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Popkultur

Dieser Endfünfziger rappt Songs im Auto nach und Rihanna ist Fan

Mittlerweile hat Uwe Baltner über eine Million Fans bei Instagram.

von Johann Voigt
19 Dezember 2019, 12:12pm

Screenshots: Instagram – mit freundlicher Genehmigung von Uwe Baltner | Collage: VICE

Uwe Baltner ist 57 Jahre alt, trägt ein hellblaues Herrenhemd und Brille, sitzt in einem Kleinwagen und rappt einen Song des Berliner Straßenrappers Luciano: "Gib mir Jäger plus Red Bull, ich bin in meinem Modus/ Freitag Fullsuff, ein falsches Wort, wir jagen dich, Schoßhund". Dabei lacht er. Über 1,2 Millionen Follower bei Instagram finden das gut. Baltner ist Geschäftsführer einer Agentur, fährt viel Auto und singt gerne. Im September letzten Jahres begann er, sich dabei zu filmen. Das hat ihn innerhalb von 15 Monaten zu einem der größten Musikinfluencer in Deutschland gemacht. Wenn er einen Song in seinem Auto singt – und das kann alles sein, von Punk über Deutschrap bis hin zu Eminems "Rap God" –, dann schauen ihm Tausende dabei zu. 1.177 Videos hat er mittlerweile online gestellt, jeden Tag kommen zwei neue dazu. Mittlerweile outet sich sogar Rihanna als Fan. Wir haben Uwe gefragt, wie das passieren konnte.

VICE: Du bist Ende 50 und filmst dich für Instagram beim Rappen im Auto. Wie kam es dazu?
Uwe Baltner: Ich war schon immer ein großer Musikfan, obwohl ich die Musik zwischendurch aus den Augen verloren habe. Ich war auch mal Sportjournalist, habe über Formel 1 und die Olympischen Spiele berichtet. Ab dem Moment, wo ich kein Sportjournalist mehr war, habe ich das Interesse am Sport verloren. Wenn ich nicht selber mitmachen kann, dann interessiert es mich nicht. Jetzt kann ich Teil der Musikwelt sein. Es macht mir Spaß, dass so viele Leute an meinen Postings Anteil nehmen. Und ich habe dadurch mittlerweile sogar mit Künstlern persönlichen Kontakt, mit Cypress Hill zum Beispiel. Das ist eine großartige Sache für Menschen wie mich, von denen Jüngere sagen, dass sie ihr Leben schon hinter sich haben.

Hat sich schon mal jemand darüber beschwert, dass du seinen oder ihren Song gesungen hast?
Nein, noch nie. Rapper haben sich am Anfang eher darüber lustig gemacht, wie sich der alte Weiße Mann da einen abrappt. Aber niemand hat je geschrieben, dass ich ein Video löschen soll. Beinharte Fans von XXXtentacion empfanden es als unpassend, dass ich nach seinem Tod einen Song von ihm gesungen habe. Die Diskussion über solche Themen mit den Fans finde ich spannend. Ich singe ja nicht, um damit Geld zu verdienen oder mich zu bereichern. Ich bin einfach happy beim Singen, darum muss ich wahrscheinlich währenddessen so oft lachen.


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Nach welchen Kriterien wählst du die Songs aus?
Ich habe im September 2018 mein erstes Video online gestellt. Nur zum Spaß. Ich hatte da vielleicht 400 Fans auf Instagram. Ich habe damals Musik ausgesucht, die ich schon kannte oder die ich gerade entdeckt habe. Musik von den Screaming Females zum Beispiel, einer Punkband mit einer Gitarristin, die mich total weggeblasen hat. Dann habe ich die neuen Alben von denen hoch- und runtergesungen. Ich habe außerdem viel von Queen gesungen und anderen Sache, die ich aus meiner Jugend kenne.

Und irgendwann fingen die Leute an, sich Tracks von dir zu wünschen.
Die ersten Song-Wünsche kamen über die Fans des Indierockers Ariel Pink aus Amerika, der eines meiner Videos geteilt hat. Mittlerweile bekomme ich täglich Hunderte Songwünsche und entdecke so neue Musik.

Hast du dich von Anfang an beim Singen im Auto gefilmt?
Nein, natürlich nicht. Ich habe immer gerne im Auto gesungen, auch schon vor 30 Jahren. Meine Frau kann das bestätigten. [Lacht] Es gibt Songs, bei denen ich einfach mitsingen muss, wenn sie im Radio laufen. Bei "We are the Champions" von Queen habe ich bereits vor 20 Jahren mitgesungen. Das wird sich nie ändern.

Wie kam das mit den Videos?

Ich bin jahrelang gependelt, jede Woche lange Auto gefahren und habe da ein paar schlechte Angewohnheiten entwickelt. Unterwegs viel essen zum Beispiel. Damals ging es mir nicht so gut. Dazu kam, dass mir durch das permanente Sprechen in meiner Firma meine Singstimme abhanden kam. Statt Singen war plötzlich Krächzen angesagt. Ich habe mir überlegt, wie ich die zwei, drei Stunden auf der Autobahn jede Woche sinnvoll nutzen kann und habe damit begonnen, Stimmtraining zu machen. So bin ich wieder zum Singen im Auto gekommen. Die Fortschritte haben mich dazu motiviert, das auch zu filmen.

Du lädst mittlerweile zwei Videos am Tag hoch. Lernst du alle Songs auswendig?
Nein, nicht alle, und ich mache auch gar kein Geheimnis daraus. Es gibt eine App, die die Texte einblendet. Ich kann so gleichzeitig Songtexte lesen und Videos aufnehmen.

Ist es nicht gefährlich, dabei Auto zu fahren?
Auf jeden Fall. Deswegen fahre ich zum Aufnehmen mittlerweile rechts ran. Bei alten Videos habe ich auch beim Fahren in die Kamera gesungen, da waren es ja fast nur Songs, die ich kannte.

Wie reagieren die Leute, wenn du am Rand der Landstraße stehst und laut Songs rappst?
Ich stehe ja nicht auf der Landstraße, sondern eher auf wenig frequentierten Parkplätzen. Ich bin beim Singen aber so konzentriert, dass ich gar nicht mitbekomme, ob mich jemand beobachtet. Wenn ich im Sommer im Auto singe und das Fenster oder das Dach aufhabe, dann bekommt das natürlich jemand mit. Ich hatte schon lustige Begegnungen mit Bauarbeitern, die mich angefeuert haben, als ich an der Ampel stand und laut gesungen habe.

Wie fühlst du dich, wenn du in deinem Kleinwagen Songs nachrappst, in denen es darum geht, auf der Straße ein Messer zu ziehen?
Das ist natürlich immer mit einer gewissen Ironie verbunden. Man sieht mich ja, und ich entspreche nicht dem Klischee eines Rappers. Jeder sieht mir an, dass ich kein Gangster bin. Mich überzeugt diese Musik vor allem durch ihre Energie. Ich beschäftige mich immer auch mit der Herkunft und dem Werdegang der Rapper. Wenn die aus der eigenen Erfahrung heraus krasse Sachen rappen, dann kann ich das zumindest nachvollziehen.

Gibt es Tabus bei der Auswahl der Tracks?

Die Grenze liegt oft bei Deutschrap. Ich würde keine explizite gewaltverherrlichenden oder sexistischen Tracks von deutschen HipHop-Künstlern rappen. Im Englischen habe ich eine gewisse Distanz zum Gesagten. Das ist nicht immer optimal. Die Auswahl der Songs ist allerdings nicht leicht, einige Songs hätte ich im Nachhinein betrachtet nicht rappen müssen.


Welche denn?
Mir fällt gerade kein Beispiel ein. Grundsätzlich habe ich weniger ein Problem mit der künstlerischen Darstellung von Gewalt, die findet für mich auf einer Art filmischen Ebene statt, sondern mehr mit sexistischen Texten, die Frauen als Objekt behandeln. Das tun leider viele der Texte im Deutschrap. Ich versuche daher, einen Schwerpunkt bei Songs von Rapperinnen wie Nura zu setzen.

Nura hast du sogar auf einem Konzert besucht. Wie war das?
Wildfremde Menschen kamen vor dem Konzert in der Halle auf mich zu und wollten mit mir Fotos machen. Das war ein tolles Erlebnis. Dann hat mich Nura sogar von der Bühne aus begrüßt und es gab Riesenjubel. Nura kam nach dem Konzert auch noch zu mir und wir haben zusammen ein Foto gemacht. Sie hat mich eingeladen, weil sie cool findet, was ich mache, aber sicher auch wegen meiner Reichweite auf Instagram.

Was hältst du davon, dass du als Promotool genutzt wirst?
Von Missbrauch würde ich da nicht sprechen. Ich wähle ja sorgfältig aus, was ich singe. Dabei richte ich mich nach meinem Geschmack und singe nur das, was mir gefällt, egal, wie groß die Künstlerinnen und Künstler sind. Ich gebe gerne was von meiner Reichweite an gute Künstler ab. An Goldroger zum Beispiel, den zwar nicht so viele Leute kennen, der aber super Texte hat. Was mich total freut ist, wenn die Künstler, deren Songs ich singe, mit mir Kontakt aufnehmen und sich bedanken. Das sehe ich als Riesenkompliment.

Glaubst du, die Leute nehmen dich ernst?
Die meisten schon. Gleichzeitig bin ich ja schon ein Meme, eine Kunstfigur, die für neue Inhalte im Netz verwendet wird. Das ist mir durchaus bewusst. Bei mir stimmt die Qualität, ebenso wichtig ist aber die Faszination nach dem Motto: „Der traut sich was.“ Das unterscheidet mich von den Künstlerinnen und Künstlern, deren Songs ich singe. Durch mein einfaches Format bin ich aber auch erreichbarer. Man kann mit mir reden.

Willst du selber auch Musik machen?
Dafür fehlt mir gerade leider die Zeit.

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