Ein Löwe blickt durch ein Loch im Kadaver eines von ihm erlegten Büffels; solche Fotos sind der heilige Gral aller Wildtier- und Naturfotografen; uns haben sie von ihren schwierigsten Aufnahmen erzählt
Ein Löwe blickt durch ein Loch im Kadaver eines Büffels | Foto: Panos Laskarakis
Menschen

Fotos: Wildtier-Fotografen erzählen von ihren schwierigsten Aufnahmen

Geschundene Tiger und leuchtende Pilze: Auf manche Fotos mussten sie jahrelang warten, andere dokumentieren seltene Zufälle.
3.2.21

Stell dir vor, du reist um den ganzen Globus, ständig auf der Suche nach den exotischsten Tieren und Pflanzen, an die du dann so nah rankommst wie kaum ein anderer Mensch. Wegen dieser Vorstellung sehen viele Leute Wildtier- und Naturfotograf als einen absoluten Traumjob an. Natürlich klingt das alles sehr aufregend und romantisch, aber der Beruf hat auch Nachteile: Für die perfekte Aufnahme harrst du häufig stunden- oder manchmal sogar tagelang in unbequemen Positionen aus, du wirst Zeuge davon, wie der Mensch die Natur zerstört, und du musst manchmal in eine Tupperdose kacken.

Anzeige

Um eine Vorstellung vom teils harten und nervenaufreibenden Job von Wildtier- und Naturfotografen zu bekommen, haben wir sechs von ihnen von ihrem schwierigsten Foto erzählen lassen.

Panos Laskarakis, Griechenland

Ein Löwe blickt durch ein Loch im Kadaver eines Büffels

Foto: Panos Laskarakis

Mein schwierigstes Foto entstand, als ich im Okavango-Delta in Botswana eine außergewöhnliche Jagd beobachten konnte: Ein gutes Dutzend wilder Löwen griff mitten am Tag eine Herde Büffel an. So etwas richtig einzufangen, ist nicht einfach, weil solche Auseinandersetzungen sehr intensiv und dramatisch ablaufen, mit viel Blut und markerschütternden Schreien kurz vor dem Tod.

Aber sowas ist in der Natur normal. Und das Beste kommt ja erst noch.

Mitten in der darauffolgenden Nacht wurden die Löwen von fast 30 Hyänen angegriffen, die ihnen ihre Beute wegnehmen wollten. Ein seltener und grausamer Vorgang, den ich so auch noch nie gesehen hatte. Die Intensität, die furchterregenden Geräusche von allen Seiten und die Dunkelheit machten es extrem schwierig, gute Bilder zu schießen.

Am nächsten Morgen kam ein großer Löwe zurück und blickte durch das Gerippe eines Kadavers. So kam es zu diesem Foto. In dem Moment konnte ich die Macht des Königs des Tierreichs förmlich spüren.

Senthil Kumaran, Indien

Mehrere Menschen transportieren einen toten Tiger auf einer Bahre ab

Foto: Senthil Kumaran

Als ich zehn Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal einen Tiger im Fernsehen gesehen. Das hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, ich war so fasziniert, dass ich die Erhabenheit dieser Tiere nicht in Worte fassen konnte. 

So entstand in mir der Wunsch, einen Tiger in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Ich durchstreifte lange verschiedene indische Wälder, aber selbst nach einem Jahrzehnt war ich auf keinen einzigen Tiger gestoßen.

2012, also mehrere Jahre später, fotografierte ich im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu gerade Elefanten, als ich eine Nachricht bekam: Ein Tiger sei in die nahegelegene Stadt Valparai eingedrungen. Nach 25 Jahren des Wartens bot sich mir endlich die Gelegenheit, einen Tiger in echt zu sehen. Ich machte mich sofort auf den Weg.

Es regnete, als ich mit dem Tierarzt der Forstbehörde in Valparai ankam. Dort war schon ordentlich was los, er waren fast 50 Forstarbeiter und mehr als 500 Schaulustige da – ausgestattet mit Stöcken und anderen Waffen, um den Tiger zu töten.

Anzeige

Dann sah ich den Tiger, das Tier lag hinter einem Haus im Schlamm – die Meute hatte ihn bereits übel zugerichtet. Ich werde diesen Anblick nie vergessen, wie Hunderte Menschen getrieben von schierer Wut weiter auf den Tiger losgehen wollten. Die über 25 Jahre aufgebaute Freude, endlich dieses majestätische Tier zu sehen, verpuffte und wich großer Enttäuschung. 

Diese Szenen zeigten mir die dunkle Seite der Beziehung zwischen Mensch und Tiger. Deshalb entschied ich, eine Fotoserie über diesen Konflikt anzufangen, den ich jetzt schon seit acht Jahren dokumentiere.

Stephen Axford, Australien

Mehrere Pilze leuchten gespentisch grün im Dunkeln der Nacht

Foto: Stephen Axford

Egal wohin ich reise, ich frage immer, ob es in den örtlichen Wäldern leuchtende Pilze gibt. So entdeckte ich bei dem Dorf Mawlynnong im Nordosten Indiens diese biolumineszierenden Pilze. Zwar gibt es rund 80 Arten an lumineszierenden Pilzen, aber diese hier hatte man so noch nie dokumentiert. Sie strahlen in einem gespenstischen Grün, aber nur der Stiel, nicht der Hut.

Diese Pilze zu fotografieren, war so schwer, weil die Pilze so klein sind. Kleine Dinge zu fotografieren ist allgemein nicht einfach, weil die Tiefenschärfe abnimmt, wenn man nahe an etwas herangeht. Dazu kommt, dass ich solche Fotos natürlich nachts schießen muss, mit den leuchtenden Pilzen als einzige Lichtquelle. Bei diesen Pilzen hatte ich Glück, weil sie sehr hell strahlten. Und letztendlich bin ich trotz aller Schwierigkeiten sehr zufrieden mit dem Foto.

Anzeige

Nikit Surve, Indien

Ein Leopard streift auf einer Anhöhe vor der indischen Metropole Mumbai durch das Dickicht

Foto: Nikit Surve / SGNP

Als ich 2012 mit meiner Freiwilligenarbeit als Wildtierforscher im indischen Sanjay-Gandhi-Nationalpark anfing, sollte ich die Stellen im Auge behalten, wo wir Kamerafallen aufgestellt hatten, um Leoparden zu dokumentieren. So kam ich zum ersten Mal auf diese Erhöhung, wo ich mir dachte: "Wie cool wäre es, hier oben einen Leoparden mit Mumbai im Hintergrund zu fotografieren?"

Leider ist man quasi nie dabei, wenn Kamerafallen Bilder machen, das läuft alles automatisch mit Wärme- und Bewegungssensoren. Deswegen war es für mich eher unrealistisch, das perfekte Foto zu bekommen. Es gab jedoch ein paar Pfade, die zumindest die richtigen Einstellungen boten.

Dann kehrte ich für meinen Master-Abschluss nach Mumbai zurück. 2015 arbeitete ich an meinem eigenen Forschungsprojekt zum Raub- und Fressverhalten von Leoparden und versuchte mich erneut an meinem Traumfoto. Es war jedoch schwierig, die Kamerafalle so aufzustellen, dass ein Leopard und die Stadt im Hintergrund gleichzeitig abgelichtet werden. Ich versuchte es mit einem Stativ und positionierte die Kamera dafür höher als bei einer normalen Kamerafalle.

Leoparden sind vor allem nachts aktiv, deshalb rechnete ich eigentlich nicht mit einem Bild bei Tageslicht. Jeden Morgen schaute ich trotzdem aufgeregt nach, was die Kamera eingefangen hatte, und wurde jedes Mal enttäuscht. 

Zur gleichen Zeit stand das Holi-Festival kurz bevor. Da ich nicht wollte, dass mein Stativ und die Kamerafalle von vorbeikommenden Feiernden kaputt gemacht werden, baute ich das Ganze wieder ab und gab quasi auf.

Anzeige

Als ich dann zum letzten Mal die aufgenommenen Bilder checkte, fand ich jedoch heraus, dass mein Traumfoto doch dabei war. Da fiel mir ein richtiger Stein vom Herzen, weil ich ja so lange auf dieses eine Bild gehofft hatte. Auch heute benutze ich es noch häufig als Cover für meine Forschungsberichte.

Keri Fisher, Kanada

Eine Leopardin blickt im Morgenlicht in die Ferne

Foto: Keri Fisher

Das ist eines meiner Lieblingsfotos, es zeigt eine erwachsene Leopardin und wurde im Juni 2019 im südafrikanischen Sabi-Sands-Reservat aufgenommen. Dieses Bild zu schießen, war nicht einfach. Zuerst musste ich die lange Reise von Kanada nach Südafrika bestreiten und dort dann zwei Wochen lang jeden Tag vor Sonnenaufgang aufstehen und mich auf die Suche nach Wildtieren machen. 

Leoparden sind sehr scheu und nachtaktiv, deswegen kriegt man eigentlich nur kurz nach Sonnenaufgang oder kurz vor Sonnenuntergang gute Fotos dieser Tiere. Wir hatten Glück und stießen eines Morgens auf diese Leopardin. Weil man diese Tiere nur so selten sieht und weil trotz des ungünstigen Morgenlichts ein gutes Foto entstanden ist, hat dieses Bild einen so besonderen Stellenwert für mich.

Jens Ludwig, Deutschland

Ein Reh springt wie wildgeworden über ein abgemähtes Feld

Foto: Jens Ludwig

Dieses Foto von einem springenden Reh finde ich besonders schön, es war aber auch extrem schwer zu schießen. Es entstand in der Nähe meiner Heimatstadt in Sachsen, während der sogenannten Setzzeit zwischen Mai und Juni, wenn Rehe ihre Jungen gebären. In den ersten Tagen liegen die Rehkitze die ganze Zeit im hohen Gras, ohne sich zu bewegen. Zudem haben sie in diesem Zeitraum keinen besonderen Geruch, damit Raubtiere sie nicht so schnell aufspüren.

Als ich an diesem Tag in die Felder ging, sah ich, wie ein Reh ganz aufgeregt und völlig außer Kontrolle hin- und herrannte. Es musste etwas passiert sein, denn normalerweise verhalten sich Rehe nicht so, schon gar nicht in der Setzzeit.

Kurze Zeit später stieß ich auf die Überreste eines kleinen Rehkitzes, das von einem Feldhäcksler überfahren worden war. Deswegen rannte das Reh – traumatisiert vom Tod seines Jungen – so wild durch die Gegend, komplett ohne Angst und Bewusstsein für die Umgebung: Es wollte Krähen und Bussarde davon abhalten, sich über den Kadaver herzumachen.

Das tote Rehkitz machte mich traurig, aber ich blieb dennoch den ganzen Tag auf dem Feld, um zu schauen, was noch passiert. Mein Lohn war dieses Foto. Später zeigte ich dem Fahrer des Feldhäckslers den Kadaver. Natürlich tat ihm das Ganze leid, aber die Landwirte müssen die riesigen Felder eben so schnell wie möglich leer machen, da kümmert sich niemand um ein Reh. 

Inzwischen suchen aber einige Tierschutzgruppen das hohe Gras nach neugeborenen Rehkitzen ab oder lassen Drohnen mit Wärmesensoren über die Felder fliegen, um die Bereiche zu markieren, wo die Jungen liegen.

Folge VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.