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Wie ich mir einen reichen Knacker anlachen wollte

Ich habe mir das Ende meiner finanziellen Schwierigkeiten erhofft, als ich mir einen alten, reichen Sugardaddy anlachen wollte, aber mir blieb beim ersten Date vor Scham und Peinlichkeit meine Trüffeltagliatelle im Halse stecken.

von Gloria Veeser
21 Mai 2013, 10:54am

Reine de Joie (Toulouse-Lautrec)

Da sitzen wir uns gegenüber, SugarDaddy43 und ich, Babe88, und schämen uns gegenseitig. Irgendwie hatte ich mir das Date mit einem „Zuckerpapi" leichter vorgestellt. Na gut, die Frage mit seiner Tochter war auch provokativ, aber er hätte mir ja auch nicht auf die Nase binden müssen, dass sie in meinem Alter ist. Da musste ich einfach fragen, wie er es denn fände, wenn sie sich zu einem Date mit einem Sugardaddy in seinem Alter träfe. Seine Antwort war mein KnockOut. „So etwas hat meine Tochter Gott sei dank nicht nötig."

BAAAM: Und schon war ich mittendrin in der Erniedrigung, und der Bissen Trüffeltagliatelle blieb mir schmerzlich im Halse stecken: Im Klartext sagt er, ICH habe sowas sehr wohl nötig, ER hingegen sei in Wirklichkeit ein liebender Familienvater und GOTT musste zu allem Überfluss auch noch erwähnt werden. Alles auf einmal wälzt er jetzt auf mein Gewissen. Ich wollte zwar wissen, was es heißt, ein Sugarbabe zu sein—aber fühlen wollte ich es eigentlich nicht. Der Deal lautete Kennenlernen mit Aussicht auf eine „Beziehung zum gegenseitigen Nutzen". Stattdessen sitzen wir hier und mustern uns bei dem Versuch, das Risiko zu bestimmen, vom jeweils anderen ausgenutzt zu werden. Ich schlucke meine Pasta runter und versinke.


Das mit meinem Sugadaddy-Date begann so. Wie fast jeder Trend fing auch Sugardaddy-Dating in Amerika an. Am Anfang ging es um Wege für arme College-Girls, die horrenden Studiengebühren zu beschaffen, inzwischen ist daraus ein kompletter Sugar-Lifestyle entstanden: Die Presse feiert den neuen heißen Scheiß meist unkritisch, Blogs geben Tipps zur SD-Aquise und Beziehungspflege und Unistädte werden nach der Zahl ihrer Sugarbabes gerankt.

Eine gewisse Holly Golightly trägt daran wahrscheinlich ebenso eine Mitschuld wie TV-Sendungen à la Der Bachelor oder Silvio Berlusconi. Überall wachsen Sugardaddy-Dating-Portale, das größte ist seekingarrangement.com vom Sugardaddy-Guru Brandon Wade mit über zwei Millionen Usern weltweit, das größte deutsche Pendant mysugardaddy.eu hat nach eigenen Angaben über 45.000 aktive Mitglieder, davon 80 Prozent Frauen. 

Aber nicht irgendwelche Frauen! „Selbstbewusste und attraktive Single-Frauen (Sugarbabes)", die in der „qualitativ hochwertige Dating-Community" auf „finanziell unabhängige Männer (Sugardaddys) treffen, mit denen Sie die angenehmen und luxuriösen Seiten des Lebens genießen können."

Kam nur mir das Ganze mal wieder grundverdächtig vor?: „Wir alle streben nach einem bestimmten Lebensstil—warum nicht eine Beziehung zu einem Menschen suchen, der diesen Lebensstil bereits lebt? Mysugardaddy.eu bietet einen Treffpunkt für erfolgreiche, ambitionierte und attraktive Menschen."


Da treiben die sich also rum. Während die Politikerinnen über Frauenquoten in Dax-Vorständen diskutieren, entwickeln junge ambitionierte Studentinnen online offenbar ganz andere Erfolgsstrategien. Die Homepage bietet diskrete Hilfe an und macht Dating gegen Geldgeschenke salonfähig. Zum Beispiel mit der Auswahl an Fragen zur Kontaktaufnahme: Von „Lädst du mich zum Shoppen ein?" über „Zeigst du mir die Welt" bis zu „Würdest du mir eine Schönheits-OP bezahlen?" kann man vordefinierte Fragen als Sugarbabe auch ohne teuren Monatsbeitrag versenden.

Ich beschließe, der Sache nachzugehen, und spreche zunächst mit dem Geschäftsführer. Der steckt gerade ganz unsugardaddymäßig mitten in den Hochzeitsvorbereitungen mit seiner langjährigen Freundin und erklärt mir am Telefon, warum sein Geschäftsmodell mit Prostitution nichts zu tun habe. „Sex ist ja kein Muss, Bezahlung auch nicht", sondern das Verhältnis beruhe auf Gegenseitigkeit. „Bilder, die zu viel Haut zeigen, oder eindeutig professionelle Angebote werden sofort gelöscht."

Dafür gibt es aber in der Eingabemaske neben Alter, Haarfarbe und Statur ein Feld für das „monatlich benötigte Budget", frau kann ihren Preis zwischen „kommt darauf an" und 5.000 Euro festlegen.

Ich habe mich als Sugarbabe registriert und durchstöbere die Seite. Ein User schreibt in seinen „Flirttext": „Frauen sind die gefährlichsten Raubtiere der Welt, ich liebe es, sie zu bändigen und zu dressieren." Ich fühle mich beim Lesen so gar nicht tigrisch, eher wie eine Hauskatze, die sucht man sich auch nach der Farbe aus und nicht nach inneren Werten. Auch hier gilt, je jünger desto süßer, und tun muss eine Katze auch nichts, außer dekorativ herumliegen und sich füttern und streicheln lassen. Mich erfasst Neid und Mitleid. Ist ein Leben ohne Würde leichter? Ich beschließe, mich der Wissenschaft zu opfern und es herauszufinden.

Also mache ich mit meinem Account ernst: Ich schüttel mein Haar und mache noch im Pyjama ein Profilfoto mit der Webcam, das Ganze etwas überbelichtet, damit mich nicht gleich jeder erkennt, dann erstelle ich einen knappen „Flirttext" á la „schön, klug und bescheiden" und frage, wer Lust hat, mich „groß auszuführen".

Der Erste, der anbeißt, ist schon über 60, hat ein Vermögen von 1-10 Millionen angegeben und schickt gleich eine Einladung zum Shoppen. Der Zweite hat schon in eine Premium-Mitgliedschaft investiert und schaltet mich zum Chatten frei, ist dann aber übers Wochenende in Dubai, ein „Gentleman" schickt einen virtuellen Kuss mit der Frage, ob ich dominant sei. Ein User namens „Gönner" sendet mir nach einem kurzen Chat ein Foto von seiner Autoschlüsselsammlung, ein 53-jähriger Sugardaddy ein Bild von seinem Hund.

Hunde ziehen immer, wir verabreden uns spontan, er schlägt das KaDeWe vor. Das ist mir unheimlich, was wenn wir wirklich zu Prada gehen und er merkt, dass ich von Designerkram ungefähr so viel Ahnung habe wie eine Elster? Ich kriege Schiss vor meiner eigenen Courage und downgrade auf Dinner bei einem Italiener seiner Wahl in Kreuzberg.

Ich ziehe meine High Heels an und ärgere mich darüber, dass ich mich in diesen sexistischen Folterinstrumenten auch noch schön finde. Dann suche ich eine halbwegs laufmaschenfreie Strumpfhose, benutze unverschämt roten Lippenstift und streiche mit den Fingerspitzen das schon leicht abgestandene Chanel-Parfum von vorletztem Weihnachten auf meinen Hals ... Noch nie habe ich mich auf so erniedrigende Weise begehrenswert gefühlt.

Sein Angebot, mich mit seinem Cabrio abzuholen, lehne ich vorsichtshalber ab und stakse mit meinen High Heels und schlechten Absichten in die U-Bahn. Wir treffen uns im Bergmannkiez und gehen in das erstbeste Restaurant. Er trägt Jeans, Sneaker und ein weißes Hemd, wobei die Sneaker ein wenig wie eine Verkleidung wirken. Er ist gebräunt und nicht hässlich, aber schmieriger und zwanzig Jahre älter als jeder Mann, mit dem ich je ausgegangen bin. Das Restaurant liegt etwas zu nah an der Straße, die Servietten sind aus Papier und lassen die goldene Uhr an seinem Handgelenk noch prolliger wirken. So etwas beeindruckt also Frauen. Als der Kellner die Karte bringt, entschuldigt sich mein Sugardaddy bei mir für die niedrigen Preise. Er kenne sich hier nicht so gut aus, sagt er. Nicht nur käuflich, sondern auch noch billig, fühle ich.

Er bestellt die Vorspeisen, ich den Prosecco. Der entlarvende Blick des jungen Kellners lässt mich schaudern. Ich überlege, wie viele Frauen wohl gerade ein ähnliches Schauspiel für Männer abliefern, die sie nicht kennen oder mögen, geschweige denn lieben. In der Emma habe ich mal gelesen: Jede tausendste Frau sei Prostituierte, aber zwei von drei Männern seien Freier. 

Die meisten Sugardaddys locken in ihren Profilen mit Urlaub. Sonne, Meer, Champagner am Strand oder gleich auf der eigenen Yacht. Auch meiner hat sich als „finanziell absolut unabhängig" beschrieben. Jetzt erzählt er von seinen Reisen, seinen Immobilien, und immer wieder wandert sein Blick zu seinem Mercedes-Cabrio auf dem Parkplatz. Er hat das Verdeck aufgelassen, trotz Regenwarnung.

Ich erinnere mich, ja angeblich Literatur zu studieren, und beginne über die literarische Erfindung der romantischen Liebe zu reden. Scheißidee. Er wechselt das Thema, es geht bald wieder um Geld. Ich habe Angst, mich zu verraten, und beschränke mich darauf zu staunen und in der richtigen Dosierung zu lachen.

Aber bald nach dem Essen bleibt mir auch das Lachen im Hals stecken. Während er auf die Rechnung wartet und sein Geld rausholt, erklärt SugarDaddy43: „Früher war ich ja bei Parship und so seriösen Seiten angemeldet und habe auch Frauen mehr in meinem Alter gesucht, aber die sind ja alle so wahnsinnig mit ihrem Erfolg beschäftigt, Topkarrieren und so, das kann ich alles nicht brauchen, die nehmen sich alle so wichtig, das geht mir auf die Nerven."

BaaaM! Nimm das, Emanzipation! SugarDaddy43 redet noch weiter, aber seine Worte werden in meinem Kopf übertönt von dem Geräusch, wie Alice Schwarzer unter einem Berg von Goldmünzen begraben wird. Er bezahlt das Essen und ich gehe, nicht ohne mich zu verabschieden, wohl aber ohne mich zu bedanken.

Natürlich gibt es am Ende weder Sex noch einen Abschiedskuss. Dass es hier um Prostitution geht, wäre zu schlicht gedacht. Sex ist in Deutschland viel einfacher zu haben.

Irgendwie kam es mir so vor, als suche dieser Mann mehr als nur Sex, als versuche er, all das zu kaufen, was um den Sex drumrum wichtig ist: Aufmerksamkeit, Gemeinsamkeit, Zeit, das Gefühl, gebraucht zu werden, wichtig zu sein, Macht zu haben, für jemand Schwächeres da zu sein, nützlich zu sein, vielleicht sogar etwas Gutes zu tun, und dafür bewundert zu werden, oder das Gefühl, jemandem vertrauen zu können. Eine Mischung aus Abhängigkeit und Fürsorge. So etwas Ähnliches wie Liebe eben, nur als eine Art Placebo. Er ahnt, dass das Gefühl nicht das Original ist, aber es wirkt trotzdem. Da hilft das Internet, die finanziellen Verhältnisse von vornherein zu klären, damit die Illusion beim Treffen im wirklichen Leben intakt bleibt. Vorausgesetzt frau macht nicht alles durch schauerliche Assoziationsanreize für ein Blind-Date mit der eigenen Tochter kaputt. 

Dann klappt das vielleicht mit der Illusion, echter als im Puff, aber weniger anstrengend als eine Beziehung mit einem gleichberechtigten Partner.

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