Instagram-Uploads von Tattoo-Artist Dusty Brasseur
Fotos von Duza aka Dusty Brasseur aus Frankreich | DustyDuza
Tech

Verbotene Brüste: Wir veröffentlichen die Fotos, die Instagram gelöscht hat

Gegenüber VICE räumt Instagram jetzt einen Fehler ein.
6.11.20

Instagram hat eine strenge Kleiderordnung. Menschen müssen ihre Körper ausreichend verhüllen, wenn sie sich auf der größten Fotoplattform der Welt zeigen möchten. Vor allem, wenn sie Brüste haben, denn weibliche Brustwarzen sind auf Instagram laut Richtlinien weitestgehend tabu. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Skulpturen und Gemälde sowie Frauen, die stillen oder ihre Narben nach einer Brustamputation zeigen.

So strikt ist nicht einmal die FSK, die in Deutschland Altersfreigaben für Filme erteilt. Ein führender FSK-Mitarbeiter erklärt auf einer Infoseite, Nacktheit allein sei kein Grund, einen Film nicht auch für jüngere Kinder freizugeben. Sogar katholische Kirchenfenster zeigen die biblische Eva mit entblößten Brüsten. Aber wenn es um Nacktheit geht, sind Instagram und Mutterkonzern Facebook päpstlicher als der Papst.

VICE-Recherchen zeigen nun: Bis vor Kurzem hat Instagram bei Nacktheit eine noch strengere Linie verfolgt als bisher bekannt. In mehreren Fällen wurden selbst solche Inhalte entfernt, die eigentlich erlaubt sein sollten. 

Acht Tattoo-Künstlerinnen und -Künstler hatten sich bei VICE gemeldet, weil Instagram einen oder mehrere ihrer Uploads überraschend entfernt hatte. Die auffällige Gemeinsamkeit der gelöschten Fotos: Sie zeigen Frauen, die ihre Brüste mit den Händen verhüllen.

Instagram verbietet "impliziten" Geschlechtsverkehr

Eine der betroffenen Tätowiererinnen ist Jen Tonic. Sie arbeitet in einem Tattoo-Studio in Berlin-Neukölln und präsentiert ihre Arbeit auf Instagram. Dort folgen ihr inzwischen mehr als 300.000 Accounts. Anfang Oktober wurden gleich vier ihrer Uploads von Instagram gelöscht, angeblich wegen "Nacktheit" oder "sexuellen Handlungen". 

In einer Mitteilung an Jen erklärte Instagram, sie habe gegen "Richtlinien zu sexuellen Inhalten" verstoßen. Verboten sind demnach unter anderem "impliziter Geschlechtsvekehr" und die "Stimulierung von Genitalien, After, unbedeckten weiblichen Brüsten und Brustwarzen". Nur – was hat das mit Jens Fotos zu tun? 

"Ich finde es anmaßend, einer Kundin von mir vorzuwerfen, dass sie eine sexuelle Handlung vollzieht, nur weil sie ihre Brüste bedeckt. Das ist völlig daneben", sagt Jen gegenüber VICE. Die Frauen würden einfach ihre Tätowierungen zeigen, und manche seien eben in der Nähe der Brüste. "Es geht ja gerade darum, die Brustwarzen zu verhüllen, weil das auf Instagram nicht erlaubt ist." 

Als VICE die Pressestelle von Instagram mit dem Fall konfrontiert, gesteht die Firma einen Fehler ein. Die Posts seien fälschlicherweise von der Plattform genommen worden und nun wieder online, wie eine Sprecherin mitteilt. "Kürzlich haben wir unsere Regeln in Bezug auf bedeckte Brüste überarbeitet." 

Das Timing ist interessant; der zeitliche Zusammenhang zwischen der Presseanfrage von VICE und dem Update der Instagram-Regeln für "bedeckte Brüste" könnte aber auch reiner Zufall sein oder mit dem prominenten Fall des US-Models Nyome Nicholas-Williams zusammenhängen, die ein ähnliches Problem hatte.

Jen Tonic bestätigt gegenüber VICE, dass zumindest zwei ihrer vier gelöschten Fotos wieder online seien. Die verbliebenen zwei befänden sich aber noch in Überprüfung, wie ein Screenshot von ihr zeigt. Insofern war es offenbar nur teilweise korrekt, dass die Fotos wieder zu sehen sein sollen.

In einem weiteren Teil der E-Mail, den wir nicht direkt zitieren sollen, geht die Sprecherin näher auf die Hintergründe der Löschungen ein. Demnach sei das Zusammendrücken von Brüsten auf Instagram verboten. Mit einem Update der Richtlinien wolle Instagram aber auf Feedback reagieren.

Die neuen Regeln lassen sich sinngemäß so zusammenfassen: Die eigenen Brüste anzufassen ist OK, sie zu kneten ist verboten. So sei es künftig erlaubt, wenn Menschen sich selbst umarmen würden oder die eigenen Brüste hielten. Weiterhin nicht erlaubt sei aber eine Greifbewegung, die eine deutliche Veränderung im Bereich der Brüste ergebe.

Kurzum: Es sollte wohl künftig kein Problem mehr sein, wenn Frauen ihre Brüste mit den Händen verhüllen – nur zu fest drücken sollen sie nicht.

Schon öfter standen Instagram und Facebook in der Kritik, weil sie vermeintlich sexualisierte Bilder gelöscht haben. So hatte Facebook im Jahr 2016 das weltbekannte Foto der 9-jährigen Phan Thi Kim Phuc im Vietnamkrieg wegen Nacktheit gelöscht – ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte, das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Entscheidung wurde rückgängig gemacht. Im Jahr 2017 veröffentlichten Künstlerinnen ein Buch mit weiteren Fotos, die Instagram entfernt habe; demnach sei auch sichtbare Intimbehaarung ein möglicher Grund für Löschungen.

Im engeren Wortsinn betreiben die Plattformen keine Zensur, denn das können eigentlich nur staatliche Akteure. Aber man kann auch anders argumentieren: Die Plattformen kontrollieren die wichtigsten Schauplätze für den öffentlichen Diskurs im Internet, insofern haben sie durchaus eine politische Funktion. Es ist politisch, wenn Instagram weibliche Brustwarzen wegen Anzüglichkeit löscht, aber nicht-weibliche Brustwarzen online lässt

Instagram drohte, das Konto zu löschen

In den öffentlichen Gemeinschaftsrichtlinien von Instagram steht nichts von jenen "Richtlinien zu sexuellen Inhalten", die Tattoo-Künstlerin Jen Tonic angezeigt wurden. Von "implizitem" Geschlechtsverkehr und der "Stimulierung" von Brustwarzen ist auf dieser Seite keine Rede. Wohl aber in den Gemeinschaftsstandards von Facebook. Auch wenn Facebook und Instagram zusammengehören, lässt sich so für Nutzerinnen und Nutzer nicht unmittelbar und übersichtlich erkennen, an welche Regeln sie sich halten müssen.

Instagram hatte Jen Tonic etwas schroff über ihren angeblichen Regelverstoß informiert: "Dein Konto könnte gelöscht werden", hieß es. Jen sagt: "So eine Meldung ist ein Schock." Instagram sei wichtig für ihren Beruf, um Kundinnen und Kunden zu erreichen. 

Jen schickt uns Screenshots, die zeigen, dass sie gegen die Entfernung der Inhalte widersprochen hat – keine Antwort. Erst die Presseanfrage von VICE hat etwas bewirkt. 

Ihre Reichweite habe nach der Löschaktion gelitten, sagt Jen. Als Beleg zeigt sie eine Bildschirmaufnahme ihrer Account-Statistiken. Demnach erreichen einige ihrer Uploads nach den Löschungen deutlich weniger Menschen als Uploads davor. Ist das Zufall oder steckt dahinter eine zusätzliche Bestrafung? Wir haben die Pressestelle von Instagram danach gefragt und keine klare Antwort erhalten. 

Als Jen ihrer Community von dem Problem erzählte, bekam sie eine Menge Reaktionen von anderen Tattoo-Artists, die Ähnliches erlebt haben. Viele von ihnen haben auch uns geschrieben und sich bereit erklärt, dass wir ihre gelöschten Fotos bei VICE veröffentlichen. 

Die Künstlerinnen und Künstler kommen aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien. Wenn sie sich auf die neuen Richtlinien berufen, sollte es ihnen wohl möglich sein, auch ihre Werke wieder auf Instagram zu zeigen. Bis dahin lassen sie sich zumindest auf VICE betrachten.

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