Einbürgerung

Dieser Mann darf kein Schweizer werden, weil er zu wenig über Raclette weiss

Vielleicht hätte man den Coffeeshop-Besitzer lieber über Schweizer Kaffeekultur ausfragen sollen?
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Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

"Ich bin kein elitärer Expat, der sich nur mit anderen Engländern in der Schweiz abgibt", sagt Andrew Evans*. Er redet ein bisschen schneller, sobald er auf seine geplatzte Einbürgerung zu sprechen kommt. Der Brite, der schon seit seiner Kindheit in der Schweiz lebt und zwei der vier Landessprachen fliessend spricht, will Schweizer werden. Aber statt für den ersehnten Pass muss er nun insgesamt 3.200 Franken (rund 2.770 Euro) für einen negativen Bescheid blechen.

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Gemeinsam mit seinem sechsjährigen Sohn Leo* wurde Evans in seiner Heimatgemeinde Freienbach im Kanton Schwyz zu einem letzten "lockeren Gespräch" eingeladen, wie Blick schreibt. "Das Gespräch war eigentlich mehr wie ein Verhör", sagt Evans zu MUNCHIES.

Nach dem schriftlichen Test, den Evans bestand, wollten die Vertreter der Gemeinde Antworten auf Fragen zum Schweizer Milizsystem, in dem öffentliche Aufgaben oft nebenberuflich ausgeübt werden, und zu der Abstimmungskultur des Landes. Ausserdem wollten sie wissen, was Capuns sind (eine Spezialität aus Mangoldblättern und Spätzleteig aus dem Kanton Graubünden) und woher das Traditionsgericht Raclette stamme (die beste hemmungslose Sauerei der Hedonisten aus dem Kanton Wallis). "Ich gebe zu, bei manchen Fragen hätte ich besser antworten müssen. Aber dass ich nicht jedes traditionelle Gericht kenne oder dessen Herkunftsgeschichte weiss, sollte man mir nicht vorwerfen können", sagt Evans. Auch die Namen des lokalen Metzgers oder den der Dorfbäckerei kannte er nicht, "ich weiss aber, wo sie sind". Er ernähre sich mehrheitlich vegetarisch und der Bäcker im Nachbardorf sei nun mal näher als der in Freienbach, sagt er. Zwar sagt Gemeindepräsident Daniel Landolt gegenüber Blick, dass Fragen zu Schweizer Gerichten bloss zur Auflockerung des Gesprächs gut seien, betont allerdings: "Die Raclette-Frage ist in keinem Fall entscheidend, ob jemand eingebürgert wird oder nicht." Warum die falschen Antworten zu Schweizer Spezialitäten dann trotzdem im Bescheid erwähnt wurden, bleibt offen.

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Der Fall erinnert an jenen von Funda Yilmaz im vergangenen Sommer: Weil sie lieber bei Aldi und Migros einkauft, wurde der Frau, die sogar in lokalen Vereinen aktiv war, der Schweizer Pass verwehrt. Ein Jahr später wurde Yilmaz doch noch eingebürgert. Und auch Nancy Holten, die "aufmüpfige" Veganerin, die sich gegen Kuhglocken- und Kirchengebimmel wehren wollte, kennt den schweren Weg zum Schweizer Pass nur zu gut: Sie hat es erst im dritten Anlauf im April 2017 geschafft.

"Wegen solchen Gründen als 'nicht integriert' zu gelten, ist ein bisschen lächerlich", findet Evans. Aber: "That's just how the cookie crumbles, aber dass auch mein Sohn abgelehnt wird, schmerzt mehr." Leo spreche fliessend Schweizerdeutsch und lebe gerne hier, erzählt er. Ihn wie bei einer Inquisition zu befragen, bloss um ihn nach dem Gespräch mit einem Freienbach-Kühlschrankmagneten für Touristen und einem Nein zur Einbürgerung zu verabschieden, sei hart. "Ich weiss nicht, wie ich ihm das erklären soll", sagt Evans.

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Ja, es sei das Recht der Gemeinde, ihn mit dieser Begründung abzulehnen, sagt Evans. Die Kunden seines Cafés wissen von der verpatzten Einbürgerung, Evans hat den Bescheid auf dem Instagram-Account seines Cafés geteilt.

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Sobald sich das Gespräch um Kaffee dreht, wirkt Evans wie Koffein im Gehirn. Er spricht schneller, läuft in seinem Laden von einer Ecke zur anderen und zeigt auf alle möglichen Gerätschaften und Kaffeebohnen. Seine Leidenschaft für das schwarze Gebräu ist ansteckend und schon fachsimpelt er über Brüharten und Röstaromen, ohne dass einem dabei langweilig wird. Bei einer Tasse brasilianischem Filterkaffee, den FBI-Agent Dale Cooper in "Twin Peaks" als "damn good coffee" beschreiben würde, kommt Evans aber doch noch mal auf die verpatzte Einbürgerung zu sprechen: "Weisst du, ich hole die Milch jeden Morgen vor der Arbeit sogar selbst beim Hersteller ab. Lokaler geht's ja gar nicht." Auch eine Aargauer Rüeblitorte (ein wirklich saftiger Karottenkuchen) liegt in der Vitrine neben der Kaffeemaschine. "Das Rezept stammt von der Grossmutter meiner früheren Babysitterin, ich freue mich immer noch jedes mal darüber, dass es Handgeschrieben ist", erzählt Evans mit hörbarem Stolz auf seine Swissness.

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Aufgeben will er auf keinen Fall, er ist es als Quereinsteiger gewohnt, manchmal gegen Windmühlen kämpfen zu müssen. Evans arbeitete lange im Schweizer Finanzwesen, doch eine Karriere in der Branche sei ihm zu stressig und unsicher geworden. Im März 2018 machte er schliesslich seine Leidenschaft zum Beruf und eröffnete sein Café – einen Tag vor dem finalen Einbürgerungsgespräch. "Ich war mit meinen Gedanken mit Sicherheit woanders", gibt er zu. Er habe vor der Eröffnung viel zu tun gehabt und sei daher nicht gut vorbereitet gewesen, erklärt er, "aber das ist meine Schuld". So sehr ihn der negative Entscheid auch nerve, er wolle einen zweiten Versuch mit der Gemeinde Freienbach wagen, alleine schon seinem Sohn zuliebe. "Ich will Schweizer sein, also muss ich es wohl oder übel nochmal probieren."

*Name geändert.

Update, 19. Januar 2022, 11:38 Uhr: Wir haben Personen und Orte in diesem Artikel nachträglich anonymisiert.