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Sex

Triff deinen Samenspender

In seiner neuen Dokumentation Donor Unknown folgt der britische Regisseur Jerry Rothwell JoEllen Marsh, die nun 20 ist auf ihrem Weg nach Kalifornien, um dort ihren leiblichen Vater zu treffen.

von Alex Godfrey
26 Mai 2011, 2:47pm

Jeffrey Harrison zog in den 80ern als angehender Schauspieler nach L.A., aber kurz darauf wurde er regelmäßiger Samenspender für eine Samenbank in Kalifornen. Dabei verdiente er 25 Dollar pro Schuß in den Becher. Nun ist er 52, hat keinen Kontakt mehr zu seinen geschiedenen Eltern und führt ein Leben irgendwo zwischen Iggy Pop und Ace Ventura. Er ist ein Bong-rauchender Verschwörungstheoretiker, der mit einer Menge Haustiere in einem kaputten Wohnmobil am Strand von Venice Beach lebt und unzählige Kinder hat, die er nicht kennt.

JoEllen wuchs mit zwei lesbischen Müttern auf, die sich trennten als sie sechs Jahre alt war. Als sie zwölf wurde erzählte ihr eine von ihnen über eine Website, die den Kindern von Samenspendern hilft, ihre Geschwister und Väter ausfindig zu machen.

In seiner neuen Dokumentation Donor Unknown folgt der britische Regisseur Jerry Rothwell JoEllen Marsh, die nun 20 ist auf ihrem Weg nach Kalifornien, um dort ihren leiblichen Vater zu treffen (ratet mal wer das ist).

VICE: Ich habe gelesen, dass der Film zustande kam, nachdem Jerry deinen Produzenten wegen einer anderen Dokumentation über Samenspender kontaktiert hat.

Jerry: Nun, mein Produzent arbeitete gerade an einem Drama für die BBC und zwecks Recherche schaltete sie eine Onlineanzeige um Leute mit persönlichen Erfahrungen ausfindig zu machen und Jeffrey rief sie mitten in der Nacht an. Er hat bei Google Alerts „Samenspender“ eingestellt und stieß im Internetcafe auf die Annonce. Ich denke er interessiert sich einfach für solche Sachen. Sie unterhielten sich ein knappes Jahr und irgendwann erzählte sie mir „Ich bekomme mitten in der Nacht Telefonanrufe von diesem Typen mit 14 Kindern.“

Also trieben ihn die Gedanken an seine Kinder schon für ein paar Jahre um.

Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits ein paar seiner Kinder getroffen, aber nicht diejenigen aus dem Film. Wenn man in Amerika Samen spendet, muss man eine Erklärung unterzeichnen in der man zustimmt, dass das Kind einem einen Brief schreiben darf, wenn es 18 Jahre alt ist. Danach kann man für sich selber entscheiden ob und wie man antworten will. Er meinte zu mir, dass er 18 Jahre nachdem er zum ersten Mal spendete sich dachte „Wo bleiben meine Briefe?“ Es ist also definitiv etwas, worüber er nachgedacht hat.

Es bedeutete ihm dann wohl doch mehr als die paar Kröten die er dafür bekam.

Absolut. Wenn es ihm nicht mehr bedeutet hätte, dann hätte er sich auch nicht gemeldet.

Was hast du gedacht, nachdem du ihn getroffen hast?

Mein Ansatz war diese beiden Reisen zu zeigen - die Kinder, die Jeffrey suchen und Jeffrey, der die Kinder sucht. Für mich stellte es sich so dar, dass Jeffrey sich in einer Situation befindet in der er vor seiner Familie soweit flüchtet wie nur irgendwie möglich, während eine ganz andere Familie kommt und Anspruch auf ihn vermeldet. Das hat mich interessiert. Ich denke wenn er der klassische Spender gewesen wäre, also ein Medizinstudent, der nun selber zwei Kinder hat und ein komfortables Leben führt, dann wäre das ein anderer Film geworden.

Hattest du zuvor schon Interesse am Thema Samenspende?

Vor zehn Jahren durchlief ich eine Chemotherapie und sie bieten dir dabei an, deinen Samen einfrieren zu lassen, sollte man währendessen unfruchtbar werden. Es gab also schon diesen Gedanken, was wäre wenn.

Hat dich die Arbeit am Film dazu gebracht weiter in die Materie vorzudringen?

Ja, ich wollte meine eigene Spende zerstören lassen! Ich meine, sie können sie nicht für irgendwen anderes benutzen, da sie ausschließlich für eigene Kinder gedacht ist, aber ich wollte einen Schlusstrich ziehen, denn wer weiß schon was kommt oder passieren kann?

Ich habe mit einer Freundin über den Film gesprochen und ihre erste Reaktion war, dass wenn sie in der Situation wäre nicht wissen wollen würde, wer der Spender ist, da es meistens jemand ist, der für Geld in einen Becher wichst. Ich auf der anderen Seite wäre super interessiert zu wissen, wer für 50% meiner DNA verantwortlich ist.

Ich denke auch, dass die Gründe für JoEllen und Jeffrey eine Mischung aus Faszination und Neugierde waren. Ich denke aber auch, dass viele Leute davor zurückschrecken, da es auch eine Belastung für die Familie darstellen könnte in der sie leben. JoEllen war in einer Situation in der ihre Mutter sie wirklich unterstützte und es keine Probleme damit gab. Aber ich traf auch andere für die es zu schwierig war sich überhaupt damit auseinanderzusetzen.

Jeffrey machte es nur des Geldes wegen, doch im Film stellt er es etwas anders da und sieht sich selber eher als Heilsbringer. Es ist schwer zu sagen, ob er damals schon so von sich dachte.

Wirklich schwer zu sagen. Ich wäre aber nicht überrascht, wenn er wirklich so gedacht hätte, denn das ist Jeffreys Art darüber nachzudenken. Aber ich denke, dass er auch die rein klinische Seite der ganzen Sache sieht.

Ja, dein Film hat mich mit dem Wort „Masturbatorium“ vertraut gemacht.

Ja, das gibt es aber auch nur bei der Samenbank in Kalifornien. In einer Szene betrachtet Jeffrey sein altes Spendeformular und erzählt dabei, dass er damals als er es unterzeichnet hat ein Tänzer war und das eintrug. Er war ja wirklich eine Art Chippendale Revue Tänzer. Seltsam, dass man sich selbst in dieser anonymen Situation attraktiver machen will. Ein idealisierter Vater.

Ich denke, dass Samenspenden eh sehr häufig mit der Sprache von Partnervermittlungen arbeiten. Heutzutage noch mehr als damals. Sie fragen einen welches Lieblingsessen man hat, was für Hobbys man hat... Dinge die für die Genetik eigentlich keine Rolle spielen. Das erinnert schon sehr an eine Partnervermittlung.

Mag Jeffrey den Film?

Ja, tut er. Er hat das Gefühl, dass es einen Teil seines Lebens zusammenfasst.

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