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Die Männer, die für Kuscheln zahlen

Um das wirklich zu verstehen, muss man Körperkontakt als menschliches Grundbedürfnis anerkennen.
15 Juli 2016, 11:00am

Lisa VanArsdale bei der Arbeit | Foto: Lauren Duca

Es wurde schon viel über die heilende Kraft zwischenmenschlicher Berührung geschrieben und ihre Eigenschaft, Stress zu verringern, zu entspannen und den Blutdruck zu senken. Umarmungen verlangsamen den Puls, beruhigen die Nerven und lassen dich die Welt etwas weniger apokalyptisch sehen. Das ist auch so, wenn diese Umarmungen von einer Fremden kommen, der du 80 US-Dollar pro Stunde bezahlst—nur für Umarmungen.

Das ist das Konzept des professionellen Kuscheldienstleisters Snuggle Buddies. Im ersten Moment mutet es vielleicht etwas komisch an, für menschliche Berührung bares Geld zu zahlen, aber dann erinnerst du dich wieder an die ganzen furchtbaren Dinge, die unser Alltag mit unseren Köpfen und Körpern anstellt. Die 27-jährige Snuggle Buddies-Angestellte Lisa VanArsdale erklärt es so: "In einer Welt, in der die Menschen ihre Seelen an Büros verkaufen und den ganzen Tag nur auf Bildschirme starren, herrscht eine Sehnsucht nach fühlbaren Erfahrungen."

Das mag vielleicht unfassbar abgeschmackt klingen, aber VanArsdale strahlt bei allem, was sie sagt, eine liebenswürdige Ehrlichkeit aus. Sie hat große, hoffnungsvolle Augen, die wirklich nur das Beste in dir sehen wollen. Ihre Stimme ist sinnlich, beinahe kindlich. Sie hat auch ein paar Kurven und ihr zierlicher Körper birgt einen Busen, in dem man nur zu gerne seinen Kopf betten würde—wenn es denn erlaubt wäre.

Professionelles Kuscheln ist nicht sexuell. Das ist ein Punkt, den VanArsdale nicht oft genug betonen kann. Sie scheint sich allerdings darüber im Klaren zu sein, dass ihre Kunden das vielleicht nicht ganz kapieren, auch wenn sie die Regeln verstehen. "Ich bin ein Teddybär, kein Mädchen", erklärt sie. "Brüste oder Hintern sind tabu. Es wird nicht geküsst—auch nicht auf die Stirn. Außer vielleicht zur Begrüßung."

Auf der Snuggle Buddies-Website wird deutlich auf diese Regeln hingewiesen, die dann auch in Form eines Vertrags vom Kunden unterschrieben werden müssen. Kleidung ist ein Muss, sexuelle Anfragen sind tabu und jeder, der sich nicht an den Kuschelvertrag hält—unangemessene Fragen in E-Mails gehören ebenfalls dazu—, kommt auf eine schwarze Liste. Die meisten Verstöße geschehen bereits während der Vorbesprechung, bevor es überhaupt zum Kuscheln kommt. VanArsdael hat persönlich noch keine Grenzüberschreitung erlebt—abgesehen von dieser Geschichte mit Schauspieler Taye Diggs. Aber das war technisch gesehen keine berufliche Kuschelsession und überhaupt will sie die Geschichte nur ungern wieder aufkochen. Vielen Dank! (Wenn man auch anmerken sollte, dass er bei Weitem nicht der Einzige ist, der sich etwas dumm stellt, wenn es um die Regeln eines professionellen Kuscheltreffens geht.)

Die meisten Männer, die zu VanArsdale kommen, wollen sie einfach nur in den Armen halten oder von ihr gehalten werden. Wirklich. Für sexuelle Bedürfnisse gibt es schließlich Stripclubs und Prostituierte. Man könnte natürlich einwenden, dass professionelles Kuscheln lediglich die Möglichkeit bietet, Körperkontakt mit einer Frau zu haben, ohne sich dabei einem potentiell schädigendem Stigma auszusetzen. Vielleicht bringt man für die Dienstleistung und die Menschen, die sie in Anspruch nehmen, mehr Verständnis auf, wenn man Körperkontakt als Grundbedürfnis anerkennt. Auf die Frage, warum er VanArsdales Dienste in Anspruch nimmt, antwortet ein Kunde knapp: "Ich wollte unverbindlich einen Körper neben meinem liegen haben."

Dieser Kunde gehört zu einer demografischen Gruppe, die etwa die Hälfte von ihren bislang um die 100 Kuschelkunden ausmacht: Männer um die 40 oder 50, die entweder geschieden sind oder kurz vor einer Scheidung stehen. VanArsdale, die ihre erste professionelle Kuschelsitzung letztes Jahr am Superbowl-Sonntag gab, kam auf den Job, als sie bei Google nach Möglichkeiten zum Geldverdienen gesucht hatte. Dabei war sie auf einen Penny Hoarder-Artikel gestoßen, in dem Kuscheln als möglicher Nebenverdienst aufgeführt war.

VanArsdale, die tagsüber als Kindermädchen arbeitet, hat gemerkt, dass Kinderhüten und mit erwachsenen Männern kuscheln eigentlich gar nicht so verschieden sind. Beides sind Ersatzrollen, die aus Zeitmangel entstehen. Eltern würden ihre Kinder selbst von der Schule abholen, wenn sie nicht arbeiten gehen müssten. Und Männer mittleren Alters würden sich mehr darum bemühen, mit einem anderen menschlichen Wesen jene Form von Intimität aufzubauen, die es für diese Form von Körperkontakt braucht.

VanArsdael, bereit zu kuscheln | Foto: Lauren Duca

Die lähmende Angst vor Zurückweisung ist ein weiterer Faktor, der bei etwa einem Viertel aller Männer eine Rolle spielt, die VanArsdales Dienste in Anspruch nehmen. Diese Kunden tun es vor allem, um kulturelle Gräben zu überwinden. In ihrer recht kurzen Kuschelkarriere hatte sie schon mit mehreren Indern—oftmals solche, die zu Hause Familie haben—und Chassidim zu tun, denen es verboten ist, Frauen zu berühren, mit denen sie nicht verheiratet sind. Dass diese Kunden eher selten dem heteronormativem Männlichkeitsideal entsprechen, ist da nur ein Aspekt einer wesentlich größeren Problematik.

"Sie stammen aus einer Gesellschaft, in der Berührung ein großes Tabu ist—vor allem gleichgeschlechtliche Berührungen", sagt VanArsdale.

Einer ihrer letzten Kunden war ein chassidischer Jude, der mit seiner religiösen Gemeinschaft gebrochen hat, um seine Sexualität erkunden zu können. Er glaubt, dass er wahrscheinlich schwul ist, sehnt sich aber gerade in erster Linie nach Berührungen von anderen Menschen—egal wem. Er möchte damit an einen Punkt gelangen, an dem er generell entspannter mit menschlichen Berührungen umgehen kann.

Einige Männer, die VanArsdale empfängt, haben gesundheitliche Probleme, bei denen Berührungen besonders hilfreich sind. Darunter waren bereits ein 18-Jähriger mit Narkolepsie, ein etwa 30-Jähriger mit Autismus-Spektrum-Störung und ein Mann im Rollstuhl mit Muskeldsytrophie, der VanArsdale darum bat, sich auf seinen Schoß zu setzen, da er "nie die Möglichkeit hatte, eine richtige Umarmung zu bekommen."

In diesen Fällen tritt der therapeutische Aspekt professionellen Kuschelns zum Vorschein. VanArsdales Ausbildung lässt sich zwar in etwa auf "ich habe während meiner College-Zeit viel und gerne gekuschelt" runterbrechen, aber sie nimmt ihre Tätigkeit dafür sehr ernst. Im Laufe unserer Unterhaltung ergreift sie öfter Partei für die Kuschelversion von Patch Adams Philosophie der biderektionalen Fürsorge (sie ist sogar einmal mit ihm als freiwillige Helferin nach Russland gereist und er hat sich sehr für ihre Arbeit interessiert).

"Einige dieser Menschen leiden sehr. Sie sind verletzlich und wollen umsorgt werden", sagt sie über ihre persönliche Herangehensweise an diesen Beruf. Ihre Stimme bebt dabei ein wenig. "Wenn sie auf der Suche nach Linderung zu mir kommen, wäre es schlecht, wenn ich unfähig und unmotiviert rüberkomme." Es ist einer der vielen Momente, in denen sie von ihrer eigenen Fähigkeit, Menschen zu helfen, geradezu überwältigt ist—als wäre anderen bei der Heilung zu helfen, ein Weg für VanArsdale, ihren eigenen Trost zu finden.