Ich bin Tochter einer Hartz-IV-Empfängerin und der Staat zwingt mich, weiter arm zu bleiben

Ich bin 17 Jahre alt, mache gerade Abitur und würde gerne fürs Studium sparen oder für die erste eigene Wohnung. Aber ich darf nicht. Ein offener Brief.

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Aug. 28 2018, 10:51am

Symbolbild: imago | Future Image || Sarah: privat

Für 450 Euro arbeiten und am Ende nur 170 Euro behalten dürfen? Klingt nach einer krassen Einkommenssteuer, hat – wie man bei den Summen erahnt – aber mit reichen Menschen nichts zu tun, im Gegenteil. Es geht um Kinder von Hartz-IV-Empfänger*innen.

Ich bin Sarah, 17 Jahre alt und die Tochter einer Hartz-IV-Empfängerin. Nächstes Jahr mache ich in Nordrhein-Westfalen mein Abi, jetzt würde ich mir gerne Geld auf die Seite legen für die Zeit danach. Für Reisen mit Freunden, Möbel für die erste Wohnung, vielleicht einfach nur einen kleinen Geldpuffer, falls mal was passiert und ich etwas mehr Geld brauche.

Aber das Problem ist: Solange ich zu Hause lebe, darf ich kaum Geld verdienen.

Da meine Mutter Hartz IV bezieht, bilden wir im Amtssprech eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft. Andere würden es eine Familie nennen, eine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig unterstützt. Das nimmt die Bundesagentur für Arbeit nur allzu genau. Alles, was ich, die 17-jährige Tochter, im Monat über 100 Euro verdiene, wird zu 80 Prozent auf den Hartz-IV-Satz unserer Bedarfsgemeinschaft angerechnet. Das Amt zahlt dann also weniger für uns, weil ich einen Teil des Geldes einbringe, das uns laut Amt zusteht.


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An sich ergibt es Sinn, dass eine Familie füreinander sorgt, aber sollten minderjährige Kinder auch für ihre Eltern sorgen müssen? Ich finde nicht.

Eher sollte es uns darum gehen sicherzustellen, dass genau diese Kinder eben nicht später in die finanzielle Armut rutschen. Denn diese wird oft von Generation zu Generation weitergeben.

Auf die Abschlussreise mit meiner Klassenstufe zu fahren, habe ich von vornherein ausgeschlossen. Klar gibt es Jugendliche mit wohlhabenderen Eltern, die das bezahlen können. Es gibt aber auch viele Jugendliche mit Eltern, die sich sowas nicht einfach leisten können. Die haben allerdings grundsätzlich die Chance, für ein paar Monate zu jobben und sich das Geld beiseite zu legen. Ich kann das nicht so einfach, genau wie viele andere Kinder von Hartz-IV-Beziehenden.

"Es ist fatal für die Psyche von Kindern und Jugendlichen, wenn sie immer wieder zu Außenseitern und Außenseiterinnen werden, obwohl sie für ihre Situation nichts können."

Armut macht krank, das ist bekannt, auch Kinder und Jugendliche leiden stark darunter. Es ist fatal für ihre Psyche, wenn sie immer wieder zu Außenseitern und Außenseiterinnen werden, obwohl sie für ihre Situation nichts können.

Die 100 Euro, die Jugendliche wie ich verdienen dürfen, investieren wir oft in Sportvereine, in Wochenendausflüge oder auch in Banales wie Kino, Essen oder auch, um mal feiern zu gehen. Das ist nicht verschwenderisch, das ist der Versuch, ein Leben wie die Anderen zu führen.

Viele Jugendliche träumen davon, endlich das Elternhaus zu verlassen, wenn sie mit der Schule fertig sind. Für mich ist es allerdings kein Traum, ich weiß, dass ich so schnell wie möglich raus muss, wenn ich nicht an das Amt gebunden sein will. Dennoch gruselt mich der Gedanke an den Auszug.

Einen Zuschuss, mit dem ich eine eigene Wohnung oder ein WG-Zimmer einrichten könnte, kann ich zwar beim Jobcenter beantragen. Das Amt kann aber auch ablehnen, wenn es findet, dass mein Auszug nicht nötig ist. Und dann ist da noch die Kaution. Auf die kann ich nicht sparen und das Jobcenter müsste auch hier erst über ein Darlehen entscheiden.

Am liebsten würde ich nach meinem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, auch dafür müsste ich ausziehen. Denn ich wohne auf dem Land, FSJ-Stellen gibt es nur in den Städten. Die einzige Alternative wäre ein eigenes Auto. Wenn ich dann bei meiner Mutter bliebe, dürfte ich von dem Taschengeld, das ich als Freiwilligendienstleistende bekommen würde, bis zu 200 Euro behalten. Die wären dann allerdings schon für das Auto und die Benzinkosten weg. Ganz abgesehen davon, dass ich gar kein Geld sparen kann, um selbst einen gebrauchten Kleinwagen kaufen zu können.

"Wenn diese Kinder entscheiden, es anders zu machen als ihre Eltern – die es vielleicht nicht konnten, vielleicht nicht wollten – und sich in ihrer Jugend Geld dazu verdienen wollen, dann werden sie dafür abgestraft."

Entscheide ich mich nach der Schule – oder eben dem FSJ – dafür zu studieren, bekomme ich zwar BAföG, aber stehe schon wieder vor der nächsten finanziellen Herausforderung: meinem ersten Semesterbeitrag. An den nächsten Universitäten in Dortmund und Duisburg-Essen beträgt der 291 beziehungsweise 305 Euro. Geld, das ich mir erst zusammensparen müsste, wenn ich denn könnte.

Auch hier ist der erste Schritt der schwerste. Aber ohne ihn komme ich nicht aus meiner Situation heraus.

So oft wird gesagt, Kindern von Hartz-IV-Empfänger*innen fehle es an positiven Beispielen im Leben. Deswegen würden sie später oft selbst in Armut leben. Sie würden nicht damit aufwachsen, dass es normal ist, acht Stunden am Tag zu arbeiten. Sie könnten nicht beobachten, wie ihre Eltern sich über eine Beförderung freuen oder sich von ihrem angesparten Geld einen Urlaub gönnen. Kurz gesagt: Sie lernen nicht kennen, dass sich Arbeit lohnt.

Wenn diese Kinder dann aber entscheiden, es anders zu machen als ihre Eltern – die es vielleicht nicht konnten, vielleicht nicht wollten – und sich in ihrer Jugend Geld dazuverdienen wollen, dann werden sie dafür abgestraft.

Wie sollen wir ein positives Verhältnis dazu entwickeln, etwas zu leisten, wenn uns das Geld einfach wieder abgezogen wird? Eine Stellenanzeige für 100 Euro im Monat zu finden, ist geradezu unmöglich, und wer arbeitet neben der Schule, den Hausaufgaben und vor allem dem Lernen fürs Abitur freiwillig viel länger, ohne am Ende den Lohn auch zu bekommen? Sollte man es nicht unterstützen, dass gerade diese Kinder, denen von vornherein ein Leben in Armut prophezeit wird, versuchen, einen anderen Weg einzuschlagen?

Seid doch froh, dass wir noch die Motivation finden, da selbst rauszukommen!

"Wir sollten Kinder unterstützen und ermutigen, die selbst versuchen, der finanziellen Armut zu entfliehen. Und ihnen den langen und komplizierten Weg nicht noch erschweren."

Heißt es nicht immer, wer fleißig ist und sich anstrengt, solle auch die Möglichkeit haben, ein gutes Leben zu führen? Arbeit müsse sich lohnen? Wenn uns verwehrt bleibt, genau dies zu machen, dann zeigt das, dass es vielen vielleicht gar nicht so wichtig ist, dass alle die gleichen Chancen haben. Und dass es vielen vielleicht auch egal ist, wenn manche Menschen arm bleiben.

Die Gründe, warum Menschen Arbeitslosengeld beantragen, sind vielfältig und Schuldzuweisungen meiner Meinung nach nicht angebracht. Aber natürlich weiß ich, dass es Leute gibt, die das anders sehen. Die Hartz-IV-Empfangende für Sozialschmarotzer halten. Aber selbst sie scheinen dem grundlegenden Punkt zuzustimmen, dass Kinder niemals etwas dafür können, wenn sie in arme Verhältnisse hineingeboren werden. Nicht umsonst schreibt sich jede Partei auf die Fahne, Kinderarmut verringern und Chancengleichheit ermöglichen zu wollen.

Wir sollten es diesen Kindern hoch anrechnen, dass sie selbst versuchen, der finanziellen Armut zu entfliehen, sie dabei unterstützen und ermutigen. Und ihnen den langen und komplizierten Weg nicht noch erschweren.

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