Popkultur

Die besten Alben im November

Leonard Cohen, Kate Tempest und Isolation Berlin.
24 November 2016, 5:00am

Aus der Music Issue 2016

BLOOD BITCH
Jenny Hval
Sacred Bones

Etwa bei der Hälfte von Blood Bitch fragt ein Freund der norwegischen Schriftstellerin und Sängerin Jenny Hval, worum es in ihrem neuen Album geht. "Es geht um Vampire", antwortet Hval mit einem Kichern. "Es geht um Blut!" In einer Mischung aus Ambient Noise, Spoken Word und Avant Electropop beleuchtet ihr viertes Album Menstruation, Vampirismus und Weiblichkeit.

Wenn es im Establishment der Musikkritik noch irgendeine Gerechtigkeit gibt, wird Blood Bitch als einer der bedeutendsten musikalischen Erfolge des Jahres in Erinnerung bleiben. Es von Anfang bis Ende zu hören ist ein Erlebnis, das mich nicht losgelassen hat, ein Wachtraum.

Hval hat sich angewöhnt, im Text ihrer Alben ihre Intentionen darzulegen. Auf dem rätselhaften und unglaublichen Apocalypse, girl vom vergangenen Jahr fragte sie rhetorisch: "Was ist Soft Dick Rock?" Sie antwortete: "Die Elemente des Schwanzes zu verwenden, um einen weicheren, abgemilderten Sound zu erzeugen." Dieser Klang entpuppte sich als Verschmelzung von orchestraler Avantgarde und Minimal-Electro, mit sondierenden Texten, die Gespräche über Kapitalismus und Gender eröffneten—in dem Fall männliche Sexualität und Verwundbarkeit—ohne die triefend akademische Haltung, die man von diesen Themen erwarten würde.

Blood Bitch, in dem es um Vampire und Blut geht, nimmt eine subtile Wende in Richtung der pulsierenden elektronischen Texturen der späten 1970er und 1980er Jahre, den breiten Sinuswellen von Exploi­tation- und Slasherfilm-Soundtracks. Der Effekt wird zum Teil durch den legendären ARP Odyssey, einen klassischen analogen Synthesizer der frühen 70er Jahre, erreicht, den auch Kraftwerk verwendeten. Wellen aus dichten, hervorschnellenden Akkorden und Klaus-Schulze-ähnlichen Arpeggien faden ein und aus, oft über pulsierenden elektronischen Drummaschinen. Ein wunderbarer Klang.

Insgesamt ist Blood Bitch viel fokus­sierter als ihre bisherigen Arbeiten. Die ganze Platte ist blutüberströmt, einschließlich der limitierten Edition, die in diesem Monat auf Sacred Bones veröffentlicht worden wäre, hätte deren Presswerk nicht eine Kernschmelze erlitten, was einige Releases verzögert hat.

Wenn ihr irgendwie vergessen habt, dass ihr und alle, die ihr kennt, nasse Säcke aus Blut und Schleimhautgewebe sind: Hval hat es sich zur Aufgabe gemacht, euch daran zu erinnern. Der Sound verschiebt sich von Ambient und Spoken Word zu einer Handvoll einfacher Pop-Hymnen, die am hinteren Ende eines frühen Björk Albums nicht fehl am Platz gewesen wären.

Aber Hval hat ihre Liebe für Avantgarde und Noise, die sie auf Apocalypse, girl gezeigt hatte, nicht aufgegeben. Für die Produktion hat sie wieder den Noise-Veteranen Lasse Marhaug eingestellt. Der zugänglichste und transzendenteste Moment des Album ist "Conceptual Romance", in dessen sofort einprägsamen Refrain Hvals ätherische Stimme träge über Sub-Bass und verschlafene Synths segelt. Selbst in der polierteren Pop-Single "Secret Touch" kann sie es sich nicht verkneifen, das Wort "Tod" über einen ausgelassenen "6 Underground"-Beat zu schreien.

Diese tonalen Verschiebungen und Widersprüche geben dem Album seine Tiefe. Wer versucht, es als eine Sammlung von Singles zu hören, ist ein Idiot. Dieses Album ist dazu gedacht, es von Anfang bis Ende zu hören, während du in der Badewanne kiffst oder einen langen Spaziergang über eine Brücke machst.

"Fürchtet euch nicht, es ist nur Blut."

Ihre Bereitschaft, Risiken einzugehen, ist zunächst verblüffend und begeistert bei mehrfachem Hören. Sie rappt sogar kurz: "I've never really loved a dog / Last night I took my birth control with rosé / ... keep that birth under control." In ihren abstrakteren Songs wie "The Plague" greift sie nach einer Schönheit, die durch traditionelle westliche Musikformen nur schwer eingefangen wird, jene unordentliche Schönheit, die wir alle teilen: Poren und Föten, Spucke und Sperma und Schamhaare.

Dennoch sind die berührendsten Momente die poppigeren Tracks, die aus der unheimlichen Welt von Hval ausgegraben wurden. Während des gesamten Albums nutzt sie fachmännisch lautmalerische und lyrische Unordnung als Allegorie für das Durcheinander ihrer eigenen Emotionen.

Die Bridge von "Conceptual Romance" beweist diesen Punkt: "I don't know who I am, but I'm working on it / I'm high, high on madness / These are my combined failures / I understand infatuation, rejection / They can connect and become everything, everything that's torn up in your life."

Diese zehn Tracks sind anders als alles, was du dieses Jahr hören wirst—eine Art riesiges und überwältigendes Menstruationsmusical. Aber das hier ist keine Musik, die perfekt sein soll. Es ist ein unbequemer, persönlicher Einblick in die Gedanken von Hval, ein Raum, der von den vorhersagbaren Banalitäten des Alltags vollständig abgetrennt ist. Diese Offenheit stellt eine sehr breite Zielscheibe für diejenigen dar, die keine Geduld haben für das, was man "fordernde Musik" nennen könnte, auch wenn sie so anmutig und eindringlich klingt wie in diesem Fall.

Hval weiß das alles. In einer Zeile fragt sie: "My own art history?", und antwortet selbst: "My combined failures." Aber wenn du genug Zeit in den flei­schigen Falten dieses Albums verbringst, könnte es sein, dass eine Platte über Blut und Perioden und Vampire und Schleimhautentladungen bewirkt, dass du dich ein winziges bisschen unangenehm fühlst. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es das ist, was große Kunst tun soll. Wie Hval auf dem Album sagt: "Fürchtet euch nicht, es ist nur Blut."

-BEN SHAPIRO


YOU WANT IT DARKER
Leonard Cohen
Sony Music

Es sind gute Zeiten für die alten Troubadore. Bob Dylan hat gerade den Literaturnobelpreis bekommen, Cohen kürzlich 60.000 Zeichen im New Yorker. Als heilige Kühe des Musikbetriebes scheinen die beiden einfach schon immer da gewesen zu sein, und selbst 2016, das sich bisher als unbarmherziger Alte-Helden-Töter aufgespielt hat, konnte ihnen bisher nichts anhaben. Beten wir.

Jedenfalls haben im Fall von Leonard Cohen Publikum und Kritiker schon lange klein beigeben und finden ihn kollektiv super, einfach, weil er schon so verdammt lange da ist. Das ist wie mit Bergen. Setzt irgendwo einen Berg hin, und irgendjemand wird beginnen, ihn anzubeten. (Obwohl Cohen in persona winzig klein ist und mehr Taktgefühl hat als ein Berg.) You Want It Darker wird daran nichts ändern. Schon der Opener (und die erste Single), nach der auch das Album benannt ist, ist ein Stück finster-kitschiger Vollkommenheit.

Cohen singt mit anscheinend immer noch tiefer raunender Stimme ein Loblied auf die Dunkelheit, wie es es seit "Hello darkness, my old friend" nur selten gegeben hat. Er verzichtet dabei auf nichts: Da sind die uh-huuuhenden Chöre, perfekt sitzenden Lyrics, die Kontrapunkte, sogar Gott ist da (natürlich) und swingt ein bisschen mit. Ein Loblied auf ein Loblied.

"You want it darker? We kill the flame."

"Inner-directed adolescents, lovers in all degrees of anguish, disappointed Platonists, pornography-peepers, hair-handed monks and Popists", so beschrieb Cohen vor Jahrzehnten, damals noch Dichter, sein Zielpublikum—ein Publikum, das mit ihm über die Jahre gewachsen ist, von dem die Hälfte inzwischen schon wieder tot und die andere Hälfte gerade erst ins hörfähige Alter gekommen ist.

Das Lustige daran ist, dass es—ähnlich wie bei Lee Hazlewood—gar nicht so einfach ist, seine Musik über ihre offensichtlichen Qualitäten hinaus ernst zunehmen. Nicht im Sinne eines abschätzigen Urteils, sondern buchstäblich: Die meisten Cohen-Songs haben in aller Schönheit etwas Komisches, aus der Zeit Gefallenes. Etwas, woran die vielen Versuche zeitgenössischer Musiker, denselben Flair zu erschaffen, wieder und wieder scheitern.

Also genießen wir Cohen lieber, solange wir noch können, dimmen das Licht und lauschen. Oder, wie Cohen sagen würde: "You want it darker? We kill the flame."

-JULIANE LIEBERT


LET THEM EAT CHAOS
Kate Tempest
Caroline / Fiction

Jetzt ist also Kate Tempest dran. Gäbe es für jedes Mal, das jemand zur "Stimme einer Generation" gekürt wird, wirklich eine neue Generation, wir hätten so sechs Generationen die Woche, ein Meerbecken voller Generationen pro Jahr und ein ernsthaftes Problem.

Let Them Eat Chaos ist ein als Album verbrähmtes Langgedicht. Als Album ist es gut, als Gedicht mittelmäßig. Denn Kate Tempest ist eine durchaus begabte Musikerin, aber das ist nicht der Grund, warum ihr der Stellenwert zugeschrieben wird, den sie hat. Der ist es vielmehr: Sie passt perfekt ins Zeitgeistschema. Zutaten: 1. (junge) Frau—Check; 2. soziale Probleme als Thema—Check; 3. HipHop als Kunstform—Check; dann, ganz wichtig: 4. Crossover von Pop und High-Brow–Check; und, die finale Zutat: 5. Brexit und Britishness, denn England-Kitsch im Allgemeinen und Pop-aus-England-Kitsch im Besonderen darf man als Hypefaktor nicht unterschätzen—Check.

Besser wäre es rein Image-technisch höchstens noch, wenn sie aus dem Iran/Irak käme und nur unter Gefahr für ihr Leben rappen könnte. Dafür kann Tempest selbst natürlich herzlich wenig. Du glaubst ihr sofort, wenn sie sagt, dass sie ihre Kunst um ihrer Kunst willens erschafft und nichts sonst. Vielleicht sollte man lieber ihrer Musik und ihrer Stimme Raum geben, statt sie mit Kategorisierungen zu ersticken. Let Them Eat Chaos hätte es verdient.

-JULIANE LIEBERT


DESIRE WILL SET YOU FREE OST

Der OST zu Yony Leysers neuem Film, Desire Will Set You Free, beginnt mit einem Song von "Velvet Condom" aka der Band mit dem bescheuertsten Bandnamen der jüngeren Vergangenheit. Inzwischen heißen sie Liste Noire, und leider ist jeder, der ein bisschen Liebe für diese vermaledeiten Achtziger hat, dann trotzdem anfällig für das Tempo und den Drive dieses Basses, der durchzieht wie nichts Gutes.

Das gilt auch für den Rest des Soundtracks—man braucht eine gewisse Toleranz für NDW, Industrial und die Säulenheiligen der Berliner Szene (Steve Morrell et al.), aber sie wird belohnt. Einziger Ausfall ist komischerweise einer der eigentlich vielversprechendsten Titel, nämlich die Kollaboration von Genesis Breyer P Orridge und Automat. Sie haben den Psychic-TV-Klassiker "Just Drifting" neu aufgelegt. "Just Drifting" ist eigentlich eines der schönsten Lieder Psychic TVs, das hier zu einem jener typischen pseudodeepen Avantgardetracks wird, bei denen Genesis mit getragener Stimme die Lyrics über einen stoiischen Beat sprechsingt.

Nur weil jemand Berühmtes monoton über 'nen Industrialtrack redet, ist das noch keine Kunst. Dafür entschädigt der Rest des Soundtracks wie unter anderem der tolle Alexander Geist, Chinawoman und Peaches ziemlich verstörende NDW-meets-Walther-von-Vogelsang-Nummer "Hannelore". Auf dass die Achtziger niemals enden.

-JULIANE LIEBERT


YES LAWD!
NxWorries
Stones Throw Records

Wenn man HipHop im Jahr 2016 auf zwei Worte runterkochen würde, wären sie wahrscheinlich "Yes Lawd." Die Menge an objektiv gutem Scheiß, die in diesem Jahr herausgekommen ist, ist so groß, dass man sie auf einen Stapel packen und über diesen entspannt in den Himmel klettern könnte.

NxWorries —ein Projekt des Sängers Anderson. Paak und des Produzenten Knxwledge—baut auf diesen Trend auf und vereint die Vielseitigkeit der beiden Künstler zu einer smoothen Mischung aus Jazz, Soul, Funk, Old-School HipHop und modernem Rap. Aber für etwas, das klingt, als wäre es chaotischer als ein Bienenstock in einer Waschmaschine, ist Yes Lawd! makellos in der Art und Weise, wie es die Konstellationen der Geschichte von schwarzer Musik verfolgt, und fast feierlich in seiner Schwerelosigkeit.

Wie Thundercat und Noname haben die beteiligten Künstler allesamt entsprechende Credits vorzuweisen, die weit über "Vocalist" und "Producer" hinausgehen, wobei .Paak auf sechs Tracks mit Dr. Dre's "Compton" und Knxwledge an Kendrick Lamars "To Pimp a Butterfly" arbeitet. Yes Lawd! hat auch das Privileg, eines der wenigen, vielleicht sogar das erste und einzige Release zu sein, dass Dialoge aus einer Episode von Rick und Morty sampelt. So viel dazu.

-EMMA GARLAND


ICH GEHÖR NUR MIR ALLEIN
Isolation Berlin & Der Ringer
Staatsakt/Caroline International

Wie ein altes chinesisches Sprich­wort (angeblich, bei chinesischen Sprichwörtern weiß man nie so genau, ob sie nicht in Wirklichkeit etwas sind, was ein Onkel des Zitierers sich an der Theke ausgedacht und als chinesische Weisheit verkauft hat) sagt: Hass und Liebe sind Hörner am selben Stier. Auf der neuen EP von Der Ringer und Isolation Berlin ist mit "Ich bin so unendlich schön" ein solcher Stier: ein fantastisch hasserfülltes Liebeslied.

Hasserfüllte Liebeslieder haben eine lange Tradition, von Marlene Dietrichs "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" bis zu den Magnetic Fields mit "Oh yeah" und so fort. Man kann, auch wenn Isolation Berlin nicht die Erleuchtung sind, als die sie derzeit präsentiert werden, nicht umhin, diesem mit kindlicher Schadenfreude vorgetragenen Antihit mit seiner tapsigen Melodie zu lieben, oder zu hassen, oder eben beides.

Der Rest der EP stinkt dagegen ein bisschen ab, weder "Wolke/Rekall" noch "Ein Traum" erreichen die Qualität der Single. Dafür macht M10, die B-Seite, durchaus was her, wenn man auf Ambient steht. Falls sich Isolation Berlin und Der Ringer nächstes Mal entscheiden können, was sie eigentlich wollen, könnte das durchaus noch was werden mit den beiden.

-JULIANE LIEBERT