Corinna und Ilkay wrestlen jeden Tag auf dem Wohnzimmerboden.
Corinna und Ilkay wrestlen im Wohnzimmer | Fotos: Ilkay Karakurt
Menschen

Fotos: Dieses Paar hält fest, wie es ist, plötzlich zusammen zu wohnen

Corinna und Ilkay führen eigentlich eine Fernbeziehung. COVID-19 bringt sie von 0 auf 24/7.
28 April 2020, 11:35am

Ilkay und Corinna sind seit dreieinhalb Jahren zusammen. Seit fast zwei Monaten wohnen sie zusammen. Dank Corona. Normalerweise führen die beiden eine Fernbeziehung. Corinna, 30, arbeitet in Stuttgart in einer Genossenschaft für soziale Geldanlagen und Ilkay, 29, studiert Fotografie in Hannover.

Ilkay hat aus der Not ein Projekt gemacht. Seit mehreren Wochen fotografiert er sich, seine Freundin und die beiden Mitbewohner, mit denen sie sich derzeit eine Wohnung teilen. Angefangen hat er schon, bevor die Ausgangsbeschränkungen kamen. "Ich hab einfach losgelegt. Ich wollte das für mich dokumentieren, ohne Plan oder Konzept", sagt er uns am Telefon. Das Vorhandene zu dokumentieren – das mache ihm sowieso mehr Spaß, als künstliche Welten zu erschaffen. Seine WG findet das Projekt gut, trotzdem fühle er sich manchmal "wie ein Paparazzi", sagt er. Denn die Fotos sind intim und nah.

Uns haben die Fotos von Ilkay sofort begeistert. Deshalb wollten wir genauer wissen, wie seine Freundin und er die Zeit wahrnehmen. Was macht es mit einem Paar, wenn man plötzlich so eng zusammenlebt? Wir haben die beiden befragt.

VICE: Ihr lebt jetzt seit fast zwei Monaten zusammen in der WG. Wie hat sich eure Beziehung dadurch verändert?
Corinna: Es ist natürlich intensiver, aber ich find es echt mega schön. Es ist wie zusammen wohnen auf Probe. Es funktioniert erstaunlich gut, es gab noch keine eklatanten Streits.

Ilkay: Ich glaube nicht, dass unsere Beziehung sich verändert hat, aber wir haben neue Sachen über uns erfahren. Ich hatte eine Phase, in der ich allein sein wollte. Ich hatte nichts gegen Corinna, aber ich wollte einfach für mich sein. Dann bin ich zum Beispiel alleine Fahrrad gefahren und danach hatte sich das erledigt. Es ist ein Zusammenwohnen auf Probe und ich würde sagen, das funktioniert ganz gut.

Corinna auf dem Balkon

Wer macht denn momentan was im Haushalt?
Corinna: Eigentlich gleicht es sich relativ gut aus. llkay liebt es, die Wohnung zu saugen, daher muss ich das nicht machen. Das finde ich ganz gut. Er backt gerade auch total viel. Er hat seine Leidenschaft für Sauerteig entdeckt. Ich arbeite halt ganz normal, von daher hat er natürlich auch mehr Zeit für die Hausarbeit.

Ilkay: Ich glaube, ich kann sagen, dass ich derjenige bin, der hier saugt. Corinna kocht, sie ist vorausschauender und plant mehr. Mich überfordert das immer, über mehrere Tage schon zu planen, was ich koche. Aber es haben sich so ein paar Sachen etabliert, zum Beispiel, dass wir Sonntags Pizza machen. Da kann ich mich dann darauf vorbereiten.

Alle vier schauen sich in der Küche Merkel an

Worüber streitet ihr euch?
Corinna: Wir streiten uns sehr selten. Aber mich nervt, wenn Ilkay stundenlang irgendwelche Memes am Handy anguckt, am liebsten noch mit Ton an. Und seit Ilkay das Rennrad von seinen Eltern abgeholt hat, will er nicht mehr mit mir wandern gehen, sondern lieber Fahrrad fahren. Aber das ist kein Streit, man muss ja auch Kompromisse eingehen.

Ilkay: Ich kann mich nicht mal daran erinnern, wann wir uns das letzte Mal gestritten haben. Es entstehen Reibungen, weil ich wenig über mich preisgebe. Dann bin ich angepisst, kann ihr das aber nicht sagen. Das birgt Konfliktpotential. Aber das ist dann auch schnell gelöst, sobald ich anfange, darüber zu reden.

Ilkay und Corinna

Wärt ihr gerne mal wieder allein?
Corinna: Mir gefällt es eigentlich gerade super gut, wie es ist, und ich könnte mir vorstellen, dass es so bleibt. Ich bin sogar ein bisschen traurig, wenn ich daran denke, dass Ilkay wieder zurück nach Hannover geht. Andererseits bin ich auch gerne mal wieder allein, weil ich das Gefühl habe, dann wieder mehr in meine eigene Routine kommen zu können. Dass ich wieder mehr für mich mache und mir mehr meinen Raum nehme und nicht überlege: "Was könnten WIR jetzt machen?" Sondern ich einfach weiß: "Ich steh auf, mache eine Stunde lang Yoga und lasse mich von nichts ablenken."

Ilkay: Ich bin auf jeden Fall jemand, der auch mal gern allein ist, alleine wandert zum Beispiel. Ich habe auch schon Ilkay-Zeiten durchgemacht, in denen ich alleine unterwegs war. Die wird es immer geben. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich unbedingt hier weg muss.

Konrad und Ilkay

Was habt ihr durch die Krise aneinander schätzen gelernt?
Corinna: Er ist ein wahnsinnig angenehmer Zeitgenosse. Wir lachen total viel und wir lenken uns gegenseitig ab. Wir haben so ein kleines Ritual entwickelt, dass wir ab und zu mal im Wohnzimmer wrestlen, um überschüssige Energie abzubauen. Einfach mal eine Weile auf dem Boden rumkugeln. Vor allem, dass wir nicht in so einen Trott verfallen und uns nur noch anöden, sondern dass wir einfach eine gute Zeit zusammen haben.

Ilkay: Das wusste ich davor schon, aber sie ist immer für mich da und unterstützt mich in allen Belangen. Das habe ich auch jetzt wieder gemerkt und dafür bin ich dankbar.

Was war der schönste Moment mit deinem Partner, den du in Quarantäne erleben konntest?
Corinna: Vor ein paar Wochen war so ein krasser Vollmond, ich hatte total Lust, den anzuschauen. Wir haben dann aus den ganzen Fenstern geguckt, haben ihn aber nicht gefunden. Wir sind dann über den Dachboden aufs Dach hoch gestiegen, und haben ihm beim Aufgehen zugesehen. Wir saßen dann noch eine Weile auf dem Dach, das war richtig schön.

Ilkay: Es gab so einige. Aber einer, der ziemlich schön war, war, als wir den Wernhaldenpark für uns entdeckt haben und die Mammutbäume gesehen haben. Corinna wohnt schon Jahre hier und wir wussten das bis jetzt nicht, dass der direkt ums Eck ist. Vorhin habe ich erst zu Corinna gesagt, dass ich zum ersten Mal bewusst den Frühling miterlebt habe.

Was habt ihr durch Ilkays Projekt über euch selbst gelernt? Was nimmst du aus der Zeit mit?
Corinna: Ich habe über mich gelernt, dass ich ein Mensch bin, der sich die Zeit immer vollstopft, egal womit. Ich habe auch privat eine To-Do-Liste, die ellenlang ist. Gerade in dieser Zeit ist das ja eine super Einladung, mal die Füße still zu halten, und irgendwie gelingt mir das nicht so gut. Im Bezug auf das Projekt lerne ich wertzuschätzen, was wir hier haben und wie wir hier leben. Und dadurch, dass Ilkay viel drinnen fotografiert hat, sieht man die Wohnung auch einfach mit anderen Augen.

Ilkay: Solidarität und Füreinanderdasein sind jetzt momentan natürlich sehr wichtig, sollten aber auch außerhalb der Krise wichtig sein. Gesellschaftlich finde ich wichtig, dass Solidarität nach der Krise vorhanden sein sollte, so wie sie jetzt ist. Ich hab immer wieder so Phasen, in denen ich einfach gar nicht fotografiere und nicht kreativ bin, wie eine Schreibblockade für Fotografen. In diesem begrenzten Raum, den wir hier haben, habe ich mich plötzlich sehr frei gefühlt zu fotografieren. Man kann immer irgendwo was Schönes finden.

Corinna (zu Ilkay): Ich bin froh, dass ich die Zeit mit dir verbringen kann. Es könnte wesentlich schlimmer sein. Wir haben es echt gut.

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