Reisen

Ich habe 23 Stunden auf einer Partyfähre verbracht

Eine Kreuzfahrt von Schweden nach Finnland mit unbegrenzter Alkohol- und Nahrungszufuhr klingt eigentlich nach Spaß. Eigentlich.

von Benjamin Wirström; Fotos von Hampus Andersson
28 Dezember 2017, 5:11am

Alle Fotos: Hampus Andersson

Was ist wohl die schönste Art, die Ostsee zu erkunden? 11 Millionen Menschen jährlich zufolge: betrunken auf einer Fähre zwischen Schweden und Finnland zu kreuzen. Ich bin selbst Schwede und habe den Reiz solcher Kreuzfahrten nie verstanden – und genau deshalb will ich nun diese nordische Sauftour-Tradition am eigenen Leib erleben.

Die Fähre bringt einen von Stockholm ins finnische Turku und zurück. 23 Stunden, in denen man für nur 50 Euro so viel essen und trinken kann, wie man will. Die Schiffsreise ohne All-you-can-eat gibt es schon zum halben Preis – beliebt bei allen Duty-Free-Shoppern, die sich auf der Fähre mit so viel Sprit eindecken wollen, wie sie tragen können. Zu dieser Gruppe gehören sehr viele Schweden und Finnen, immerhin zahlen wir uns für Alkohol ansonsten dumm und dämlich, eine Flasche Absolut Wodka kostet bei uns rund 25 Euro, also in etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Selbst Wein und Bier bekommen wir nur in speziellen Geschäften.

Der Autor am Hafenterminal

Es ist 19 Uhr an einem Freitagabend. Im Stockholmer Hafen wartet der Kreuzer schon am Terminal. Er wird bis morgen Abend mein Zuhause sein, Fuß auf finnischen Boden setzen werde ich nicht. Meine Mitreisenden: junge Paare, Familien mit kleinen Kindern, und jede Menge bereits betrunkene Gruppen von Freunden. Alle sind aufgeregt, aufgedreht, erregt. Ich fühle mich wie der Letzte, der nüchtern zu einer Hausparty auftaucht – wie soll ich da noch aufholen und auf dasselbe Euphorie-Level kommen?

Nach einer Viertelstunde Schlangestehen sind wir alle an Bord, die Passagiere gehen in ihre Kabinen. Meine ist sehr geschmackvoll in Krankenhausbeige und Ausschlagrot gehalten und reich möbliert, mit einem Bett und einem Spiegel. Der Spiegel hängt dort, wo man eigentlich ein Fenster erwarten würde, eingerahmt von sinnlosen Gardinen. Ein gewiefter innenarchitektonischer Kniff, um mir Tageslicht vorzugaukeln.

Der Autor in seiner fensterlosen Kabine

Nach etwa 70 Sekunden bin ich die Kabine so leid, dass ich sie nie wieder von innen sehen will. Zeit, das Schiff zu erkunden. Wohin es mich als erstes zieht, dürfte klar sein: Das All-you-can-eat-Buffet. Es wäre dumm von mir, mich nicht vollzustopfen, und vor allem: volllaufen zu lassen.

Das Licht im Speisesaal ist unbarmherzig grell – ich glaube, wenn ich lange genug an die Decke starre, könnte ich erblinden. Ich will mich schon am Buffet bedienen, doch ein Mitarbeiter weist mir erst mal einen Tisch zu. Ich werde zwischen ganzen vier Männergruppen platziert. Eine von ihnen kann ich nur erahnen, weil uns ein imposantes Monument aus leeren Biergläsern trennt.

Am Buffet gibt es statt schwedischen und finnischen Delikatessen ein etwas verwirrendes Potpourri aus internationalen Gerichten, von Lammeintopf bis Pad Thai. Das viele Essen ekelt mich an, auch wenn ich nicht genau sagen kann, warum. Ich nehme mir ein bisschen von allen vegetarischen Sachen, fülle mein Glas mit Wein aus einem Zapfhahn und ziehe mich damit an meinen Platz zurück.

Ich bin ein ahnungsloser Millennial, der noch nie mehr als acht Euro für eine Flasche Wein ausgegeben hat. Ich habe null Geschmack. Doch als ich den Wein koste, weiß ich sehr genau, dass ich gerade keinen Wein trinke, sondern alkoholhaltiges Wasser mit leichtem Weinaroma. Aber gut, dafür darf man sich ja unbegrenzt bedienen.

Der Speisesaal der Fähre

Während ich esse, geht am Nachbartisch eine Runde "Liedergröhlen" los – ein beliebtes Hobby bei Betrunkenen aller Art. Die Songtexte sind leicht verständlich, sodass der größte Chaotenhaufen in Sekunden einen synchronen Chor bilden kann. Einer der Songs geht so:

"Heja, Sverige!" (Auf geht's, Schweden!)

Nach etwa 20 Wiederholungen dieses Songs führt der Lead-Gröhler seine Kumpane noch durch ein paar schwedische Hits auf Ballerman-Niveau, bevor er mir und anderen Mitreisenden Stolz seinen blanken Hintern präsentiert. Ein widerwilliger Fähren-Mitarbeiter weist ihn zurecht, und damit ist seine Show beendet.

Es geht nichts über ein Glas frisch gezapften Weißwein
Eiscreme zum Dessert – stilvoll direkt auf dem Teller angerichtet

Ich versuche seit etwa zwei Stunden herauszufinden, wie viel Gratis-Wasserwein ich trinken kann, als ich einen Exodus beobachte. Alle anderen Passagiere strömen in den hinteren Bereich des Schiffs. Dem Herdentrieb gehorchend folge ich ihnen. Dort entdecke ich das pulsierende Herz der Fähre: den Nachtclub.

Die ersten Tänzer wagen sich auf den Floor

Und der ist ziemlich groß. Es gibt zwei Floors und eine Bühne, auf der eine Band die größten Après-Ski-Hits covert. Ein paar kleine Grüppchen stehen schon im Kreis und tanzen verhalten – wir befinden uns noch in der Aufwärmphase.

Rebecca & Fiona

Es kommt zu einer spontanen Polonaise, doch dann versammelt sich der Großteil der Crowd vor der Bühne. Das ist wohl mein Signal, um auch mal aufzustehen. Gerade rechtzeitig, um die Headliner des Abends in Empfang zu nehmen: das schwedische DJ-Duo Rebecca & Fiona. Ohne Aufforderung seitens der DJs flippt das Publikum aus, kreischt und reckt die Hände in die Luft. Das hier ist offensichtlich ein wahres Highlight. Hierfür haben wir uns also alle mit Zapfhahnwein abgefüllt.

Die Fähren-Clubber tanzen ausgelassen, es wird viel Bier verschüttet (unter anderem von mir). Wir rutschen und schlingern in den Pfützen umher und es wird warm im Club – ich vergesse schon fast, dass wir in der arktisch kalten Ostsee sind, und sehe zu Rebeccas und Fionas heißen Beats Karibikstrände vor mir. Im Laufe des Abends fühlen sich Teile des Publikums immer wieder inspiriert, das Gitarrenriff von "Seven Nation Army" zu brüllen. Ein universeller Ruf, der deutlich ausdrückt, dass die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hat.

Als die Party ein paar Stunden später endet, zieht es die meisten Passagiere zurück in den Speisesaal, um die Grenzen des All-you-can-eat-Buffets zu testen. Ich bestelle in einem weiteren extrem gut ausgeleuchteten Lokal eine Pizza. Danach stelle ich fest, dass es um mich herum still geworden ist. Die meisten sind in ihre Kabinen verschwunden, also tue ich es ihnen gleich.

Wake up in the morning feeling like ein altes Geschirrtuch, mit dem Tequila vom Boden einer Großraumdisko aufgewischt wurde

Stunden später wache ich davon auf, dass das Schiff schaukelt und bebt. Ich bin kurz davor, meinen letzten Willen als SMS zu verschicken, denn im fensterlosen Dunkel meiner Kabine habe ich keinen Schimmer, was vor sich geht. Und natürlich muss ich in diesem Moment auch noch unfassbar dringend aufs Klo. Zum Glück erblicke ich den Lichtstreif unter der Kabinentür und kann zitternd aus dem Zimmer kriechen. Draußen erlange ich mein Gleichgewicht und Teile meines Verstands zurück und beschließe, an Deck zu gehen.

Zum ersten Mal seit meiner Abreise atme ich Frischluft und besinne mich darauf, dass es auch noch eine Außenwelt gibt. Ich lasse den Blick über die Ostsee schweifen, über den wolkenverhangenen Himmel und die paar verkaterten Schweden, die sich an der Reling festhalten und aussehen wie Zombies. Verspätet geht mir auf, dass ich einer von ihnen bin.

Es ist kurz nach Mittag, und die Fähre ist bereits auf dem Rückweg nach Stockholm. Ein bisschen traurig bin ich schon, dass ich nichts von Finnland gesehen habe – aber mir ist auch klar, dass es bei einer Sauf-Kreuzfahrt nicht darum geht, fremde Länder kennenzulernen.

Dieser Abschnitt der Fahrt ist ziemlich trostlos. Auch unter Deck sind die meisten verkatert, oder wirken zumindest recht angespannt. Es sind noch sechs Stunden bis Stockholm. Was sollen wir in der Zeit machen? Schließlich ist die Party eigentlich vorbei.

Auf der Suche nach Entertainment

Ich gehe zurück in den Club. Komplett menschenleer ist er zwar nicht, aber todlangweilig. Ein paar Kinder schlagen auf der Bühne Räder und eine Gruppe Teenager, die gerade alt genug aussieht für Alkohol, lümmelt erschöpft auf Sofas.

Die nächsten zwei Stunden ziehen sich wie alter Kaugummi. Inzwischen haben sich meine Mitreisenden mit so viel steuerfreiem Alkohol, Zigaretten und Snus eingedeckt, wie das nordische Herz begehrt. Die meisten landen, wie ich, irgendwann wieder im Club, weil sie nichts Besseres zu tun haben.

Gegen 16 Uhr versucht das Personal, noch einmal Partystimmung zu verbreiten: Eine Tanztruppe zieht ihre Show ab. Aber sobald die Tänzer von der Bühne gegangen sind, macht sich wieder Apathie breit. Die letzten paar Stunden verbringe ich damit, unter meiner Bettdecke in meine dunkle Kabine zu starren, bis endlich die erlösende Ankündigung kommt: Wir sind zurück in Stockholm.

Was vom Autor übrig ist, verlässt die Fähre

Alle strömen zum Ausgang. Wenn jetzt noch Freude in der Luft liegt, dann nur, weil wir endlich von diesem Kahn runter können.

Ich sitze in der U-Bahn nach Hause, umspielt vom herben Duft verschütteten Biers. Warum Menschen sich Saufparty-Fährenkreuzfahrten antun, kann ich jetzt etwas besser nachvollziehen. Eigentlich ist es ganz nett, sich in internationalen Gewässern vollzufressen, zu betrinken und zu tanzen – aber am nächsten Morgen gibt es absolut kein Entrinnen vor dem Kater und der Langeweile.

Wiederholen muss ich das nicht.

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