Politik

Holocaust-Gedenken: Warum #niewieder viel zu wenig ist

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow und Monty Ott.
27.1.21
Das Konzentrationslager Ausschwitz dessen Befreiung am 27. Januar gedacht wird
Foto: imago | agefotostock

Nie wieder Auschwitz! Adorno dachte seine Forderung sei so selbstverständlich, dass er glaubte, "weder (...) sie begründen zu müssen noch zu sollen". Diese Forderung, dass "Auschwitz nicht noch einmal sei", scheint sich für diese Gesellschaft zu einer nebulösen Chiffre entwickelt zu haben, die im ritualisiert wiederholten "Nie wieder" kulminiert. Dieses "Nie wieder" wird inzwischen so formelhaft wiederholt, dass die Frage erlaubt sei, was damit konkret gemeint ist: "Nie wieder Krieg"? "Nie wieder Diktatur"? "Nie wieder Antisemitismus" scheint es offensichtlich nicht zu sein. Zuweilen sagt man: "Je lauter einer betet, desto weniger glaubt er." 

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Deutschlands Beten ist in dieser Hinsicht ohrenbetäubend. Über kaum ein Thema wird derart leidenschaftlich in Deutschland gestritten, wie über Antisemitismus. Während engagierte Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Autorinnen, so einige Kulturschaffende und eine hochprofessionelle (geschichts-)wissenschaftliche Forschung daran arbeiten, sie mit Leben zu füllen, wird gesellschaftlich und medial über den Begriff gerungen. Es sei zu bemerken, dass häufig nicht die Substanz, sondern die Ausdrucksform im Zentrum des Diskurses stehen. 

Wenn ein jüdischer Schüler gemobbt und angegriffen wird, ist das schon Antisemitismus? Wenn ein jüdischer Student mit einem Klappspaten angegriffen wird, weil er offen als Jude zu erkennen ist und der Täter von einer jüdischen Weltverschwörung phantasiert und einen Zettel mit einem Hakenkreuz bei sich hat, ist das schon Antisemitismus? Wenn tausende Menschen über deutsche Straßen ziehen, die von einer Weltverschwörung phantasieren und die Maßnahmen gegen die Pandemie mit der nationalsozialistischen Zustimmungsdiktatur gleichsetzen, ist das schon Antisemitismus? Wenn das Existenzrecht des jüdischen Staates in Frage gestellt wird, ist das schon Antisemitismus? Darf jemand in Deutschland als 'glühender Antisemit' bezeichnet werden, der Stereotype vom "Finanzjudentum" verwendet? 

In Deutschland ist das laut Gerichtsurteil nur jemand, der die "Überzeugungen teilt, die zu der Ermordung von 6 Millionen Juden unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft geführt haben". Da liegt der Kern des Problems: Dieses Verständnis begrenzt Antisemitismus auf den Mord an 6 Millionen Jüdinnen und Juden. Darunter geht nichts. Dabei hat der nationalsozialistische Rassenwahn nicht erst in Auschwitz begonnen. 

Am 27. Januar, der Tag, an dem vor 76 Jahren das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde, rücken die Verbrechen Nazi-Deutschlands wieder in das kollektive Bewusstsein. Dafür sorgen Fernsehsendungen, Gedenkrede, Kranzniederlegungen, Streichquartette. Die Bundesrepublik Deutschland bestimmt ihren Platz in der Welt durch die Distanz zum nationalsozialistischen Regime und seiner Ideologie. Dabei sind die Kontinuitäten offensichtlich. 

Es beginnt beim Sprachgebrauch: "Jedem das Seine” oder “asozial”, alles Begriffe, die auch in der Denkweise an nationalsozialistische Vorstellungen anknüpfen, sind immer noch weit verbreitet. Jüdinnen und Juden müssen in der deutschen Gesellschaft mit Ausgrenzung und Gewalt rechnen, sobald sie sich als solche zu erkennen geben. Viele halten es geheim. Das ist auch deutscher Alltag. Die Bedrohungslage ist vielfältig. Der anfangs beschriebene Diskurs beschäftigt sich nicht mit Lösungsmöglichkeiten, mit antisemitischen Kontinuitäten, oder mit der eigenen Verwicklung. Es hat seit dem Historikerstreit 34 Jahre gedauert, aber jetzt steht die Diskussion um die Singularität der Shoa und die Spezifika von Antisemitismus wieder im Zentrum gesellschaftlicher Debatten. 

Würde nur mit derselben Leidenschaft diskutiert werden, wie Antisemitismus der Garaus zu machen ist? Würde nur mit derselben Leidenschaft antisemitischen Vorfällen und Äußerungen entgegnet. Das ist es, was "Nie wieder" heute bedeuten sollte. Es darf genauso wenig wie die Erinnerung an Auschwitz zu einer allgemeinen Chiffre werden, sondern muss als Inbegriff einer konkreten Ideologie verstanden werden: des Antisemitismus. Auschwitz war keine Besserungsanstalt, es war eine Mordfabrik, ein Ort, der den antisemitischen Wahn auf seine grausamste Weise in die Tat umsetzte. Auschwitz ist eine Wunde, die sich nicht schließen lässt und in der deutschen Gesellschaft eitert sie. Die Ermordeten werden nicht wieder auferstehen. Deshalb braucht es schonungslose und kritische Selbstreflexion in der deutschen Gesellschaft. 

Doch wie sehr findet eine kritische Selbstreflexion statt? Wenn bei Pegida "auschwitzen" skandiert wird, wenn Deutschrapper geschmacklose Auschwitz-Lines bringen, der Hashtag Auschwitz wegen eines "Witzes" auf Twitter trendet oder die Situation im Gazastreifen mit Auschwitz verglichen wird? Adorno formulierte einmal, dass es wichtig wäre, "das Geschehen zur Sache der eigenen Verantwortung zu machen" und "sich selbst als schuldig (…) [zu erfahren], auch an dem, woran (…) [man] im handgreiflichen Sinne nicht schuldig ist." 

Das bedeutet nicht, hier eine persönliche Schuld zu formulieren, sondern die Verantwortung zu erkennen. Die Verantwortung sich mit dem Antisemtismus in der deutschen Kultur, deutschen Familiengeschichten und im Alltag zu beschäftigen. Damit Judentum nicht mehr im Hochsicherheitstrakt stattfinden muss. "Nie wieder Auschwitz" muss folglich zur Maxime unseres alltäglichen Handelns werden.

Ruben Gerczikow ist Vize-Vorsitzender der European Union of Jewish Students. Monty Ott ist Doktorand und ehemaliger Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. Gemeinsam engagieren sich die beiden im jüdischen Medienprojekt Laumer Lounge.

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