Drei junge Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten und Vorurteile zu nichte machen
Vijay, Hedwig und Dennis | Alle Fotos sind von den Autoren bereitgestellt worden
Menschen

Die schlimmsten Dinge, die ich wegen meines Aussehens bei der Arbeit erlebt habe

“Als ich ankam, fing die Patientin hysterisch an, zu weinen und fragte, warum man ihr das antat.” – Vijay
25.11.20

Laut einer Studie von 2010 beurteilen wir andere Menschen noch immer zu sehr nach ihrem Aussehen. Wie sehr Patienten medizinischem Personal vertrauen, kommt darauf an, was für Kleidung es trägt. Arztkittel werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als Alltagsklamotten, so die Studie. 

Bedauerlicherweise werden Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, nicht nur nach ihren Klamotten, sondern auch nach ihrem Alter, ihrem Aussehen und ihrer Herkunft beurteilt. Ich habe mit drei jungen Menschen gesprochen, die professionell im Gesundheitswesen arbeiten und regelmäßig mit Diskriminierung konfrontiert sind. 

Hedwig van der Meer, 30 – Physiotherapeutin

Ich bin eine Physiotherapeutin, die sich auf den Kopf- und Nackenbereich spezialisiert hat. Ich unterrichte nebenbei, und arbeite noch dazu an meiner Doktorarbeit. Den meisten Leuten gefallen meine leuchtenden Haare und meine Piercings, aber manchmal können sie etwas Aufsehen erregen. Vor meinem Praktikum sagte mir mein Schulkoordinator, dass mein Aussehen Probleme bei der Arbeit bereiten könnte. Menschen kommentieren auch regelmäßig mein Aussehen – Patienten, andere Physiotherapeuten oder sogar Studierende. 


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Ich erinnere mich daran, wie ich einen Patienten aus dem Wartezimmer abgeholt habe. Als er mich sah, fiel sein Gesicht förmlich auseinander. Er wurde erst warm mit mir, nachdem ich ihn untersucht hatte. Er sagte mir direkt, dass er mich für nicht sachkundig genug gehalten hatte. Aber ihm war klar geworden, dass er mich zu vorzeitig beurteilt hatte und dass er wiederkommen würde. Ich dankte ihm für seine Ehrlichkeit – viele Menschen denken so, aber geben es nicht zu. 

Manche Patienten wollen eine zweite Einschätzung nach meiner Diagnose. Das liegt vielleicht nicht an meinem Aussehen, aber daran, dass junge Frauen im medizinischen Bereich nicht besonders ernst genommen werden. Ich musste meinen Patienten schon oft erklären, dass ich seit neun Jahren fertig mit der Ausbildung bin und weiß, was ich tue. Dann vertrauen sie mir mehr.  

Kollegen haben auch Vorurteile. Einmal fragte ich einen spezialisierten Physiotherapeuten, ob ich ihn für einen Tag begleiten könnte. Er hatte zwar kein Problem damit, aber die Besitzerin der Praxis sagte mir, ich solle meine Piercings ablegen. Sie war um das Image der Praxis besorgt. Ich habe höflich abgelehnt. Vor Kurzem hat mich ein Student für die Tutorin gehalten. Er war sehr verlegen, als ich ihm sagte, dass ich die Lehrerin bin. 

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Aber es gibt auch gute Seiten. Viele meiner Studierenden sagen, dass sie sich auch gerne mit gefärbten Haaren und Piercings ausprobieren wollen. Sie dachten nur, das ginge in diesem Beruf nicht. Ich sage ihnen dann, dass sie machen können, was sie wollen – solange sie ihren Job gut machen. 

Vijay Chamman, 30 – ambulanter Krankenpfleger

Zwei Jahre lang arbeitete ich mich Menschen, die zu Hause gepflegt wurden. Ich ging mit ihnen durch ihre Finanzen und stellte sicher, dass sie die richtige Pflege erhielten. Davor war ich fünf Jahre lang ambulanter Krankenpfleger. Jetzt bin ich Dozent an der Amsterdam University of Applied Sciences. 

In meinen vorherigen Jobs war ich immer bei Menschen zu Hause. Es war wichtig, dass sie sich nicht nur auf meine Expertise verlassen, sondern mir als Person vertrauen konnten. Das war nicht immer einfach. Ich bin in den Niederlanden geboren, aber meine Wurzeln sind Surinamisch-Hindustanisch. Dazu kommt mein Alter, im Vergleich zu meinen Kolleginnen war ich sehr jung. Viele Leute waren geschockt, weil sie mich als Krankenpfleger zugeteilt bekamen. Krankenpfleger sind selten Männer oder Menschen, die nicht weiß sind.

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Manche Patienten hatten am Anfang Angst, insbesondere ältere Menschen. Einmal musste ich mich um eine 80-jährige Frau kümmern. Als ich ankam, fing sie hysterisch an zu weinen und fragte, warum man ihr das antat. Sie hatte extra nach einer holländischen Frau gefragt, aber ich war die einzig verfügbare Person zu der Zeit. Wir vereinbarten, dass ich so diskret wie möglich sein würde. Ältere Frauen machen sich viele Sorgen um sexuelle Übergriffe. Eine ältere muslimische Frau wollte nicht, dass ich sie anfasse. So konnte ich ihr kein Insulin geben. Ich möchte meine Pflegetätigkeiten aber auch niemandem aufzwingen. 

Familienmitglieder können auch ein Problem sein, aber je mehr sie mich sehen, desto mehr vergessen sie ihre Zweifel. Eine Frau, die mich wochenlang nicht sehen wollte, fragte am Ende nur noch nach mir. Das war eine schöne Erfahrung. 

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Multikulturell zu sein ist hilfreich, wenn du Krankenpfleger bist, weil du dich leichter an die Kultur des Patienten gewöhnen kannst. Mir ist früh aufgefallen, dass mir Menschen, die nicht holländisch waren, schneller vertrauten, selbst wenn ich ihre Sprache nicht sprach. 

Dennis Gerkes, 21 – Personal Trainer

Menschen haben normalerweise zwei Knochen in ihrem Unterarm: die Elle und die Speiche. Die Elle fehlt bei mir in beiden Armen, deswegen sind sie kürzer und meine Hände drehen einwärts. Ich habe auch nicht alle Muskeln, deswegen sind meine Hände schwächer. Meine Behinderung definiert aber nicht, was ich in meinem Alltag machen kann oder nicht. Manche Sportarten sind schwieriger. Deswegen sind Sportler oftmals überrascht, wenn sie herausfinden, dass ich für ihre Rehabilitation nach einer Verletzung zuständig bin. 

Ich habe mich entschlossen, Sportmanagement zu studieren und war einer der ersten Menschen mit einer körperlichen Behinderung an meiner Uni. Die Sportarten, die ich körperlich nicht machen konnte, durfte ich auslassen – solange ich die Theorie dahinter kannte. Ich entschied mich letztendlich dazu, zertifizierter Fitnesstrainer zu werden. Jetzt zeige ich Sportlern, wie sie effizienter trainieren und Verletzungen vermeiden können. 

Als ich in der Schule Fußballtrainer war, fragte mich jemand, ob meine Behinderung ansteckend sei. Menschen fragen mich, ob ich eine Sportart machen kann, bevor ich ihnen erklärt habe, wie sie sie vernünftig ausüben können. Erst wenn sie merken, dass ich mich auskenne, vergessen sie ihre Vorurteile. 

Mein großer Traum ist es, Trainer bei den Paralympics zu sein. Es ist unglaublich, wie Menschen mit Behinderungen ihre Willensstärke nutzen, um immer wieder ihre eigenen Grenzen zu sprengen. Ich möchte ihnen dabei helfen.

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