esoterik

Vom Weltuntergang, Guru-Currys und Schweinegedichten: Zu Besuch bei einem veganen Kult

Hinter der vegangen Restaurantkette Loving Hut steckt mehr als nur Essen und eine Philosophie. Nämlich eine Frau, die sich für den direkten Kontakt zu Gott hält.

von Susanne Herresthal
17 März 2018, 3:00pm

Symbolfoto: imago | UIG


Zwischen aufgemalten Herzen und Bildern von fröhlich lachenden Menschen hängen an den Wänden der Wiener Loving-Hut-Filiale Plakate über die "vegane Elite". An einem Tisch im hinteren Eck blättere ich durch die Speisekarte des Lokals: Ich habe unter anderem die Wahl zwischen einem "Peace Burger", einem "Mutter Erde Salat" und dem "Curry des Gurus". Ich entscheide mich für das Curry.

Eine dauerlächelnde Kellnerin nimmt meine Bestellung entgegen, während im Hintergrund stumm ein Fernseher läuft. Zu sehen sind Nachrichten von Supreme Master TV – einem Sender, der ausschließlich positive Beiträge ausstrahlt: süße Tiervideos, gute Nachrichten aus aller Welt, Naturaufnahmen und Lebensweisheiten.

Da TripAdvisor-User Loving Hut auch als "Das beste vegane Restaurant in Wien" beschrieben, warte ich umso erwartungsvoller auf mein Essen. Während ich hungrig herumsitze und gelangweilt den beiden Menschen neben mir beim Gespräch über ihre letzte Yogasession zuhöre, wird im Fernseher ein Buch über Nahtoderfahrungen vorgestellt. Darauf folgt das Format "Spirituelle Weisheiten aus dem Himmel". Was gerade genau läuft, kann ich durch die ganzen Untertitel kaum erkennen. Supreme Master TV wird in bis zu 20 verschiedene Sprachen übersetzt, die alle gleichzeitig als Untertitel eingeblendet sind. Der Fernsehsender läuft 24/7, auch live im Internet. Hier könnt ihr euch selbst ein Bild davon machen.

Bei Loving Hut handelt es sich allerdings nicht nur um ein Restaurant mit offensiver Veganismus-Linie, sondern auch um einen Kult. Als Begründerin und "Supreme Master" gilt die Vietnamesin Ching Hai. Private Informationen zu ihr gibt es kaum. Geboren wurde sie laut ihrer Website 1950. Schon als Kind sei sie "nicht gewöhnlich, sehr intelligent, mit einem überragenden Charakter" gesegnet gewesen, heißt es dort. Laut derselben Quelle soll sie außerdem einige Zeit als Übersetzerin für das Deutsche Rote Kreuz gearbeitet haben.

In dieser Zeit habe sie auch erkannt, dass es "für eine einzige Person unmöglich sei, das menschliche Leiden" zu stoppen – nur die "Erleuchtung" könne das menschliche Leid beenden. Um sich vollkommen auf die Erleuchtung und das Ende des menschlichen Leids zu konzentrieren, trennte sie sich von ihrem Mann – und baute ein Imperium auf.


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Mittlerweile lebt sie unter dem Namen "Celestia De Lamour" in den USA und besitzt nicht nur eine Restaurantkette, sondern auch die Website God's Direct Contact , einen dazugehörigen TV-Kanal sowie einen Onlineshop, in dem man Kleidung, Kunst, Lampen, Schmuck und veganen Fleischersatz kaufen kann.

Eine Malerei kostet dort zwischen 103 und 425 Dollar. Kostenlos ist nur die Literatur: Zum Download stehen Aphorismen, Bücher und Gedichte; unter anderem ein Gedicht mit dem Titel "Worte eines Schweinchens", aus dem der folgende Auszug stammt:

"… Liebevoll schautest du mich an
Und begeistert: ‘Oh, so rund, wie süß!‘
Jeden Tag besuchst du mich
Brachtest kühles Wasser und köstliche Veggie-Leckereien …

Verfasst von der höchsten Meisterin Ching Hai mit Ende 20"

Der Weg zur Toilette in der Wiener Filiale ist voll von Ching Hais Bildern. Es sind hauptsächlich Malereien von Landschaften und vom Himmel, eingerahmt in Gold. Offiziell dürfen Franchise-Nehmer die Dekoration und die Speisekarte selbst auswählen. Nur Supreme Master TV und Bücher von Ching Hai müssen vorhanden sein, um den Gästen die Philosophie des Kults zu vermitteln.

Aber worum genau geht es in Ching Hais Weltbild? Der Kult ist esoterisch; im Zentrum steht die sogenannte Quan-Yin-Methode. Darunter verstehen ihre Anhänger eine Art von Meditation, die das "innere Licht und das innere Wort" ansprechen soll (und damit vermutlich nicht viel anders als, sagen wir, alle anderen Arten von Meditation ist). Nur wenn beides angesprochen werde, sei es möglich, zu Gott zu finden.

Welcher Religion man angehört, ist dabei unwichtig. Das wirklich Wichtige scheint die vegane Ernährung zu sein – eine absolute Grundvorraussetzung, um "Erleuchtung" zu erfahren. Durch vegane Ernährung könne man wortwörtlich die Welt retten. Und die hat es laut des Kults dringend nötig: Bereits 1997 und 2012 prophezeite Ching Hai den Weltuntergang, der nur durch ihre Anhänger verhindert werden konnte.

Eine Frau berichtet, dass sie von einer von Ching Hai gesegneten Süßigkeit geheilt worden sei.

Neben dem Veganismus und der Quan-Yin-Methode sind fünf Grundregeln wichtig: nicht Töten, nicht Stehlen, nicht Lügen, keine Drogen und kein sexueller Missbrauch. Darüber hinaus soll man alles Schlechte nicht nur aus dem Handeln, sondern auch aus dem Denken verbannen. Nur positives Denken ist erlaubt.

Die Psychologin Ulrike Schiesser von der österreichischen Bundesstelle für Sektenfragen erklärt im Interview mit VICE, warum dieses Verhalten gefährlich werden kann: "Emotionen in der Richtung Wut, Ärger und Verletztheit werden weggespült und ein Harmonieteppich drübergeschmissen. Untendrunter brodelt es und oben drüber entsteht eine zwanghafte Fröhlichkeit miteinander."

Diese zwanghafte Fröhlichkeit merke ich auch im Restaurant. Entspannungsmusik läuft im Hintergrund, die Kellnerin spricht ebenso langsam, wie sie sich bewegt, und ihre Stimme ist auffällig leise. Dazu lächelt sie immer.

Sektenexpertin Schiesser erklärt, dass man seine real bestehenden Probleme möglicherweise nicht ausleben könne, wenn man dauerhaft fröhlich sein muss. Hinzu komme, dass der Kult jegliche Kritik unterbinde.

Doch nicht nur im Emotionalen, auch im Privatleben könne der Kult negative Auswirkungen haben: Weil sich Ching Hai für den direkten Kontakt zu Gott hält, erwartet sie von ihrer Anhängerschaft, in ständigem Kontakt mit ihr – und somit zu Gott – zu stehen, da nur so "Erleuchtung" geschehen könne. Diesen direkten und ständigen Kontakt soll auch der Fernsehsender ermöglichen. Das erschwert zusätzlich die Abgrenzung und Selbstbestimmung der Anhänger.

Hinzu kommt eine tägliche zweieinhalbstündige Meditation, um den Kontakt weiter zu intensivieren. Ulrike Schiesser erzählt von einem Fallbeispiel, in dem ein Elternteil stundenlang meditierte, um den Kindern positive Energien zu schicken. Dass im tatsächlichen Leben überhaupt nichts mehr mit der Person anzufangen war und sich alles nur noch um die "Meisterin" drehte, war den betroffenen Anhängern nicht bewusst. Ähnliche Geschichten finden sich online auf diversen Blogs; darunter auch von Aussteigern, die vor Ching Hai warnen. So wirke die Gruppe erst harmlos, setze aber bewusst auf Shaming und Schuldzuweisungen, um Kontrolle über ihre Mitglieder zu erlangen – und aufrecht zu erhalten.

Dennoch wird Ching Hai von ihrer Anhängerschaft verehrt. Eine Frau berichtet etwa, dass sie von einer von Ching Hai gesegneten Süßigkeit geheilt worden sei. In San Jose, USA, berichtet ein Mann, dass seine Frau ihre Kinder zu schlagen drohte, wenn diese sich weigern sollten, täglich mit ihr nach der Quan-Yin-Methode zu meditieren. Ebenso finden sich im Netz einige Erzählungen von Menschen, die ihre PartnerInnen verlassen haben, um der Erleuchtung näher zu kommen und Ching Hai vollständig zu dienen.

Das Dienen kann in esoterischen Kreisen verschiedene Gesichter haben. Manche Mitglieder leisteten unbezahlte Lohnarbeit in der französischen Loving-Hut-Filliale. Andere erschufen 2004 illegal eine künstlichen Insel mitten in einem US-amerikanischen Nationalpark.

Darüber hinaus wurde gegen Ching Hai wegen eines illegalen Geldtransfers in Höhe von zwei Millionen Dollar ermittelt. Und sowohl Bill Clinton als auch UNICEF nahmen ihre Spenden in Höhe von 600.000 Dollar und 100.000 Dollar nicht an, nachdem sie sich mit ihr näher auseinandergesetzt hatten.

Die Gäste im Wiener Loving-Hut-Restaurant scheint dieses Wissen nicht weiter zu belasten – oder aber, es ist ihnen genauso unbekannt wie mir bis vor Kurzem. Bei meinem ersten Besuch war jedenfalls jeder Tisch in der Filiale reserviert. Die Besucher reichten von Rockern mit gefärbten Haaren und Piercings bis zur klischeehaftesten Hippie-Familie. Und zugegeben, das "Curry des Gurus" ist tatsächlich lecker. Trotzdem werde ich mein nächstes veganes Curry wohl eher in einem der unzähligen anderen Restaurants essen, die eines auf der Karte haben. Ganz ohne zwielichtigen Kult-Hintergrund.

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