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Tech

Die Wege des Internets sind unergründlich

18.8.10

Das Internet ist ein wunderbares Ding. Ich verstehe es zwar nicht, aber ich finde es immer wieder spannend, wie das, was ich schreibe plötzlich auch im Internet auftaucht. Das ist Magie. Auch toll ist, dass das Internet wunderbar dazu taugt Langweile zu überbrücken. Man kann sich stundenlang durch das WWW klicken und irgendwann stößt man dabei auf eine Gruppe, die genau dasselbe tut—nur semi-professionell. Sich durchs Netz klicken meine ich—nur über Links—nicht sich langweilen. Das ist Magie.

Da ich mehr darüber wissen wollte, wie man darauf kommt, sich zu organisieren und ohne die Hilfe von Tastatur oder Suchmaschinen seine Pfade durch das Netz zu surfen, habe ich Theo Seemann interviewt, der bei diesem „sich durchs Netz klicken“, auch Trailblazing genannt, tief mit drin steckt. Er hat mir also etwas darüber erzählt, wie man sich richtig durchs Netz klickt und wo man überall Porno findet.

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Vice: Wer seid ihr eigentlich?

Theo Seemann: Zu Beginn kurz zwei Sätze über uns selbst. wir sind eine kleine Projektgruppe verschiedener Semester im New Media-Bereich an der Merz Akademie Stuttgart unter der Leitung von net.art-Pionierin Olia Lialina. Wir beschäftigen uns mit „aesthetics of being online“ und nennen uns „beautiful zeros and ugly ones“. Im Zuge der Arbeit im Projekt entstand Anfang des Jahres „trail blazers“ als Event, was dann ja auch am 14. April äußerst erfolgreich stattgefunden hat.

Und ihr nennt euch „trail-blazer“?

Der Titel 'trail blazers' steht im Bezug zum Konzept der 'Memex' (Memory Extender) von Vannevar Bush, der dieses 1945 in seinem Artikel 'as we may think' im Magazin The Atlantic vorstellte. Die Memex sollte ein Arbeitstisch für Wissenschaftler sein, der mit Hilfe von Mikrofilm (hot shit zu seiner zeit), zwei kleinen Screens und einem Codebuch das setzen von Links in Fachliteratur ermöglichen sollte. Er wurde nie gebaut, trotzdem gingen die Überlegungen Bushs so weit, dass er sogar die neue Berufsgruppe der 'trail blazers' erfand, welche in den Massen an vorhandener Fachliteratur sinnvolle Links bzw. Trails finden und setzen sollte.

Kannst du mir eine kurze Erklärung geben was beim Trailblazing passiert?

Dabei werden in sieben Runden acht Surfer auf Surfpfade geschickt, die sie innerhalb von 20 Minuten zu bewältigen haben. In jeder Runde fliegt ein Surfer raus und wenn nach 20 Minuten mehr als einer das Ziel noch nicht erreicht hat, wird im Rush ein neues Ziel eingesetzt, wie etwa Katzenbilder, GIF-Images, Erdkugeln oder Myspace-Profile, die die Entscheidung innerhalb von etwa 5 Minuten möglich machen.

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Gibt es Regeln?

Die Regeln sind ziemlich einfach: Es gibt kein Keyboard, copy&paste ist nicht erlaubt, darüber hinaus sind zur Sicherheit alle Formularfelder ausgeschaltet und wer sich irgendwo festfährt, kann den Home-Button des Browsers nutzen, um über die Startseite wieder von vorne zu beginnen.

Wie kamt ihr auf die Idee? War das Keyboard kaputt?

Trail blazers basiert konzeptionell auf dem Status Quo, dass unser wundervolles hypertextuelles Netz durch größer und größer werdende Online-Services in seinen Möglichkeiten immer mehr eingeschränkt wird – welches große Portal beispielsweise setzt heute noch mehr als 2% seiner links extern, welche Rolle spielen Google und Social-Networks wie Myspace und Facebook oder wie kommt man überhaupt aus Amazon raus? Ich möchte nicht von Rückbesinnung auf die guten alten Zeiten sprechen, weil das ziemlich ausgelutscht ist, aber Fakt ist, dass die Vernetzung im Netz heute nicht mehr viel wert ist. Es gab in der Vergangenheit viele große Visionen zu digitalen Medien, die auf der Möglichkeit von Vernetzung basierten und nicht wenige prophezeiten, dass das die Welt verändern würde.

Also trauert ihr den alten 56k-Zeiten nach?

Trail blazers ist sicherlich ein Stück weit ein spielerischer Anstoß, sich die Vernetztheit des Netzes wieder vor Augen zu führen, viel mehr jedoch einfach das Angebot an den User beim Surfen die verschollensten Pfade einzuschlagen, dabei auf allerlei Kurioses zu stoßen und einfach nur Spaß zu haben.

Und das ist nun euer Hobby?

Man kann bei trail blazers nicht direkt von einem Hobby sprechen, allerdings orientiert es sich natürlich auch am Surfen als Hobby oder an der Arbeit von Surfclubs. Wenn daraus resultiert, dass die Leute hin und wieder auf Google-Bequemlichkeit verzichten, um das Netz autonomer anzunehmen, dann ist das natürlich umso schöner.

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Ich klicke mich ja eher durchs Netz, wenn mir langweilig ist oder ich eben gerade ein wenig vor mich hin prokrastiniere.

Es gibt übrigens Gruppen, die das in künstlerischer Absicht tun – sogenannte 'Surfclubs', die durch das Netz reiten, um den verrücktesten Scheiß aufzustöbern, den sie dann künstlerisch bearbeiten. Kürzlich war in Basel in der plug.in Galerie eine großartige Ausstellung über die Arbeit von Surfclubs am Beispiel von loshadka, spirit surfers, nastynets, vvork und einigen anderen.

Was ist so großartig daran, von Apple auf Flash, deren Firmen sich ja hassen, zu kommen? Ist das wirklich so eine Kunst?

Die einzelnen Trails wurden so ausgewählt, dass ihre zwei Seiten immer in gewissem Bezug zueinander standen. Beim iPad und dem Flashplayer beispielsweise war im April die große Diskussion zwischen Apple und Adobe am laufen, im Zuge derer wir uns fragten, ob tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden bestehen kann und wenn ja, wie viele worldwideweb-Meter dazwischen liegen würden. Letztendlich hatte Apple trotz großer öffentlicher Auseinandersetzung sogar direkt zum Flashplayer verlinkt, wodurch es für manche ziemlich einfach war…

Wie wir alle wissen existiert das Netzt ja nur aus einem Grund und hat auch nur einen Zweck. Pornografie. Gelangt man einfacher auf Pornoseiten als auf andere Seiten?

Wer Porno sucht, wird ihn auch durch reines Links-Klicken finden, wer ihn vermeiden möchte, der wird das sicher ebenfalls schaffen. Die absurdeste Website an die ich mich erinnern kann ist sicherlich von einer der großen Zeitungen, die zur Kundenbindung mehr als jeder andere, hauptsächlich intern verlinken, was dem Netz eben so gar nicht gerecht wird. Darüber hinaus findet man aber natürlich allerlei witziges und kurioses Zeug beim Surfen, das ich so aber niemandem vorweg nehmen will – am schönsten ist es schließlich immer noch, wenn man irgendwas selbst gefunden hat.