hatten ihre Lager entlang der Hauptstraße positioniert um das Gebiet unter Kontrolle zu behalten. Als die Marines angekommen sind, haben die Briten diese Lager zurückgelassen und den Taliban damit ein super Versteck für ihre IED’s übergeben.

Und wie sind die Marines damit fertig geworden?

Die haben sich überlegt, dass man die Gegend nicht einfach aufräumen kann indem man zu Fuß ein Gebäude nach dem anderen sichert. Stattdessen haben sie sich für die harte Tour entschieden und Bulldozer und schwere Fahrzeuge eingesetzt - im Grunde sowas wie Panzer. Die haben sie dann die Hauptstraße umgraben lassen und alle IED’s aus dem Weg geschafft. Gleichzeitig sind andere Marines zu Fuß die Straßenränder entlanggelaufen und haben dabei versucht die offensichtlichen Pfade weitestgehend zu vermeiden. Sie mussten dann entweder die Mauern der Gebäude sprengen oder über die Dächer klettern.

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Ok, also die Bulldozer sind vorgefahren und du bist hinterher?

Man würde denken, dass es so läuft - aber dann sind die Marines an den Straßenrändern vor den Bulldozern hergelaufen, so dass die ersten dann die Lager sichern konnten und buchstäblich neue Eingänge in die Mauern gesprengt haben, wo vorher keine waren. Wenn sie einfach einen Weg benutzt hätten, wären sie höchstwahrscheinlich von IEDs in die Luft gejagt worden. Also sind sie vorsichtig zu Fuß weiter und haben ab und zu mit ihren Händen oder Messern im Boden nach Bomben gesucht. Im ersten Gebäude haben wir eine IED auf dem Dach gefunden - an dem Ort also, den man am ehesten für sicher hält. Kurz nach dieser Entdeckung mussten wir dann auf einem der Pfade weiter, die wir auf jeden Fall vermeiden wollten. Das war ein Punkt, wo sich viele kleine Straßen kreuzen und egal ob es eine kleine Brücke über den Fluss - oder ein schmaler Durchgang zwischen den Häuser ist- kann man davon ausgehen dass dort IEDs versteckt sind.

Ein paar IED's die von den Marines gefunden und zur Sprengung vorbereitet haben.

Also eine Art gefährlicher Engpass?

Sie nennen es "Choke Points" aber im Grunde ist es genau das. Sie wollten diese Zonen vermeiden aber wir mussten die passieren weil wir nicht über die Dächer konnten. Wir mussten uns also weiter vorwärts bewegen. Sie haben die ganze Gegend mit Metalldetektoren abgesucht, konnten aber nichts finden. Es hat sich dann herausgestellt, dass wir nichts gefunden haben weil das meiste an Metall an den IEDs in der Stromquelle steckt - und die Batterie kann man rausnehmen. An diesem Engpass waren sieben IED’s versteckt aber die waren alle zusammen verkabelt und mit einer Steuerleitung verbunden – wurden also alle von einem Typen am anderen Ende des Drahtes ausgelöst - und da war auch die Batterie versteckt. Niemand hatte es bemerkt, aber wir sind über die IEDs gelaufen, die man in dieser Form verbunden auch „Daisy-Chain“ nennt, während wir aus sicherer Distanz beobachtet wurden.

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Ich war direkt an der Spitze unserer Truppe mit dabei. Ich erinnere mich daran, wie ich dachte, ich sollte eigentlich gar nicht dort sein- und hab mir geschworen dass ich mich mal ein bisschen zurückhalten sollte. Zum Glück hab ich die Idee gleich wieder vergessen. Wer auch immer uns beobachtet hat- der Typ mit der Batterie hat wahrscheinlich gewartet bis sich noch mehr Marines der Daisy-Chain nähern, um sie erst dann zu zünden. Dann ist hinter mir was explodiert und vier Marines wurden getroffen. Das war der Großteil unserer Truppe. Die Marines hatten echt wahnsinniges Glück nur zwischen den IED’s gestanden zu haben und nicht direkt darüber.

Und es gab keine Todesopfer?

Nein. Es gab drei schwere Gehirnerschütterungen und ein Typ war vorübergehend blind und taub – aber er hat sich ein paar Tage später wieder erholt. Jeder, der eine schwere Gehirnerschütterung abgekriegt hatte, musste einen Monat lang im Lager bleiben – also haben sie sich auf den Weg gemacht. In den IEDs war genug Sprengstoff um dich zu töten oder dir die Beine rauszureissen.

Aber das ist erst gegen Ende deines Aufenthalts dort passiert?

Ich bin noch vier Tage dageblieben. Sie hatten gerade diese Operation namens „Dark Horse Two“ laufen, in der es darum ging, das aufgegebene Gebiet wieder einzunehmen. Als ich gefahren bin hatten sie es zurückerobert. Die Marines stehen eher auf die harte Tour. Sie sind nur jeweils sechs Monate unterwegs, während die Army zwölf Monate Zeit hat. Diese Einheit war schon eineinhalb Monate dort als ich angekommen bin - aber in dieser Zeit hatten sie schon 26 Jungs verloren und über 100 wurden verletzt. Ich glaube nicht, dass eine Britische Einheit während einer gesamten sechsmonatigen Tour so viele Leute verloren hat. Das wirklich echt eine schockierend hohe Zahl.

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Joao Silva

Ok, und der andere Grund weshalb wir mit dir sprechen wollten war natürlich Joao Silva. Er war auch in Afghanistan oder?

Ja, er war in Kandaha, das war die Tour vor meiner. Sie waren alle Teil des selben Projekts und wir waren beide am Militärflughafen in Kandahar stationiert. Uns war langweilig und wir dachten, dass man uns vom eigentlichen Geschehen fernhält. Wir haben dann selbst versucht zu den Marines nach Helmand zu kommen. Später auf der Reise ist Joao in eins der Lager gefahren, zusammen mit einem Typ mit Spürhund und einem mit Metalldetektor. Sie müssen die dünne Druckplatte irgendwie übersehen haben und er ist draufgetreten und hat beide Beine vom Knie abwärts verloren. Er hat sich dann eine Infektion im Unterleib eingefangen und musste sechs Wochen lang intensiv behandelt werden. Er ist einer der mutigsten, zähesten und routiniertesten Kriegs-Fotografen der Welt. Einer der beliebtesten und respektiertesten Fotografen, und wirklich auch einer der erfahrensten Typen überhaupt. Es war also wirklich für alle erschütternd – wenn ihm so was passiert, dann kann es wirklich jedem passieren.

Wenn euch Joaos Fotos gefallen, dann könnt ihr welche kaufen und damit ihn und seine Genesung damit unterstützen. Hier gibt’s seine Bilder und noch mehr Infos.

Mehr über die verfahrene Lage in Afghanistan findet ihr auch in unserer neuen Barking Dogs Issue.