Ein Gespräch mit der IS-Überlebenden, die ihren Peiniger in Deutschland getroffen haben soll

Ashwaq Al-Dhaki wurde von IS-Milizen verschleppt, misshandelt und versklavt. Nach ihrer Flucht soll einer der Männer sie in Deutschland verfolgt haben.

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Aug. 17 2018, 3:45pm

Foto: privat

Ashwaq Al-Dhaki versucht, immer in der Nähe ihres Vaters zu bleiben. Wenn die 18-Jährige sich weiter weg bewegt als in den Garten, sagt sie ihm Bescheid. Sie traut sich nicht mehr alleine in die nächstgrößere Stadt, bleibt lieber in einem kleinen Dorf im Norden des Iraks. Trotzdem geht es ihr nun besser. Al-Dhaki wurde am 15. August deutschlandweit bekannt, als sich ein Video von ihr bei Twitter verbreitete. Darin erzählt die zierliche junge Frau in gebrochenem Deutsch, wie sie in Gefangenschaft des sogenannten Islamischen Staates lebte, nach Deutschland floh und dort ihren Peiniger wieder sah. VICE hat mit ihr gesprochen. Sie sagt: "Mein Vater hat sehr viel Angst um mich. Er will nicht, dass ich jemals so etwas wieder erleben muss. Er hat mir verboten, jemals wieder nach Deutschland zu gehen."

Seit einem Jahr lebte Al-Dhaki als anerkannte Geflüchtete mit ihrer Mutter, zwei Brüdern und einer Schwägerin in Schwäbisch Gmünd, als sie dort 2016 das erste Mal ein Mann verfolgt haben soll. Bis zur Haustür sei er ihr gefolgt. Al-Dhaki sagt, sie habe ihn gleich erkannt: Es sei Abu Humam gewesen. Ein IS-Milizionär, der sie 2014 im Irak drei Monate eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt haben soll.

Als sie ihrer Mutter davon erzählte, habe die sie beschwichtigt: In Deutschland gebe es keinen IS, sie sei hier sicher. Zwei Jahre vergehen und Al-Dhaki versucht, ihre Erlebnisse zu vergessen. Sie sagt, sie habe Angst gehabt, ihr Martyrium könne wieder Wirklichkeit werden, Abu Humam könne sie kidnappen und sie würde nie wieder ihre Familie sehen: "Ich konnte ihn nicht vergessen und was er mit mir gemacht hat." Die Geschichte dieses Martyriums beginnt bereits im Jahr 2014.

Das kollektive Trauma der Jesiden

Das Gebiet um die nordirakische Stadt Sindschar wird damals zum Schauplatz eines schrecklichen Ereignisses: IS-Milizen nehmen nach langen Kämpfen die Stadt und die umliegenden Dörfer ein. Dort leben fast ausschließlich Mitglieder der religiösen Minderheit der Jesiden. Die IS-Kämpfer zwingen die Männer dazu, zum sunnitischen Islam zu konvertieren. Alle, die sich weigern, werden getötet und in Massengräbern verscharrt. Bis zu 10.000 Menschen soll der IS in Sindschar ermordet haben. Die Frauen verschleppen sie größtenteils nach Mossul, damals eine der Hochburgen des IS. Dort halten sie die Frauen gefangen und verkaufen sie als "Sex-Sklavinnen" weiter. Obwohl eine Allianz aus Kurden, irakischer Regierung und westlichen Staaten den IS später zurückdrängen konnte, sind noch immer viele Frauen verschollen.


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Die IS-Milizionäre verschleppen 2014 auch Ashwaq Al-Dhaki. Wie sie gegenüber VICE schildert, zwingen die Männer sie, zum Islam zu konvertieren, schlagen und missbrauchen sie. Zehn Monate lang lebt das Mädchen in Gefangenschaft. In dieser Zeit wird sie mehrmals verkauft. Ein Milizionär, der sich als Abu Humam Shar’i vorstellt, bezahlt 100 Dollar für sie. Wie viele IS-Anhänger, die einen religiösen Namen wählen, heißt er wahrscheinlich anders.

Nach drei Monaten in der Gewalt von Abu Humam ergreift Al-Dhaki ihre Chance: Als Abu Humam ins Krankenhaus muss und sie kurz alleine lässt, gelingt es ihr, ihren Bruder anzurufen. Zusammen mit ihm und anderen gefangenen Frauen entwirft sie einen Plan: Ihr Bruder besorgt ihr Schlaftabletten. Bei der nächsten Gelegenheit mischen Al-Dhaki und die anderen Frauen das Mittel Abu Humam und anderen Gästen ins Essen. Der Plan gelingt. Die Frauen entkommen und fliehen über die Türkei nach Deutschland. "Ich wollte die Zeit beim IS hinter mir lassen. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich dachte, ich muss sowas nie wieder erleben", sagt Ashwaq Al-Dhaki. Aber das Trauma holte sie wieder ein.

"Sein ekliges Gesicht habe ich sofort erkannt"

Nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Abu Humam in Deutschland vergehen zwei Jahre, ohne dass etwas passiert. Ende Februar 2018 machte sie gerade ein Praktikum in einem Friseursalon in ihrem Wohnort Schwäbisch Gmünd. Als sie sich in ihrer Pause etwas zum Mittagessen holen wollte, kam ihr Albtraum zurück. Die Türen eines parkenden Autos öffneten sich und zwei Männer stiegen aus. Einer davon sei Abu Humam gewesen, sagt Al-Dhaki. "Den Bart und sein ekliges Gesicht habe ich sofort erkannt. Ich stand wie eingefroren vor ihm." Er soll sie auf Deutsch angesprochen und gefragt haben, ob sie Ashwaq sei. Sie habe verneint und geantwortet, sie kenne niemanden, der so heiße. Schließlich habe er auf Arabisch gesagt, er wisse, dass sie seit 2015 mit ihrem kleinen Bruder und der Mutter in Deutschland lebe und sie ihn nicht anlügen solle. "Er wusste alles über mich, sogar meine Adresse", sagt Al-Dhaki. Er habe ihr noch gedroht, dass er sie immer wieder finden würde, dann sei er ins Auto gestiegen und weggefahren.

"Ich hatte so viel Angst, ich habe sogar die Orientierung verloren. Ich habe nur geweint und konnte kein Wort mehr sagen", sagt Ashwaq Al-Dhaki. Sie ging zur Polizei. Die Beamten hätten ihre Zeugenaussage aufgenommen und ein Phantombild angefertigt. "Sie haben das Bild so gut gezeichnet, ich habe sofort Abu Humam darin wieder gesehen", sagt Al-Dhaki. Dann sollen die Polizisten Al-Dhaki noch eine Telefonnummer gegeben haben. Sie solle sie sofort kontaktieren, wenn sie ihre mutmaßlichen Peiniger wieder sehe. Doch so weit wollte es Al-Dhaki nicht kommen lassen. Kurz darauf flog sie in den Irak.

Die Polizei in Schwäbisch Gmünd und Waiblingen übermittelt die Anzeige am 13. März 2018 an das Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Fünf Monate später sehen zahlreiche User das Video von Al-Dhaki bei Twitter. Darin sagt sie, dass sie sich allein gelassen fühle: "In Deutschland ist es egal, was ich mache oder nicht, niemand redet über mich. Das war's für mich." Weil zahlreiche User das Landeskriminalamt fragen, ob sie den Fall ermitteln würden, antwortet das Amt schließlich selbst in einem Tweet: Man ermittle, könne aber nicht fortfahren, weil die Zeugin für Rückfragen nicht erreichbar sei. Ob sich der ehemalige IS-Kämpfer Abu Humam wirklich in Deutschland aufhält, ist derzeit ebenfalls noch Gegenstand von Ermittlungen, die laut Staatsanwaltschaft Stuttgart inzwischen vom Generalbundesanwalt übernommen wurden.

Während sich das Video von Ashwaq Al-Dhaki weiter im Netz verbreitet, befindet sich die 18-Jährige längst wieder im Irak. Auf die Frage, warum sie der Polizei nicht weiterhin bei ihren Ermittlungen geholfen hätte, antwortet sie: "Ich konnte einfach nicht mehr. Ich habe ihn zweimal gesehen, ein drittes Mal hätte ich nicht verkraftet."

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