​Der Berliner Senat hat einen Blog verklagt, weil er sich über die Olympia-Kampagne lustig gemacht hat

Wir haben mit dem Metronaut-Autor gesprochen, der das Kampagnen-Motiv auf alte Nazi-Plakate geklebt hat—und jetzt für seine Satire verklagt wurde.

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Feb. 10 2015, 10:44am

Die Olympia-Bewerbung der Stadt Berlin ist ein empfindliches Thema, um es mal vorsichtig auszudrücken. Während die verantwortlichen Politiker die Bewerbung für eine geniale Idee halten, ist die Mehrheit der Berliner (52 Prozent laut Forsa-Umfrage) nicht so begeistert. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die Stadt Berlin erstens als notorisch pleite und zweitens dank Flughafen als absolut unfähig gilt, wenn es um größere Bauprojekte geht.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob eine Olympia-Bewerbung der Stadt im Endeffekt mehr oder weniger Geld in die Kassen spült, für beide Seiten gibt es gute Argumente. Der Berliner Senat hat sich stattdessen dafür entschieden, die Berliner einfach mit einer Brachial-Kampagne zu überrollen. Seit Januar hängen an jedem freien Fleckchen Plakate, auf denen immer wieder „Wir wollen die Spiele" steht—als könnte man es der bockigen Bevölkerung so einbläuen, was sie zu wollen hat.

Das ging natürlich einer Menge Menschen auf die Nerven. Dazu gehören auch die Blogger von metronaut, die reagierten, indem sie den Schriftzug der Kampagne kurzerhand auf die alten Plakate der Sommerspiele 1936 klebten. Darauf hat nun wiederum der Senat reagiert, und zwar in der souveränsten Form, mit der ein Staat überhaupt mit Satire umgehen kann: mit einer Unterlassungsklage per Anwalt, von denen den Bloggern gestern nachmittag gleich zwei ins Büro flatterten.

Eines der zensierten Motive. Mit freundlicher Genehmigung von Metronaut.

Obwohl die Plakate mit „Satire" gekennzeichnet waren, hat der Blog sich erstmal entschieden, die umstrittenen Motive zu entfernen—und sie durch schwarze Balken und den Schriftzug „Zensur" zu ersetzen (die „Originale" kann man hier noch bewundern). Um herauszufinden, wie es sich anfühlt, von einer ganzen Hauptstadt abgemahnt zu werden, habe ich den Metronaut-Autor John F. Nebel angerufen.

VICE: Hi John. Was war die ursprüngliche Idee hinter euren Plakaten?
John: Na ja, ich saß abends da und habe die dann einfach gemacht. Die Idee ist, eine Diskussion anzustoßen, mit dem Finger in der Wunde zu bohren. Weil ich finde, dass die Diskussion über die Vergangenheit von Olympia in Berlin zu kurz kommt.

Aber es ist auch gezielt gegen die „Wir wollen die Spiele"-Kampagne gerichtet, oder?
Ja klar, weil die Kampagne so dermaßen von oben herab ist. Berlin ist ja fifty-fifty mit Ablehnung und Zustimmung—und da steht jetzt überall „Wir wollen!", und es wird auf das Brandenburger Tor projiziert. Das hat es natürlich noch schöner gemacht, dieses „Wir wollen" auf Nazi-Plakate zu hauen.

Was ist dann gestern passiert?
Gestern nachmittag ist um 16:14 Uhr oder so die erste Abmahnung reingekommen, und dann um 17:34 Uhr die zweite. Beide hatten für 18 Uhr am selben Tag die Frist gesetzt, den Artikel zu löschen.

Hat die Reaktion dich überrascht?
Ja. Metronaut macht solche falschen Werbekampagnen schon seit Jahren, das hat auch schon Vodafone erwischt oder den Bund Deutscher Kriminalbeamter. Das ist eine der Spielarten von Satire, die wir machen. Bisher gab es da nie so eine harte Reaktion. Die hätten uns ja auch anschreiben können, haben aber gleich voll draufgehauen.

Wie findest du das?
Diese Abmahnung ist natürlich totaler Quatsch. Diese Nervosität ist doch total überzogen. Aber natürlich sind die nervös: Die Stimmung in der Stadt ist unklar, man weiß nicht, ob die Leute dafür sind. Und dann werden so Beteiligungsprozesse angestoßen, die aber keine echten sind. Da steht dann: „Kommen Sie auf berlin.de und sagen Sie, was Ihnen alles an Olympia gefällt". Man kann aber nirgendwo „Nein" oder „Ich will das nicht" sagen.

Ärgert es dich, dass gerade nach der Solidaritätswelle mit Charlie Hebdo jetzt so gegen Satire vorgegangen wird?
Ich würde das vielleicht nicht in eine Linie stellen. Aber nachdem alle „Je suis Charlie" gesagt haben und die Satire verteidigen wollen, ist es natürlich besonders lustig, wenn man für Satire gleich abgemahnt wird. Das zeigt, wie falsch so Politiker-Reaktionen oft sind.

Was habt ihr dann gemacht?
Wir haben uns mit einem Anwalt getroffen und überlegt, was wir machen. Dann haben wir die zensierten Plakate hochgeladen—einfach, weil es ein bisschen schwer abzusehen ist, was da kommt. Für einen Feierabendblog ist das ganz schön hart, wenn man nicht abschätzen kann, wie viel tausend Euro so was kosten kann. Jetzt müssen wir überlegen, was wir weiter machen. Am liebsten würden wir natürlich die Motive unzensiert wieder draufsetzen.

Glaubst du, der Senat hat sich damit einen Gefallen getan?
Also, aus Mediensicht ist das natürlich ein Super-Eigentor. Unsere Story war ja letztlich durch, das haben ein paar tausend Leute gelesen. Jetzt haben die halt genau die Diskussion, die sie nie wollten. Eben David gegen Goliath: Dass sie auf ein kleines Blog draufhauen, weil das die Diskussion über die Olympiade in Berlin und die Nazis aufmachen will.

UPDATE: Metronaut hat die Plakate mittlerweile wieder online gestellt. In dem Post „Olympia-Satire: Wir unterzeichnen keine Unterlassungserklärung und stellen die Motive wieder online" erklären die Blog-Macher: „Es handelt sich um eine zulässige Meinungsäußerung, die nicht untersagt werden kann." Mittlerweile wurde über den Fall in mehreren internationalen Medien (inklusive Fox News) berichtet, und der Linke-Abgeordnete Klaus Lederer hat dazu eine Anfrage an den Senat gestellt.

Wenn ihr wissen wollt, was weiter passiert, folgt Metronaut und Matern auf Twitter.

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