Weihnachten

Ich habe eine Woche lang versucht, Weihnachten nicht zu hassen

Es ist ziemlich schlecht für den Blutdruck, ein Grinch zu sein. Um mich und meine Mitmenschen zu schonen, habe ich getestet, ob mich Weihnachtsmärkte, Keksebacken und Shoppen nicht doch mit Freude erfüllen können.

von Michael Buchinger
19 Dezember 2018, 12:49pm

Foto: Dominik Pichler

Ich bin kein sonderlich fröhlicher Mensch. In meinem Leben habe ich schon mehr langsame Rentner auf Rolltreppen ermahnt, als ich an dieser Stelle zugeben möchte. Und eine Autofahrt mit mir beweist abermals, dass die Hupe nicht nur als Warnsignal, sondern auch als nonverbale Beschimpfung eingesetzt werden kann.

Meinen absoluten Höhepunkt der Misanthropie erreiche ich allerdings im Dezember. Während andere Menschen sich einreden, für absolut jeden, der ihnen im vergangenen Jahr auch nur einmal kurz "Hallo" zugeworfen hat, ein Geschenk kaufen zu müssen, sitze ich nicht selten alleine zu Hause und überlege grinch-artig, wie ich meine Freunde darüber aufklären kann, dass Weihnachten ein größerer Schwindel ist, als Milli Vanilli es waren.

Dieses Jahr wollte ich mich schon beim Anblick der ersten Lebkuchen im Supermarkt (bereits Ende September – jedes Jahr wieder ein weiterer Anlass zum Groll!) in den unglaublichen Hulk verwandeln. Dann aber hatte ich eine andere Idee, die auf Dauer sicher schonender für meine Nerven wäre: Was, wenn ich dieses Mal einfach versuche zu verstehen, was all meine Freunde an dem Fest so toll finden? Was, wenn ich mich einfach mal auf Weihnachten einlasse?

Tag 1: Der stumme Grinch auf dem Weihnachtsmarkt

Wir fangen mit der Königsdisziplin an: dem Weihnachtsmarkt. Meine immer positiv denkende Freundin Clara liebt diese Märkte, da sie hier ihre latente Alkoholsucht befriedigen und gleichzeitig überteuerten, "handgemachten" Ramsch kaufen kann. Ich allerdings trinke keinen Alkohol mehr und habe vor Kurzem den Minimalismus für mich entdeckt, also bin ich wirklich eine hervorragende Begleitung.

Weil ich merke, dass Clara Spaß an diesem Humbug hat, beschließe ich, den Mund zu halten und ihr nicht in einer meiner 45-minütigen Hasstiraden all die Gründe aufzuzählen, warum Weihnachtsmärkte eine Sneak Preview auf die Hölle sind. Stattdessen notiere ich mir meinen gesamten Groll in einer Notiz auf meinem iPhone, als Clara gerade euphorisch mundgeblasene Christbaumkugeln bestaunt.

Michael Buchinger mag Weihnachten nicht
Michael Buchinger kann Weihnachten nichts abgewinnen | Foto: Dominik Pichler

Was ist der Sinn des Ganzen? "Hey, lasst uns unterdurchschnittlich gut essen und trinken, aber nicht in einem beheizten Lokal wie normale Menschen, sondern bei minus zwei Grad im Freien, inmitten von Hunderten Fremden!" Eiszapfen bilden sich an meinem Schnurrbart und ich sehe mittlerweile aus wie eine Robbe. Es würde mich nicht wundern, wenn die betrunkenen Touristen und Touristinnen mich für ein Maskottchen halten und Fotos mit mir machen wollen. Alle Getränke auf dem Weihnachtsmarkt sind ekelhaft. Früher dachte ich, es sei der billige Alkohol, von dem mir schlecht wird. Doch mein jüngstes Selbstexperiment zeigt, dass der viele Zucker in den Getränken dafür verantwortlich ist, dass ich mich durchgehend nach den Toiletten umschaue, für die ich natürlich einen Euro Eintritt zahlen muss. Ich wittere eine üble Verschwörungstheorie. Man gibt wahnsinnig viel Geld aus. Ich lade Clara auf Punsch ein und zahle dafür 16 Euro. "Mit Pfand!", sagt die Verkäuferin angesichts meiner schockierten Miene. Warum sie denkt, dass die hässlichen Weihnachtstassen, die sie mir in die Hand drückt, je 4 Euro wert sind, ist mir ein Rätsel. Den Pfand hole ich mir natürlich nie zurück. Ich gebe meine Tassen einem Bettler, um mich zumindest für zwei Sekunden so zu fühlen, als hätte ich meine Zeit hier sinnvoll genutzt.

Nach zwei Kinderpunsch bin ich nicht nur bereit, nach Hause zu gehen, sondern auch, mich auf dem Weg dahin in eine Mülltonne zu übergeben. Clara, die gleich drei beschriftete Lebkuchenherzen als Geschenk für ihre Freunde gekauft hat, trägt ein strahlendes Lächeln im Gesicht. "Ich hoffe, du verstehst jetzt, warum ich Weihnachtsmärkte so liebe! War das nicht ein wunderbarer Abend?", fragt sie.

Ich überlege, ein Lebkuchenherz zu kaufen, auf dem riesengroß "NEIN!" steht, und es ihr hinterherzuwerfen. Stattdessen umarme ich sie wortlos und gehe.

Tag 2: Unidyllisches Keksebacken

Ich gebe es zu: Der Weihnachtsmarkt war mir ein bisschen zu viel des Guten. Da man beim Dating in der Regel beim ersten Rendezvous auch nicht gleich mit Fisting startet, beschließe ich, einen Gang zurückzuschalten und mich erstmal der einzigen Weihnachts-Tradition zu nähern, der ich halbwegs was abgewinnen kann: Keksebacken!

Nahezu mein gesamter Freundeskreis trifft sich bei Tara und Manuel, die gütigerweise ihre Pärchen-Wohnung zur Verfügung stellen, damit wir backen können und ich – der ich mich mittlerweile fühle wie ein kleiner, trauriger Junge in einem Weihnachtsfilm, der den Glauben an Santa Claus verloren hat – endlich zur Erleuchtung komme.

Leider stelle ich schnell fest, dass ich einem gravierenden Irrtum erlegen bin. "Oh, ich backe ja gar nicht gern!", dämmert mir, als ich genötigt werde, klebrigen Teig auszurollen. "Ich esse nur gerne Gebackenes!" Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Niemand hat mich darüber informiert, dass Backen so anstrengend ist und so lange dauert. Es hilft nicht, dass meine Freunde mir verbieten, Teig zu naschen, und kurz davor stehen, mich bei jedem neuen Versuch, es doch zu tun, mit einer Sprühflasche kalten Wassers ermahnend anzuspritzen. Als wäre ich ein besonders freches Kätzchen.

Michael Buchinger auf einem Weihnachtsmarkt
Michael Buchinger auf einem Weihnachtsmarkt | Foto: Dominik Pichler

Als schließlich zum vierten Mal "Last Christmas" läuft, erwische ich mich dabei, aufs Klo zu gehen, obwohl ich gar nicht muss, nur damit ich wieder weiß, wie sich Stille anfühlt. Langsam bin ich so genervt, dass ich auch kurz davor stehe, nach acht Monaten meine Nüchternheit an den Nagel zu hängen und es mir mit einer Flasche Rum vor dem Kamin gemütlich zu machen. Das ist schließlich der eigentliche Sinn der Weihnacht: Trunkenheit!

Zumindest bin ich nicht der Einzige, dessen Nerven blank liegen: Tara und Manuel haben mittlerweile einen lauten Beziehungsstreit angefangen. Und der gesamte Freundeskreis ist damit beschäftigt, zwanghaft über was anderes zu reden und dabei sämtliche Messer und andere spitze Gegenstände aus ihrer Reichweite zu entfernen.

Augenblicklich bekomme ich einen absoluten Kindheits-Flashback: Ja, auch in meiner Familie lagen zu Weihnachten die Nerven so blank, dass ich als 8-Jähriger auf Familienfeiern Tanten, Onkeln und meinen eigenen Eltern zur Scheidung geraten habe. Der Streit ist so unangenehm mitanzuhören, dass uns allen plötzlich einfällt, dass wir ja "noch was anderes" vorhatten, und wir Tara und Manuels Wohnung verlassen, bevor die ersten Plätzchen überhaupt ausgekühlt sind.

Tag 3: Weihnachtsfilme in Dauerschleife

Mittlerweile bin ich ein bisschen verzweifelt. Gibt es denn keinen Aspekt des Weihnachtsfestes, dem ich etwas abgewinnen kann? "Die Hölle, das sind die anderen!", denke ich mir und beschließe, mich heute zu Hause zu verschanzen und mich einer weihnachtlichen Tätigkeit zu widmen, bei der ich ganz alleine sein darf: Weihnachtsfilme in Dauerschleife schauen!

Ich beginne mit Kevin – Allein zu Haus und Kevin – Allein in New York; zwei Filme, mit denen – wie ich euch leider sagen muss – so Einiges verkehrt ist. Ich verspüre das dringende Verlangen, das Jugendamt auf die McCallister-Familie anzusetzen. Nicht nur, weil sie ihren Kindern ulkige Namen wie "Buzz" und "Sondra" gegeben haben, sondern auch, weil ihnen der arme Kevin egal genug ist, um ihn gleich zweimal völlig zu vergessen.

Dass in diesen Filmen Gewalt verherrlicht wird, war mir als Kind nie bewusst. Es erklärt aber, warum ich damals so oft darüber fantasierte, mit Farbdosen nach meinen Lehrern zu werfen oder ihre Haare anzuzünden.

Der freche Junge geht mir schnell ein bisschen auf die Nerven. Also ist es an der Zeit, den Gang zu wechseln, und so mache ich mit Liebe braucht keine Ferien weiter; einem als Weihnachtsfilm getarnten Einrichtungs-Porno, in dem Kate Winslet und Cameron Diaz Häuser und Leben tauschen.

Der Film ist ganz OK, aber voll von inhaltlichen Fehlern. Dass Kate und Cameron einfach so Häuser tauschen und dabei auch beide noch die wahre Liebe finden können, ich aber online nicht einmal meinen alten DVD-Player verkaufen kann, ohne ausschließlich auf Verrückte zu stoßen, die mir auch meine getragenen, weißen Socken abknöpfen möchten, ist einfach null plausibel.

Dass Jack Black dann auch noch eine echte Chance bei Kate Winslet haben soll, und es eine dieser typischen RomCom-Sexszenen gibt, in denen Cameron Diaz und Jude Law aus irgendeinem Grund ihre Unterwäsche anlassen, macht den Film für mich in etwa so realitätsnah wie Star Wars.

Am Ende das Tages habe ich sechs Stunden damit verbracht, Weihnachtsfilme zu schauen, und bin überraschend gut drauf. Vielleicht aber auch nur, weil ich sechs Stunden lang nicht mit anderen Menschen zu tun hatte.

Tag 4: Gutes tun und sich gut fühlen

Ein Grund, warum mir Weihachten so sehr auf die Nerven geht, sind die Geschenke. Ich habe eindeutig zu viel Besitz und bekomme ungern etwas geschenkt. Es stresst mich, weiteren Krempel zu bekommen, den ich eigentlich nicht will und nicht brauche. Ein "Wohlfühlsocken-Set" mehr und ich muss unter Tränen Tine Wittler anrufen, damit sie meine Wohnung entrümpelt.

Beschenkt werden von mir wiederum nur Leute, von denen ich weiß, dass sie sich nachts in den Schlaf weinen, wenn sie mit leeren Händen ausgehen. In anderen Worten: Clara. Doch dieses Jahr hat meine Freundin eine andere Idee für mich, die sie mir beim Tee in ihrer festlich geschmückten Wohnung offenbart: "Ich mache jedes Jahr bei einer wohltätigen Aktion mit, bei der man einem bedürftigen Kind einen Wunsch erfüllt!", erklärt sie mir.

"Das ist ja herzerwärmend!", sage ich und mein Grinch-Herz schlägt ein bisschen schneller. An Weihnachten etwas Gutes tun: Das klingt durchaus sinnvoll. Zum ersten Mal seit Beginn meines Experiments fühle ich mich annähernd erfreut und bin so aufgeregt wie ein Schimpanse mit einer Banane. Sofort melde ich mich im Internet ebenfalls für die Aktion an.

Über die Webseite der Organisation bekomme ich eine Nachricht, dass ein 7-jähriges Mädchen, das ich an dieser Stelle Naomi nennen werde, sich einen gelben Pullover wünscht. "Nichts leichter als das!", jauchze ich, öffne in einem anderen Tab Amazon und tippe "gelber Pullover" ein.

Clara stürzt sich auf mich wie ein Bodyguard, der versucht, eine Kugel abzuwehren. "Aber nicht doch!!", schreit sie. "Das Schönste an dieser ganzen Aktion ist doch, nach draußen zu gehen und das Geschenk in einem Laden zu kaufen!" Ich mustere sie mit hochgezogener Augenbraue.

"Lass uns das morgen machen! Wir können Weihnachtspullis tragen! Einen Gingerbread Latte trinken! Und unzählige Geschenke kaufen!" Warum sie glaubt, mich überzeugen zu können, indem sie den Stoff meiner Albträume aufzählt, ist mir ein absolutes Rätsel. Aber ich willige ein.

Tag 5: Die Weihnachtsshopping-Hölle

Wer dachte, Weihnachtsmärkte seien die Ausgeburt der Hölle, war noch nie am Freitag in der Vorweihnachtszeit einkaufen. Menschenmengen stürmen in die Läden, als würde es dort nicht nur tolle Aktionen geben, sondern zu jedem Kauf auch gleich der Sinn des Lebens verraten werden. Ich möchte vereinzelte Passanten an den Schultern packen und sie schütteln, während ich "ERKENNST DU ES NICHT? Weihnachten ist ein kapitalistisches Konstrukt!" rufe, beschließe dann aber, mich Clara zuliebe nicht allzu gruselig zu verhalten.

Dennoch finde ich schneller als erwartet einen schönen gelben Pulli für Naomi und ich möchte an dieser Stelle nicht lügen: Der Kauf stimmt mich fröhlich. Ich stelle mir das kleine Mädchen am Weihnachtsabend vor, wie es ihr Geschenk öffnet, und fühle mich dabei so, wie andere Menschen sich wohl fühlen, wenn zum zwanzigsten Mal am Tag Mariah Careys "All I Want For Christmas Is You (Extra Festive Version)" im Radio läuft. Das wird doch nicht etwa diese Freude sein, von der immer alle reden?

Michael Buchinger mag keine Weihnachtslieder
Weihnachtslieder, die extra festive sind, mag Michael Buchinger auch nicht | Foto: Dominik Pichler

Beim gemeinsamen Gingerbread Latte versuche ich, diesen plötzlichen Freudenschwall für Clara in Worte zu fassen. "Es fühlt sich so viel besser an, einer Person einen echten Wunsch zu erfüllen, als meinem Vater zum dritten Jahr in Folge aus Zeitdruck eine edle Rasiercreme zu kaufen, obwohl die Tube vom Vorjahr noch gar nicht aufgebraucht ist", sage ich.

Clara nickt verständnisvoll. "Es ist, wie ich immer sage", leitet sie ein und gibt etwas von sich, was ich sie zum allerersten Mal sagen höre: "Weihnachten bedeutet für jeden etwas anderes. Du musst einen Zugang finden, der für dich passt!" Ja, Clara, das habe ich in den vergangenen Tagen ja auch versucht und bin großteils daran gescheitert.

Gefallen mir Weihnachtsmärkte? Nein. Auch Plätzchen zu backen und Weihnachtsfilme zu schauen nicht und der Sinn der überflüssigen Geschenkejagd erschließt sich mir nach wie vor nicht. Aber ich habe festgestellt, dass ein wenig Nächstenliebe im Dezember selbst einen Grinch wie mich in Festtagslaune bringen kann.

Zu Hause angekommen verpacke ich den Pullover in buntes Geschenkpapier und schreibe einen kleinen Brief an Naomi, in dem ich so tue, als wäre ich der Weihnachtsmann. "Na, ist das ein Spaß!", trällere ich vor mich hin, was zugeben ein bisschen gruselig ist, da ich ganz alleine zu Hause bin. Auf dem Weg zur Post kann ich nicht anders, als durchgehend zu grinsen.

Nun, da ich angefangen habe, den Weihnachtswahnsinn ein klein bisschen zu verstehen, freue ich mich schon um Einiges mehr auf das magische Fest und die bevorstehenden Weihnachten der kommenden Jahre. Wer weiß: Vielleicht bin ich ja dann auch mit Punsch und Glühwein fröhlich singend auf dem nächsten Weihnachtsmarkt anzutreffen?

Ganz ehrlich: Ich glaube nicht.

Folge Michael auf Instagram und YouTube und VICE auf Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat.