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Ex-Drogenabhängige erzählen, wie sie den Absprung geschafft haben

“Ich stellte mir meine Eltern vor, die an meinem Krankenhausbett weinen.”

von Caroline Thompson; illustrationen von Lia Kantrowitz
23 Juni 2017, 2:06pm

In Deutschland und anderen Ländern steigt seit Jahren die Zahl der Drogentoten. 2016 waren es hierzulande 1.333 Todesfälle, das sind neun Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings ist das nur die Statistik für illegale Rauschmittel. Alkohol und Tabak, die oft nicht als "Drogen" verstanden werden, sind mit Abstand die größten Killer: Jährlich sterben in Deutschland laut der Hauptstelle für Suchtfragen e.V. 74.000 Menschen an den Folgen des Konsums dieser beiden Substanzen.

Doch eine Abhängigkeit muss kein Todesurteil sein. Wir haben uns mit vier genesenden Drogenabhängigen unterhalten und sie gefragt, wann und wie sie gemerkt haben, dass es Zeit für einen Schlussstrich ist.

Molly, 32

Ich bin sehr arm aufgewachsen, als Teil der sogenannten "White Trash"-Schicht der USA. Ich bin die erste Person in meiner Familie, die studiert hat und die keinen Ausbildungsberuf macht. Es gibt auf beiden Seiten meiner Familie Alkoholismus, und als ich mein Studium anfing, trank ich auch sehr viel. Meine Mutter warnte mich, dass die erbliche Komponente das Trinken für mich gefährlich macht, aber ich hielt das für Blödsinn. Sie hatte ja nicht studiert und wusste nicht, dass Kampftrinken zur Uni-Kultur gehört. Für mich hat es einen neuen Lebensabschnitt markiert. Ich hielt sie für verrückt!

Es fing mit Alkohol an und entwickelte sich von da aus langsam weiter. Das studentische Partysaufen wurde zu einer ausgewachsenen Sucht, die ich vor allen versteckte. Ich wollte wirken, als hätte ich mein Leben im Griff, aber ich mischte mir heimlich Wodka in die Limo und trank jeden Morgen vor der Arbeit.

Meine Psyche machte das nicht lange mit. Ich bekam vor wichtigen Meetings in der Arbeit Panikattacken und konnte meinen Job immer schlechter erledigen. Ich ging deswegen zu einer Psychiaterin, und als die mich fragte, wie viel ich trank, war ich ehrlich. Sie sagte, ich bräuchte dringend Hilfe mit meiner Sucht, aber ich wischte das irgendwie beiseite, obwohl es mir auch damals schon einleuchtete. In meiner Vorstellung waren Alkoholiker und Drogensüchtige Leute, die auf Parkbänken schlafen und stinken. Dass jemand mit meinem Lebenswandel eine Abhängige sein könnte, war mir gar nicht richtig klar.


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Bei der Superbowl-Party einer Freundin kam dann der Wendepunkt. Ich musste am nächsten Tag arbeiten, also nahm ich mir vor, mich beim Trinken zurückzuhalten. Aber als ich meine Weinflasche geleert hatte, ging ich zu Bier und Mixgetränken über. Nach der Party zog ich weiter in eine Bar, und plötzlich ging die Sonne auf und ich musste in die Arbeit. Das war auch nicht das erste Mal. Ich saß betrunken an meinem Schreibtisch und dachte: "Was zur Hölle tue ich mir da an? Ich bin über 30 und feiere immer noch wie ein wilder Teenager." Ich war so depressiv. Ich fühlte mich, als hätte man mir mit einem Buttermesser die Seele rausgekratzt. Es musste einfach aufhören.

Zuerst ging ich unregelmäßig zu einer Selbsthilfegruppe. Ich versuchte drei Monate lang, auf eigene Faust trocken zu werden, aber schaffte es einfach nicht. Dann versuchte ich es mit einer ambulanten Therapie, hatte aber einen Rückfall. Meine Therapeutin schlug einen Klinikaufenthalt vor. Während ich dort war, verlor ich meinen Job, aber es war mir egal. Ich hatte es einfach dringend nötig. Dort konnte ich endlich das ganze Trauma aufarbeiten, das ich schon mein Leben lang vor mir herschob. Ich hatte meine Gefühle mit Drogen verdrängt, und dort habe ich gelernt, sie überhaupt an mich heranzulassen.

Weil ich arbeitslos war, musste ich einen neuen Weg einschlagen. Ich startete meine eigene Firma für Seife und Bio-Hautpflege, die ich in meiner Küche herstellte. Und ich hatte damit sogar Erfolg! Es ist so schön, in einen Laden zu gehen und meine Produkte im Regal zu sehen.

Trocken sein ist großartig, aber manches wurde dadurch auch schwerer. Ich hatte viele Freunde, von denen ich dachte, wir stünden uns nahe. Aber rückblickend erkenne ich, dass die ganzen Unterhaltungen, die uns zusammenschweißten, immer betrunken um 3 Uhr nachts stattfanden. Als ich nüchtern mit ihnen aus war, kam mir alles so verkrampft und peinlich vor. Aber insgesamt habe ich kein Problem damit, meine Partyfreunde nicht so oft zu sehen.

Ich habe gerade ein Jahr Nüchternheit gefeiert. Wenn ich an mein altes Ich zurückdenke, tut diese Person mir furchtbar leid. Sie hatte so viel Potential, stand sich aber selbst im Weg. Ich bin so dankbar, dass das nicht mehr der Fall ist.

Sean, 25

Ich komme aus einer Bilderbuchfamilie, mit zwei liebevollen Eltern und einem eng verknüpften Kreis von Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins. In der Schule war ich sehr gut, außerdem trieb ich Sport und hatte viele Freunde. Trotz alldem war ich unglücklich und hasste mich selbst schon in jungen Jahren. Ich fühlte mich immer minderwertig, und diesem Gefühl wollte ich entkommen.

Mein Drogenkonsum fing als Spaß an und sah aus wie der eines Durchschnittsjugendlichen: Gras rauchen und trinken an den Wochenenden, manchmal auch unter der Woche. Es wurde zum Problem, als ich beschloss, Drogen und Alkohol zu einem wichtigen Teil meiner Identität zu machen. Es gefiel mir, als Partylöwe zu gelten, weil ich endlich das Gefühl hatte, gut in etwas zu sein.

Es gab immer wieder Augenblicke, in denen ich einen Schritt zurücktrat und dachte: "Was zur Hölle mach ich da?" Als ich mir das erste Mal Heroin spritzte, sagte ich mir selbst: "Wenn ich das jetzt mache, wird mein Leben nie wieder so wie vorher." Ich tat es, und ich hatte Recht.

Die Entscheidung, eine Suchttherapie zu machen, kam nicht von mir selbst. Deswegen hatte ich auch gar nicht vor aufzuhören, als ich dorthin ging. Doch während des Programms beschloss ich, es mal zu versuchen. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bin mir fast sicher, dass ich heute nicht mehr hier wäre, wenn ich nicht zu diesem Zeitpunkt aufgehört hätte. Die aktuelle Welle von Überdosen in den USA hat mir vor Augen geführt: Ich hätte leicht sterben oder jemanden totfahren können.

"Wenn du mit Drogen und dem entsprechenden Lebensstil aufhörst, hinterlässt das ein riesiges Loch."

Ich arbeite hart an mir selbst und an meinem Verhältnis zu meiner Umgebung. Ich bin nicht religiös oder spirituell, aber ich befolge ein 12-Schritte-Programm. Mein Gehirn stelle ich mir als Rechner vor, den ich mit meinem Verhalten auf eine bestimmte Art programmiert habe. Ihn neu zu programmieren braucht Wissen, Geduld und viel harte Arbeit. Aber ich habe früh gemerkt, dass es wirklich etwas bringt, diese Arbeit auch zu investieren.

Außerdem umgebe ich mich mit Leuten, die clean sind und sich selbst auch Mühe geben. Nur ein paar meiner Freunde trinken zu bestimmten Anlässen. Beschäftigt zu bleiben, tut mir gut. Wenn du mit Drogen und dem entsprechenden Lebensstil aufhörst, hinterlässt das ein riesiges Loch. Was machst du, wenn du Langeweile hast? Wenn du glücklich bist, oder traurig? Drogen waren früher meine Antwort auf diese Fragen. Ich bin Musiker und stecke so viel von meiner Energie wie möglich in die Musik. So kann ich etwas erschaffen und kann mich und mein Leben für eine Weile hinter mir lassen.

Ich lebe im Hier und Jetzt und tue einfach mein Bestes. Manchmal kann ich immer noch egoistisch sein, aber mir ist definitiv klar, dass ich nicht der Mittelpunkt des Universums bin. Ich habe jetzt das Werkzeug, um mit meinen Problemen umzugehen, und damit ich es nicht verliere, muss ich es weitergeben. Ich habe nicht den Masterplan fürs Leben, aber langsam fühle ich mich in meiner Haut wohl – und genau für dieses Gefühl habe ich ja damals mit den Drogen angefangen. Alles kommt wieder zum Anfang zurück.

Nyah, 22

Als ich 19 war, machte ich eine Phase durch, in der ich schwer alkoholsüchtig war. Heute ist mir das klar. Ich hatte in der Highschool schon ziemlich krass gefeiert, aber auf der Uni wurde es schlimmer. Gleichzeitig erfüllte ich aber alle Erwartungen: Ich stand auf der Dekansliste für herausragende Studierende und besuchte alle Vorlesungen. Meine Dozenten liebten mich und meine Familie dachte, mir gehe es blendend. Aber das war nicht der Fall, ganz und gar nicht.

Es fing mit Kampftrinken an, wie es an Unis üblich ist. Ich hatte montags und freitags keine Vorlesungen, also trank ich jeden Donnerstag-, Freitag-, Samstag- und Sonntagabend bis zur Bewusstlosigkeit und pfiff mir alle Drogen rein, die ich in die Finger bekam. Koks, Molly, oder mein Favorit, mit Meth gestrecktes Ecstasy – damit fühlte ich mich, als würde ich im Video zu Rihannas "We Found Love" leben. Ich tanzte und tanzte, bis ich irgendwann wegpennte, manchmal im Bett und manchmal in der Ecke auf irgendwelchen Hauspartys. Auch psychedelische Drogen nahm ich häufig. Trips schieben gefiel mir eigentlich nicht, aber ich gefiel mir in dieser Rolle.

"Ich hatte Angst, dass ich nie runterkommen würde."

Beim vielleicht 29. LSD-Trip ging mir auf, dass ich mein Leben überdenken musste. Ich hatte ein paar Monate vorher mit dem Trinken aufgehört, nachdem ich von einem Konzert geflogen und in der Ausnüchterungszelle aufgewacht war. Aber statt Alkohol nahm ich dann fast jeden Abend Molly, Koks oder Candy Flips zu mir. An dem Abend hatte ich Pilze genommen und mit einem Tropfen LSD runtergespült. Es ging mir nicht gut. Ich lag zusammengerollt unter meiner Bettdecke im Studentenwohnheim, die Tür abgesperrt. Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, als würde die Welt über mir einstürzen. Es war zu viel. Ich sagte immer wieder: "Ich will nüchtern sein, ich will nüchtern sein." Ich hatte Angst, dass ich nie runterkommen würde, und stellte mir meine Eltern vor, die an meinem Krankenhausbett weinen, weil ich niemals wieder normal werde.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich schrecklich. Aber ich war nicht mehr drauf! In dem Moment wurde mir klar, welch ein Geschenk es ist, nüchtern und bei Verstand zu sein. Ich hatte nie richtig geschätzt, wie schön es ist, die Welt ohne einen chemischen Filter wahrzunehmen. Danach war alles anders. Ich hörte auf, mein wahres Ich hinter den ganzen Drogen zu verstecken. Stattdessen bin ich jetzt einfach, als Teil dieser Welt.

Todd, 50

Am 15. April 1993 wurde ich zum dritten und letzten Mal für Trunkenheit am Steuer angezeigt. Mein Saufgelage hatte am 12. April angefangen. Ich betrank mich und ging nicht in die Arbeit, was bei mir Standard war. Am nächsten Morgen trank ich gleich weiter, dann ging ich zu einem Konzert von Guns 'N' Roses. Ich war so berauscht, dass ich die ganze Show verpasste und meine Freunde nicht finden konnte. Stunden später fanden sie mich: Ich lag auf einem leeren Parkplatz, ohne Schuhe, ohne Hemd und mit offener Hose. Sie brachten mich nach Hause, und ich trank einfach weiter. Als ich am nächsten Morgen eine Bar verlassen wollte, hatte ich einen platten Autoreifen. Ich hielt in einer Werkstatt, wo ich letztendlich dem Typen den Schreibtisch vollpisste. Er rief dann die Polizei.

Sie verhafteten mich mittags mit einem Promillewert von 3,6. Aus irgendeinem Grund war das der Tag, der bei mir alles änderte. Plötzlich meinte ich, mit der Person abschließen zu müssen, die ich bis dahin gewesen war. Ich war bereit, mir ein richtiges Leben aufzubauen.

Warum hasste ich mich so sehr? Warum hatte ich keine Selbstachtung und kein Selbstbewusstsein?

Wann immer ich vorher aufgehört hatte, war es nicht meine Entscheidung gewesen. Immer hatte ich es anderen zuliebe getan, oder weil mir Strafe drohte. Beim letzten Mal hörte ich zum ersten Mal um meiner selbst willen auf.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich nichts mehr. Ich hatte keine Bildung, keinen Glauben, meine Gesundheit verschlechterte sich. Ich hatte Leberprobleme und war einfach insgesamt ein Wrack. Aber ich wollte gesund werden, koste es, was es wolle. Ich musste ins Gefängnis und für mein Handeln büßen. Gleichzeitig entwickelte ich auch den Drang zu verstehen, warum ich so war. Warum hasste ich mich so sehr? Warum wollte ich mich umbringen? Warum hatte ich keine Selbstachtung und kein Selbstbewusstsein? Ich lernte viel über Sucht und darüber, welche Macht ein Trauma haben kann.

Seit 24 Jahren führe ich ein völlig anderes Leben. Ich habe vier großartige Kinder, eine wunderschöne Frau, die mich unterstützt, viele verlässliche, nüchterne Freunde, ich glaube an Gott und ich habe mich gebildet. Das Therapieprogramm, das mir half, hat seit 2001 Tausende Menschen gerettet. Ich konnte meine Sportkarriere wiederbeleben und mache jetzt beim Iron Man mit. Inzwischen habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, Menschen zu den Dingen zu verhelfen, die ich heute gnädigerweise habe. Wenn ich morgens aufwache, bin ich glücklich. Ich habe ein Leben, das auf Empathie, Demut und Dankbarkeit beruht, und es ist fantastisch. Als ich noch auf Drogen war, hätte ich nie geglaubt, dass ich das mal sagen kann.

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