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Wenn Bernd zum Pferd wird: Auf einer Petplay-Party in Bayern

Ob als Pferd oder als Wolf—beim Petplay schlüpfen Menschen in die Tierrolle, bellen und schnauben, üben Sitz und Platz und lassen sich sogar vor eine Kutsche spannen.

Karen Bauer

Titelfoto: Pferd Dodo und Rittmeisterin Gabriele | Foto: David-Pierce Brill

Rittmeisterin Gabriele setzt sich in die Sportkutsche und knallt mit der Peitsche. Bernd trabt los, zieht das wendige Pferdefuhrwerk durch den Garten, zwischen den Gewächshäusern hindurch im Kreis. "Ich könnte das stundenlang machen bei dem Sonnenschein", schwärmt die Rittmeisterin. "Aber da würde das Pony schlapp machen." Denn im Pferdegeschirr samt Lederriemen, Trense und Zügel steckt der 66-jährige Bernd Schneider, der im richtigen Leben sowohl Politikwissenschaftler als auch Clown ist, nun allerdings im Ruhestand.

Heute findet in Augsburg eine Petplay-Party statt. Das Gelände des "Spezialevents Verein" liegt am Stadtrand und ist so groß wie ein Fußballfeld. In dem einstöckigen Haus sind Küche, Wohnzimmer, Toiletten und Umkleidekabinen. Draußen gibt es einen weitläufigen Garten mit Terrasse und Teich, dahinter lange Reihen mit teils zerfallenen Gewächshäusern aus Glas. Früher gehörte das Gelände der Deutschen Bahn, diente als Gärtnerei. "Rittmeisterin" Gabriele Edel hat den Verein vor neun Jahren gegründet, vor drei Jahren hat sie das Grundstück gekauft: "Ich wollte, dass Menschen mit echter Neigung zu BDSM Raum haben, ihre Fantasien auszuleben—abseits der völlig überteuerten Studios. Domina-Übungstage, Schlagtage, Arbeitstage für Sklaven—fast wöchentlich finden Events statt. 40 Mitglieder hat ihr Verein. Aber auch externe Besucher aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien kommen zu den Veranstaltungen. Einmal im Monat wird das Vereinsgelände zur Spielwiese für menschliche Tiere und ihre Herrchen.

Rund ein Dutzend Gäste ist heute zur Petplay-Party angereist. Die Domina Madame Baylis trägt ein schwarzes Seidenkostüm und führt ihren ganz schwarz gekleideten, menschlichen Dobermann Zeus an der Leine durch den Garten, Bernhard ist in Jeans und kariertem Hemd angereist und stakst nun in einem blau schimmernden Latexanzug und Hufstiefeln über den Hof und Peter trägt einen wollenen Kapuzenpullover mit Eselsohren.

In Foren wie der "Sklavenzentrale" oder "Pets & Owners" chatten Hunderte Petplay-Interessierte. Auf Partys wie hier in Augsburg treffen sie andere Petplayer, spielen gemeinsam und tauschen sich aus. Oft wissen Freunde und Familie nichts von dem ungewöhnlichen Hobby. Auf Petplay-Partys wie dieser können Petplayer ihr Hobby mit Gleichgesinnten in einem geschützten Rahmen in der Öffentlichkeit ausleben.

Gabriele Edel arbeitet als Immobilienmaklerin. Über den Reitsport kam sie zum Hobby Petplay. Sie ritt schon immer gerne, hielt bis vor Kurzem hier auf dem Gelände eigene "echte" Pferde. Bis zu drei Stunden täglich ritt sie aus. Auch heute für ihren Ausritt mit Bernd trägt Gabriele Edel eine Reithose im Leopardenlook, Lederjacke und Reiterstiefel. Sie sieht sich als Dompteurin: "Ich habe es gern, wenn mir Menschen und Tiere gehorchen, wenn ich sie führen und ausbilden kann und sie dazu bringe, Dinge für mich zu tun."

Seit ihr geliebter Friesenhengst gestorben ist, saß sie auf keinem Bio-Pferd mehr. "Jetzt habe ich nur noch menschliche Pferde", sagt Rittmeisterin Gabriele und lacht. Pferde wie Bernd Schneider. Der Rentner wohnt in der Nähe von Göttingen und macht seit 15 Jahren Petplay. Vor zwölf Jahren lernte Schneider in einem Internetforum Rittmeisterin Gabriele kennen. Seitdem sind sie befreundet. Sie treffen sich nicht nur zum Petplay, sondern auch mal auf ein Bier, waren auch schon zusammen im Urlaub.

Foto: Karen Bauer

Für Bernd Schneider steht beim Petplay die sexuelle Lust im Mittelpunkt. Ihn reizt die Sub-Rolle, also der devote, untergeordnete Part beim Petplay. Wenn Bernd Schneider Pferd ist, dann heißt er Dodo. Pferd Dodo ist ein bisschen rebellisch, fordert die Rittmeisterin gerne heraus. Dann zwickt sie ihn in die Schulter oder in die Brustwarze oder gibt ihm einen Klaps mit der Peitsche. Die Rittmeisterin arbeitet nicht mit Belohnung, nur mit Bestrafung. Lachend zitiert sie das schwäbische Gesetz "Nicht g'schimpft isch gnug g'lobt". Dodo mag es, wenn seine Rittmeisterin ihm sagt, wo es langgeht, wenn seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist durch Lederriemen und Zaumzeug. Seine Ausrüstung hat er sich zusammengesucht, vieles stammt aus dem echten Pferdebedarf. Er steht auf Leder, Reitkleidung und Reitstiefel, wie Rittmeisterin Gabriele sie trägt: "Das turnt mich an."

Foto: Karen Bauer

Gerne zieht er die Rittmeisterin im Sulky über das Gelände, manchmal eine Stunde lang. Er genießt es, dass die Sportkutsche für sie bequem ist, dass sie als Reiterin zur Geltung kommt. Beim Spiel kommt er in einen Rauschzustand. Außerdem habe er einen Bilder-Fetisch: Hier im Verein lässt sich Schneider deshalb gerne in devoten Haltungen fotografieren. Zu Hause schaut er sich die Fotos an, lässt dem Kopfkino freien Lauf. Petplay ist für Schneider Urlaub vom Alltag: "Hier baue ich sexuelle Power auf." Zu Sex oder Masturbation kommt es hier im Verein aber nicht, sagt Gabriele Edel. Es ist nicht verboten, aber die meisten haben einfach Spaß am Hobby Petplay, und Sex gehöre da nicht unmittelbar zu. "Was der ein oder andere dann zu Hause im Kopf noch einmal erlebt, ist mir egal", sagt Edel.

Ob sie sich als Tiere verkleiden, sich schlagen, Schmerzen zufügen lassen, ob dominanter oder devoter Part: Alles, was passiert, tun die Teilnehmer freiwillig. Alles findet in gegenseitigem Einvernehmen statt. "Wenn das Pferd nicht mehr will, dann kann ich es auch nicht zwingen. Ich mach das, weil ich Spaß dran habe, und für mich ist es wichtig, dass andere auch Spaß daran haben", sagt sie. Ein Rollentausch kommt für Rittmeisterin Gabriele nicht in Frage: "Ich bin ja nicht doof, ich zieh doch niemanden", sagt sie.

Foto: Karen Bauer

Nicht für alle Petplayer steht sexuelle Lust im Mittelpunkt. Oliver Hofer* etwa ist im Herzen ein Wolf. Der 31-jährige Informatiker ist heute zum ersten Mal im Spezialevents-Verein. Aus Heidenheim ist er mit Auto und Trolley angereist, um einen Tag lang Wolf zu sein. Er geht in die Umkleidekabine, kurze Zeit später kommt er als Wolf Lupus zurück: im hautengen Ganzkörper-Latex-Anzug, an den Händen Latex-Pfoten, vor dem Gesicht eine Wolfsmaske aus Gummi. Mehr als 1.000 Euro hat sein Outfit gekostet. Die Maske ist eine Maßanfertigung aus den USA, das Design von Lupus' Gesicht hat Hofer selbst entworfen. Dünne Plastikschläuche führen in seine Nase, so kann Lupus sogar durch die Schnauze der Maske schnüffeln. "Du darfst jetzt mal zu mir kommen", sagt Rittmeisterin Gabriele und zeigt mit der Hand auf den Boden neben ihrem Stuhl. "Ich saß noch nie neben einem Wolf." Gehorsam geht Lupus zur Rittmeisterin und nimmt neben ihr die Hunde-Sitz-Haltung ein. Um den Hals trägt er ein Halsband mit einer echten Hundemarke von Tasso, Europas größtem Haustierregister. Lupus ist dort auf seinen bürgerlichen Namen registriert. Um seinem Role Model noch ähnlicher zu werden, hat er sich den Transponder auf einem Petplay-Event in den Oberarm implantieren lassen.

Als Lupus kann Hofer seine Pflichten als Mensch für eine Zeit vergessen, erzählt er. Muss einmal nicht überlegen, ob alle Rechnungen bezahlt sind und was er im Job zu erledigen hat. Dann ist er ganz im Hier und Jetzt, genießt die Situation und entspannt sich. In seiner Freizeit spielt er Paintball und trifft sich mit Freunden. "Ich bin ein ganz normaler Typ", sagt er lachend. So oft wie möglich schlüpft er trotzdem in die Rolle des Wolfs. Mit sexueller Lust hat das Spiel für ihn nichts zu tun. Er sei asexuell veranlagt, erzählt er, lehne jegliche sexuellen Handlungen ab. Er ist Single und hat keine festen Spielpartner, kein Herrchen oder Frauchen: "Ich bin im Moment ein Streuner." Manchmal kocht er sich nach Feierabend etwas, füllt sein Abendessen in einen Napf und macht es sich dann auf der Couch gemütlich. Hundefutter hat er auch schon einmal probiert: "Schmeckt grausig und knirscht zwischen den Zähnen."

Dann nimmt sich die Rittmeisterin des streunenden Lupus an. An der Leine führt sie ihn auf und ab, lässt ihn "Sitz" und "Platz" machen. Sie tätschelt ihm den Kopf und leint ihn dann an der Hundehütte an. Lupus rollt sich im Hundekorb zusammen und legt den Kopf auf seine Pfoten, blinzelt in die Sonne. Als Wolf fühlt er sich pudelwohl.

Schließlich bekommt Lupus noch Gesellschaft. Madame Baylis, eine Freundin der Rittmeisterin, kommt mit Zeus vorbei, ihrem "Welpi". Zeus ist ein menschlicher Dobermann. Ein Rüde, sehr jung, aber gut ausgebildet, wie Madame Baylis erzählt. Vorsichtig beschnüffeln sich Lupus und Zeus, laufen Schnauze an Hinterteil umeinander herum, tollen gemeinsam über die Wiese. An den Knien tragen beide Schoner wie beim Volleyball: "Auf allen Vieren—das ist keine normale Haltung für Menschen", sagt Hofer. Um seinen Vorbildern nahe zu sein und sich ganz in seine Rolle zu vertiefen, würde er gerne einmal als Lupus mit echten Hunden spielen. "Das wäre perfekt."

Zeus und Madame Baylis | Foto: Karen Bauer

Als Madame Baylis und Zeus wieder abgereist sind, braucht auch Lupus eine Pause. Er nimmt die Maske und die Pfoten ab, setzt seine Brille auf und zündet sich eine Zigarette an. Doch auch ohne Maske bleibt er auf dem Boden sitzen, auf seiner blauen Fleece-Decke mit den weißen Hundetatzen.

Wissenschaftlich untersucht ist Petplay bisher nicht. Auf der Party in Augsburg fällt auf, dass Petplayer vor allem die Rollen domestizierter Tiere annehmen. Auch wenn Lupus sich als Wolf bezeichnet, verhält er sich doch eher wie ein Hund. In Foren tummeln sich auch menschliche Katzen, Schweine und— seltener—Kühe. Echte Haustiere sind normalerweise darauf angewiesen, dass ihre Herrchen sie füttern, waschen, pflegen, schützen, ihnen etwas beibringen und sie züchtigen. Macht und Unterwerfung kennzeichnet das Verhältnis von Mensch und Haustier, sorgen und umsorgt werden. Im Spiel suchen Petplayer genau diese Beziehung—aus unterschiedlichen Gründen. Manche wollen als Tier erniedrigt und gedemütigt werden. Andere identifizieren sich mit ihrem tierischen Alter Ego und genießen es, Kontrolle und Verantwortung abzugeben.

Marvin Berger* aus Berlin fasziniert am Petplay vor allem das Rollenspiel. Seit sieben Jahren macht der 36-jährige Software-Berater mit seiner Freundin Ponyplay. Er ist Pferd, sie führt und trainiert ihn. Dass ihn Petplay reizt, hat er schon in der Pubertät gemerkt. Er informierte sich in Foren. Was Marvin las, machte ihm Angst. Manche dort schreiben über ihren Wunsch, misshandelt zu werden oder andere beim Petplay zu misshandeln, träumen von Vergewaltigung. "Dampfplauderer" nennt Gabriele Edel sie. Ihre Fantasien stehen im krassen Gegensatz zum BDSM-Grundsatz "Safe, sane, consensual" — "sicher, vernünftig, einvernehmlich".

Nighty | Foto: privat

Erst mit 27 traute sich Marvin, Petplay selbst auszuprobieren—eine Offenbarung: "Als ich meine Rolle gefunden habe, habe ich mich endlich komplett gefühlt." Davor sei er schüchtern, ja verklemmt gewesen, erzählt er. "Jetzt fühle ich mich richtig, gut."

Wenn er sich in das Pferd Nighty verwandelt, dann nimmt seine Freundin ihn an die Longe, lässt ihn im Kreis rennen, wechselt zwischen Schritt, Trab und Galopp. "Wenn man das eine Weile macht, wird es meditativ." Nach dem Aufwärmen üben sie gemeinsam Dressurschritte. Besonders faszinierend ist für das Paar die Kommunikation ohne Worte, nur über Körpersprache und Zügelsignale. Allein durch Ziehen versucht Bergers Freundin, ihm zu signalisieren, ob er seitwärts übertreten, rückwärts gehen oder stehen bleiben soll. "Das funktioniert am Anfang gar nicht. Aber irgendwann weiß man, welches Signal was bedeutet, und dann macht es Spaß. Das ist dann fast wie Tanzen", erzählt Marvin Berger.

Als Pferd Nighty fühlt er sich kraftvoll, stark, elegant. Seit einiger Zeit nimmt er Reitstunden, um seinen Vorbildern noch näher zu sein, schaut sich die Bewegungen und das Verhalten bei den echten Pferden ab. Einmal schnaubte das Pferd unter ihm, war unruhig. Seine Signale waren zu unklar, das Pferd wusste nicht, was es tun sollte. "Da saß ich oben drauf und hab gedacht: 'Ich weiß genau, wie du dich fühlst.'" Berger ist es wichtig, die Pferderolle realistisch und glaubhaft auszufüllen. "Ich bin tatsächlich das Pferd und bin stolz darauf." Erfolgreich ist Ponyplay für ihn dann, wenn seine Freundin vergisst, dass da ein Mensch vor ihr steht. "Wenn mein Schatz sich fühlt wie mit 14, als sie ein Pflegepferd hatte. Mit dem Vorteil, dass ihr jetziges Pferd sein eigenes Geld verdient und nicht in den Stall scheißt." Ponyplay hat für Marvin Berger und seine Freundin viel mit Vertrauen zu tun, als Nighty begibt er sich in ihre Gewalt. "Wenn wir Ponyplay machen, dann hat mein Schatz das Sagen. Ansonsten sind wir aber ein normales gleichberechtigtes Pärchen."

Nighty in freier Wildbahn | Foto: privat

Sein Kostüm variiert Berger je nach Anlass: Bei Auftritten wie auf dem Christopher Street Day oder der Erotikmesse Venus in Berlin trägt er als Nighty einen schwarzen hautengen Ganzkörper-Anzug, Hufschuhe an Füßen und Händen und eine Vollmaske mit Zaumzeug und Schweif. Beim privaten Spiel und Training stören Hufe und Maske eher und er begnügt sich mit einer Trense und einem Schweif.

In Foren wie pets-and-owners.de träumen viele User davon dauerhaft, 24/7 als Tier zu leben. Für immer alle menschlichen Rechte und Pflichten abgeben: Für viele Petplayer ist das eine reizvolle Fantasie. Aber es ist eine Utopie, da sind sich Rittmeisterin Gabriele, Bernd Schneider, Lupus und Marvin Berger einig. "Wenn man die Rolle der Realität vorzieht, dann ist das nicht mehr gesund", sagt Berger. "Ponyplay peppt mein Leben auf, aber es ist nicht mein Lebensinhalt." Immer wieder möchten Petplayer 24/7 bei Rittmeisterin Gabriele ausprobieren. "Dann sperre ich die in einen Käfig ein und nach zwei Stunden sagen die: 'Mir ist langweilig.' Dann frage ich: 'Was, jetzt schon?! Und du willst dein Leben lang Tier sein?'" Edel und Schneider lachen darüber. Sie laufen keinen Utopien hinterher, sondern leben wie Lupus und Marvin ihre Fantasien aus—sicher, vernünftig und einvernehmlich.

*Name geändert

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