Der VICE-Guide zu sexueller Belästigung

Darf man Frauen die Tür aufhalten? Darf man ihnen Komplimente machen und sie im Club antanzen? Wir haben Antworten für dich.

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25 Oktober 2017, 1:26pm

Grafik: Daniella Urdinlaiz | Flickr | CC BY 2.0

60 Prozent der Frauen in Deutschland waren schon (mindestens) einmal Opfer sexueller Belästigung. Das kann von anzüglichen Nachrichten über unangebrachte Angebote bis hin zu ungewollten Berührungen reichen. Jede dritte betroffene Frau hat Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.

Seit öffentlich wurde, dass der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein jahrelang Frauen sexuell belästigt und missbraucht haben soll, äußern sich jetzt immer mehr Betroffene zum Thema. Unter dem Hashtag #MeToo berichten unzählige Frauen von ähnlichen Erlebnissen. Was man als Mann nun überhaupt noch tun dürfe und was nicht, fragen viele. Margarete Stokowski schreibt dazu im Spiegel: "Männer dürfen offensichtlich sehr viel, ohne bestraft zu werden, die Frage ist nur, ob sie es auch sollten." Es mag zwar keine Straftat sein, wenn man der Praktikantin schreibt, dass man sie in der Besenkammer treffen möchte, kann einen aber – zu Recht – den Job kosten.

Darf man Frauen noch Komplimente machen? Was sollte man besser lassen? Wir erklären euch, was ihr lieber lassen solltet, wenn ihr kein Arschloch sein wollt.

Darf man Frauen die Tür aufhalten?

Ja.

Ist es OK, sexuelle Privatnachrichten zu verschicken?

Wie so oft im Leben gilt hier das Prinzip der Einvernehmlichkeit. Wenn du dich mit einer Frau unterhältst, die an dir interessiert ist (also tatsächlich und nicht nur in deiner Vorstellung), spricht ab einem fortgeschrittenen Punkt in eurer Beziehung nichts dagegen, ihr zu sagen, dass du sie sexuell anziehend findest. Wir müssen das an dieser Stelle noch einmal betonen: Tu das nur, wenn du dir sicher bist, dass die Frau Interesse an dir hat. Denk gut nach. Wenn du dir unsicher bist, frag nach!

Wenn du kein Interesse seitens der Frau feststellen kannst und/oder die Frau vielleicht sogar deine Angestellte ist, tu es nicht. Leg dein Handy weg. Denk an was anderes. Zum Beispiel daran, wie beschissen die Situation wäre, wenn du an ihrer Stelle wärst. Schick ihr auch keine "subtilen" Zwinkersmileys spät nachts, denn solche Nachrichten sind nie subtil.

Sollte man wegen anzüglicher Privatnachrichten den Job verlieren?

Sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz können Grund für eine Kündigung sein. Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz steht außerdem, dass der Arbeitgeber dafür zu sorgen hat, dass Belästigungsopfer nicht weiter belästigt werden. Sprich: Sobald der Arbeitgeber von einem oder mehreren Vorfällen erfährt, muss er handeln.

Ganz allgemein: Wenn du nicht willst, dass dir Konsequenzen drohen, dann schreib deiner Kollegin nicht, dass du sie scharf findest und gerne Sex mit ihr hättest. Vielleicht will sie das nicht hören und vielleicht macht das den Umgang mit dir deswegen in Zukunft unangenehm für sie.

Sind Frauen einfach ein bisschen überkorrekt geworden?

Wenn mit "überkorrekt" gemeint ist, dass viele Frauen wollen, dass sie für ihre Arbeit gelobt oder kritisiert werden und nicht für ihre Bluse und dass viele Frauen nicht wollen, dass man ihnen gegen ihren Willen an den Po greift oder sich neben ihnen im Bus einen runterholt, dann ist die Antwort: Ja, Frauen sind tatsächlich überkorrekt geworden.

Hängt sexuelle Belästigung mit dem Sexualtrieb zusammen?

Ein Argument, das man im Zusammenhang mit sexueller Belästigung immer wieder zu hören bekommt: Manche Männer haben eben eine extrem starke Sexualität und sind quasi Opfer ihres eigenen Triebes.

Erstens: Einen ausgeprägten Sexualtrieb haben auch genügend Leute, die in ihrem Leben noch nie jemanden sexuell belästigt haben. Zweitens: Stell dir vor, du wirst als Mann von einem anderen Mann grundlos geschlagen – würdest du dann als Ausrede gelten lassen, dass der Typ womöglich einfach ein besonders ausgeprägtes Aggressionspotenzial hat und nur Opfer seiner selbst geworden ist?

Darf man Frauen noch Komplimente machen?

Familienministerin Katarina Barley bringt es im Spiegel gut auf den Punkt: "Viele Männer verstehen nicht, dass in ihren Bemerkungen etwas Gönnerhaftes liegt, dass die Bewertung der Frau auch zeigt, dass der, der bewertet, die Macht hat, dies zu tun."

Das heißt aber nicht, dass man keine Komplimente mehr machen darf. Darf man nämlich schon. Menschen mögen Komplimente – auch weibliche Menschen. Ein ehrlich gemeintes Kompliment zielt in erster Linie darauf ab, das Selbstvertrauen der Person, die das Kompliment erhält, zu stärken. Aber jetzt kommt der Knackpunkt: Ein Kompliment an die Freundin ist etwas anderes als ein Kompliment an die Praktikantin. Ein Kompliment über den neuen Rucksack ist etwas anderes als ein Kompliment über die vollen Lippen. Ein Kompliment über die gute Arbeit ist etwas anderes als ein Kompliment über den Hintern. Ein Kompliment auf dem Gang ist etwas anderes als ein Kompliment quer über den Konferenztisch.

Ist es ein Kompliment, wenn ich einer Frau nachpfeife?

Nein. Das nennt sich Catcalling, ist eine Form der öffentlichen sexuellen Belästigung und in Frankreich womöglich in absehbarer Zukunft sogar eine strafbare Handlung. Und falls du dich jetzt fragst, ob das nicht ein bisschen überkorrekt ist: Siehe oben.

Für vergangenheitsverliebte Männer scheint es eine Ungeheuerlichkeit zu sein, dass irgendjemand – schlimmer noch: Frauen! – von ihnen verlangt, Verhaltensmuster zu ändern. Catcalling mag nicht allen Betroffenen unangenehm sein, aber doch den meisten. Wenn du kein Arschloch bist, dann ist das Grund genug, um es nicht darauf ankommen zu lassen und eventuell die eine Frau unter Hunderten zu finden, die auf dein Pfeifen mit einem Kichern reagiert. Die Welt ist eine bessere, wenn du es nicht tust. Wirklich.

Darf man Frauen sagen, dass man gerne Sex mit ihnen hätte?

Wenn du ihr Vorgesetzter bist: Lass es! Wenn ihr auf einem Tinder-Date seid: Go for it! Wenn sie zwei Minuten später einen Anruf bekommt und dringend weg muss, dann akzeptiere, dass es bei ihr umgekehrt wohl nicht so ist.

Darf man unbekannten Frauen sagen, dass sie mal lachen sollen?

An dieser Stelle verweisen wir gerne auf den sogenannten "The-Rock-Test", der nach den Schlagzeilen der letzten Wochen immer wieder herangezogen wurde und sich als erstaunlich effektiv erwiesen hat. Er funktioniert so: Behandle Frauen einfach so, wie du Dwayne "The Rock" Johnson behandeln würdest.

Würdest du ihm, wenn er eine ernste Mine hat, sagen, dass er doch einmal lachen solle? Lass uns die Frage für dich beantworten: Nein, würdest du nicht. Würdest du von The Rock verlangen, dass er gefälligst nett zu dir sein, sich für Hinweise auf seine körperlichen Vorzüge bedanken, generell nicht so eine Spaßbremse bei sexuellen Avancen sein oder automatisch für dich kochen soll? Würdest du auch nicht.

Kann man Frauen Penisfotos schicken?

Wenn dir eine Frau sehr klar und eindeutig zu verstehen gibt, dass sie gerne ein Penisfoto von dir hätte: Ja. In allen anderen denkbaren Situationen im Leben: Nein. Einfach nein.


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Wie verhalte ich mich, wenn ich sehe, dass ein Mann einer Frau auf der Straße nachpfeift oder sie anspricht und sie sich unwohl fühlt?

Wenn du helfen willst, konzentriere dich auf das Opfer und nicht auf den Täter – das rät zumindest der Forscher David Urschler. Sprich das Opfer an und hole es schnellstmöglich aus der Gefahrensituation. Frag, ob du etwas tun kannst. Greif nicht erst ein, wenn die Situation schon eskaliert.

Kann man eine Frau für ihre Arbeit kritisieren?

Natürlich kann man Frauen genau wie Männer für ihre Arbeit kritisieren – unter zwei Voraussetzungen: Kritisiere sie nur, sofern es auch tatsächlich (also inhaltlich) etwas zu kritisieren gibt. Und kritisiere sie auf einer sachlichen Ebene. Spar dir sämtliche Bemerkungen zu ihrem Aussehen, der Größe ihrer Brüste. Spar dir die Frage, ob sie gerade ihre Tage hat, pauschale Aussagen über die allgemeinen Fähigkeiten von Frauen und vor allem sexistische Beleidigungen. Denk dran: The Rock würde dir dafür sehr wehtun.

Darf man eine Frau fragen, ob ihre Hormone gerade verrückt spielen?

Wir würden dir raten, es nicht zu tun. Denn es gibt eine Frage, die eine schlecht gelaunte Frau garantiert noch wütender macht: "Hast du gerade deine Tage oder warum bist du so zickig?" Mit dieser Frage unterstellst du ihr (die genauso wie jeder Mann aus den verschiedensten Gründen gerade schlechte Laune haben kann), dass sie sich selbst nicht unter Kontrolle hat. Wenn du das tust, solltest du dich fragen, warum du es nötig hast, dein Gegenüber derart zu entmündigen, und wie gern du es hättest, immer auf deinen Östrogen- oder Testosteron-Spiegel reduziert zu werden.

Darf man Frauen im Club antanzen?

Sexuelle Belästigung in Clubs ist ein riesiges Problem. Sehr viele Männer halten das Getümmel auf Tanzflächen für einen Freifahrtschein, um sich Frauen gegenüber völlig daneben zu benehmen, weil sie in Clubs viel zu selten mit Konsequenzen für ihr Verhalten rechnen müssen. Das reicht von anzüglichen Sprüchen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Dabei wäre es eigentlich so einfach, im Club gelten dieselben Regeln wie sonst auch. Wenn dir eine Frau im Voraus klar zu verstehen gibt, dass sie Lust hat, mit dir zu tanzen, dann tanz mit ihr. Soll heißen: Schleich dich nicht wie ein Creep aus dem Hintergrund an und leg deine Hände auf ihre Hüften, sondern stell sicher, dass sie wirklich Interesse hat. Wenn das der Fall ist, berührt euch, wo ihr wollt. Ansonsten gilt auch hier: Lass es.

Wenn du nicht im Stande bist, die Mimik und Gestik einer Frau auf der Tanzfläche zweifelsfrei zu lesen, frag nach. Selbst wenn sie am Anfang interessiert gewirkt haben mag, dir aber zu einem späteren Zeitpunkt verbal oder non-verbal signalisiert, dass sie keine Lust mehr hat, dann akzeptiere das und versuche es erst gar kein zweites oder drittes Mal.

Im Zweifelsfall gilt dieser Vergleich aus einem YouTube-Video: Sex ist wie Tee. Selbst wenn jemand einmal gesagt hat, dass er gern eine Tasse hätte, heißt das nicht, dass die Person sie austrinken muss. Oder dass sie das in der Geschwindigkeit und zu den Bedingungen tun muss, die du aufgestellt hast. Es heißt noch nicht mal, dass sie wirklich Tee annehmen muss und es sich nicht anders überlegen darf. Es heißt einfach gar nichts, außer dass die betreffende Person zu einem Zeitpunkt gerne Tee gehabt hätte. Und wenn dir das jetzt alles zu hoch ist, fang am besten noch mal oben zu lesen an.

Warum glauben Männer, sie hätten noch nie Frauen belästigt – obwohl das nicht stimmt?

Unter den vielen Reaktionen zum Hashtag #MeToo konnte man oft tatsächlich genau das beobachten: Männer schreiben, dass die unzähligen Berichte von Frauen sie dazu gebracht hätten, ihr eigenes Verhalten zu überdenken. Dass es sein könne, dass auch sie schon die Grenzen einer Frau überschritten hatten – oft, ohne es zu merken oder es zu wollen. Selbst viele Vergewaltiger wollen nicht wahrhaben, was sie getan haben, sie beteuern, alles sei einvernehmlich gewesen. Denn den Tätern fällt es schwer, das Bild von sich selbst als gutem Menschen aufzugeben.

Mit diesem Guide ist in Zukunft hoffentlich klarer, was zu weit geht und wann ihr aufhören solltet. Also, sei bitte einfach kein Arschloch. Viel Spaß bei allen einvernehmlichen Späßen!

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