You Need to Hear This

Die besten Undercover-Hits und Künstler, die ihr 2017 verpasst habt

Aber keine Sorge! Wir sind da, um eure Wissenslücken zu füllen und euch zu erinnern, welche Hits ihr dringend nachholen müsst.

von Juri Sternburg
21 Dezember 2017, 4:16pm

Screenshot von YouTube aus dem Video "Shake One - Saufen und Halligalli - prod. Achim Funk" von Nordachse CashGroup

Das Deutschrap-Jahr 2017 war ein Jahr der Singles, soviel ist klar. Ob "Bros" von RIN, gefühlt jeder im Hotelzimmer produzierte und unvermutet veröffentlichte Song von RAF Camora & Bonez MC oder aktuell "Was du Liebe nennst" von Bausa – der Trend geht immer mehr weg vom Album, hin zum ultimativen Single-Hit. Einige Rapper prophezeien bereits das Ende der Konzeptalben. Das Problem, wenn man sich keine Alben mehr anhört, ist allerdings, dass man nur noch hört, was eh alle hören und deswegen die ein oder andere Perle verpasst, die man zwischen Hitsingle und Outro entdecken könnte.

Aber auch sonst mangelt es in einem Jahr, in dem Deutschrap die Charts dominierte, nicht an verborgenen oder bisher gering geschätzten Tracks. Damit ihr also beim Weihnachtsessen, wenn die Oma fragt, was ihr denn so für Musik hört, nicht Majoe, DCVDNS oder Kurdo sagen müsst, haben wir euch mal ein paar Schmankerl rausgesucht, die eventuell unter eurem Radar geflogen sind. Das hier sind die besten Undercover-Hits 2017.

Sylabil Spill – "Wenn ein Schuss fällt"

Warum Sylabil Spill immer noch zu den Künstlern gehört, die man dem ein oder anderen Hörer nahebringen muss, ist und bleibt ein Rätsel. Spätestens seit seinem Singing bei Xatars Label Kopfnicker Records dürfte der Bonner eigentlich auf sich aufmerksam gemacht haben. Dazu kommt, dass vier Takte ausreichen, um zu verstehen, dass man es hier mit einem kompletten MC im eigentlichen Sinne mit der nötigen Portion Aggressivität zu tun hat. Was will man mehr?

In "Wenn ein Schuss fällt" vereint Sylabil Spill alles, was Rap geil macht. Wenn ihr sein dieses Jahr erschienenes Album Der letzte Weisse König noch nicht gehört habt, holt es jetzt nach. Wenn ihr danach nicht überzeugt seid – geht euch im Wald vergraben.

Joey Bargeld – "Drogen"

Joey Bargeld ist nun schon seit geraumer Zeit kein Geheimtipp mehr. Auch seinen Song "Drogen" konnte man schon seit längerer Zeit auf Live-Gigs und der ein oder anderen Festplatte während der Afterhour pumpen. Veröffentlicht wurde der Song dennoch erst 2017 und hat es (vielleicht erstmals) geschafft, das Thema Drogen im deutschen Rap in seiner ganzen Komplexität zu vertonen. Wo "Grüne Brille" oder "Ich erzähl euch 'ne Geschichte die ist wirklich wahr / Über Janine, ein Mädchen dass erst 14 war" aufgrund ihrer Oberflächlichkeit gnadenlos versagen, schafft es Joey Bargeld ein Stück Musik zu erschaffen, dass die Vielfalt des Drogenrausches mit all seinen Höhen und Tiefen perfekt wiedergibt. Sowohl musikalisch, als auch textlich. Und jetzt hört auf, euch dieses Haschisch zu spritzen, Kids!

Alcatel4 – "100 Girls"

Wer bisher dachte "Boah, geiler Experte, kenn ich alles schon", für den haben wir jetzt etwas ausgebuddelt, womit man definitiv auftrumpfen kann beim nächsten "Den kennt noch keiner"-Talk mit den Nerds von der virtuellen Bushaltestelle. Alcatel4 sind unbekannter als euer geheimster Geheimtipp und haben dennoch mit "100 Girls" den Ohrwurm 2017 für alle Insta-Checker, WhatsApp-Grinder und Tinder-User produziert. Oder für alle, die es werden wollen und statt eines "Na wie geht’s?" lieber mal einen Song schicken wollen. 100 prozentige Erfolgsquote garantiert! Selten wurde der lieblose Akt des Chattens so herzerweichend thematisiert. Und wenn ihr da ganz oft draufklickt, wer weiß, vielleicht machen die Jungs einfach noch einen Track. Das wär der Wahnsinn!

Shacke One – "Nordberlinflows"

MC Shacke One aus Nordberlin ist der Prototyp des Berliner Undergroundrappers. Nicht, dass es davon nicht schon ein paar gäbe, aber solange die Qualität weiterhin so hoch bleibt wie bisher, ist daran ja nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Massig Flows, Skillz, Punchlines und Jokes, alles verrührt zu einer durch und durch sympathischen Melange aus Graffiti, Späti-Bier, Bossen & Bumsen. "030 Subkultur gegen deinen Einheitsbrei / Bossen und Bumsen, die Feuerpause ist vorbei".

Sein eben erst erschienenes Album ist jetzt schon auf Heavy Rotation und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das in den nächsten Monaten ändern wird. Ob mit oder ohne seinen Immer-mal-wieder-Partner MC Bomber: Shacke bleibt Macht. Bestes Indiz dafür, ist dieser wundervolle Song aus seinem neuesten Werk.

Nepumuk & Sir Serch – "Substanz"

Sir Serch ist seit Jahren dabei. Sir Serch hat schon mit diesen und jenen Leuten gearbeitet, als diese und jene Leute noch niemand waren. Sir Serch klingt ein wenig wie der und der, mit einer Mischung von dem. Sir Serch ist seit Jahren verschwunden. Sir Serch lebt jetzt im Wald und hat dem Rap abgeschworen. Alles Quatsch!

Sir Serch macht einfach seit Jahren Musik, vollkommen unabhängig von Labeldeals oder seinem Beruf als Schauspieler. Dieses Jahr hat er nicht nur zusammen mit Nepumuk die EP La Boheme veröffentlicht, sondern auch gleich noch sein Album Hasenblues auf Dropbox for free veröffentlicht. Wer den oft zitierten "Real Rap" unterstützen will, ist hier definitiv an der richtigen Adresse. Und wer das nicht will, auch! Denn Sir Serch geht an die Substanz.

Fruchtmax – "iPhone"

Harter Break. Fruchtmax hat mit seiner EP dieses Jahr bewiesen, dass er die Last des vermeintlichen One-Hit-Wonders entweder nie gespürt oder gekonnt abgelegt hat. Unbeeindruckt wie eh und je musiziert er sich durch MDMA-Trips, Diskotheken und fragwürdige Liebschaften. Mit "iPhone" hat er einen weiteren Hit der Kategorie "Hauptsache, es macht Spaß" hingelegt, der nicht nur durch das amüsante Video besticht, sondern trotz oder gerade wegen des etwas dudeligen Beats seine hitlastigen Momente hat. Definitiv ein Song, der dieses Jahr zu kurz gekommen ist, auch wenn sich der ein oder andere Realkeeper sicherlich auf den Schlips getreten fühlt, bei soviel Unbekümmertheit. Aber alte Menschen ärgern macht halt einfach Spaß.

Der Täubling – "Du Penner"

Über den Täubling weiß man gleichzeitig ziemlich viel und dennoch irgendwie ziemlich wenig. Er kommt offenbar aus Leipzig, trägt gerne Frack und eine Hasenmaske und scheint in seiner Jugend eine Menge Taktloss und KIZ gehört zu haben. Bis hierhin alles sehr löblich. Und auch sein dieses Jahr erschienenes Album Der Täubling wartet mit einer gelungenen Mischung aus Dadaismus, Nachdenklichkeiten, Absurditäten und erfrischend respektlosen Punchlines auf. Kostprobe gefällig? "Nein, ich hab nicht gegähnt, ich hab versucht dir ins Gesicht zu kotzen".

Der Kunstfigur auf die Schliche zu kommen, erweist sich als etwas schwerer. Schubladen werden gekonnt vermieden. Es gibt Schlimmeres. Auch wenn er auf einigen Tracks sehr schmal am Slam-Poetry-Abgrund balanciert, sind Tracks wie "Du Penner", "September" oder "Für Jean Baptiste" kleine Meisterwerke, die auf mehr hoffen lassen. Und jetzt hör' das, du Penner!

Capo – "Intro"

Capo hat schon 2013 das Pech gehabt, dass man ihn nicht so richtig ernst nahm. Er wurde von vielen als Popversion von Haftbefehl wahrgenommen, die musikalische Seite seiner damals neuen Songs als "Mainstream" abgetan. Sein (auch heute noch gut hörbares) Album Hallo Monaco war jedoch tatsächlich einfach seiner Zeit voraus, was den deutschen Markt betrifft. Was andere Rapper gerne von sich behaupten, ist hier Realität: Die Leute haben es damals einfach nicht verstanden.

Inzwischen klingen hunderte Rapper wie Capo vor vier Jahren und eventuell ist das auch der Grund, warum sein neues Album Alles Auf Rot erneut nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient. Ist aber auch vollkommen egal, denn allein das Intro des Albums reicht aus, um zu verstehen, dass es hier um mehr geht als den nächsten "Samba Samba, alle Arme in die Luft"-Rap-Gassenhauer. Mit fast überschlagender Stimme erzählt Capo von seinem Werdegang und seiner Jugend, dem Tod seines Vaters und allem Drumherum. Kitschig, aber immer glaubwürdig. Wenige Songs haben dieses Jahr textlich so einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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