Menschen

Wir haben Tätowierer gefragt, was sie von Covid-Tattoos halten

Egal ob eine Cartoon-Version des Virus oder die Jungfrau Maria mit Mund-Nasen-Schutz: Immer mehr Leute tragen Corona auf der Haut.
16.12.20
Zwei Tätowierungen zeigen eine Cartoon-Version des Coronavirus
Alle Fotos: bereitgestellt von den jeweiligen Tattoo-Künstlern

Tattoos sind ein Spiegel der Gefühlswelt. Und dieses Jahr haben wir uns dank des Coronavirus alle relativ gleich gefühlt: ein bisschen verängstigt, oft kurz vorm Nervenzusammenbruch und vor allem keinen Bock mehr auf Covid-19. Das hat zur Folge, dass immer mehr Menschen zum Tattoo-Studio ihres Vertrauens gehen und sich eine Corona-Tätowierung stechen lassen wollen. 

Anzeige

Um herauszufinden, wie häufig solche Tattoo-Wünsche vorkommen, haben wir Tätowierer und Tätowiererinnen auf der ganzen Welt kontaktiert. Sie erzählen uns, was sie von solchen Motiven halten, und präsentieren von ihnen gestochene Covid-Tattoos, auf die sie besonders stolz sind.

Das Tattoo zeigt einen Mann, der einen Mund-Nasen-Schutz trägt und "COVID-19" über der Augenbraue stehen hat

Rami "Ramo" Rosvall, Finnland, tätowiert seit 14 Jahren

VICE: Wie viele Anfragen für ein Covid-Tattoo hast du schon bekommen?
Ramo:
Schon einige, aber ich konnte bisher nur eins stechen, weil meine Warteliste so lang ist.

Was hat dich bei diesem einen Covid-Tattoo inspiriert?
Ich habe schon mehrere Designs angefertigt, aber das, das ich gestochen habe, mag ich definitiv am liebsten: ein Porträt von einem Gentleman, der einen Mund-Nasen-Schutz trägt und "Covid-19" über der Augenbraue stehen hat. Für mich steht dieses Motiv dafür, dass es während einer Krise keine Klassenunterschiede gibt. Wir müssen da alle gemeinsam durch – ganz egal, wie viel Geld man besitzt. Mein Kunde wollte einfach ein verrücktes Tattoo, das ihn an diese verrückte Zeit erinnert. 

Glaubst du, dass Covid-Tattoos der neueste Trend sind?
Jetzt gerade schon. Aber so ist es doch immer, wenn irgendein weltweites Phänomen aufkommt, dann gibt es auch Tattoos dazu.

Das Tattoo zeigt eine junge Frau mit Mund-Nasen-Schutz

Mundane Death, Australien, tätowiert seit einem Jahr

VICE: Wie viele Corona-Tattoos hast du schon gestochen?
Mundane Death:
Bis jetzt erst eins, aber Ende des Monats stehen noch ein paar weitere an.

Welche Inspiration steckt hinter dem, das du schon gestochen hast?
Das ganze Jahr 2020. Anfangs lief alles super, dann kam der Lockdown. Von da an ließ ich mich einfach von meiner Umgebung inspirieren und zeichnete monatelang fast nur Latex-Handschuhe, Pestdoktoren und Masken. Die Designs kamen bei meinen Instagram-Followern gut an, ich bekam einige Anfragen. Eine Freundin fand dann die hübsche Frau mit Maske super und ließ sich das Motiv direkt stechen. Jetzt hat sie für immer eine Erinnerung an 2020.

Glaubst du, dass Tattoos mit Covid-Bezug der neueste Trend sind?
Viele Leute wollen offenbar eine dauerhafte Erinnerung an dieses Jahr. Ich finde aber, dass Tattoos auch gut für die mentale Gesundheit sind: Wenn man sich nach längerer Zeit wieder eins stechen lässt, fühlt sich das echt gut an.

Das Tattoo zeigt eine Krankenschwester mit Mund-Nasen-Schutz und verschiedenen Blumen als Verzierung

Woodz, USA, tätowiert seit 15 Jahren

VICE: Wem hast du das Covid-Tattoo gestochen?
Woodz:
Einer Krankenschwester. Sie schrieb mir im April, als die Infektionszahlen immer weiter stiegen und ihr Krankenhaus wegen der vielen schwerkranken Corona-Patienten überfordert war. Sie wollte diese Zeit mit einem dauerhaften Andenken würdigen – quasi eine Erinnerung an den Stress, die Aufopferung und den Verlust. Hoffentlich ist das Ganze irgendwann vorbei und sie kann dann stolz sein, wenn sie ihr Tattoo betrachtet.

Was genau stellt die Tätowierung dar?
Das ist meine Version der Jungfrau Maria als Covid-Krankenschwester mit Mund-Nasen-Schutz. Meine Kundin war die Inspiration dahinter. Außerdem habe ich noch typische Blumen aus ihrem Heimatland in das Design eingebaut.


Auch bei VICE: Krebs im Endstadium – Diese Tattoo-Künstlerin verewigt sich in ihren Motiven


Hast du schon viele Tattoo-Motive mit Covid-Bezug gezeichnet?
Nicht wirklich. Wenn sich jemand eine solche Tätowierung wünscht, dann passe ich das Design individuell an seine oder ihre Erfahrungen, Emotionen und Inspirationen an. Für diese Leute ist das Ganze ja vielleicht eine Art Therapie.

Stehen bei dir demnächst noch mehr Covid-Tattoos an?
Nein. Aber wir haben im Juli unser Studio wieder aufgemacht, seitdem haben wir soviel zu tun wie noch nie zuvor. Tätowierungen sind für viele Menschen ein fester Bestandteil, wenn sie sich mal um sich selbst kümmern wollen. Ich bin mir sicher, dass wir bald viel mehr Tattoos mit Corona-Bezug sehen werden.

Anzeige

Sind solche Designs der neueste Trend?
Ich finde schon. Ich persönlich bin aber auch der Meinung, dass man nicht von einer Pandemie profitieren sollte. Ich steche lieber Tattoos, die den Leuten bei einem Heilungsprozess unterstützen. Irgendwann ist die Pandemie vorbei. Dieser Gedanke motiviert mich in diesen beschissenen Zeiten.

Das Tattoo zeigt eine Cartoon-Version des Coronavirus

David Barão, Portugal, tätowiert seit sieben Jahren

VICE: Hast du schon viele Tattoos mit Covid-Bezug gestochen?
David Barão:
Ja, einige. Und ich liebe sie. Am coolsten finde ich das Coronavirus mit einem 2020-Banner. Fuck 2020!

Warum liebst du diese Tätowierungen?
Ich finde es super, dass so viele Leute sich trauen, sich so etwas stechen zu lassen – also eine ewige Erinnerung an dieses verrückte und beschissene Jahr.

Wem hast du dein erstes Covid-Tattoo gestochen?
Einem langjährigen Kunden, der inzwischen auch ein Freund geworden ist. Eigentlich wollte er am Tag vor unserem Termin verreisen, aber daraus wurde natürlich nichts. Seine Reaktion: eine Corona-Tätowierung.

Was inspiriert dich beim Zeichnen der Corona-Motive?
Tätowierungen basieren wie Musik oder Parfüm häufig auf einem Gefühl. Ich will einfach das Gefühl dieses Jahres in Form von Tattoos einfangen.

Covid-19 hat dieses Jahr so viel verändert. Manche Sachen würde ich am liebsten vergessen, durch manche Sachen habe ich aber auch viel gelernt. Außerdem wird es bestimmt interessant, unseren Enkeln irgendwann diese Tattoos zu zeigen und ihnen die Geschichte dahinter zu erzählen.

Das Tattoo zeigt eine junge, weinende Frau mit Mund-Nasen-Schutz, unter ihr steht das Wort "Devotion"

Dominic Sniatowski, Polen, tätowiert seit vier Jahren

VICE: Welches der von dir gestochenen Covid-Tattoos gefällt dir am besten?
Dominic Sniatowski:
Das ist eine Tätowierung, die ich "Devotion", also "Hingabe" nenne. Sie zeigt das Gesicht einer jungen Frau, der Tränen die Wangen hinunterlaufen und die eine Maske mit einem Smiley drauf trägt.

Was hat dich zu "Devotion" inspiriert?
Das Wort selbst ist eine Hommage an all die Leute, die in den Krankenhäusern arbeiten. Sie haben dieses Jahr so viele schlimme Dinge erlebt, behalten aber trotzdem ihr Lächeln und retten weiter Leben.

Anzeige

Ich wollte ein dramatisches Motiv zeichnen, das die Leute wie ein Schlag in die Magengrube trifft. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwierig es sein muss, in so kurzer Zeit so viel Trauer und Verlust mitzuerleben – vor allem, wenn dazu noch die Ungewissheit kommt und man keine Antworten für die Angehörigen der Verstorbenen hat.

Inspiriert dich Covid-19?
Ja. Ich habe in diesem Jahr viele verschiedene Emotionen empfunden, das regt immer die Kreativität an. Gerade das obige Motiv hat sich quasi von selbst gezeichnet. Ich denke viel an Wörter wie "Schmerz", "Leid" oder "Hingabe" und lasse meiner Kreativität dann freien Lauf. Die Pandemie ist einfach überall und liefert so viele Vorlagen für meine Designs. Manche Dinge haben wir in diesem Ausmaß noch nie gesehen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel Masken. Neben den normalen Mund-Nasen-Schutzmasken tragen die Leute auch noch diese transparenten Schilde aus Plexiglas oder gar Gasmasken. Es ist wie in einem Horrorfilm. Dank der Masken schauen wir den Leuten aber wieder mehr in die Augen, was irgendwie schön ist. Auch aus diesem Grund trägt die Frau auf meinem Covid-Motiv eine Maske.

Folge VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.