Politik

Vier Denkmäler in Deutschland, die wir gern versenken würden

Bristol hat gezeigt, wie man mit der Verherrlichung von Kolonial- und Naziverbrechen umgehen kann. Auch in Deutschland steht einiges davon rum.
11 Juni 2020, 3:02pm
Ein goldenes Kreuz wird auf die Kuppel des Humboldt-Forums in Berlin montiert.
Foto: imago images | Christian Spicker 

Wer ein Denkmal umschmeißt, braucht nicht mehr viele Worte: Ob man eine Stalin-Statue in Berlin zu Tierfiguren für den Zoo einschmilzt oder eine Saddam-Hussein-Statue in Bagdad vom Sockel reißt, die Botschaft ist glasklar: Das veraltete System ist besiegt, moralisch korrupt und hat ausgedient.

Nach den Protesten gegen rassistische Polizeigewalt in den USA ist ein Nachdenken über den Denkmalsturz mittlerweile diesseits des Atlantiks angekommen. In Großbritannien haben Demonstrierende einer Sklavenhändler-Statue im Juni das verdiente Ende bereitet – und sie kurzerhand im Hafenbecken von Bristol versenkt.

Keine Frage: Auch in Deutschland steht eine Extraportion historischer Ballast herum. Zwar haben viele unserer Kolonial- und Nazidenkmäler in der Nachkriegszeit eine Einordnung im geschichtlichen Kontext bekommen oder landeten gleich auf dem Müll: So wurde die Büste des reichen Sklavenhändlers Carl Schimmelmann in Hamburg zuerst mit blutroter Farbe übergossen und dann weggeschafft, zu einem martialischen Kriegerdenkmal in Hamburg am Dammtor gibt es ein Antikriegs-Gegendenkmal direkt gegenüber.

Doch da geht noch mehr. Es gibt auch jetzt noch in der Bundesrepublik Statuen und Denkmäler, die es durchaus verdient hätten, versenkt zu werden. Hier eine kleine Liste für den Anfang:

Die "Judensau"

Antisemitisches Sandstein-Relief an der Stadtkirche Wittenberg || Foto: imago | Winfried Rothermel

Um 1300 hielt es jemand für eine gute Idee, an der Stadtkirche in Wittenberg ein Sandsteinrelief anzubringen. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner guckt ihr unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein, der Jude Michael Düllmann hat kürzlich dagegen geklagt.

Erfolglos. Die Sau darf erstmal hängenbleiben: Im Februar 2020 entschied das Oberlandesgericht in Naumburg zwar, dass das Relief tatsächlich eine Beleidigung darstellt, aber weil eine Platte im Boden mittlerweile Bezug auf die Vernichtung der Juden im dritten Reich (und nicht auf die Plastik) nimmt, sei sie jetzt Teil eines Mahnmals und hätte ihren beleidigenden Charakter verloren.

Kritiker, darunter auch Pfarrer, sehen das anders und sagen, eine derart niederträchtige Scheiße gehöre höchstens ins Museum, nicht aber an eine Kirche. Der Fall kommt demnächst vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe.

Empfehlung: Fotografieren, abreißen, wegschmeißen, das Foto ins Museum hängen und dort ausführlich erklären, wie antisemitisch deutsche Christen und insbesondere Martin Luther waren.

Das Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg im Harz

Denkmal für Hermann von Wissman im Harz | Foto: imago images | Werner Otto

Hermann von Wissmann hat einen Ehrenplatz in Bad Lauterberg direkt im Kurpark bekommen. Ein "Afrikaforscher" sei er gewesen, informiert die Website Harzlife. Belegt ist, dass Heinrich von Wissmann bei seinen "Forschungsreisen", erst im Auftrag des belgischen Königs und dann unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II, mehrere Afrikaner eigenhändig erschossen hat.

Er wurde 1888 zum Reichskommissar der Kolonie Deutsch-Ostafrika ernannt.

Seine "Wissmann-Truppe" – ein loser Verbund aus Söldnern und deutschen Offizieren – war die erste Kolonialtruppe, die einen Landkrieg in Afrika führte.

Da Wissmann Araber als "die Pest Afrikas" bezeichnete, kam es ihm gerade recht, dass sich rund um Dar es Salaam im heutigen Tansania aufständische Araber gemeinsam mit der Küstenbevölkerung gegen die Machtübernahme der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft wehren wollten.

Den Aufstand schlug er blutig nieder. Eroberte Dörfer ließ er plündern und in Brand stecken, die Einwohner zwang er zur Arbeit auf den Plantagen der Siedler. So brandschatzte er sich weiter durchs Land, bis er letztlich für kurze Zeit den gesamten ostafrikanischen Küstenstreifen unter sein Kommando gebracht hatte. Auf dem Weg dahin befahl er den Aufständischen Strafexpeditionen, die regelmäßig in Hunderten Toten endeten.

Und letztlich hatte er auch noch seine Finger beim Maji-Maji-Aufstand im Spiel, bei dem sich die Kolonialisierten gegen ihre deutschen Besatzer wehren wollten. Durch Krieg und Hunger starben von 1905 bis 1907 zwischen 75.000 und 300.000 Menschen in den Kolonien Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwest – darunter 15 Europäer.

Im Harz war man von Wissmanns militärischen Errungenschaften so ergriffen, dass man ihn 1908 in Lebensgröße am Kurteich verewigte. Seine Taten wurden verklärt. Auf der Statue ist zu lesen: "Deutschlands großem Afrikaner Hermann von Wissmann. (...) Er kämpfte erfolgreich gegen den Sklavenhandel und für die Freiheit der Unterdrückten."

Empfehlung: Direkt im Kurteich versenken, Enten aus Tansania dort ansiedeln, die ihn zuscheißen können.

Das goldene Kreuz auf dem Humboldt-Forum

Nichts sagt Vielfalt wie ein goldenes Kreuz auf einem Völkerkundemuseum | Foto: imago images | Christian Spicker

Um den Nachbau des riesigen und protzigen Berliner Stadtschlosses gab es von Anfang an Streit. Die Winterresidenz war selbst im Original noch nie bei der Bevölkerung beliebt. Die DDR ließ das im Krieg schwer beschädigte Schloss sprengen. In den 70er Jahren baute Erich Honecker dort stattdessen den Palast der Republik auf, ein futuristisches und asbestverseuchtes Entertainment-Zentrum. Der auch "Erichs Lampenladen" genannte Palast der Republik wurde wiederum zugunsten des neu aufgebauten Schlosses abgerissen, das sich jetzt Humboldt-Forum nennt.

Im Humboldt-Forum soll Deutschlands Kolonialerbe in einem völkerkundlichen Museum aufgearbeitet werden. Hinter der Fassade hat es den Anspruch, Kulturen der ganzen Welt widerzuspiegeln. Und was sagt wohl so schön "Vielfalt" wie ein goldenes Kreuz auf einer preußischen Schloss-Attrappe?

Erst Ende Mai 2020 wurde das 310 Kilo schwere goldene Kreuz aufs Dach des völkerkundlichen Museums gehievt – unter scharfer Kritik. Zuvor hatten Historikerinnen wie die Französin Bénédicte Savoy den Expertenrat des Forums verlassen, und zwar aus Protest. Deutschland kriege es einfach nicht hin, angemessen Verantwortung für sein Kolonialerbe zu übernehmen, sagte sie in einem _SZ_-Interview. Um die Rückgabe von geraubten Kunstobjekten drückt sich das Humboldt-Forum wie auch andere Museen bislang erfolgreich.

Empfehlung: Einschmelzen und in eine goldene Parkbank verwandeln, Gratis-Sitzplätze im öffentlichen Raum sind knapp. Durch eine Discokugel ersetzen – passt dann auch besser zum Fernsehturm am Alex.

Das Askari-Relief im Tansania-Park

Eine Seite des Askari-Reliefs mit Trägern aus den deutschen Kolonien | Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Auch im Hamburger Tansania-Park stehen Denkmäler, die die deutsche Kolonialzeit verherrlichen – geschaffen wurden sie auch noch in der NS-Zeit. Zwei Reliefs zeigen überlebensgroße Schutztruppen-Offiziere in Terrakotta, denen ergeben afrikanische Träger und unterworfene Soldaten, soganannte Askaris, hinterhertrotten. Das Ziel des Denkmals: jungen Leuten den Krieg schmackhaft zu machen und an den kolonialen Kriegsverbrecher Paul von Lettow-Vorbeck in Deutsch-Ostafrika zu erinnern.

Diese Reliefs wurden 2003 extra wieder aufgebaut, um sie im Park in Hamburg-Wandsbek neben ein paar anderen Nazi-Hinterlassenschaften und einer geplanten Wissmann-Statue zu präsentieren. Alles unkommentiert, versteht sich. Der tansanische Ministerpräsident zog seine Unterstützung des Projekts 2003 zurück. Eröffnet wurde der Tansania-Park bis heute nicht.

Empfehlung: Auf den Kopf stellen, umschmeißen und mit Verweis auf die Kriegsverbrechen der deutschen Kolonialtruppen direkt vor Ort einordnen.

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