Wirres Deutschland

Rechte Gruppen demonstrieren und keiner geht hin (schon wieder)

Montagsmahnwachen, Pegida und HoGeSa wollen doch alle nur Frieden. Oder den Reichstag stürmen. Kommt auf die Perspektive an.

von Stefan Lauer
02 März 2015, 3:39pm

Die neue Friedenbewegung ist vorbei. Nur hat ihr das noch niemand gesagt. Schaut man sich die verschiedenen Gruppen und Veranstaltungen an, die immer wieder auf Facebook erscheinen, könnte man davon ausgehen, dass montäglich die Straßen und Plätze voll sind mit Demonstranten. Nur ist das nicht der Fall. Nach verschiedenen Spaltungen und Zerwürfnissen der Gruppen untereinander sind die Teilnehmerzahlen an den Montagsdemos mittlerweile im niedrigen zweistelligen Bereich angekommen. Und am vergangenen Samstag fand ein „Sternmarsch" statt und einige Teilnehmer planten (mal wieder) nichts weniger als einen Putsch gegen die Regierung.

Screenshot: Facebook

Ist nicht passiert. Und genauso stellt sich die Diskrepanz zwischen dem Erscheinungsbild dieser Bewegung auf Facebook und in der Realität dar. Für die Veranstaltung am Samstag hatte man mehrere Gruppen erstellt, die dann angeblich von Facebook wieder gelöscht wurden. Trotzdem rechnete man mit über 4.000 Teilnehmern. Gekommen sind nach wohlwollenden Schätzungen etwa 800.

Bärgida-Organisator Dr. Karl Schmitt (mit der Deutschland-Flagge) und Jürgen Elsässer, rechts daneben

Das einzige interessant an diesem Nachmittag war der offensichtliche Schulterschluß, der mittlerweile zwischen der neuen Friedenbewegung, Pegida-Gruppen und Hooligans betrieben wird. Jürgen Elsässer, einer der Redner am Samstag und mit seinem Compact-Heft einer der großen Apologeten von HoGeSa und Unterstützer von Pegida, war von Anfang an Teil dieser obskuren Bewegung. Obwohl sich mittlerweile Teile der Bewegung von ihm und seinem Umfeld distanziert haben und jetzt in eher esoterischen Bahnen wandeln, hat sich um ihn herum eine rechte Abspaltung der Montagsmahnwachen gebildet.

Vor dem Reichstag kamen also jetzt drei Gruppen zusammen, die alle eher fragwürdige Ziele verfolgen und die ihren medialen Scheitelpunkt schon lange erreicht haben. Pegida ist skandalgebeutelt und wird mittlerweile europaweit abgelehnt. Die Demos werden von Gegenprotesten umzingelt und können oft nur durch bereits vorher abgeriegelte Bereiche laufen.

Die HoGeSa-Hooligans hatten zwar ihre fünf Minuten im Rampenlicht im Oktober, konnten aber seitdem keine weiteren „Erfolge" mehr verbuchen. Auch dieser Gruppierung schlägt von allen Seiten Ablehnung entgegen.

Was liegt also näher, als drei Has-beens zu nehmen und daraus wird dann das neue große Ding in Sachen Rechtspopulismus. Als würden Paris Hilton, Lindsay Lohan und Micalea Schäfer eine Girlband gründen, nur halt mit Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Bisher funktioniert das überraschenderweise noch nicht so richtig.

Stephane Simon

Trotzdem konnte man beobachten, wie sich der Initiator des Berliner Pegida-Ablegers Bärgida, Dr. Karl Schmitt, angeregt mit Jürgen Elsässer unterhielt. Der Gründer des Kassler Pegida-Verschnitts Kagida durfte über „Deutschen Boden" referieren. Stephane Simon, eine Aktivist aus Leipzig, der zum ersten Mal bei einer Initiative gegen einen geplanten Moscheebau in Erscheinung trat und mittlerweile bei Legida aktiv ist, durfte zu einem beleidigenden Rundumschlag ausholen, der inhaltlich auch ideal zu einer Pegida-Demo gepasst hätte. Und eine ältere Dame konnte in einem eher esoterischen Vortrag darüber sprechen, dass diese Sache mit den Flüchtlingen doch einfach nicht das Wahre ist, weil ja bekanntlich auch ein „Baum, der umgepflanzt wird, eingeht". Immer wieder tauchten auch kleinere Gruppen von Hooligans auf, die allerdings nicht wirklich zu Wort kamen. Auch die „Lügenpresse"- und „Wir sind das Volk"-Sprechchöre sind mittlerweile im Mahnwachen-Lager angekommen.

Außer von Jürgen Elsässer, der wenig überraschend eine Verschwörung der russischen Opposition vermutete, fiel kein Wort über den am Vortag ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow. Vermutlich, weil diese Nachrichten nicht zur hier allgemeinüblichen Russland- und Putin-Verehrung passen wollen, der man auch am Samstag wieder mit mehreren Russland-Flaggen Ausdruck verlieh.

Aber noch ist ja nicht alles verloren und der nächste Putsch steht schon auf der Agenda. Mehrere Gruppen aus dem Mahnwachenumfeld rufen für den 8. Mai zum nächsten Versuch auf. Diesmal möchte man angeblich den Plenarsaal des Bundestags stürmen, um ein Zeichen gegen Islamisierung und Amerikanisierung zu setzen.

Bei dieser Veranstaltung rechnet man anscheinend mit über einer Million Teilnehmern. 100 werden es bestimmt.

Folgt Stefan auf Twitter.