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Musik

Gonzales findet HipHop ganz OK

Diese Interviewmarathons, bei denen irgendein bescheuerter Musiker in immer gleichen Phrasen
19.8.10

Diese Interviewmarathons, bei denen irgendein bescheuerter Musiker in immer gleichen Phrasen sein neues Album wie am Fließband der vorbeiziehenden Journalistenhorde oder eher den Praktikanten dieser Horde anpreist, sind meistens recht langweilig. Deswegen sind wir immer froh, wenn mal was Spannendes passiert, oder jemand mal wirklich was zu erzählen hat. Und wir finden, ein existenzialistischer Schachfilm mit dem Typen in der Hauptrolle, der gerne der König der Berliner Hipster wäre, fällt in die Kategorie „Was-Zu-Erzählen-Haben.“

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Vice: Dein Album ist eine Art Soundtrack, oder?

Gonzales: Naja, nicht direkt, aber es gehört schon irgendwie zu meinem neuen Film.

Und worum geht es da?

Es ist ein existenzialistisches Schachdrama. Peaches und Tiga machen mit und ich spiele Herschel, der versucht gegen seinen Bruder Thaddeus mit einer selbsterfundenen Variante namens Jazz-Schach zu gewinnen. Die beiden lieben die gleiche Frau, und so weiter, und wo weiter. Du kannst es dir vorstellen.

Klar. Ich mag diese bizarren Schachspieler aus den 80ern und 90ern, bei denen es auch immer so ein bisschen um den kalten Krieg ging. Bobby Fischer oder Kasparov.

Ja, es war immer so ein riesiges Duell, Kapitalismus gegen Kommunismus. Ein bisschen so wie in Terminator, nur mit Schachbrettern. Oder Jagd auf Roter Oktober. Man hat damals versucht den Krieg auf populäre Art verständlich zu machen und klar zu stellen, wer die Guten und wer die Bösen sind, unter anderem auch mit Schach.

Du arbeitest viel mit Leuten zusammen, ist dir das wichtig?

Eigentlich hasse ich es. Wenn man Kunst macht, dann will man eigentlich immer sein eigenes Ding durchziehen. Also das machen was man wirklich will und wenn du mit anderen zusammenarbeitest, musst du immer Kompromisse eingehen. am liebsten würde ich das nie machen und immer nur machen, was mir gerade einfällt. Aber diese Sachen ergeben sich irgendwie und dann macht man es und irgendwie macht es ja auch Spaß. So ist das Leben.

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Wahrscheinlich. Es scheint ja so eine kanadische Connection zu geben, Feist, Peaches, Tiga, du? Ist das so eine Art Lost Generation?

Nein, mittlerweile fühle ich mich ziemlich europäisch, irgendwie.

Du hast bei ein paar Liedern so eine Art Sprechgesang auf der Platte. Hat HipHop dich beeinflusst?

Rap ist die erfolgreichste Musikrichtung überhaupt. Nichts war jemals so einflussreich in allen Bereichen, die du dir vorstellen kannst, Musik, Film, Mode, Stil, die gesamte Kultur. Und noch besser ist dieser Fatalismus der Rapper und der uneingeschränkte Kapitalismus. HipHop steht für Erfolg.

Und auf was stehst du genau? In Kanada gibt es doch auch eine ziemlich lebendige Underground Rap-Szene.
Nein, das interessiert mich gar nicht. Ich finde nur Mainstream-Rap gut. Die Leute müssen richtig erfolgreich sein. Darum geht es doch dabei. Wenn man nicht erfolgreich ist, kann man genauso gut gleich damit aufhören. Und darum geht es bei HipHop. Es ist großartig.

Was ist der Unterschied zwischen Berlin und Paris?

Ich habe mich in Berlin dazu entschieden, der König aller Hipster zu werden. So, dass mir alle diese Jungs und Mädchen nachlaufen und mich zu ihrem neuen Gott machen. Aber das hat nicht geklappt. Und ich weiß, wenn man aufhören muss. Deshalb bin ich nach Paris gegangen.

Soso.

Ja, aber im Ernst. Paris ist irgendwie ordentlicher und schöner und nicht so chaotisch. In Berlin reden immer alle Leute nur darüber, was sie machen wollen und dass sie es bald machen und was passiert, wenn sie es gemacht haben. Aber tatsächlich verwirklicht wird nie was. Und in Paris sind die Leute nicht so kreativ und brillant, dafür stellen sie aber was auf die Beine.

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Wie war Peaches Christ Superstar?

Großartig. Deshalb bin ich extra nach Berlin gekommen, um diese Show zu machen.

Du arbeitest jetzt mit Erol Alkan und Boys Noize zusammen. Das ist ja eigentlich eine ganz andere Szene als das was du vorher gemacht hast.

Ja, aber eigentlich geht es ja um die Musik und das ist alles nur ein anderer Weg für mich, die ganzen Hipster Kids anzusprechen.

Aber legst du auch manchmal auf, oder sitzt du meistens am Klavier?

Ich lege auch mal auf, aber meistens sind meine Shows ganz normal, ich sitze am Klavier, singe ein bisschen und lasse mich anhimmeln.

Wieviel von Chilly Gonzales ist echt?

Ich überlege mir ziemlich genau, wie ich rüberkommen will. Ich weiß, was die Leute wollen. Wenn ich mit Vice rede, erwähne ich mindestens fünfmal, dass ich ein fetter haariger Jude bin. Ihr Typen steht auf so was. Ich weiß das. Ihr steht auf fette haarige Juden. Und das bin ich. Ein fetter haariger Jude.

Ja, das tun wir wirklich.

Und wenn ich mit einem anderen Magazin rede, erwähne ich vielleicht nicht unbedingt, dass ich ein fetter haariger Jude bin. Ich plane meine Wirkung nach außen ganz genau und ich will auch die Kontrolle darüber haben, wie die Leute mich wahrnehmen.

Das ist verständlich.

Ich bin übrigens ein fetter haariger Jude. Ich mache das ja alles mit dem Ziel erfolgreich zu sein. Ich will verkaufen, verkaufen, verkaufen und damit Geld verdienen, um leben zu können. Und um das tun zu können, muss ich genau steuern, wie die Öffentlichkeit mich sieht. Wenn ich das nicht wollte, dann würde ich vielleicht was ganz anderes machen.

„Ivory Tower“, der Film, um den es die ganze Zeit ging, ist im Kino Babylon in Berlin zu sehen. Das dazugehörige Album erscheint am 20.08.